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Versöhnung, wo trennende Mauern der Feindschaft abgebrochen werden

Zum 25. Jahrestag der Öffnung der innerdeutschen Grenze

Von Georg Meusel, Werdau/Sachsen (aus: Lebenshaus Schwäbische Alb, Rundbrief Nr. 83 vom Dez. 2014 Der gesamte Rundbrief Nr. 83 kann hier heruntergeladen werden: PDF-Datei , 556 KB)

"Erich, gib den Schlüssel raus" skandierten eine ganze Menge Leute im Sprechchor am Abend des 13. Februar 1988 immer wieder von der Freitreppe des Verkehrsmuseums in Dresden, bis Volkspolizisten und Stasileute in Zivil die Treppe räumten.

Auf der anderen Seite des Platzes strömten Tausende mit Kerzen in der Hand zur Ruine der Frauenkirche. Sie gedachten der Opfer der Bombennacht von 1945 und mahnten Frieden zwischen den Ost-West-Militärblöcken an, wofür seit dem Olof-Palme-Prozess und der KSZE-Schlussakte von Helsinki zunehmend Hoffnung aufkeimte.

Nun, der DDR-Staatsratsvorsitzende Erich Honecker gab den Schlüssel nicht heraus. Vielmehr verkündete er noch im Januar 1989: "Die Mauer wird in 50 und auch in 100 Jahren noch bestehen bleiben, wenn die dazu vorhandenen Gründe nicht beseitigt werden." Dieser Nachsatz wird gern unterschlagen, um Honecker nicht Recht geben zu müssen. Doch er hatte und behielt ja Recht.

Mit der Friedlichen Revolution im Herbst 1989 waren die Gründe für die innerdeutsche Grenzbefestigung beseitigt. Nicht, wie es von westlicher Seite gern interpretiert wird, durch US-Präsident Ronald Reagan und BRD-Bundeskanzler Helmut Kohl, sondern durch die Bevölkerung der DDR, durch "Keine Gewalt" und "Wir sind das Volk".

Eine schöne und spektakuläre Story, die DDR-Machthaber hätten durch einen Versprecher des SED-Politbüromitglieds Günter Schabowski während einer Pressekonferenz am 9. November 1989 versehentlich die Staatsgrenze geöffnet. In Wirklichkeit hatte die DDR-Führung schon am 29. Oktober während eines Geheimtreffens zwischen dem Ost-Berliner Oberbürgermeister Erhard Krack und Schabowski mit dem Regierenden Bürgermeister West-Berlins Walter Momper und dessen Senatssprecher Dieter Schröder im Palasthotel in Ost-Berlin die Öffnung der Grenze angekündigt. Lediglich Tag und Uhrzeit standen noch nicht fest. Am 9. November 1989 tanzten die Menschen auf der Mauer. Der Schlüssel lag auf der Straße. Er wurde nicht mehr gebraucht.

"Wir sind zur Besichtigung freigegeben" - ein Brief aus dem Taunus in die DDR

"10. November 1989

Lieber Georg, liebe Erika,

Heute ist der irrste Tag in der deutschen Geschichte seit dem 13. August 1961. Den ganzen Tag hörten wir Radio und vernahmen die Stimmung an der Grenze. Ich bin sehr froh über diese Entwicklung und weiß gar nicht, was ich sagen soll.

12. November 1989

Mein Gott!

Ihr seid noch nicht im Westen gewesen. Wir sind zur Besichtigung freigegeben! Und das Gefühl ist ein schönes.

Die ersten Städte im Westen sind schon leergekauft. Es läuft die Aktion "Bananen für Duderstadt". Trabis bekommen zehn Liter Sprit gratis. Die Menschen stehen in den Straßen und winken.

Nach Demonstrationen, bei denen ein Schießbefehl drohte, wo dennoch so viele mutig und gewaltlos waren. Wonach Erich Honecker abtrat und Egon Krenz sich gegen eine "chinesische Lösung" stark machte. Die Dauerhaftigkeit und Konsequenz bei den Demonstrationen hat mich beeindruckt. Es gab einen unwiderstehlichen Druck. Nicht die Wegmacher haben die Veränderung herbeigeführt, sondern die Dableiber. Also IHR!… Kann dabei die Bundesrepublik unverändert bleiben?

Und das Wahnsinnsgefühl, Ihr könntet zur Türe hereinkommen, während ich dies hier schreibe!!!

