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Algerien: Führt die Spur nach Libyen?

Der gewalttätige Machtkampf zwischen Mozabiten und Chaamba erschüttert die südliche Sahara

Von Sabine Kebir

Die traditionelle Architektur des in der algerischen Sahara gelegenen lieblichen M’zab-Tals ist nicht nur wegen ihrer funktionalen Schlichtheit berühmt. Sie beeindruckt auch durch eine bauliche Weichheit, die weder gerade Linien noch rechte Winkel, sondern nur Rundungen kennt. Besondere die Metropole Ghardaia blieb auch in den 90er Jahren, als in Algerien die Islamische Heilsfront (FIS) in den Untergrund ging und der islamistische Terror wütete, ein Wallfahrtsort für Kulturtouristen. In Ghardaia gab es keine Gewalt.

Das änderte sich Ende 2013. Ein blutiger Konflikt schwelt seither zwischen zwei Bevölkerungsgruppen, den der algerische Staat zunächst unterschätzte, der nun Mühe hat, aufgebrochenen Hass einzudämmen. "Sie wollen uns auslöschen!", sagte mir weinend ein Mann aus Ghardaia, neben dem ich vor Monaten im Flugzeug saß. "Sie" - damit sind die arabophonen Chaamba gemeint, ein Stamm, der seit Jahrhunderten mit den berberophonen Mozabiten in der Region um Einfluss und Pfründen konkurriert.

Die Mozabiten beschuldigen die Chaamba vieler Morde, die als Verkehrsunfälle getarnt gewesen seien, und schier zahlloser Brandstiftungen. Allein in der Nacht vom 12. zum 13. Juli 2014 - mitten im Ramadan - war in Ghardaia an 40 Häusern Feuer gelegt worden. Weder die Mordanschläge noch die Brandschatzungen haben seitdem aufgehört. So liefern sich Jugendgangs aus beiden Lagern immer wieder ausufernde Schlachten.

Für den Konflikt, der etwa 400.000 Bewohner einer ganzen Region erfasst, wurden neben starken Polizeikontingenten zudem mehr als 3.000 Gendarmen mobilisiert, ausgerüstet mit digitalen Nachtsichtgeräten, Jeeps, Transportern und Hubschraubern. Auch die Ordnungskräfte beklagen inzwischen viele Tote in den eigenen Reihen.

Asketische Fassade

Das sesshafte Handelsvolk der Mozabiten und die ehemals nomadisierenden wie kriegerischen Chaamba hatten in der Geschichte immer wieder zu Kompromissen gefunden. Das erste bekannte Abkommen geht auf das Jahr 1317 u. Z. zurück, als ein Konflikt mit dem Beschluss endete, dass einige Chaamba-Familien künftig in der Mozabitenstadt Melika und einige Mozabiten-Familien in der Chaamba-Metropole Metlili wohnen und diese dann auch kommandieren sollten.

In den vergangenen Jahrzehnten siedelten Chaamba und Mozabiten häufig dicht beieinander. Als ich 2012 Ghardaia besuchte, sah ich sogar im Innenbezirk der Altstadt farbenfroh verschleierte Chaamba-Frauen, deren Familien es offenbar gelungen war, Häuser im traditionellen Zentrum der Mozabiten zu erwerben. Ein paar Jahre zuvor hätte man kaum eine Frau gesehen. Die M’zabia verlässt das Haus nur, wenn sie heiratet, und wenn sie begraben wird. Ist ein Gang auf die Straße doch unumgänglich, verhüllt sie sich mit einem schmucklosen Wolltuch und lässt nur den Ausblick für ein Auge offen. Sieht sie einen Mann, wendet sie sich der Wand zu, bis er vorübergegangen ist.

Keine Frage, die Mozabiten sind Fundamentalisten. Sie widersetzen sich jeder Modernisierung der Sitten und befolgen Glaubensregeln weitaus strenger als die Normalbürger - auch als die Chaamba. Daher verwunderte es zunächst, dass sie 1991 nicht die Islamische Heilsfront, sondern eigene, unabhängige Kandidaten wählten. Jedoch wurde bald deutlich, dass es ihre kulturelle Autonomie war, die sie gegen eine Verführung durch die FIS immunisierte. Die Mozabiten gehören den Ibaditen an, neben Sunniten und Schiiten eine dritte Glaubensrichtung im Islam, die eine universelle Gleichheit aller Ethnien hochhält und sich gegen das Vererben von Führungspositionen ausspricht. Mitte des 8. Jahrhunderts kamen Ibaditen vom Jemen her nach Nordafrika, verbanden sich mit Berber-Stämmen. Sie gründeten großflächige prosperierende Reiche, die bald von den ebenfalls vordringenden Sunniten zerstört wurden. Das unwirtliche Tal des M’zab wurde danach zum Rückzugsgebiet versprengter Ibaditen. Sie hofften, ihnen würde dieser besonders wasserarme Ort nicht mehr streitig gemacht, weshalb sie auch die militärischen Aktivitäten fast ganz einstellten. Ihren durch geschickte Handelstätigkeit wieder wachsenden Reichtum versteckten sie hinter einer asketischen, frühprotestantisch anmutenden Fassade.

