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“In deinen Toren kann ich atmen …”

Ein dankbares Wort über und an Hans-Georg Wiedemann (1936-2015), den zärtlichen Wegbereiter für Lesben und Schwule in der Kirche - zugleich Erinnerung an einen Friedensarbeiter

Von Peter Bürger

Als 1977 die Arbeitsgemeinschaft "Homosexuelle und Kirche" - gleichsam in einem Kirchentags-Hinterhof - gegründet wurde, saß Hans-Georg Wiedemann mit in der Runde. Als Seelsorger, Theologenausbilder, Buchautor, Synodaler und Menschenkind hat er spätestens seit diesem denkwürdigen Ereignis viele Fenster aufgestoßen, durch die eine freie Atemluft für Lesben und Schwule in den Kirchenraum strömen konnte. Seine diesbezüglichen "Verdienste" - das Wort sei dem katholischen Freund nachgesehen - würden ein ganzes Buch füllen und sind gewiss in keinem Nachruf angemessen aussagbar. Hans-Georg, ein Mann und Christ auf dem Weg der Liebe, hat uns Heimat bereitet.

In meinem Fall reicht die heilsame Wirkung seiner Initiativen zurück in eine Zeit, in der ich ihm noch gar nicht begegnet war, ich glaube es war das Jahr 1987. Mitten in Examensvorbereitungen für die - wegen Desinteresse und nie erfolgtem Vorlesungsbesuch gefürchtete - Kirchenrechtsprüfung wollte ich mir einen Apfel vom Wohnzimmertisch im Elternhaus holen. Am Fernsehbildschirm wurde gerade die Sendung zu einem Düsseldorfer Gemeindeangebot für "Eltern homosexuell liebender Söhne und Töchter" angekündigt. Im Raum saß nur mein Vater. Ich setzte mich stillschweigend dazu und staunte, was es da in der Gemeinde dieses evangelischen Pfarrers Wiedemann zu entdecken gab. Am Ende der Sendung schoss es mir durch den Kopf: "Wenn nicht jetzt, wann dann?" Ich fragte meinen Papa, ob er selbst oder die Mama sich schon mal gedacht hätte, dass "das" mit mir zu tun haben könnte. "Ja was denn?" "Ja, … die … Homosexualität." "Nein, … aber ist es denn so?" Ein Nicken. "Glaub nicht, dass sich jetzt etwas ändern wird." Das war mein erstes Coming out bei einem Mitglied unserer achtköpfigen Familie, und das Ergebnis: eine undramatische Gutheißung - ohne "Aber".

Ich hatte zuhause - trotz eines wunderbaren Beichtvaters - zu diesem Zeitpunkt den entscheidenden Schritt noch nicht gewagt. Ohne die Sendung über den von Hans-Georg initiierten und begleiteten Elternkreis hätte ich die Sache wohl erst viel, sehr viel später angepackt.

Eine Lebensschule, in der wir die Angst verlernten

Auf der Suche nach einem nichtkirchlichen Arbeitsplatz landete ich nach dem theologischen Examen Anfang 1988 in einem Düsseldorfer "Aids-Betreuungsmodell" und dann bald auch bei der "HuK" in der Gemeinde von Hans-Georg. Das berühmte Kaffeetrinken, Diskussions- und Arbeitsgruppen, immer ein - fraglos ökumenischer - Gottesdienst, ein gutes Abendessen oder ein richtiges Fest. Alle Generationen dabei, auch die Alten, die noch von schlimmen Repressionen der Adenauer-Zeit zu erzählen wussten, wir flüchtigen Menschenkinder vom Lande, Suchende, Kirchenferne und eben auch unheilbar Kirchentreue, die an ihrer Kirche litten. In dieser Lebensschule konnten wir die Angst verlernen, minderwertige Exemplare der Spezies Mensch zu sein. Vorweggenommen wurde eine Kirche, in der Lesben und Schwule aufrecht einhergehen wie alle anderen auch. Heute kann man - gottlob - jungen Lesben und Schwulen wohl nur noch schwer vermitteln, was dieser Gastraum der Markusgemeinde für viele von uns bedeutet hat.

Bei der Beerdigung von Hans-Georg am 16. Januar 2015 bin ich schon im Kirchenvorraum ganz sentimental (!) geworden und hätte am liebsten laut losgeheult, als ich Gerhard Gerricke, den zweiten Pfarrer im früheren Duo der Markusgemeinde, und alte HuKis wiedersah. Ich habe mich bei Gerhard etwa so ausgedrückt: "Hier sind wir neue Menschen geworden!" Das Schlusslied zum Trauergottesdienst war gut gewählt: "In deinen Toren, werd ich stehen, du freie Stadt Jerusalem; in deinen Toren kann ich atmen, erwacht mein Lied …"

Zärtlich - links - friedensbewegt - bürgerlich

Kein Streiten und Ringen ohne den Trost der vorauseilenden Musik, das wusste Hans-Georg, der Musikus. Die Markusgemeinde, in der wir im Zuge rheinischer Synodenbeschlüsse auch die erste öffentliche Partnerschaftssegnung von zwei Frauen gefeiert haben, war eine politisch wache Kirchengemeinde - Teil der Friedensbewegung der 1980er. (Das christliche Nein zum Kriegsapparat war schon an der Einfahrt sichtbar, woran man viele kirchenbeamtete Schläfer heute gerne erinnern möchte.) Hans-Georg gehörte dann auch mit zur Rotweinrunde an meinem Küchentisch, in der 1999 - nach neoliberalistischer Hetze gegen Düsseldorfer Wohnungslose und Drogengebraucher - das Ökumenische Bündnis für die Rechte von Menschen auf der Straße geboren wurde. Von Anfang an stieß er zum Ende 2001 gebildeten Ökumenischen Friedensnetz Düsseldorfer Christinnen und Christen. Aus meiner entschieden linken Perspektive darf ich augenzwinkernd sagen: Er war ein Linker, aber in sozialdemokratischen Maßen, Vertreter eines feinen Bürgertums, dessen absehbares Aussterben uns traurig und nachdenklich machen sollte.

Und unbedingt war Hans-Georg ein zärtlicher Mensch, der gerne umarmte und küsste. Hintersinnig in seinem Lächeln und seiner Neugier, gesegnet mit Hildegard - seiner lieben Frau, der robusteren Ehehälfte (ich hoffe, sie wird nicht schimpfen, wenn sie dies liest). Zum letzten Mal haben wir "subversive Frühlingszettel" beim runden Geburtstag eines alten HuKi ausgetauscht - mit Zigarette und Weinglas in den Händen. Vereinbart hatten wir einen Theologendisput zu zweit. (Evangelische Pfarrer müssen sehr viel predigen in ihrem Leben und die Besten unter ihnen haben nach meinem Eindruck im Alter noch häufiger als unsereins Skrupel, das Wort "Gott" in den Mund zu nehmen.) Der chronisch zu viel arbeitende Jüngere wurde nicht aktiv, der zunehmend gebrechliche Senior auch nicht. Ein Telefonat im Juli, eine elektronische Weihnachtspost mit moderner Schutzmantelmadonna … und bald darauf die Traueranzeige.

Ich maße mir nicht an, lieber Hans-Georg, dein Geheimnis zu kennen - kenne ich mich selbst doch kaum in jenen Tiefengewässern, in denen es ganz spannend wird. Das Singen beim guten Tropfen wird nicht ausfallen, es ist uns doch versprochen.

Veröffentlicht am

16. März 2015

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