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Warum Kritik an der Hilfe nötig ist

Das neoliberale Verständnis von Eigenverantwortung in Strategien von Hilfsorganisationen

Von Thomas Gebauer

Es ist gut und richtig, einem Obdachlosen ein Bett für die Nacht zu geben, schrieb Bertolt Brecht in seinem Gedicht "Das Nachtlager", und fügte hinzu, dass allerdings so die Welt nicht anders, das Zeitalter der Ausbeutung nicht verkürzt wird.

Menschen in Notlagen beizustehen, ist ein ethischer Grundsatz. Und dennoch trägt Hilfe, die Elend und Unfreiheit nur abfedert, dazu bei, ausgerechnet jene gesellschaftlichen Verhältnisse zu stabilisieren, die Bedürftigkeit immer wieder aufs Neue entstehen lassen. Ein Dilemma, aus dem es nur ein Entkommen gibt. Nur wer Hilfe zugleich verteidigt, kritisiert und zu überwinden versucht, kann vermeiden, dass der Impuls, anderen beizustehen, bestehende Missstände nur verlängert.

Hilfe zu verteidigen ist notwendig, weil im Zuge der globalen Entfesselung des Kapitalismus die Verweigerung von Chancen und damit die Risiken für sozialen Ausschluss dramatisch zugenommen haben. Erstaunlich genug, hat dies auch das Davoser Weltwirtschaftsforum kürzlich eingeräumt. Allerdings ohne die mindeste Konsequenz daraus zu ziehen, nämlich zum Schutz und weiteren Ausbau aller noch bestehender Formen sozialer Sicherung aufzurufen.

Noch immer dominiert Margaret Thatchers monströse Behauptung "There is no such thing as society", mit der seit den 1980er Jahren eine solidarisch verfasste Gesellschaftlichkeit ausgehöhlt und Institutionen der öffentlichen Daseinsfürsorge zunehmend privatisiert worden sind. Dabei ist das Prinzip gesellschaftlicher Verantwortung durch eine neoliberal gewendete Idee von Eigenverantwortung ersetzt worden.

Aus Armen werden Entrepreneurs

Mit der Unterwerfung von Gesellschaftlichkeit unter die Interessen von Ökonomie und Macht entstand ein neues Menschenbild, das für die Lage der Menschen weniger die sozialen Verhältnisse verantwortlich macht, als die Menschen selbst. Kritik an Hilfe ist notwendig, weil sich eben dieses neoliberale Verständnis von Eigenverantwortung auch in die Strategien von Hilfsorganisationen eingeschlichen hat. Noch heute geistert durch so manches Entwicklungsvorhaben die Vorstellung, aus Armen "Entrepreneurs", also Unternehmer in eigener Sache zu machen. Überspitzt formuliert geht es in solchen Projekten nicht mehr um die Beeinflussung gesellschaftlicher Rahmenbedingungen, wozu auch die Verteidigung einer solidarisch verfassten Gesellschaftlichkeit gehören würde, sondern um die Anpassung der Leute an ihnen von außen übergestülpte Verhältnisse.

Da den Menschen im Süden, den Partnern vor Ort, nicht wirklich Souveränität im Sinne politischer Autonomie zugestanden wird, da viele Helfer das eigene, das westliche Entwicklungsmodell wie selbstverständlich für das beste aller Modelle halten, entpuppen sich selbst gut gedachte Empowerment-Ansätze als Anpassungsprojekte, als Bereitstellung von Tools und Techniken, von Management-Know-how und Motivationshilfen, um mit den offenbar alternativlos gesetzten Widrigkeiten dieser Welt besser zurecht zu kommen. Nicht die Praktiken der Nahrungsmittelmultis stehen dann im Fokus, sondern Trainingsprogramme, die auf das individuelle Essverhalten zielen. Nicht die strukturelle Gewalt, die zu Traumata und anderen seelischen Erschütterungen führt, sondern Kurztherapien, die die individuelle "Resilienz" fördern. Nicht die Kritik am herrschenden Finanzkapitalismus, sondern die Verführung selbst noch der Ärmsten der Armen, darin auf unterster Ebene mitzuspielen. Welche fatalen Konsequenzen damit einhergehen, wird am Beispiel von Mikrokrediten deutlich, die über eine gesamte Entwicklungsdekade hinweg propagiert wurden.