Das ibaditische Gleichheitsgebot hat zwischenzeitlich in seiner radikalen Form keinen Bestand mehr. Es ist einer Klassenhierarchie gewichen, in der jedoch weiterhin die Pflicht gilt, die gesamte Gemeinschaft sozial zu versorgen, indem die Wohlhabenden allen Ärmeren Arbeitsmöglichkeiten geben. Diese robuste Selbstorganisation konnten die Mozabiten sowohl den französischen Kolonialherren als auch dem ab 1962 unabhängigen Algerien gegenüber weitgehend erhalten. In den 90er Jahren wurde dadurch der Terrorismus auf Abstand gehalten. Aber mit den ihrer Ansicht nach von den sunnitischen Chaamba ausgehenden Aggressionen sehen sich die ausgesprochen geschichtsbewussten Mozabiten in das alte Trauma zurückgeworfen, das auf die Zerstörung ihrer Reiche und das Schrumpfen auf eine bis heute zahlenmäßig kleine Gruppe zurückgeht.

Obwohl der algerische Innenminister die Medien aufforderte, sich mit Spekulationen über die Ereignisse im M’zab-Tal zurückzuhalten, wird immer wieder der Verdacht geäußert, dass die dort ausgebrochenen chaotischen Zustände etwas mit den anarchischen Verhältnissen in Libyen zu tun haben. Demnach wären die Chaamba von Salafisten aus dem Nachbarstaat unterwandert und finanziert, um endlich die jahrhundertelang ersehnte Hegemonie der Sunniten in der Region durchzusetzen. Dank decodierter Internetdaten ist es der Polizei hin und wieder gelungen, die Koordinatoren gewalttätiger Aktionen zu fassen und ihnen Kontakte zu arabischen Terrornetzwerken nachzuweisen - doch blieben die wahren Drahtzieher im Dunkeln. Unwahrscheinlich wäre es nicht, dass die IS-Internationale in Nordafrika - wie sie es im Nahen Osten ebenso tut - von Libyen aus einen ethnischen Konflikt ausnutzt, um sich mehr Einfluss zu verschaffen. Dass dabei eine Kultur vernichtet zu werden droht, deren Fundamentalismus dem des IS in vielem - nicht aber der Gewalttätigkeit - ähnelt, zeigt, dass es hier um einen Machtkampf geht.

Die in den vergangenen Jahren reichlich geflossenen Petrodollars haben der algerischen Regierung zu einem milliardenschweren Investitionsprogramm verholfen, das allen Regionen zugutekommen soll. Jetzt allerdings - bei den fallenden Öl- und Gaspreisen auf dem Weltmarkt - wird es schwierig, so fortzufahren wie bisher.

Aus Sicht der Mozabiten hat der Staat beim Konflikt mit den Chaamba zu spät und zu zögerlich gehandelt. Auch würden die Ordnungskräfte parteiisch die andere Seite unterstützen. Woher rührt dieses Urteil? Die Folgen verschärfter Polizeiaktionen mögen es stützen. Wenn sich Jugendliche wieder einmal in der Altstadt von Ghardaia ineinander verkeilen, setzt die Polizei oft wahllos Tränengas ein, das in den engen Gassen hängen bleibt, in die Höfe, teils in die Häuser eindringt und mit erheblichen gesundheitlichen Risiken verbunden ist. Mitte Januar erst artete eine Konfrontation zwischen jungen Chaamba und jungen Mozabiten in eine Straßenschlacht aus.

Es verwundert nicht, wenn sich heute unter den früher für ihre loyale Haltung zum Staat bekannten Mozabiten Strömungen regen, die sich mit den seit Langem gehegten berberischen Autonomiewünschen identifizieren. So feierten am 12. Januar die "Bewegung für die Autonomie des M’zab" und die "Bewegung für die Autonomie der Kabylei" zusammen in deren Metropole Tizi Ouzou. Sie begingen mit diesem Fest den ersten Tag des neuen Jahres und richteten sich dabei nach der berberischen Zeitrechnung. Diese begann vor immerhin 2.965 Jahren - rund 1.500 Jahre vor der Entstehung des Islam.

Quelle: der FREITAG   vom 03.03.2015. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

Veröffentlicht am

03. März 2015

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