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Sollten wir gegen das System kämpfen oder den Wandel verkörpern?

Von Mark Engler und Paul Engler

In den sozialen Bewegungen stellt man sich schon lange die Frage: Sollten wir gegen das System kämpfen oder sollten wir "den Wandel verkörpern, den wir uns herbeiwünschen?" Sollten wir innerhalb vorhandener Institutionen auf Veränderung drängen oder sollten wir in unserem Leben unterschiedliche politische Beziehungen vorleben, die eines Tages zur Grundlage einer neuen Gesellschaft werden könnten?

In den letzten 50 Jahren - und das geht wohl in eine viel frühere Zeit zurück - nehmen die sozialen Bewegungen in den Vereinigten Staaten Elemente beider Ansätze auf, manchmal geschieht das ganz harmonisch, manchmal jedoch mit bedeutenden Spannungen zwischen den unterschiedlichen Aktivisten-Gruppen.

In jüngster Zeit konnte man einen Zusammenstoß zwischen "strategischer" und "präfigurativer" Politik in der Occupy-Bewegung erkennen. Während einige Teilnehmer auf konkrete politische Reformen drängten - stärkere Regulierung der Wall Street, Verbot von Firmengeld in der Politik, Steuern für Millionäre und Schuldenerlass für Studenten und unverschuldet überschuldete Hausbesitzer - konzentrierten sich andere aus der Occupy-Bewegung auf das Lager an sich. Sie sahen das Zugänglichmachen der Flächen im Zuccotti-Park und jenseits davon - mit ihren offenen Generalversammlungen und mit ihren Gemeinschaften, deren Mitglieder einander gegenseitig unterstützen - als den wichtigsten Beitrag der Bewegung zum sozialen Wandel an. Sie glaubten, diese Freiräume hätten die Macht, eine radikalere und eher partizipatorische Demokratie ahnen zu lassen oder zu "präfigurieren".

"Präfigurative Politik" war einmal eine rätselhafte Formulierung, sie bürgert sich aber immer mehr ein und viele heutige Anarchisten nehmen die Idee, dass wir "die neue Welt in der Hülse der alten bauen" müssen, als zentralen Grundsatz an. So haben es die Industrial Workers of the World http://en.wikipedia.org/wiki/Industrial_Workers_of_the_World . formuliert.

Deswegen ist es sinnvoll, die Geschichte und die Dynamik des Ausdrucks "präfigurative Politik" genauer zu erklären. Zwar hat der Ausdruck den sozialen Bewegungen viel zu bieten, er bereitet aber auch Schwierigkeiten. Wenn in einem Projekt des Aufbaus einer alternativen Gemeinschaft alle Versuche, sich mit der weiteren Öffentlichkeit in Verbindung zu setzen und breite Unterstützung zu gewinnen, vollkommen unterlassen werden, dann besteht die Gefahr, dass das zur stark einschränkenden Selbstisolierung der Projektgruppe führt.

Denen, die sowohl ihre Werte leben als auch die Welt, wie sie jetzt nun einmal ist, beeinflussen wollen, stellt sich die Frage: Wie können wir den Wunsch, "den Wandel zu verkörpern", im Dienst einer strategischen Aktion nutzen?

Den Konflikt benennen

Der Politiktheoretiker Carl Boggs prägte den Ausdruck "präfigurative Politik" https://www.academia.edu/5696621/Rethinking_Prefiguration_Alternatives_Micropolitics_and_Goals_in_Social_Movements . und der Soziologe Wini Breines machte ihn bekannt. Der Ausdruck entstand in der Analyse der Neuen Linken Bewegungen in den Vereinigten Staaten. Die Mitglieder der Neuen Linken wiesen sowohl die leninistischen Organisations-Kader der Alten Linken als auch die herkömmlichen politischen Parteien zurück und versuchten Aktivisten-Gemeinschaften zu schaffen, die den Begriff partizipatorische Demokratie verkörperten. Diese Idee wurde 1962 in der Port-Huron-Erklärung http://de.wikipedia.org/wiki/Port-Huron-Erklärung . der Studenten für eine demokratische Gesellschaft, SDS, verfochten. Breines machte geltend, dass die zentrale Forderung der präfigurativen Politik sei, "in der Lebenspraxis der Bewegung Beziehungen und politische Formen zu schaffen und zu unterhalten, die die Gesellschaft, die sich die Mitglieder wünschen, ‚präfigurieren’ und verkörpern." Anstatt auf die künftige Revolution zu warten, wollte die Neue Linke diese Gesellschaft in den Bewegungen, die sie schuf, in der Gegenwart erfahren.