Alles Liebe
Euer Rüdiger"

"Brüder von der Sicherheit - ihr allein kennt all mein Leid" (Wolf Biermann) - Mauerfall bei der Stasi

Die Mauer in den Köpfen der Deutschen in Ost und West war mit dem Mauerfall in Berlin längst nicht gefallen. Und mehr und mehr bisher unsichtbare Mauern auch innerhalb der DDR bzw. dann innerhalb der Neuen Bundesländer traten zutage. Eine Versöhnungskommission wie in Südafrika nach Abschaffung der Apartheid hatte es zwischen Tätern und Betroffenen der politischen Repression in der DDR nicht gegeben. Doch es hab auch keine Pogrome gegenüber Stasi- oder SED-Funktionären. "Stasi in die Volkswirtschaft", nicht: "Stasi hinter Gitter" war einer der Sprechchöre während der Demos.

Nachdem ich 1993 in "meiner" mehr als zweitausendseitigen Stasiakte gelesen hatte, dass 51 Informelle Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit mich überwacht hatten, manche zwar nur peripher oder zeitweise, meldete sich kein einziger von ihnen bei mir. Als ich den einen oder anderen traf und ansprach, reichte die Abwehr von Bestreiten der Tatsache über "ich hab dir nicht geschadet", "es ist doch niemandem was passiert", "ich hab nur Gutes über dich berichtet" bis "ich hab mich gewundert, dass du dich nicht mal bei mir entschuldigt hast". Ich rieb mir die Augen über diesen Edel-IM.

Nun zuerst eine schlechte Nachricht:

Ende 1997

Als betroffener Zeuge hatte ich vor Gericht gegen "meinen" Stasiarzt Medizinalrat Dr. med. Klaus Bauer, alias IM "Kurt" auszusagen, mit dessen Hilfe die Staatssicherheit das Gesundheitswesen massiv gegen mich missbraucht hatte: "…Wenn notwendig, dann nur Innere bzw. Chirurgische Klinik im Bergarbeiterkrankenhaus und damit inoffizielle Möglichkeiten durch unsere Diensteinheit" - Stasi im OP-Saal.

Dieser Stasiarzt drohte mir offen im Gang des Gerichtsgebäudes Zwickau: "Ich habe Informationen über Sie, mit denen ich Sie von Ihrem Thron als Bürgerrechtler stürzen kann". Während der Gerichtsverhandlung versuchte mich sein hochkarätiger Rechtsanwalt aus dem Westen unglaubwürdig zu machen, wie es während der Prozesse gegen KZ-Ärzte in der Alt-BRD mit ehemaligen Häftlingen als Zeugen praktiziert wurde. Dann folgten anonyme Drohanrufe. "Sie verzeihen uns nie, was sie uns angetan haben" (Wolf Biermann).

Das Landeskriminalamt Sachsen sah sich nicht in der Lage, an unserem Telefon eine Fangschaltung zu installieren. Ich hatte so viel Angst, wie zu DDR-Zeiten niemals gegenüber der Staatssicherheit. Trotz aller anwaltlichen Winkelzüge und trotz Auftritt im cremeweißen Wollsakko - wie kann sich unter einer so weißen Weste etwas Dunkles befinden - wurde der Stasiarzt in der zweiten Verhandlung zu 21.000 DM Geldstrafe verurteilt. Beweismittel waren die Verpflichtungserklärung des Mannes, Quittungen über erbärmlichen Judaslohn in Form von ungarischen Forint im Wert von 500 DDR-Mark für eine Urlaubsreise an den Balaton, Scheinwerfer-Ersatzteile für einen PKW "Wolga" und die vorzeitige Auslieferung eines neuen Wagens dieses zugkräftigen sowjetischen Modells, das einen Campinganhänger zügig nach Ungarn zu schleppen schleppen konnte, sowie Berichte aus Krankenakten, mit denen der Arzt die Staatssicherheit versorgt und ihr die medizinischen Fachbegriffe verdolmetscht hatte.

Anfang 1998

Nachdem die bundesdeutsche Justiz acht Jahre nach der deutschen Vereinigung gemerkt hatte, dass der Straftatbestand "Verletzung der ärztlichen Schweigepflicht" schon zu DDR-Zeiten nach sechs Monaten verjährt war, wurde die Geldstrafe erlassen und das Verfahren eingestellt. Der Stasiarzt bedankte sich als "nach deutschem Recht unschuldig" in einer zweispaltigen Anzeige, die 6.300 DM kostete, in der auflagenstärksten regionalen Tageszeitung Deutschlands bei allen, die ihm" in schwerer Zeit beigestanden" hätten. Mit dem Kauf einer Röntgenanlage, dem Betrieb zweier Arztpraxen und im Immobilienhandel machte der Mann steile Karriere.

