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Charlie Hebdo, der Westen und alle Übrigen

Von Rob Fairmichael (Belfast)

Die Tötungen beim Charlie-Hebdo-Magazin und die damit verbundenen Todesfälle in einem jüdischen Supermarkt in Paris waren für alle Beteiligten eine Tragödie. Niemand hat verdient, wegen seines säkularen oder religiösen Glaubens getötet zu werden. Es überrascht nicht, dass es in Frankreich und an vielen anderen Orten in aller Welt eine derartige Welle des Abscheus und Widerwillens und der Unterstützung der freien Meinungsäußerung gegeben hat.

Wir sagen, es überrascht nicht und es überrascht wirklich nicht, dass es eine derartige Reaktion gab. Dann sollten uns aber auch muslimische und arabische Reaktionen auf ähnliche Tötungen nicht überraschen, Tötungen, die der Westen, besonders die USA und manchmal Britannien, regelmäßig durch Drohnenangriffe und auf andere Weise, nämlich in den neuesten Kriegen, durchführt.

Von eben dem Thema Drohnenangriffe handelt unser Leitartikel in den letzten Nonviolent News (Dezember). Dort heißt es unter anderem: "Die Obama-Regierung hat, als sie 41 Männer töten wollte, die islamistische Kämpfer sind, 1147 Menschen durch Drohnenangriffe getötet … 76 Kinder und 29 Erwachsene wurden im Ganzen getötet, als Ayman Zawahiri getötet werden sollte. Für einen anderen Mann, Quari Hussain, einen stellvertretenden Kommandeur der pakistanischen Taliban, tötete eine Reihe von Drohnenangriffen 128 Menschen, darunter 13 Kinder, die nicht das Ziel des Angriffs waren." Anlässlich dieser Todesfälle gibt es keine großen Demonstrationen im Westen, allerdings bemühen sich einige hartnäckig darum, sich gegen Drohnenangriffe zu wenden. Eine Tötung rechtfertigt keine Tötung als Vergeltung. Das heißt so viel wie, man tötet Menschen, um zu beweisen, dass es falsch ist, einen Menschen zu töten (ebenso wie mit der Todesstrafe).

Die wichtige Frage ist: Wie können wir die Teufelskreise der Gewalt so durchbrechen, dass sie sich nicht fortsetzen? Ohne die Reaktionen des Westens gäbe es heute keinen Islamischen Staat in Syrien und im Irak. Die militärische Reaktion George W. Bushs, Tony Blairs und in letzter Zeit Barack Obamas und anderer haben dazu beigetragen, uns schließlich dahin zu bringen, wo wir heute sind. Die Reaktionen des Westens sind eine vollständige Katastrophe. Wenn man sich einzig und allein auf die Grausamkeit und militante Gewalt des Islamischen Staates oder al-Qaidas und anderer militärischer dschihadistischer Körperschaften konzentriert, ist das nutzlos, wenn es westliche Politik und Exzesse sind, die wesentlich zu diesen Reaktionen beitragen.

Wenn wir jetzt zur Frage der freien Meinungsäußerung weitergehen, gibt es viele verschiedene Themen. Auf einige von ihnen hat Gewaltfreiheit Auswirkungen. Bei der Gewaltfreiheit gibt es eine Reihe von Möglichkeiten, sich auf jemanden, der zu einem in Opposition steht, "einen Feind", zu beziehen. Diese reichen von der Bekehrung (jemanden davon überzeugen, dass man recht hat - oder umgekehrt, sich überzeugen lassen, dass der andere recht hat), Übereinkunft (eine gemeinsame Vereinbarung erreichen, in der man zwar nicht durch Argumente überzeugt wird, aber entscheidet, alles in allem eine Vereinbarung zu erreichen) oder Zwang (indem der Gegner gezwungen ist, etwas zu tun, dem er wahrscheinlich nicht zustimmt, was er aber trotzdem tut, weil er muss, um Macht zu behalten oder aus einem anderen Grund). Das Ideal in der Gewaltfreiheit ist, Feinde in Freunde zu verwandeln. Viele von uns würden Wert darauf legen, aber es ist nicht immer möglich. Je nach Wichtigkeit des Themas kann es jedoch durchaus auch möglich sein, dass man etwas durchsetzt.

Wir sollten jedoch immer nach Bekehrung oder Übereinkunft streben. Charles Boycott, der im neunzehnten Jahrhundert im ersten eindeutigen "Boykott" im Kampf um Land in Irland eine Rolle spielte, wurde schließlich zum Unterstützer einer Reform. Wenn wir nun danach streben, jemanden zu bekehren oder eine Übereinkunft zu erzielen, wie machen wir das? Während Satire und Spott ihren Platz beim sozialen Wandel, der Anwendung von Gewaltfreiheit und beim Aufbau einer Bewegung haben, tun wir gut daran, wenn wir können, eher Themen und Handlungen als Menschen zum Gegenstand von Satire zu machen und es ist unwahrscheinlich, dass wir irgendjemanden bekehren, indem wir ihn unaufhörlich persönlich verspotten. Satire mag hinsichtlich mancher Themen und Handlungsweisen von Menschen notwendig sein, aber gewisse Formen von Spott können einfach nur dazu dienen, dass man sich einen Feind noch mehr zum Feind macht, dass man ihn militanter und entschlossener macht und dass man ihn damit noch mehr überzeugt, er sei im Recht. Diese Formen von Spott können das Ergebnis haben, dass der Gegner, wenn er sich angegriffen fühlt, die Schotten dicht macht oder "beweist", dass einer, wenn andere so auf ihn reagieren, im Recht ist. Viele Muslime fühlen sich persönlich in ihrem tiefsten Innern beleidigt, wenn ihr Prophet verspottet und visuell dargestellt wird, denn das wird von den meisten Muslimen als starker Affront gegen ihren Glauben betrachtet.