Unter dem Strich aber haben sie die Armut nicht beseitigt, sondern nur "finanzialisiert". Millionen von Menschen wurden in einen prekären Kreislauf aus Schulden und Schuldentilgung hineingezogen und dabei das Prinzip solidarisch verfasster Hilfe auf den Kopf gestellt. Viele der heute aufgenommenen Mikrokredite werden für Ernährungssicherung und medizinische Versorgung genutzt. Damit wird die Inanspruchnahme von Unterstützungsleistungen nicht nur wieder an die individuelle Zahlungsfähigkeit gekoppelt, sondern sogar noch mit Zinsen belastet. Im Zeichen der Hilfe entstand ein neue, eine verschuldete Existenzform.

From Charity to Solidarity

Es ist das Gefangensein in fatalen Überzeugungen, das die Krise heutiger Hilfe ausmacht. Probleme aber, darauf hat schon Albert Einstein hingewiesen, "kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind". Überwinden von Hilfe bedeutet, Daseinsfürsorge aus der Sphäre von freiwilligem Engagement und Charity herauszulösen und auf rechtliche Grundlagen zu stellen. Die Suche nach einer solchen, einer solidarischen Hilfe ist längst im Gange. Zum Beispiel auf den Plätzen von Kairo, Istanbul oder Sao Paulo, wo Menschen nicht nur auf politische Freiheiten drängten, sondern auch auf eine Politik der sozialen Verantwortung.

So verschieden die Proteste sind, zeichnen sich in ihnen doch die Grundlinien für ein neues Verständnis von gegenseitigem Beistand ab. Deutlich wird eine in den Menschenrechten verortete Hilfe, die nicht vom Goodwill einzelner abhängt, sondern über gesellschaftliche Übereinkünfte abgesichert, durch demokratisch gebildete Institutionen garantiert und über Mechanismen verpflichtender Umverteilung bzw. fiskalischer Transferleistungen finanziert wird.

"Wohltätigkeit ist die Ersäufung des Rechts im Mistloch der Gnade", diese Johann Heinrich Pestalozzi, einem Zeitgenossen der Französischen Revolution, zugeschriebenen Worte, lassen keine Zweifel, dass es nicht die Wohltätigkeit einzelner, sondern rechtlich verfasste Gesellschaften sind, die ein gutes Leben zur Voraussetzung hat. Nur als Teil solcher Gesellschaften garantieren sich die Menschen ihre Rechte. Die Menschenrechte sind weder naturgegeben, noch werden sie von oben gewährt. Sie werden in politischen Auseinandersetzungen von unten verwirklicht. Dabei kommt Solidarität eine doppelte Bedeutung zu. Sie steht einmal für die Solidarität zwischen denen, die sich zusammen auf den Weg machen, um für ihre Rechte zu kämpfen, und sie verweist auf die Solidarität, die schließlich zum konstitutiven Prinzip jener gesellschaftlichen Institutionen wird, die am Ende der Kämpfe stehen und allen den Zugang zu ihren Rechten ermöglicht.

Solche solidarisch verfassten Institutionen sind in vielen Ländern der Welt (noch immer) existent. Sie heute international auszuweiten, ist mit Blick auf den erreichten Globalisierungsgrad nicht nur überfällig, sondern auch die einzige Chance, sie im nationalen Kontext zu retten und auszubauen. Nur über die internationale Verabredung globaler Sozialstandards sowie vertraglich gesicherte Ausgleichsmechanismen, kann die weitere Aushöhlung öffentlicher Daseinsfürsorge gestoppt und eine soziale Infrastruktur für alle aufgebaut werden.

Damit sind die Grundsätze eines neuen globalen Gesellschaftsvertrages benannt: Prinzipien, die dafür sorgen, dass alle Menschen an allen Orten der Welt jene Bedingungen vorfinden, die sie für die Gestaltung eines selbstbestimmten "buen vivir" brauchen - eines Lebens, zu dem unbedingt auch die Bereitschaft zu gegenseitiger Hilfe zählt.

Quelle: medico international vom 31.03.2014.

Veröffentlicht am

12. April 2014

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