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Pazifistinnen und Pazifisten organisieren sich. Die Gründung des Versöhnungsbundes 1914

Von Ullrich Hahn

2014 denken wir an den Beginn des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren. Vom 1. bis 3. August 2014 feiert auch der Internationale Versöhnungsbund in Konstanz sein hundertjähriges Bestehen. Die "europäische Katastrophe", als in Europa "die Lichter ausgingen", war gleichzeitig der Beginn eines wichtigen Zweiges der weltweiten Friedensbewegung.

Doch so glatt verlief die Gründung nicht: Genau genommen wurde in Konstanz am 2. August 1914 nicht der Versöhnungsbund gegründet, sondern der Weltbund für Freundschaftsarbeit der Kirchen (engl.: The World Alliance of Churches for Promoting International Friendship), bis 1948 einer der Vorläufer des Ökumenischen Rates der Kirchen.

Finanziert durch eine Stiftung des amerikanischen Industriellen Carnegie wurden schon im Mai 1914 protestantische Theologen aus aller Welt zu einer Friedenskonferenz nach Konstanz eingeladen, die dort vom 1.-5. August 1914 stattfinden sollte.

Vorausgegangen waren dieser Einladung seit 1908 gegenseitige Besuche deutscher und englischer Kirchenführer, 1910 die Gründung eines Kirchlichen Komitees zur Pflege freundschaftlicher Beziehungen zwischen Großbritannien und Deutschland, als dessen Sekretär der deutsche Pfarrer Friedrich Siegmund-Schultze (1885 - 1969) berufen wurde, dann ein gemeinsamer Besuch deutscher und englischer Mitglieder dieses Komitees in den USA und schließlich noch ein Aufruf des schweizerischen Reformierten Kirchenbundes im Januar 1914 zu einer Friedenskonferenz christlicher Kirchen.

Die Organisatoren der Konferenz, zwei englische Abgeordnete des Unterhauses, ein Quäker und ein Anglikaner sowie Siegmund-Schultze aus Deutschland richteten die Einladung dann nicht an die Kirchenleitungen der verschiedenen Länder, sondern an Einzelpersonen, von denen schließlich 153 ihre Teilnahme zusagten.

Wegen der vor dem Konferenzbeginn schon laufenden Mobilmachung konnten dann nur noch 90 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus 12 Nationen und aus 30 verschiedenen Kirchen und Glaubensgemeinschaften Konstanz erreichen, darunter 32 US-AmerikanerInnen, 17 EngländerInnen, 6 FranzösInnen, aber nur 3 Deutsche - Pfarrer Siegmund-Schultze, Pfarrer Zandt aus Konstanz und Pfarrer Böhme.

Die Konferenz kam im Konstanzer Inselhotel zusammen - 500 Jahre zuvor noch als Dominikanerkloster das Gefängnis des tschechischen Reformators Jan Hus während des Konstanzer Konzils 1414 - 1418.

Schon während des ersten Konferenztages erklärte Deutschland Russland den Krieg, und so musste bereits am 2. August der Konstanzer Polizeipräsident mitteilen, dass die ausländischen TeilnehmerInnen am 3. August Deutschland verlassen müssten, da danach mit weiteren Kriegserklärungen zu rechnen sei und sie dann als feindliche Ausländer interniert würden.

In einer Nachtsitzung vom 2. auf den 3. August verfassten die TeilnehmerInnen noch einen Friedensappell per Telegramm an die Staatsmänner in Europa und den USA. Zugleich wurde der "Weltbund" gegründet, dessen gewähltes Organisationskomitee dann wenige Tage später in London tatsächlich seine Arbeit aufnahm.

(Im Rahmen dieser Weltbundarbeit verfasste 1934 Dietrich Bonhoeffer eine bis heute bedeutsame Andacht in Fanö / Dänemark).

Konstanz

Wie kam es gerade zum Konferenzort Konstanz an der badisch-schweizerischen Grenze?

Deutschland und seine national gesinnten evangelischen Landeskirchen waren nicht gerade für eine internationale christliche Friedensarbeit prädestiniert. Aber gerade deshalb hatten die englischen Initiatoren vorgeschlagen, dorthin zu gehen, um in der deutschen Presse und beim deutschen Kaiser für das Friedensanliegen zu werben. Wegen der schon vor der Konferenz einsetzenden nationalen Kriegseuphorie nahmen jedoch weder die Presse noch die Kirchen in Deutschland von dieser Konferenz Notiz. Das gilt selbst von der örtlich zuständigen badischen Landessynode, die wenige Tage zuvor im Juli 1914 tagte und u.a. die Einrichtung eines "Friedenssonntages" zum Thema hatte.

Auch die Ergebnisse der Tagung durften dann nicht in der seit Kriegsbeginn zensierten Presse veröffentlicht werden. Der "Weltbund" blieb in Deutschland unbekannt und ist heute auch weitgehend vergessen.

Friedenspolitisch und friedensethisch war Deutschland 1914 Brachland.