Jetzt aber eine gute Nachricht:

5. Dezember 1989

Nach der gewaltfreien Besetzung der Staatssicherheits-Kreisdienststelle Werdau und Besichtigung der Waffenkammer forderten die Bürger die Waffenübergabe an die Volkspolizei. Der Major, welcher Leiter der Dienststelle war, fragte: "Wann hätten Sie’s denn gern?" Wir sagten: "Morgen mittag um eins". Am nächsten Tagen stand ein Polizei-LKW in der Einfahrt. Unter unseren Augen mussten die Stasileute den Volkspolizisten jede einzelne Waffe, jedes Munitionsmagazin vorzählen, bevor es aufgelistet und verladen wurde.

Anfang 1990

Nachdem der DDR-Geheimdienst, der auch Geheimpolizei war, ersatzlos aufgelöst wurde, fanden deren Offiziere oftmals ganz schnell den Weg in den Immobilienhandel und in die Finanzwirtschaft. Ich suchte wegen einer Gesprächsabsicht den Werdauer Ex-Stasichef an seinem Arbeitsplatz auf. Er stand im blauen Arbeitsanzug, der gelb aussah, an einer Abfüllmaschine für ein Pulver, das die Kosmetikindustrie weiterverarbeitete. Das gelbe Pulver erfüllte den ganzen Raum und bedeckte das Gesicht des Mannes. "Stasi in die Volkswirtschaft".

Anfang 1994

Es klingelte an unserer Vorsaaltür. Diesmal standen nicht wie 1982 zwei Stasioffiziere davor, um mich festzunehmen, weil ich Abrüstungspostkarten hatte drucken lassen. Und doch standen zwei Stasioffiziere in der Tür, ehemalige. Ich bat sie herein und wir setzten uns im Wohnzimmer an den Tisch. Sie kannten die Wohnung genau. Nämlich von einer konspirativen Hausdurchsuchung seinerzeit wegen eben dieser Abrüstungspostkarten. Ein kleines Päckel davon hatten sie nicht gefunden. Denn dieses befand sich in einem Blumentisch im Treppenhaus unter einer Palme. Diesmal waren die Ex-Stasioffiziere gekommen, um sich bei mir zu entschuldigen. Seitdem trafen wir uns ab und zu, politisierten ein wenig, zogen über die zahlreichen Geheimdienste her, die die USA besitzen und tranken im Garten miteinander ein Bier.

Ende 1997

Der Stasichef wurde, auch hier war ich als betroffener Zeuge geladen, wegen Verletzung des Briefgeheimnisses zu 3.000 DM Geldstrafe verurteilt. Er focht nach Bekanntwerden der Verjährung das Urteil nicht an. "Ich bin mir bewusst, dass ich mich schuldig gemacht habe".

Das war mein Mauerfall bei der Staatssicherheit in Werdau in Sachsen.

Mauerfall bei der Deutschen Volkspolizei

"Beißkörbe los!"

4. Oktober 1989

BRD-Rundfunksender hatten genüsslich die Durchfahrtzeiten der Züge mit den Flüchtlingen aus der bundesdeutschen Botschaft in Prag durch die DDR nach Hof in der BRD gemeldet. Am "Bogendreieck" Ruppertsgrün sammelten sich rund 150 Schaulustige an, Neugierige, solche, die nochmal winken oder auch rufen wollten "bleibt hier - wir brauchen euch!", wie es am Nachbarbahnhof Reichenbach geschah, oder die meinten, an der Langsamfahrstrecke mit den engen Kurven mit aufspringen zu können. Volkspolizisten in Zivil bekamen den Befehl, die Bahnstrecke zu räumen: "Schlagstöcke frei!", "Beißkörbe los!". Es wurde auch von hinten auf Fliehende und schon am Boden Liegende geschlagen. Es gab Verletzte durch Hundebisse.