Charlie Hebdo hat sich absichtlich bemüht, Muslime und den muslimischen Glauben zu beleidigen und zu verspotten. War das klug oder auch nur ein guter Gebrauch der freien Meinungsäußerung? Nein. Hat die Belegschaft von Charlie Hebdo deshalb Tod oder auch nur Bedrohung verdient? Nein. Aber wenn wir uns um Wandel bemühen, müssen wir immer daran denken: Was kann zum Wandel führen? Was brauchen Menschen, um zum Wandel fähig zu sein? Einige mögen ihre Position neu beurteilen, weil ihr Glauben verspottet wird, aber die große Menge wird eher mit einer ärgerlichen Reaktion herauskommen. Die Tatsache, dass wir "ein Recht" darauf haben, etwas zu tun, macht dies Tun nicht zu einer Verpflichtung und wir handeln klug, wenn wir unterscheiden, welche Rechte wir ausüben und welche nicht, wenn wir in unserem eigenen Glauben fest und ihm treu bleiben.

Dann gibt es da die Frage des Zusammenstoßens von Rechten, eine Frage, die Irland sehr vertraut ist. Mitglieder des Oranien-Ordens, die am Morgen durch ein katholisches Gebiet gezogen waren, hielten es für ihr gutes Recht, am Abend denselben Weg in entgegengesetzter Richtung zu marschieren und, als sie daran gehindert wurden, errichteten sie ein Lager dort um seit damals, vor fast zwei Jahren, dagegen zu protestieren (Twaddell Avenue, Nord-Belfast). Sind sie im Recht? Viele Katholiken, die in der Nähe wohnen und die die Paraden der Oranier als anti-katholisch empfinden und sehr gegen einen solchen Durchmarsch sind, fühlen sich ebenso durch den Protest wie durch den ursprünglichen Marsch eingeschüchtert. Beide Seiten behaupten, friedlich zu sein, aber im Wesen der Teilung in Konfessionen liegen in Nordirland Einschüchterung und Gewalt nicht allzu weit voneinander entfernt. Wo liegt also das Recht? Wie kann eine derartige Situation verändert werden?

Wenn es keiner der beiden Seiten gelingt, irgendetwas vom Standpunkt der anderen Seite zu verstehen, ist ein Kompromiss schwierig. Die besten internationalen Menschenrechts-Standards helfen vielleicht, aber was kann man in einem Fall eines Zusammenstoßes von Rechten machen? Eine naheliegende Antwort ist: Reden, um gegenseitiges Verständnis zu entwickeln. Das Thema in einen größeren Zusammenhang stellen und, wie schon gesagt, auch der Kontext der Menschenrechte und sogar der Kontext miteinander zusammenstoßender Rechte ist wichtig. Auch die Suche nach Alternativen und positive Mittel, die Ansichten und Identität auszudrücken, können dazugehören. Aber kreativ, positiv und gewaltfrei darüber nachdenken, wie es zu einem Wandel kommen kann, gehört auch dazu. In einer lose-lose-Situation, in einer Situation also, in der beide Seiten verlieren, festzustecken ist im Interesse von niemandem. Alles das gilt nicht nur für das Thema Oranien-Orden-Paraden in Nordirland, sondern auch für die Beziehungen zwischen dem Westen und den Muslimen. Manchmal bemüht sich der Westen anscheinend sehr darum, dem Bild, das einige militante Dschihadisten von ihm haben, gerecht zu werden.

Menschen beleidigen führt uns nicht weiter. Natürlich könnten und sollten Meinungsverschiedenheiten ausgedrückt werden, aber das sollte auf eine Weise geschehen, die die Möglichkeit des Wandels, die Möglichkeit eines Dialogs und die Möglichkeit des gegenseitigen Verständnisses fördert. Im anderen Fall besteht die Gefahr und das Ergebnis dauerhafter Stereotypen und führt zu mehr Gewalt und Elend. Wir brauchen dabei unseren eigenen Glauben nicht aufs Spiel zu setzen, allerdings kann man bei einem Dialogprozess nicht im Voraus sagen, wohin er führen wird. In jeder modernen Gesellschaft brauchen wir allerdings Verständnis für den Glauben, die Kultur und die Bedürfnisse der anderen.

Homogenität gehört der Vergangenheit an, soweit sie jedenfalls damals vorhanden war (und viele Gesellschaften, von denen wir annehmen, sie wären monolithisch und homogen gewesen, waren alles andere als das). Heterogenität, ob sie nun als etwas beschrieben wird, das eine multikulturelle Gesellschaft ist oder werden soll, gehört unbedingt zum modernen Leben und wir müssen uns daran anpassen, wo und was wir auch sein mögen, auch wenn es ein deutliches Majoritäts-Ethos gibt. Wir müssen Wege der Verständigung und des gegenseitigen Respekts gehen und Zustimmung oder Ablehnung des Glaubens anderer sollte uns nicht daran hindern. Dialog sollte das Ziel sein und nicht Hetzreden. Es liegt in dieser Hinsicht noch ein weiter Weg vor uns. Die Idee jedoch, dass die "anderen" das einzige Problem wären oder das einzige Thema hätten, das angesprochen werden müsste, ist gefährlich.

Aus dem Englischen von Ingrid von Heiseler.

Quelle:  Innatennonviolence - Nonviolent News von INNATE (Irish Network for Nonviolent Action Training and Education), Januar 2015.

Veröffentlicht am

08. Februar 2015

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