Die gegenwärtige Diskussion über präfigurative Politik wurzelt in den Erfahrungen der Bewegungen der 1960er Jahre in den USA. Seit Jahrhunderten besteht jedoch eine Spannung zwischen dem Kampf darum, im vorhandenen politischen System entscheidende Gewinne zu machen einerseits, und dem Schaffen alternativer Institutionen und Gemeinschaften, die radikale Werte unmittelbar in die Praxis umsetzen, andererseits. Leider herrscht keine Einigkeit über das Vokabular, mit dem diese Spaltung beschrieben wird. Verschiedene akademische und politische Traditionen diskutieren die beiden unterschiedlichen Ansätze jeweils auf ihre Weise und gebrauchen sich überschneidende Begriffe, darunter "Kulturrevolution" http://www.ucpress.edu/book.php?isbn=9780520084339 ., "duale Macht" http://sandiego.indymedia.org/en/2002/09/2403.shtml . und Theorien der "kollektiven Identität" http://courses.arch.vt.edu/courses/wdunaway/gia5274/fominaya.pdf .. Max Weber unterschiedet http://anthropos-lab.net/wp/wp-content/uploads/2011/12/Weber-Politics-as-a-Vocation.pdf . zwischen "Gesinnungsethik" (die das Handeln in tiefsitzenden und prinzipiellen Überzeugungen verankert) und "Verantwortungsethik" (die pragmatischer erwägt, wie sich Handeln auf die Welt auswirkt). Einige Forscher diskutieren äußerst kontrovers Aspekte präfigurativen Handelns als Formen von "Politik der Lebensweise". http://www.lauraportwoodstacer.com/publications/lpra/ .

Der Begriff präfigurative Politik ist als übergreifende Kategorie geeignet, wenn man eine Teilung hervorheben will, die in zahllosen sozialen Bewegungen in aller Welt auftritt und aufgetreten ist. In den Jahren um 1800 debattierte Marx mit Vertretern des utopischen Sozialismus über die Notwendigkeit einer Revolutionsstrategie, die über die Bildung von Kommunen und Modell-Gesellschaften hinausginge. Gandhi hat sein Leben lang zwischen der Führung von Kampagnen zivilen Ungehorsams zur Erreichung von Zugeständnissen der Staatsmacht und dem Eintreten für eine bestimmte Vision von eigenverantwortlichem Dorfleben geschwankt. Er glaubte, dass die Inder in solchen Dörfern wahre Unabhängigkeit und kommunale Einheit erleben könnten. (Gandhis Nachfolger waren in diesem Punkt gespalten. Jawaharlal Nehru verfolgte den Weg der strategischen Kontrolle der Staatsmacht und Vinoba Bhave nahm das präfigurative "konstruktive Programm" auf.) Die Verfechter der strategischen Gewaltfreiheit, die auf den wohlberechneten Einsatz unbewaffneter Aufstände drängen, stellen ihre Bemühungen den seit Langem bestehenden Entwicklungslinien der "prinzipiellen Gewaltfreiheit" entgegen. Diese werden von religiösen Organisationen vertreten, die einen pazifistischen Lebensstil angenommen haben (z. B. Mennoniten) oder von Gruppen, die symbolisches "Zeugnisablegen" praktizieren (z. B. die Catholic Workers).

Bewegung und Gegenkultur

Breines stellte fest, dass die Form der präfigurativen Politik, die in den 1960er Jahren in der Neuen Linken auftauchte, "bürokratie-, hierarchie- und führungsfeindlich war und die Form von Widerwillen gegen Massen- , zentralisierte und inhumane Institutionen annahm". Es ging im präfigurativen Konzept des sozialen Wandels in erster Linie um einen Kulturwandel und vielleicht nicht so sehr darum, herkömmliche politische Forderungen voranzubringen.

Diejenigen, die zu dieser Zeit eine besonders extreme Form der präfigurativen Praxis annahmen, identifizierten sich nicht mit der Sozialbewegung "politicos", die Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg organisierte und die daran interessiert war, das System direkt herauszufordern. Sie dagegen sahen sich als Teil einer Jugend-Gegenkultur, die die Werte des Establishments untergrub und das starke, lebendige Beispiel einer Alternative lieferte.

