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“Sie zogen mich wieder hinein …”

Von Eric Margolis

Bewaffnete Humanität 2.0. Das ist unsere neue westliche Version des alten Imperialismus des 19. Jahrhunderts, neuerdings feminisiert durch Präsident Barack Obamas Beratungsdamen, rosa eingefärbt und mit der sanften Piano-Begleitmusik, die man in den Werbespots für Frauenprodukte hört.

Letzte Woche klinkte die Obama-Administration sich ein in die Misere der irakischen Jesiden, die von diesen schrecklichen ISIS-Leuten verfolgt wurden - gerade zu einem sehr günstigen Zeitpunkt, um die Aufmerksamkeit von dem Massaker in Gaza abzulenken.

Wie praktisch. Alle drei Netzwerke der USA und die zunehmend geknebelte BBC wurden angewiesen, die Berichterstattung aus Gaza abzusetzen und ihre Kamerateams auf die leidenden Jesiden und, ganz überraschend, auf Iraks fliehende Christen zu konzentrieren.

Das war ein brillanter Medientrick. Die Welt, die wütend war über die USA, weil diese die Verwüstung von Gaza und die Tötung von fast 2.000 Palästinensern ermöglichten, wandte nun ihre Aufmerksamkeit auf die bis dato unbekannten Jesiden und die irakischen Christen. Kein Mensch in den USA hatte je von den Jesiden gehört, aber das war ok. Onkel Sam wird sie retten.

Es wurde in keiner Weise erwähnt, dass die Christen im Irak unter Präsident Saddam Hussein sicher und wohlbehalten - sogar privilegiert - waren, bis Präsident George Bush einmarschierte und den Irak verwüstete. Wir können dasselbe Schicksal für Syriens Christen erwarten, wenn der Schutz des Assad-Regimes durch die von den USA betriebene Aufständischenbewegung weggerissen wird. Dann werden wir Krokodiltränen für die syrischen Christen weinen.

Die USA und Europa bejubelten die angebliche amerikanisch-französisch-britische "Rettungsmission." Interessant ist, dass diese alten Kolonialherrn, die Franzosen und die Briten, es so eilig hatten mit dem Einsatz im ölreichen Irak: die Briten schickten die Killer Ihrer Majestät, das berühmte Special Air Service bzw. SAS. Frankreich und das Vereinigte Königreich schicken Waffen an die kurdische Miliz, bekannt als "pesh merga." Australien, jetzt unter stramm rechter Regierung, könnte bald folgen.

Um 1900 beanspruchten alle, das imperiale Britannien, Frankreich und Russland das Recht, in der Levante zu intervenieren, angeblich um die Christen dort zu beschützen. Was für ein nützlicher Vorwand.

Gespannt verfolgte Amerika, wie die Luftwaffe der USA Nahrungsmittel und Wasser für die jesidischen Flüchtlinge abwarf. Sogar dieser zynische Autor nahm mit Freude zur Kenntnis, wie die Militärmacht der USA den Unterdrückten hilft.

Aber was ist mit den 1,8 Millionen unterdrückten Palästinensern in Gaza, die von Israel und Ägypten abgeschnitten sind von Nahrung, Wasser, Medikamenten und Strom? Was mit den Millionen Flüchtlingen in Syrien, die durch die Versuche des Westens verursacht worden sind, die Dynastie Assad wegen ihrer Unterstützung des Iran zu stürzen? Was mit den Millionen durch die Kriege in Afghanistan und Irak verschuldeten Flüchtlingen im eigenen Land?

Gut, Washington hat gerade einen zeitweiligen Stopp in der Nachlieferung der tödlichen in den USA produzierten Hellfire Luft-Boden-Raketen an Israel angekündigt, das seine einst großen Bestände mit dem In-die-Luft-Jagen von Palästinensern in Gaza verbraucht hat. Wie der Schwindel mit dem Waffenlieferstopp der USA an Ägyptens bestialisches Regime wird er bald aufgehoben werden, wenn die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit sich woanders hin gewendet hat.

Es gibt 5,5 Millionen palästinensische Flüchtlinge. Was sind eine Handvoll Jesiden im Vergleich zu diesem Meer von Heimatlosen? Die Anzahl und die Not dieser jesidischen Flüchtlinge wurden von den Mächten des Westens wild übertrieben, um ihren Wiedereinmarsch in den Irak zu rechtfertigen.

Blutrünstige Berichte über die Grausamkeit des ISIS könnten schon stimmen, aber ich als alter Zyniker vermute, dass sie benutzt und aufgebauscht werden, um den Einmarsch zu rechtfertigen. Immerhin sahen wir ähnliche Unwahrheiten über Saddams Regime und al-Qaidas "Bedrohung des gesamten Planeten."

