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Terrorpartner

Von Robert C. Koehler

"Je suis Charlie. Tout est pardonné."

Ein weinender Mohammed schmückt das neue Cover von Charlie Hebdo: "Ich bin Charlie. Alles ist vergeben."

Ich hole tief Atem und bin mir nicht sicher, wie ich über die unsinnige Schießerei letzte Woche in Paris schreiben soll. Meine Tochter und ihr Mann leben dort. "Alles läuft normal", sagte sie mir ein paar Tage danach, "aber es liegt etwas in der Luft - diese Sache, die geschehen ist. Sie liegt in der Luft."

Wenige Tage danach stieß ich auf diese Überschrift auf der Website des Washingtoner Büros von McClatchy: "U.S.-Luftangriff in Syrien hat möglicherweise 50 Zivilisten getötet."

Der Bericht lautet: "Die Zivilisten waren eingesperrt in einem improvisierten Gefängnis in der Stadt Al Bab nahe der türkischen Grenze, als am Abend des 28. Dezember das Flugzeug zuschlug. Das Gebäude, genannt Al Saraya, ein Regierungszentrum, wurde durch den Angriff eingeebnet. Es dauerte Tage, bis zivile Wehrhelfer die Leichen der Opfer ausgraben konnten."

Das Gebäude war in der Tat von der Polizei des Islamischen Staates in ein Gefängnis umgewandelt worden. Drinnen befanden sich Wachpersonal und zwischen 35 und über 50 Gefangene, laut Aussagen von Zeugen. Die Gefangenen "waren kurz vor dem Luftangriff wegen kleinerer Verstöße gegen die harte Auslegung des Islamischen Rechts durch den Islamischen Staat, darunter etwa Rauchen, Tragen von Jeans oder Zuspätkommen zum Nachmittagsgebet eingesperrt worden."

IS hat sie eingesperrt. Wir haben sie getötet. Terrorpartner.

Daran denke ich, während ich eine Woche mit Märschen, Solidarität und Kommentaren in den Medien über mich ergehen lasse. "Etwas" liegt in der Luft. Etwas Schreckliches war passiert: Siebzehn Menschen wurden in Paris ermordet, und einige Millionen Einwohner demonstrierten auf dem Platz der Republik und riefen nach Frieden und Freiheit. Ich fühle den Schock und den emotionalen Einfluss dieser Morde so sehr wie jeder andere, aber ich kann nicht verstehen, warum sie anscheinend mehr zählen als das Totbomben von Syrern oder Afghanen oder Irakern - ebenso Akte des Terrors.

Das tun sie natürlich nicht. Und Mohammed weint auch für sie. Und so tut es die unaussprechliche Weite im Herzen eines jeden. Je suis Charlie. Ich bin jedes Opfer von Krieg und Terror.

Doch halt, so einfach ist es nicht. Die Kriegsinteressen vereinnahmen einige der Morde für ihre eigenen Absichten und ignorieren die anderen. So wird eine einfältige und rechtschaffene Wut in die Trauer gemischt, besonders von dem Segment der Medien, das daran gewöhnt ist, den Mächtigen zu dienen. Der Christian Science Monitor zum Beispiel informiert uns: "Die USA werden einen Gipfel veranstalten, um dem internationalen Terrorismus entgegenzutreten."

Brad Knickerbockers Artikel beginnt: "Die Vereinigten Staaten lagen mit der Sorte von Terroristen wie die von Paris, die die Welt in der letzten Woche erschüttert haben, seit dem 11. September 2001 im Krieg - damals bezeichnete die Bush-Administration das noch als den ‚Globalen Krieg gegen den Terror’ oder GWOT."

Meine Güte, wir haben uns schon über 13 Jahre lang abgerackert, das Böse bekämpft, und noch immer sind wir es nicht losgeworden! Wie auch immer, der Artikel fährt fort: "Zum größten Teil wurden terroristische Attacken auf das US-Heimatland durchkreuzt - mit der größeren Ausnahme der Schießerei in Fort Hood 2009, als der radikalisierte Major der Armee der USA Nidal Malik Hasan, der in Verbindung gestanden war mit dem in den USA geborenen islamischen Kämpfer Anwar al-Awlaki, 13 Menschen tötete und 32 weitere verwundete."

Offenbar ist es nur Terrorismus, wenn der Killer einen arabischen Namen trägt. Bei der anhaltenden Serie von Massenmorden durch nicht-arabische Einzelkämpfer (Sandy Hook, Aurora, etc., etc.) handelt es sich um isolierte Vorfälle, die nichts zu tun haben mit GWOT. Und der Wohlfühlkrieg, den wir im Mittleren Osten und in Zentralasien geführt haben, der Länder erschüttert, Millionen vertrieben, unbekannte Zahlen von Zivilisten getötet hat, ist kein Terror. In der Tat ist das alles plötzlich wieder gerechtfertigt durch die Irren, die in der vergangenen Woche Charlie Hebdo gestürmt haben.

Es gibt eine bestimmte Sorte von Solidarität, die einen Feind erfordert, und ich bin sicher, dass die nationalen Führer, die am Sonntag in Paris marschierten, dort waren, um nur für diese Art von Solidarität zu werben, nicht für die mit Problemen belastete und kompliziertere Art … die Art, die nicht Feinde sieht, sondern nur Opfer.

"Es braucht Stärke, um nicht in Betrübnis zu verfallen ob der Tatsache, dass die hierarchische Struktur der Menschenwelt dazu führt, dass Millionen Menschen ihr Entsetzen über die Auswirkungen einer gespaltenen Welt zum Ausdruck bringen, während die so genannten ‚Führer’, die derartige Aufteilungen fördern und aufrecht erhalten, marschieren, als seien sie völlig unschuldig an den Verbrechen, gegen die sie demonstrieren", schrieb John Hopkins vor kurzem in CommonDreams.

Terrorismus, fügte er hinzu, "wird durch den militärischen Muskel ihrer Staaten genauso wenig beseitigt werden wie durch ihre anmaßende Behauptung, dass seine Ursachen gänzlich außerhalb ihrer Handlungen liegen."

"Etwas" liegt in der Luft, sagte meine Tochter. Es liegt in der Luft in Paris, aber auch in Afghanistan und im Irak und in einer Stadt in Syrien namens Al Bab, und in ungezählten weiteren Orten. Ich nehme an, dass die meisten von denen, die in kollektiver Trauer demonstriert haben, das in Solidarität mit all den Opfern taten, nicht nur mit ein paar wenigen ausgewählten. Aber die Kriegsinteressen - die Terrorpartner - demonstrieren auch, indem sie isolierte Akte des Bösen ausnützen, um ihre Macht auszuweiten, und sich dabei auf grob vereinfachende Medien stützen, um "uns" sorgfältig von "denen" auseinanderzuhalten.

Mohammed weint.

Quelle: www.antikrieg.com vom 15.01.2015. Originalartikel: Partners in Terror. Übersetzung: Klaus Madersbacher.

Veröffentlicht am

16. Januar 2015

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