Die Spaltung zwischen "Bewegung" und "Gegenkultur" wird im Dokumentarfilm Berkeley in the Sixties lebendig dargestellt. Darin erzählt der Hauptsänger der psychedelischen Rockband Country Joe and the Fish Barry Melton von den Streitgesprächen mit seinen marxistischen Eltern. "Wir haben uns sehr über dieses Zeug gestritten", erklärt Melton. "Ich habe versucht sie davon zu überzeugen, dass sie ihre Möbel verkaufen und nach Indien gehen sollten. Aber das fanden sie nicht gut. Mir wurde klar, dass sie, wie toll ihre politischen Ansichten auch waren, denn sie waren mächtig unpopulär - meine Eltern waren sehr links - in Wirklichkeit [noch] Materialisten waren. Sie machten sich Sorgen darüber, wie der Wohlstand aufgeteilt war."

Meltons Leidenschaft galt etwas anderem: einer "Politik der Hüfte", in der "wir eine neue Welt aufbauen, die parallel zur alten Welt laufen soll, die aber so wenig wie möglich mit ihr zu tun hat". Er schreibt: "Wir gaben uns einfach nicht mit konventionellen Leuten ab. Für uns waren die politicos - viele der Führer der Antikriegsbewegung - konventionell, weil sie sich noch mit der Regierung abgaben. Sie marschierten auf Washington. Wir wollten nicht einmal wissen, dass es ein Washington gab. Wir dachten, dass schließlich die Menschen in der Welt einfach mit allem diesem Unsinn aufhören würden und, sobald sie geil darauf wären, damit anfangen würde, sich gegenseitig zu lieben."

Die Grenze zwischen einer Subkultur und einer präfigurativen politischen Bewegung kann in manchen Fällen verschwimmen. "Es ist erstaunlich, dass diese beiden Bewegungen gleichzeitig existiert haben", schreibt Melton. "[Sie] standen in gewissen Aspekten in starkem Gegensatz zueinander - aber sie näherten sich einander, als die 1960er Jahre fortschritten, und nahmen Aspekte von der jeweils anderen Bewegung an."

Die Macht der Geliebten Gemeinschaft

Man kann sich leicht über die Gegenkultur der 1960er Jahre mit ihren Blumenkindern, ihrer freien Liebe und ihren LSD-Trips in neue Bewusstseinsbereiche lustig machen. Soweit sie nicht mit politischen Bewegungen interagierte, war sie von jedem praktischen Gefühl dafür, wie Veränderungen zum Durchbruch verholfen werden konnten, vollkommen abgeschnitten. Der bekannte Antikriegs-Organisator und neu-linke politicos Jack Weinberg erzählt in seinem Buch Berkeley in the Sixties von einem Treffen 1966, bei dem Gegenkultur-Aktivisten eine neue Art Veranstaltung förderten. "Sie wollten das erste Be-In http://de.wikipedia.org/wiki/Human_Be-In . abhalten", schreibt Weinberg. "Besonders ein Bursche, der uns so richtig von dem Plan begeistern wollte, sagte: ‚Wir werden so viel Musik haben und so viel Liebe und so viel Energie, dass wir den Krieg in Vietnam anhalten werden!’"

Präfigurative Impulse brachten jedoch nicht nur die Flüge utopischer Fantasien hervor, die man an den Rändern der Gegenkultur sehen konnte, sondern diese Herangehensweise an die Politik leistete auch enorm positive Beiträge zu Sozialbewegungen. Dem Drang zum Ausleben einer lebendigen und partizipatorischen Demokratie verdankte die Neue Linke einen großen Teil ihrer Vitalität und brachte Gruppen von Aktivisten hervor, die bereit waren, der Sache der sozialen Gerechtigkeit große Opfer zu bringen.

Hier ein Beispiel: Im Student Nonviolent Coordinating Committee (SNCC) sprachen die Mitglieder von ihrem Wunsch, die "Geliebte Gemeinschaft" (beloved community) zu schaffen. Das sollte eine Gesellschaft sein, die Frömmelei und Vorurteile aller Art ablehnte, und stattdessen Frieden und Geschwisterlichkeit annahm http://mlkday.gov/plan/library/background/community.php .. Diese neue Welt würde sich auf "Verständnis, erlösendes Wohlwollen (goodwill) für alle" gründen, wie Martin Luther King, der das Konzept förderte, geschrieben hat.

