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“Bellizismus”

Der schnellste Sieg gelingt gegen selbstgemachte Feinde

Von Johann Bauer

Seit einigen Jahren hat sich in der öffentlichen Meinung, aber auch unter PazifistInnen und AntimilitaristInnen die Redeweise vom "Bellizismus" eingebürgert, man wehrt sich gegen "grüne" BellizistInnen, grenzt sich gegen "bellizistische" Positionen ab, nicht selten aber auch "auf der anderen Seite" gegen einen "überzogenen" und "nicht mehr haltbaren" Pazifismus.

Ich will im Folgenden kurz darlegen, dass dieser "Bellizismus" eine rein ideologische Konstruktion ist, deren Zweck es ist, dann "gemäßigtere" Befürwortung militärischer Gewalt als vernünftige Mittelposition "zwischen den Extremen" darzustellen, dass also die scheinbare Kritik eines "Bellizismus" gerade dazu dient, bewaffnete Interventionen zu begründen und den Pazifismus in eine "extremistische" oder "fundamentalistische" Randposition zu drängen.

Dass solche ideologischen Manöver notwendig erscheinen, spricht für die latente Stärke des Pazifismus in Deutschland als gelernter Konsequenz zweier Weltkriege.

Vielleicht ist also dessen Mindesthaltbarkeitsdatum noch lange nicht überschritten.

Beispiel

Ein Beispiel für diesen Bellizismus-Diskurs ist etwa ein Deutschlandradio-Interview über "Glaubenskriege" von Britta Fecke mit Herfried Münkler vom 25. Dezember 2014.nachzuhören unter: www.deutschlandradio.de/text-und-audio-suche.287.de.html?search[submit]=1&search[word]=Münkler .

Auf die Frage der Interviewerin, ob der Pazifismus in "der strengen Auslegung seiner Bedeutung" gar nicht mehr möglich sei, sondern nur noch in einer weiter gefassten Bedeutung des Wortes als "im Notfall mit Waffen" vorstellbar, antwortet Münkler: "Bellizismus und Pazifismus sind einander entgegengesetzte prinzipialistische Positionen zum Gebrauch militärischer Gewalt. Der Bellizismus hält militärische Gewalt in jeder [!] Situation für ein geeignetes Mittel, nach dem Motto: Wenn man einen großen Hammer hat, erscheint einem jedes Problem wie ein Nagel.

Und der Pazifismus hält militärische Gewalt in keiner Situation und unter keinen Umständen für ein geeignetes Mittel. Dazwischen gibt es so etwas wie politische Urteilskraft, die die Kosten militärischer Einsätze, ihre möglichen Effekte, ihre Nebenwirkungen, Kollateralschäden (…) in Betracht zieht und von daher abwägt und die darum weder bellizistisch noch pazifistisch ist. Ich weiß: Es gehört in Deutschland zum guten Ton, erst einmal zu versichern, man sei ein Pazifist, aber das ist ein falsches Verständnis des Begriffs. Man sollte sagen, man sei prinzipiell eigentlich ein Freund des Friedens, müsse aber zugestehen, dass gelegentlich Frieden auch erzwungen oder mit bewaffneter Hand durchgesetzt werden muss.""erzwungen ODER mit bewaffneter Hand durchgesetzt" gibt immerhin zu, dass Frieden mit anderen Mitteln als der "bewaffneten Hand" erzwungen oder durchgesetzt werden kann - gar mit direkten gewaltfreien Aktionen? Darauf muss unsere Phantasie sich richten: Gibt es Formen eines gewaltlosen Zwanges, die eingesetzt werden können? Und wer ist das Subjekt, das zwingt? Vielleicht wird durch gewaltlose Massenaktionen auch zu einem anderen Frieden gezwungen als mit Waffen? Gewaltlose Mittel können zwingen, ohne zu töten. Diese Fragen zu stellen heißt nicht, dass wir immer die allein richtige Antwort für jede Situation kennen.

