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Rolf Verleger: Nächstenliebe ist nicht Judenhass

Von Rolf Verleger

Israels maßloser Versuch, die Hamas als Vertretung Palästinas ein für allemal zu liquidieren, treibt in Deutschland einen schon lange schwärenden Widerspruch auf die Spitze: Sympathie für Menschenrechte oder für Israel? Unsere Politiker reagieren schablonenhaft und die jüdische Gemeinschaft wirkt ratlos; gemeinsam rufen sie "Hilfe, Antisemitismus!".

Der Begriff "Antisemitismus" sollte im 19. Jahrhundert dem Hass gegen Juden einen wissenschaftlichen Anstrich geben und betonte die Unvereinbarkeit von edler "germanischer" und niederer "semitischer" Rasse. Dieser Rassenwahn, dem viele aus meiner Familie und fast das ganze europäische Judentum zum Opfer fielen, ist mit Hitler gestorben. Wenn heute der Begriff "Antisemitismus" verwendet wird, ist er daher ungenau, und er vernebelt mehr als er erklärt.

Es gibt weiter Hass gegen Juden wie es überhaupt Hass gegen Andere gibt und wohl immer geben wird. Die einflussreichste Ideologie für Judenhass lancierte vor über hundert Jahren das Zarenreich: die jüdische "Weltverschwörung". Dies ist eine Halbwahrheit (und daher wohl unausrottbar), denn selbstverständlich gibt es neben armen und einflusslosen Juden auch reiche und mächtige.

In der Psychotherapie unterscheidet man zwischen eingebildeten und realen Ängsten. Natürlich ist die Abgrenzung immer subjektiv. Aber wenn in unserem wohlhabenden und lange von Krieg verschonten Land sich Menschen von jüdischer Weltverschwörung bedroht fühlen, erscheint das unangemessen. Jedoch bei Menschen, deren Familien vor 67 Jahren enteignet und vertrieben wurden und die bis heute in Lagern, als Bürger zweiter Klasse in Israel, als ungern Geduldete in Jerusalem, als Ghettoisierte in der Westbank und als hilflos Gefangene in Gasa leben, erscheint Hass gegen Israel äußerst verständlich. Europa, dessen Judenhass zur Gründung Israels in Arabien führte, bekommt nun durch Israels Starrsinn diesen Hass zurückimportiert.

Diesen verständlichen Hass wird man nicht durch "Antisemitismus"-Rufe zum Verschwinden bringen, sondern indem man seine Ursachen angeht. Da Israel nicht freiwillig Kompromisse sucht, muss es durch Sanktionen dazu bewegt werden. Deutsche Politiker sollten das an führender Stelle in der EU tun, denn sonst setzen sie eine deutsche Tradition fort: Mitläufer, die gegen besseres Wissen nichts gegen Unrecht tun. Diejenigen Deutschen, die heute die palästinensische Position unterstützen (und laut Umfragen weniger Vorurteile gegen Juden haben als die Unterstützer Israels), setzen dagegen die Tradition der Menschlichkeit fort, die sich vor 75 Jahren im Widerstand gegen Unrecht zeigte. Entsprechend dieser Tradition sollten wir Juden Israel drängen, die Palästinenser für jahrzehntelang ihnen angetanes Unrecht um Verzeihung zu bitten.

Quelle: Braunschweiger Zeitung, 4. August 2014. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Rolf Verleger. 

Veröffentlicht am

06. August 2014

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