Am 3. August konnten die ausländischen TeilnehmerInnen der Konstanzer Tagung noch in einem Sonderzug bis zur Grenze der neutralen Niederlande fahren.

Auf dem Kölner Hauptbahnhof verabschiedeten sich Friedrich Siegmund-Schultze und etwa 20 ausländische TagungsteilnehmerInnen, darunter der englische Quäker Henry Hodgkin (1877 - 1933), mit dem Versprechen, trotz des Krieges Freunde zu bleiben. Dieses Versprechen in Köln gilt als der geistige Ursprung des Versöhnungsbundes.

Der Versöhnungsbund

Schon im Dezember 1914 gründete sich in Cambridge / England der erste nationale Zweig des Versöhnungsbundes (englisch: Fellowship of Reconciliation), der bis 1918 auf etwa 7.000 Mitglieder anwuchs, von denen etwa 600 als Kriegsdienstverweigerer ins Gefängnis gingen.

Andere Zweige kamen noch während des Krieges in den USA, den Niederlanden, Schweden und sechs weiteren Ländern hinzu.

Erst nach dem Krieg wurde dann im Oktober 1919 in Bilthoven / Niederlande wieder im Anschluss an eine Tagung des "Weltbundes" mit 50 TeilnehmerInnen, darunter auch Siegmund-Schultze und andere deutsche Vertreterinnen und Vertreter, der Internationale Verband des Versöhnungsbundes gegründet.

Im gleichen Jahr war kurz zuvor auch in Deutschland ein nationaler Zweig entstanden.

Während schon im Krieg Mitglieder der anderen Zweige in den kriegsbeteiligten Staaten öffentlich als Kriegsdienstverweigerer auftraten und soziale und juristische Verurteilungen in Kauf nahmen, gab es in Deutschland Vergleichbares nicht.

Die Situation in Deutschland

Die deutschen protestantischen Kirchen waren national gesinnt; die "historischen Friedenskirchen" der Mennoniten und Brethren waren wegen ihrer Haltung schon in früheren Jahrhunderten vertrieben worden und ausgewandert; Quäker hatten hier keine Verbreitung gefunden.

Zwar gab es - wie Siegmund-Schultze - auch eine Reihe von "Friedenspfarrern", die sich etwa in der seit 1892 bestehenden "Deutschen Friedensgesellschaft" engagierten. Diese bürgerliche Friedensbewegung trat auch in allgemeiner Form für eine Friedensgesinnung und -politik ein, aber nie für eine direkte Kriegsdienstverweigerung.

In einem Flugblatt erklärten nach Beginn des Krieges etwa Otto Umfried und Ludwig Quidde, die beiden Vorsitzenden der Deutschen Friedensgesellschaft: "Über die Pflichten, die uns Friedensfreunden jetzt während des Krieges erwachsen, kann kein Zweifel bestehen. Wir deutschen Friedensfreunde haben stets das Recht und Pflicht der nationalen Verteidigung anerkannt. Wir haben versucht zu tun, was in unseren schwachen Kräften war, gemeinsam mit unseren ausländischen Freunden, um den Ausbruch des Krieges zu verhindern. Jetzt, da die Frage, ob Krieg oder Frieden, unserem Willen entrückt ist und unser Volk von Ost, Nord und West bedroht, sich in einem schicksalsschweren Kampf befindet, hat jeder deutsche Friedensfreund seine Pflichten gegenüber dem Vaterlande genau wie jeder andere Deutsche zu erfüllen."

Auch Pfarrer Siegmund-Schultze, Mitinitiator des Weltbundes und Gründervater des Deutschen Versöhnungsbundes, teilte diese Auffassung bis zum Ende des Krieges. Die große Mehrzahl der christlichen PazifistInnen in Deutschland wurde nicht durch das Evangelium, sondern erst durch die Kriegserfahrung bekehrt.

Wenn im August 2014 die VertreterInnen des Internationalen Versöhnungsbundes aus inzwischen 50 Ländern in Konstanz zur Erinnerung an den Ursprung dort vor 100 Jahren zusammengekommen, werden die deutschen TeilnehmerInnen zumindest fünf Jahre als Irrweg abziehen.

Ullrich Hahn ist Rechtsanwalt und Präsident des Versöhnungsbundes - deutscher Zweig.

 

Der Internationale Versöhnungsbund tritt heute weltweit in 50 Ländern für eine Kultur der Gewaltfreiheit ein und arbeitet so für Frieden und Menschenrechte und gegen Krieg, Militarisierung und alle Formen von Gewalt.

Im Laufe der Jahrzehnte erhielten sechs Versöhnungsbund-Mitglieder den Friedensnobelpreis, darunter Martin Luther King, Adolfo Pérez Esquivel und Mairead Corrigan-Maguire. Aber auch Albert Schweitzer und Joan Baez gehören zu den Mitgliedern.

 

Weblinks:

 

Veröffentlicht am

10. Mai 2014

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