Es folgt der zusammenfassende Schlusssatz der Interviewerin: "Die Gewalt formatiert [!] sich neu. Wie könnte ein moderner Pazifismus daneben [!] aussehen? Fragen, auf die Professor Dr. Herfried Münkler … geantwortet hat".Dabei wusste es Münkler früher besser, und er ist viel zu intelligent um solche Konstruktionen zu glauben. Hier geht es nur um die Konstruktion "Bellizismus".

Gibt es denn tatsächlich Leute, die militärische Gewalt in jeder Situation für ein "geeignetes Mittel" halten? Gäbe es überhaupt noch Menschen, wenn es Bellizisten gäbe? Oder hat sich hier "die Wissenschaft" gründlich verrannt?

Hat man je BellizistInnen-Demonstrationen gesehen, die unter Parolen marschierten wie "Eine Lösung für alle: Krieg!" oder "Krieg aller gegen alle - wo bleibt der große Hammer?","Weltkrieg - nein, das ist nicht viel, Bellizismus ist das Ziel!", "Waffen hat man nie genug, macht ein Ende mit dem Spuk!" Nicht einmal auf "Elitepartner" verabreden sich Menschen unter solchen Parolen. Als theoretische Strömung oder soziale Bewegung scheint der vielbeschworene Bellizismus ein Totalausfall. Ja, die Verdächtigen versammeln sich oft sogar unter der Parole, auch sie wollten den Frieden, nur eben bewaffnet. Da fällt die Abgrenzung natürlich weniger leicht.

Und leider brauchte das andere "Extrem", der Pazifismus, nimmt man ihn als tatsächliche historische Bewegung, lange, um sich von der Hoffnung auf die Vernunft der Staaten und der Treue zum Vaterland in "der Stunde der Not" zu emanzipieren.

Erst nach dem Ersten Weltkrieg rangen PazifistInnen sich dazu durch, individuelle und massenhafte Verweigerung des Gehorsams zu begrüßen und eben nicht die Legitimität staatlicher Gewalt prinzipiell anzuerkennen.

Und der Popanz: "es gehört in Deutschland zum guten Ton erst einmal zu versichern, man sei ein Pazifist" grenzt ans Groteske. Es ist noch nicht lange her, dass Heiner Geißler die PazifistInnen bezichtigte, sie hätten Auschwitz erst möglich gemacht. Tucholsky und Ossietzky sollen die Legitimität der Weimarer Republik durch zersetzende Kritik untergraben haben.

In Wirklichkeit ist in der offiziellen Geschichtsschreibung der Pazifismus noch weithin zwischen Lächerlichkeit, Außenseitertum und Landesverrat angesiedelt, was hat die Öffentlichkeit denn im Erinnerungsjahr an den Ersten Weltkrieg über dessen GegnerInnen erfahren?Als kleine Anregung: Friedensforum 1/2014.

"Gewalt" galt bis vor Kurzen gar nicht als "wissenschaftliches" Thema, nicht als eine Struktur oder Verhaltensweise, die prinzipiellen Überlegungen überhaupt zugänglich ist - sondern eben als eine rein taktische Frage "politischer Urteilskraft", vielmehr politischer Opportunität, letztlich der Kräfteverhältnisse. Es handelt sich um vulgären Gewalt-Opportunismus: Wenn wir gewinnen können, holen wir den Hammer raus, sonst verbietet sich Gewalt aus "Verantwortungsethik".

Was in Deutschland tatsächlich zum guten Ton gehört, ist die wahnhafte Vorstellung, die eigene Position werde geadelt, wenn man sie als rationale Synthese und "Mitte" zweier noch so bizarr konstruierter historisch und sachlich völlig unsinniger "Extreme" darstellt, der abwägende und ausgleichende Mensch der Mitte und des Maßes steht hier für Vernunft. Um dieses "Reich der Mitte" zieht man dann eine große Mauer ("Wehrhafte Demokratie" etwa) zum Schutz gegen die Barbaren, die den Konsens der Staatsräson stören könnten.

Quelle: graswurzelrevolution 396 februar 2015.

Fußnoten

Veröffentlicht am

08. März 2015

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