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Der allmächtige Sauhaufen im Irak

Von Eric S. Margolis

Saddam Hussein hatte sicher recht, als er voraussagte, dass Amerikas Einmarsch in den Irak die "Mutter aller Schlachten" wird. Elf Jahre danach geht sie weiter.

Diese Woche sah das Scheitern von zwei Divisionen der irakischen Regierungsarmee, volle 30.000 Mann, die wie Hühner davonrannten vor dem unerbittlichen Vormarsch der Kämpfer von ISIS - dem Islamischen Staat von Irak und Shams (Syrien). Das war die Marionettenarmee, die zehn Jahre lang von den USA mit Kosten von $14 Milliarden ausgebildet und ausgestattet worden war. Ein böses Vorzeichen für das, was Afghanistans von den US-geführte Armee und Polizei erwartet.

Erinnern Sie sich noch, wie Präsident George W. Bush groß angab mit seinem "mission accomplished" ("Auftrag erledigt")? Wurde nicht der böse Saddam Hussein von den schiitischen Alliierten der USA gelyncht? Wurde nicht die gefürchtete Al-Qaida besiegt und ihr Anführer Osama bin Laden umgebracht? Erinnern Sie sich an all das Frohlocken aus Washington über die "Trockenlegung des Sumpfes" im Irak?

Sobald die USA einen Herausforderer ihrer Beherrschung des Mittleren Ostens - den ich als ‚The American Raj’ (etwa die amerikanische Kolonialherrschaft) bezeichne - niederschlagen, erhebt sich ein neuer. Der jüngste: ISIS, eine anspruchsvolle jihadistische Kraft, die jetzt große Teile von Syrien und dem Irak kontrolliert.

ISIS ist eine Kombination aus sunnitischen jihadistischen Gruppen, die die schiitisch gestützte Regierung von Bashar Assad (einem Feind der USA, unterstützt vom schiitischen Iran) bekämpft, und wiederauflebenden Einheiten von Saddams alter Baathistenarmee unter der Führung von Izzat Ibrahim al-Douri, dem letzten überlebenden Angehörigen von Saddam Husseins innerem Kreis, sowie einer Handvoll von al-Qaida im Irak.

Sie kämpfen für den Sturz des von den USA installierten schiitischen Regimes in Bagdad von Nuri al-Maliki, einem Verbündeten des Iran. Es gibt Vermutungen, dass ISIS geheim finanziert wird vom sunnitischen Saudi-Arabien, einem Alliierten der USA.

Aber Moment mal. Der Feind meines Feindes ist mein Freund, sagt das alte Sprichwort im Mittleren Osten. Die USA versuchen, Syriens säkulare Regierung zu stürzen, um deren Verbündeten, den Iran zu unterminieren. Die USA haben sich brutaler jihadistischer Gruppen gegen das Assad-Regime in Damaskus bedient. Aber jetzt sind diese Jihadisten in Syrien zu einem großen Teil unter den Einfluss von ISIS gefallen - welcher wiederum das von den USA gestützte Regime in Bagdad aufkrautet. Verwirrend, nicht wahr? Der Feind meines Feindes ist zum Feind meines Freundes geworden.

Der Einmarsch 2003 in den Irak, der dümmste Krieg in der Geschichte der USA, der stürmisch von Kongress und Medien unterstützt wurde, hat einen monumentalen Sauhaufen von atemberaubender Komplexität produziert, während Washington über die eigenen Beine stolpert. Die Damen, die Präsident Barack Obama bei seiner Mittelostpolitik beraten, sind hoffnungslos durcheinander.

Washington, jetzt in einer größeren Panik wegen ISIS, bewegt sich in Richtung Luftangriffe im Irak mit Kriegsflugzeugen, die in Kuwait und am Golf stationiert sind. Die USA haben auch zwei voll motorisierte Kampfbrigaden in Kuwait stehen. Republikaner fordern, dass Bodentruppen der USA erneut in den Irak einmarschieren, um dem weitum verhasste Maliki-Regime beizustehen.