Das war nicht nur ein äußeres Ziel, sondern die SNCC-Kämpfer sahen sich als Menschen, die in ihrer Organisation die Geliebte Gemeinschaft schufen. Sie waren eine Gruppe, deren Mitglieder verschiedenen Rassen angehörten. Ein Historiker http://muse.jhu.edu/journals/register_of_the_kentucky_historical_society/summary/v109/109.1.greenberg.html . schrieb: Die Gruppe "gründete sich auf radikale Gleichheit, gegenseitigen Respekt und unbedingte Unterstützung der einzigartigen Gaben und Beiträge jedes Einzelnen. Die Versammlungen dauerten so lange, bis alle Gelegenheit gehabt hatten, etwas zu sagen, denn man glaubte, dass jede Stimme zähle." Die von dieser präfigurativen Gemeinschaft geförderten starken Bindungen regten ihre Mitglieder dazu an, kühne und gefährliche Akte des Zivilen Ungehorsams durchzuführen. Dazu gehörte auch das berühmte Sit-In des SNCC in Snackbars im Süden, wo Rassentrennung herrscht. In diesem Fall begünstigten die Bestrebungen der Geliebten Gemeinschaft die strategische Aktion und gleichzeitig hatten sie bedeutenden Einfluss auf die Hauptströmung der Politik.

Dasselbe Muster gab es in der Clamshell Alliance, der Abalone Alliance und anderen radikalen Anti-Atombewegungen der 1970er Jahre. Die Historikerin Barbara Epstein berichtet in ihrem Buch von 1991 Political Protest and Cultural Revolution darüber. Diese Gruppen bezogen sich auf die Tradition der Gewaltfreiheit der Quäker und begründeten eine einflussreiche Organisationstradition für direkte Aktion in den Vereinigten Staaten. Sie leisteten in vielen Methoden Pionierarbeit, z. B. als Verwandtschaftsgruppen, Spokes Councils http://en.wikipedia.org/wiki/Spokescouncil . und Generalversammlungen. Diese wurden zum festen Inventar der Global-justice-Bewegung der späten 1990er und der frühen 2000er Jahre und sie waren auch für die Occupy-Wall-Street-Bewegung bedeutungsvoll.

Zu ihrer Zeit verbanden die Anti-Atom-Gruppen die Gewohnheit, Entscheidungen im Konsens zu treffen, feministisches Bewusstsein und enge Bindungen zwischen den Mitgliedern mit dem Engagement für strategische Gewaltfreiheit zu dem Zweck, entscheidende Proteste zu schaffen. Epstein schreibt: "Das Neue bei Clamshell und Abalone war, dass in allen diesen Organisationen zur Zeit der größten Massenteilnahme die Gelegenheit, ihre Vision auszuagieren und eine Gemeinschaft zu bilden, zumindest ebenso wichtig war wie das unmittelbare Ziel, die Nuklearmacht aufzuhalten."

Die strategische Spannung

Wini Breines verteidigt die präfigurative Politik als Lebenselixier der Neuen Linken der 1960er Jahre und schreibt, dass trotz ihrem Misserfolg, eine dauerhafte Organisation hervorzubringen, diese Bewegung ein "tapferes und bedeutsames Experiment" mit dauerhaften Folgen darstelle. Gleichzeitig unterscheidet sie präfigurative Aktionen von einer anderen Art Politik, der strategischen Politik, die "sich dem Aufbau einer Organisation widmet, um Macht zu bekommen, damit strukturelle Veränderungen in Politik, Wirtschaft und Sozialordnung erreicht werden könnten". Breines schreibt weiter: "Die ungelöste Spannung zwischen der spontanen Graswurzel-Sozialbewegung, die sich partizipatorischer Demokratie verpflichtet fühlte, und der Absicht, Macht oder einen radikalen Strukturwandel in den Vereinigten Staaten zu erreichen (wozu man eine Organisation brauchte), war ein strukturierendes Thema" der Neuen Linken.

Spannungen zwischen der präfigurativen und der strategischen Politik gibt es aus einem einfachen Grund auch heute: Die beiden Ansätze schließen einander zwar nicht grundsätzlich aus, ihr Schwerpunkt liegt jedoch auf sehr Unterschiedlichem und sie haben manchmal einander widersprechende Vorstellungen darüber, wie sich Aktivisten zu einem gegebenen Zeitpunkt verhalten sollten.