Diese Art von Geschichten, besonders geliebt von den Briten, geht zurück auf Schwindelgeschichten im Jahr 1914 über deutsche Soldaten, die belgische Babies auf ihre Bajonette aufgespießt hätten. Oder erinnern Sie sich an den Quatsch über kuwaitische Babies, die von bestialischen Irakern aus ihren Brutkästen geworfen wurden?

Jetzt behaupten die größten Dummköpfe in der Republikanischen Partei der USA wie John McCain, Lindsay Graham und Peter King aus meiner Heimatstadt, dass die USA vom Winzling ISIS bedroht werden, während sie versuchen, einen richtigen Krieg mit Russland um die Ukraine zu provozieren.

Hier ein Beispiel dafür, wie bizarr die Mittelostpolitik der USA geworden ist: Kriegsflugzeuge der USA werfen Hilfesendungen ab für die irakischen Jesiden (die von vielen Irakern als Teufelsanbeter betrachtet werden), während sie Zaidi-Stammesleute im Norden des Jemen bombardieren, die die von den USA installierte Militärjunta in Sa’ana bekämpfen. Jesiden, Zaidis, es ist alles sehr verwirrend, wie diese verflixten Slowaken und Slowenen.

Mittlerweile hat das Weiße Haus seine Schiiten-Hampelfigur in Bagdad Nuri al-Maliki geschasst, zugunsten eines neueren, noch unterwürfigeren Satrapen. Maliki war dumm genug, um wirklich zu glauben, er sei der Premierminister des Irak und sich zu weigern, den Truppen der USA zu gestatten, unbefristet dort zu bleiben.

Großer Fehler, Nuri. Vergießen Sie jedoch keine Tränen für ihn: seine bösartigen Todesschwadrone ermordeten und folterten eine große Anzahl von Sunniten. Eines ihrer beliebtesten Verhörwerkzeuge war eine elektrische Bohrmaschine, mit der sie die Kniescheibe bearbeiteten. Generäle der USA benutzten schiitische Todesschwadrone (nach dem Beispiel derer von El Salvador, ein Krieg, über den ich berichtet habe), um den sunnitischen Widerstand zu brechen. Jetzt zahlen die Sunniten das zurück.

Der nächste Führer des Irak ist ein weiterer von der CIA gesegneter Politiker, von dem erwartet wird, sein Land sicher zu machen für westliche Erdölkonzerne. Wir sehen den selben Prozess in Afghanistan, wo das Casting der CIA zu zwei Präsidentschafts’kandidaten’ geführt hat.

Was die de facto autonomen Kurden betrifft, so waren diese seit 2003 ein westliches Protektorat und wären heute ganz unabhängig, wäre da nicht die Furcht vor einer gewaltsamen Reaktion der nervösen Türken. Israel hat die Kurden seit 1970 mit Waffen beliefert.

Interessanterweise exportieren die Kurden jetzt Erdöl direkt nach Israel durch eine türkische Pipeline und Tankschiffe, während das Regime in Bagdad schäumt, weil es nicht mitnaschen kann. Schon lange wird über eine israelische Luftwaffenbasis in Kurdistan geredet.

"Gerade als ich dachte, ich wäre draußen, zogen sie mich wieder hinein." Michael Corleones trauriger Sager aus dem "Godfather" ist Obamas Lied von heute. Er kehrt zurück in den Irak aus rein humanitären Gründen, eine Geschichte, die sich gut an weibliche (hauptsächlich demokratische) Wähler verklickern lässt. Und weil die ISIS-Sarazenen den Bibelgürtel überrennen werden, wenn Obama nicht handelt.

Macht nichts, dass die USA ISIS in Jordanien bewaffnet und ausgebildet haben, um die Regierung Syriens zu stürzen. Jetzt sind sie abtrünnig geworden und müssen durch einen neuen humanitären Kreuzzug aufgehalten werden.

Amerikanische Soldaten gehen also zurück in das Höllenloch Irak, eine Vorgangsweise, die sowohl militärische als auch politische Logik strapaziert. Aber die Wahlen in den USA stehen am Horizont und Hillary Clinton ist schon da und kritisiert Obama, weil dieser überhaupt aus dem Irak abgezogen ist. Hillary hat sich gerade mit Israels Premierminister Benjamin Netanyahu zusammengetan und versichert, dass die Soldaten der USA im Irak hätten bleiben sollen … ausgerechnet sie, die mit einem berüchtigten Kriegsdienstverweigerer verheiratet ist. Die Republikaner schlagen dieselbe Trommel.

Denken Sie an das "Teerbaby" in Onkel Remus’ Sklavengeschichten aus dem tiefen Süden. Alle, die es berühren, bleiben picken. Das ist Irak in höchstem Ausmaß. Statt Teer ist es klebriges Öl. Obama hätte sich aus dem Irak herausgehalten sollen. Aber die Politik zwang ihn wieder zurück hinein.

Quelle: www.antikrieg.com vom 17.08.2014. Originalartikel: "They pulled me back in…" . Übersetzung: Klaus Madersbacher.

Veröffentlicht am

17. August 2014

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