Während Washington schwankt, droht sein kleines kurdisches Protektorat im Norden des Irak seine kampferprobten "Pesh Merga"-Kämpfer zu schicken, um gegen ISIS zu kämpfen. Aber das beunruhigt sowohl die Türkei, die gegen jeden kurdischen Staat ist, als auch den Iran mit seinem eigenen Kurdenproblem. Der Irak war ein Teil des Ottomanischen Reichs. Seine riesigen Erdölreserven bilden eine ständige Verlockung für die energiemäßig benachteiligte Türkei.

Dieser heillose Sauhaufen kann direkt zurückverfolgt werden auf neokonservative Strategen in Washington im Umfeld von Vizepräsident Dick Cheney. Laut Dick Cheney war 2002 ihr vorrangiges Ziel die Zerstörung des Irak, des höchstindustrialisierten und fortschrittlichsten arabischen Staates, um damit einen größeren Feind Israels loszuwerden, und sich dann das Erdöl des Irak unter den Nagel zu reißen.

Der langzeiterprobten römischen Formel "divide et impera" (teile und herrsche) folgend spielte Washington die lang unterdrückten Schiiten des Irak gegen die sunnitische Minderheit aus und löste damit einen weiterreichenden Sunniten-Schiiten-Konflikt in der arabischen Welt aus, besonders in Syrien.

Tatsächlich ging Israel als einziger strategischer Sieger aus dem Bush/Cheney-Krieg gegen den Irak hervor. Dieser Krieg hat die USA bisher 4.500 getötete, 35.700 verwundete und 45.000 kranke Soldaten und mehr als eine Billion Dollar gekostet. Der Irak liegt in Trümmern, wahrscheinlich über alle Versuche hinaus zerstört, ihn wieder zusammenzustellen. Kein höherer amerikanischer oder britischer Regierungsvertreter wurde vor Gericht gestellt wegen dieses verheerenden auf Lügen basierenden Kriegs.

Nuri Maliki hat die Sunniten völlig von der Macht im Irak ausgeschlossen und benutzt brutale Polizei und Folter, um sie zu unterdrücken. Kaum ein Wunder, dass er vor einem größeren Aufstand steht. Die auf Erdöl basierende irakische Wirtschaft bleibt in Ruinen. Viele Iraker glauben, dass es ihrem jetzt bejammernswerten Land unter Saddam Hussein viel besser gegangen ist, so brutal und ungeschickt dieser auch war.

Interessanterweise bilden die Bemühungen von ISIS, einen islamischen Staat in einem fusionierten Syrien und Irak zu formen, eine der ersten größeren Herausforderungen des faulen Sykes-Picot-Abkommens aus dem Jahr 1916, unter dem das britische und französische Reich heimlich zusammenspielten, um die Gebiete des moribunden Ottomanenreiches im Mittleren Osten aufzuteilen. Die heutigen künstlichen Grenzen im Mittleren Osten wurden von den anglo-französischen Imperialisten gezogen, um ihre Herrschaft über die Region zu errichten. Syrien und der Irak waren die ungeheuerlichsten Beispiele.

ISIS scheint darauf aus zu sein, die britisch-französischen Grenzen auszulöschen und die vereinigte ottomanische Provinz (türkisch: vilyat) von Syrien, Libanon und Irak wieder zu erschaffen. Im Westen bezeichnet die neokonservativ kontrollierte Kommentatorencamarilla ISIS als Terroristen. Im Mittleren Osten betrachten viele ISIS als antikolonialistische Kämpfer, die sich bemühen, die arabische Welt wieder zu vereinigen, die von den westlichen Mächten getrennt und aufgesplittert worden ist. Die Mächte des Westens bereiten sich jetzt darauf vor, zurückzuschlagen.

Quelle: www.antikrieg.com vom 14.06.2014. Originalartikel: The Allmighty Mess in Iraq . Übersetzung: Klaus Madersbacher.

Veröffentlicht am

15. Juni 2014

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