Während strategische Politik die Schaffung von Organisationen vorzieht, die kollektive Ressourcen ordnen und in der herkömmlichen Politik Einfluss gewinnen wollen, neigen präfigurative Gruppen zur Schaffung von öffentlichen Bereichen, Gemeindezentren und alternativen Institutionen, z. B. zu Hausbesetzungen, Kooperativen und radikal ausgerichteten Buchhandlungen. Sowohl zur strategischen als auch zur präfigurativen Strategie können direkte Aktion und ziviler Ungehorsam gehören. Sie gehen einen solchen Protest jedoch auf unterschiedliche Weise an. Strategische Praktiker befassen sich viel mit Medienstrategie und damit, wie ihre Demonstrationen in der breiteren Öffentlichkeit wahrgenommen werden. Sie entwerfen ihre Aktionen so, dass sie die öffentliche Meinung beeinflussen. Im Gegensatz dazu stehen präfigurative Aktivisten der Haltung der Medien und der Mehrheitsgesellschaft oft gleichgültig oder sogar feindselig gegenüber. Sie betonen gerne die expressiven http://beautifultrouble.org/theory/expressive-and-instrumental-actions/ . Eigenschaften des Protests, d. h. es geht ihnen mehr darum, die Werte und Überzeugungen der Teilnehmer auszudrücken, als um die Auswirkungen auf ein Ziel.

Die strategische Politik strebt danach, pragmatische Koalitionen aufzubauen, um Forderungen zu einem gegebenen Thema voranzubringen. Im Laufe einer Kampagne können Graswurzel-Aktivisten unter Umständen eine Verbindung mit besser etablierten Vereinigungen, Nonprofit-Organisationen oder Politikern eingehen, um mit ihnen gemeinsam vorzugehen. Die präfigurative Politik dagegen ist weit skeptischer dagegen, ihre Kräfte mit den Kräften derer zu verbinden, die von außerhalb der Kultur kommen, die ihre Bewegung geschaffen hat, besonders, wenn die möglichen Verbündeten zu hierarchischen Organisationen gehören und mit etablierten politischen Parteien in Beziehung stehen.

Kleidung der Gegenkultur und ein bestimmtes Erscheinungsbild - ob das nun langes Haar, Piercings, Punk-Design, Kleider vom Trödel, das Palästinensertuch oder irgendwelche anderen Variationen sind - verhelfen präfigurativen Gemeinschaften zur Schaffung eines Zusammengehörigkeitsgefühls in der Gruppe. Dieses verstärkt die Idee von einer alternativen Kultur, die die herkömmlichen Normen ablehnt. Strategische Politik dagegen sieht hinsichtlich der persönlichen Erscheinung ganz anders aus. Saul Alinsky nimmt in seinem Buch Die Stunde der Radikalen: ein praktischer Leitfaden für realistische RadikaleAlinsky, Saul, D.: Die Stunde der Radikalen: ein praktischer Leitfaden für realistische Radikale, Gelnhausen [u.a.]: Burckhardthaus-Verlag [u.a.] 1974. Strategien und Methoden der Gemeinwesenarbeit / Saul D. Alinsky ; 2 Reihe: BCS : Abtlg. Gemeinwesenarbeit und Gemeindeaufbau. die strategische Position ein, wenn er schreibt: "Wenn es sich herausstellt, dass er mit seinem langen Haar psychische Barrieren gegen Kommunikation und Organisation aufbaut, dann schneidet sich der wirklich Radikale das Haar ab." Einige Strategen der Neuen Linken taten das 1968, als Senator Eugene McCarthy für die demokratische Partei in die Vorwahl für die Präsidentschaft eintrat. Er war Kriegsgegner und forderte Lyndon Johnson heraus. Sie optierten "Get Clean for Gene" (macht euch hübsch für Gene), rasierten sich die Bärte, schnitten sich das Haar und zogen Anzüge an, um die Kampagne dabei zu unterstützen, den Mann-auf-der-Straße-Wähler zu erreichen.

Bestandsaufnahme der Präfiguration

Die schwierige Aufgabe derer, die strategische und präfigurative Ansätze für sozialen Wandel miteinander verbinden wollen, ist es, die Stärken der präfigurativen Gemeinschaften anzuerkennen und gleichzeitig ihre Schwächen zu vermeiden.