Auf Befehl gehandelt, doch die moralische Verantwortung

4. Dezember 1989

Auf dem Marktplatz zu Werdau hatten sich rund 2.000 Demonstranten versammelt. Jeder, der wollte und sich für die Rednerliste meldete, erhielt das Wort erteilt. Das erhielt auch Major Reinhard Günther, der Leiter des Volkspolizei-Kreisamtes Werdau, der am Bogendreieck den Befehl gegeben hatte. Es war sein 38. Geburtstag. Er bekannte sich zu seiner moralischen Verantwortung und entschuldigte sich öffentlich für den Einsatz gegen die Bürger in Ruppertsgrün.

"Bürger, schützt eure Volkspolizisten!"

Februar 1990

Es klingelte. Vor unserer Vorsaaltür stand ein Volkspolizist in Uniform. Sein Chef, Major Reinhard Günther, solle aufgrund einer Anweisung der Bezirksdirektion der Volkspolizei Karl-Marx-Stadt durch einen bisherigen Politoffizier aus Zwickau als neuem Leiter des Volkspolizeikreisamtes (VPKA) Werdau ersetzt werden. Günther hatte mittlerweile das Vertrauen seiner Mitarbeiter und vieler Bürger erworben. Der Polizist in meiner Tür fragte mich, was wir tun und wie wir ihnen helfen könnte. Wir verabredeten eine Blockade des Volkspolizeikreisamtes. Ich streute 20 Flugblätter in der Stadt. Im Morgengrauen des 19. Februar 1990 versammelten sich rund 20 Bürger und etwa ebenso viele Polizisten vor dem VPKA, um den unerwünschten neuen Chef den Zutritt zu verwehren. Der Neue hatte den Namen Morgenstern. Aus einem Fenster hing ein Transparent. "Morgenstern, zieh weiter - wir haben einen Leiter". Aufgrund der Proteste verzichtete die Polizeidirektion auf den Führungswechsel. Erfolg einer gewaltfreien Direktaktion von Bürgern und Volkspolizisten.

"Wir waren die Lernenden"

15. März 1990

In der St. Annenkirche Ruppertsgrün bot sich den zahlreich versammelten Zuhörern ein ungewohntes Bild. Auf dem Altarplatz saßen acht Volkspolizisten in Uniform, um sich gegenüber den Betroffenen des Schlagstock- und Hunde-Einsatzes gegen Bürger vom 4. Oktober 1989 zu entschuldigen und sich den Fragen der Anwesenden zu stellen. Major Günther, der als Polizeichef und dessen Genossen immer andere belehrt hatten, erklärte, "Wir waren die Lernenden".

Versöhnung, wo Menschen trennende Mauern der Feindschaft abbrechen

13. September 1964

25 Jahre vor diesen Ereignissen in der predigte Martin Luther King vor rund 3000 Zuhörern in Ost-Berlin und sprach fast prophetische Sätze aus:

"Zu beiden Seiten der Mauer leben Gottes Kinder - und keine von Menschenhand errichtete Grenze kann diese Tatsache auslöschen" und "Versöhnung wächst, wo Menschen die trennenden Mauern der Feindschaft abbrechen".

Das zu erleben, war mein Mauerfall.

Georg "Schorsch" Meusel, wohnhaft in Werdau im sächsischen Landkreis Zwickau. Er wurde1942 als Sohn eines Pfarrers geboren und musste aus ideologischen Gründen nach der 8. Klasse die Schule verlassen, arbeitete u.a. als Gärtner, Lager- und Transportarbeiter und Elektromonteur; seit 1961 von der Stasi bearbeitet, 1962 Wehrdienstverweigerung. 1973 rief er das Christliche Friedensseminar Königswalde mit ins Leben, eine jener Quellen, aus der sich 1980 die "Schwerter-zu-Pflugscharen"- Bewegung entwickelte. Die Stasi legte unter dem Kennwort "Marder" über ihn einen "Operativen Vorgang" an, der schließlich fast 2.500 Seiten umfasste. 1989 gehörte er zu den führenden Köpfen der Bürgerbewegung seiner Stadt, in der während der Friedlichen Revolution im Dezember 1989 noch vor Berlin ein "Runder Tisch" einberufen und im Januar 1990 die erste SED-unabhängige Zeitung in Sachsen herausgegeben wurde. Schorsch Meusel war Hauptinitiator des 1998 ins Leben gegründeten Martin-Luther-King-Zentrums für Gewaltfreiheit und Zivilcourage e.V. in Werdau, dessen Ehrenvorsitzender er ist.

 

Fußnoten

Veröffentlicht am

01. Januar 2015

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