Der Impuls, "der Wandel zu sein, den wir haben wollen" enthält einen starken moralischen Appell und die Stärken der präfigurativen Aktion sind bedeutend. "In der Hülse des Alten" entwickelte alternative Gemeinschaften schaffen Räume, die Radikale, die sich entschlossen haben, außerhalb der Alltags-Gesellschaft zu leben und für ihre Sache einen hohen Einsatz zu leisten, für sich nutzen können. Diese Menschen können, wenn sie an weiterreichenden Kampagnen teilnehmen, um das politische und ökonomische System zu verändern, einer Bewegung als harter Kern dienen. Im Fall von Occupy haben gerade die, die tief in eine präfigurative Gemeinschaft eingebettet waren, die Lager in Gang gehalten. Zwar gehörten sie nicht zu denen, die sich besonders an der Planung strategischer Demonstrationen beteiligt haben, die neue Verbündete brachten und größere Menschenmengen anzogen, aber sie spielten doch eine ausschlaggebende Rolle.

Eine weitere Stärke der präfigurativen Strategie ist, dass sie auf die sozialen und emotionalen Bedürfnisse der Teilnehmer aufmerksam ist. Sie ermöglicht, dass die Stimme des Einzelnen gehört wird, und schafft Netze gegenseitiger Unterstützung, um die Menschen im Hier und Jetzt aufrechtzuerhalten. Strategische Strategie spielt diese Erwägungen oft herunter und lässt die Sorge für die Aktivisten beiseite, um sich darauf zu konzentrieren, die entscheidenden Ziele zu erreichen, die zu künftigen Verbesserungen für die Gesellschaft führen werden. Gruppen, die präfigurative Elemente in ihre Organisation integrieren und die sich daher stärker auf Gruppenprozesse einlassen, sind oft sowohl bei der intensiven Bewusstseinsbildung als auch beim Angehen von Themen wie Sexismus und Rassismus innerhalb der Gruppen den Gruppen überlegen, in denen diese Elemente fehlen.

Aber das, was in kleinen Gruppen gut funktioniert, kann zur Belastung werden, wenn eine Bewegung größer werden und Unterstützung durch die Massen gewinnen will. Jo Freemans bahnbrechender Essay http://www.jofreeman.com/joreen/tyranny.htm . The Tyranny of Structurelessness (Die Tyrannei der Strukturlosigkeit) stellt das im Zusammenhang mit der Frauenbefreiungsbewegung der 1960er und 1970er Jahre fest. Freeman schreibt, eine präfigurative Zurückweisung formeller Leitung und rigider Organisationsstrukturen habe den Feministinnen der zweiten Welle frühzeitig zwar gute Dienste erwiesen, als die Bewegung "ihr Hauptziel und ihre Hauptmethode als Bewusstseinsbildung definierte". Als die Bewegung aber den Anspruch erhoben habe, über Versammlungen, die das Bewusstsein für die allgemeine Unterdrückung wecken sollten, hinauszugehen, und begonnen habe, breitere politische Aktivität zu unternehmen, sei eben diese Anti-Organisations-Einstellung zu einer Einschränkung geworden. Die Folge der Strukturlosigkeit sei eine Tendenz der Bewegung gewesen, "viel Bewegung und wenig Ergebnisse" zu schaffen.

Die größte Gefahr bei präfigurativen Gruppen ist vielleicht die Tendenz, sich zu isolieren. Autor, Organisator und Occupy-Aktivist Jonathan Matthew Smucker beschreibt etwas, das er "politisches Identitäts-Paradox" nennt. Es ist ein Widerspruch, der in Gruppen auftritt, die sich auf das starke Gefühl gründen, sie seien eine alternative Gemeinschaft. "Jede ernsthafte soziale Bewegung braucht eine entsprechend ernsthafte Gruppenidentität, die den Mitgliederkern dazu anregt, ein außergewöhnliches Maß an Engagement, Opferbereitschaft und Heroismus während der Zeit eines lange andauernden Kampfes aufzubringen", schreibt Smucker. "Eine starke Gruppenidentität ist jedoch zweischneidig: Je stärker die Identität und der Gruppenzusammenhalt ist, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich diese Menschen anderen Gruppen und der Gesellschaft entfremden. Das ist das politische Identitäts-Paradox."

Eine Bewegung, die sich auf die Präfiguration einer neuen Gesellschaft konzentriert - und sich in erster Linie damit beschäftigt, die Bedürfnisse einer alternativen Gemeinschaft zu befriedigen -, kann von seinem Ziel abgeschnitten werden, das darin besteht, Brücken zu anderen Gruppen zu bauen und die Unterstützung der Öffentlichkeit zu gewinnen. Anstatt nach Wegen zu suchen, wie sie ihre Vision wirksam der Welt draußen vermitteln können, neigen sie dazu, Slogans und Taktiken anzunehmen, die zwar die Aktivisten des harten Kerns ansprechen, die aber die Mehrheit befremdlich findet. Außerdem nimmt ihre Abneigung zu, gängige Bündnisse einzugehen. (Die extreme Angst einiger Occupier vor "Gleichschaltung" zeigt diese Tendenz.) Alles das trug zur Selbstzerstörung bei. Smucker schreibt: "Isolierte Gruppen haben es schwer mit der Erreichung politischer Ziele."

Smucker nennt die berüchtigte Implosion des SDS als ein extremes Beispiel für den Fall, dass sich das politische Identitäts-Paradox unkontrolliert auswirkt. In diesem Fall war es so: "Die Hauptführer hatten sich in ihrer Oppositions-Identität eingekapselt und verloren zunehmend den Kontakt zur realen Welt." Diejenigen, die auf nationaler Ebene am intensivsten in den SDS eingebunden waren, verloren das Interesse daran, Ortsgruppen aus Studenten aufzubauen, die gerade im Begriff waren, sich zu radikalisieren. Und sie waren von der Hauptströmung der amerikanischen Öffentlichkeit vollkommen enttäuscht. Angesichts der Ereignisse in Vietnam gewannen sie die Überzeugung, dass sie "den Krieg nach Hause tragen" müssten. So hieß 1969 ein Slogan. Smucker schreibt: Daraus ergab sich Folgendes: "Einige der engagiertesten Möchtegern-Führer dieser Generationen sahen schließlich einen größeren Wert darin, sich mit ein paar Kameraden zu verkriechen und Bomben zu bauen, als darin, Studentenmassen zu organisieren, die koordinierte Aktionen unternehmen würden."

Die selbstzerstörerische Isolation der WeathermenDie Weathermen (auch Weather Underground Organisation, Weatherman, Weather People) waren eine linksradikale militante Untergrundorganisation in den USA, die Ende der 1960er- bis in die 1970er-Jahre aktiv waren. Sie begingen vor allem Bombenanschläge gegen Regierungsgebäude. http://de.wikipedia.org/wiki/Weathermen . ist ein Schrei aus der Ferne von SNCCs Geliebter Gemeinschaft. Die Tatsache, dass beide Beispiele für präfigurative Strategie sind, zeigt, dass der Ansatz von Sozialbewegungen weder einfach generell übernommen noch generell abgelehnt werden darf.

Besser ist es, wenn alle Bewegungen im Rahmen eines Spektrums operieren, in dem unterschiedliche öffentliche Aktivitäten und interne Prozesse sowohl strategische als auch präfigurative Dimensionen haben. Die Aufgabe für die, die sozialen Wandel bewirken wollen, ist es, die konkurrierenden Impulse der beiden Ansätze auf kreative und wirksame Weise ins Gleichgewicht zu bringen, damit wir die Macht einer Gemeinschaft erleben können, die sich einem Leben in radikaler Solidarität ebenso widmet wie der Freude, die Welt um uns herum zu verwandeln.

Mark Engler ist leitender Analyst bei Foreign Policy In Focus, Mitglied der Redaktionsleitung von Dissent und Beiträge schreibender Redakteur von Yes! Magazine. Paul Engler ist Gründungsdirektor des Center for the Working Poor in Los Angeles. Sie schreiben ein Buch über die Entwicklung politischer Gewaltfreiheit. Ihre Website ist

Aus dem Englischen von Ingrid von Heiseler

Quelle: Waging Nonviolence . Originalartikel: Should we fight the system or be the change? Eine Vervielfältigung oder Verwendung des Textes in anderen elektronischen oder gedruckten Publikationen ist unter Berücksichtigung der Regeln von Creative Commons Attribution 4.0 International (CC BY 4.0) möglich.

Fußnoten

Veröffentlicht am

30. Juni 2014

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