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Antoinette Tuff verhindert Amoklauf - Kommentierter Gütekraftbericht

Von Martin Arnold

Am 20. August 2013 wendete Antoinette Tuff an der McNair Elementary School in Decatur, Georgia, USA, wo sie Buchhalterin ist, den Amoklauf eines 20-jährigen Mannes ab.

Der mit einem Sturmgewehr Bewaffnete drang in das Büro der Schule ein. Dort befand sich Antoinette Tuff. Er schoss in den Boden, ging nach draußen und schoss auf die Polizei. Er kam wieder herein und befahl ihr, die Polizei anzurufen, diese solle sich zurückziehen oder er werde wieder auf sie schießen. Er sei bereit zu sterben. Antoinette Tuff reagierte nicht in erster Linie auf die Bedrohung. Sondern als sie erkannte, dass dieser Mann verzweifelt war, öffnete sie ihm ihr Herz. Sie erzählte ihm aus ihrem eigenen Leben, als sie ein Jahr zuvor kurz vor dem Selbstmord stand. Und sie erzählte, dass sie die Krise überwand. Sie konnte ihn beruhigen. Sie sagte ihm, dass sie ihn liebe. Sie bot ihm an, ihn zu seinem Schutz zu begleiten, wenn die Polizei käme. Nach einer halben Stunde im Gespräch mit ihr legte er seine Waffen und 500 Schuss Munition zur Seite, legte sich selbst auf den Boden, und erwartete mit den Händen auf dem Rücken die Polizei. Kein Mensch kam zu Schaden.Siehe http://www.washingtonpost.com/local/antoinette-tuffs-911-call-on-ga-shooting-suspect-is-a-portrait-of-poise-compassion/2013/08/22/c62a6fa2-0b3a-11e3-8974-f97ab3b3c677_story.html ;
http://nymag.com/daily/intelligencer/2013/08/antoinette-tuff-hero-listen-moving-911-call.html .

Kommentar

"Es kommt darauf an, wie viel Raum wir der Liebe in uns geben und dass wir sie in uns wachsen lassen", sagt Hildegard Goss-Mayr, nach deren Konzept und Anleitung 1986 die Diktatur auf den Philippinen friedlich beendet wurde.

Wir können unsere gütekräftigen Fähigkeiten entwickeln. Sie hängen zusammen mit dem Bild, das wir von uns selbst haben. So wie wir uns selbst sehen, so gehen wir auch mit anderen Menschen um. Die Entwicklung, um die es geht, ist eine Umorientierung vom egozentrischen Selbstbild zum beziehungszentrischen Selbstbild.

Im egozentrischen Selbstbild meinen wir, alles drehe sich um uns, um mich, um die eigene Gruppe, um ‚unsere Nation’, um ‚mein Land’, um ‚unsere Lebensweise’, um den eigenen Fußballverein oder welche soziale Einheit immer als die eigene angesehen wird.

Bei der Umorientierung zum beziehungszentrischen Selbstbild

  • nehmen wir uns zunehmend in unseren Beziehungen zur Mitwelt wahr und merken dabei, dass die Menschen und die ganze Umwelt um uns herum - auch die außerhalb der eigenen Gruppe - für uns und für unser Selbstverständnis wesentlich sind;
  • wir werden außerdem im Eigenen bestätigt;
  • und wir nehmen unseren eigenen Standpunkt nicht als den einzig wahren, absolut richtigen, sondern als relativ wahr: auch eine Person, die mir widerspricht, kann Recht haben.

Mit diesem beziehungszentrischen Selbstbild können wir uns besser in der Gesellschaft orientieren und mit uns selbst und unseren Mitmenschen passender umgehen.

Diese gütekräftige Umorientierung ist vergleichbar mit der Kopernikanischen Wende. Vor 500 Jahren glaubte die Menschheit, die Erde, auf der wir stehen, wäre der absolut feste Standort. Die Forschungsergebnisse von Nikolaus Kopernikus schockierten damals die ganze gebildete Welt. Dass sich alles um die Erde dreht, galt nicht mehr. Sondern ‚wir bewegen uns neben anderen auf ähnlichen Bahnen in verschiedenen, wechselnden Abständen und Beziehungen.’

Kopernikus hat der Menschheit damit ein viel passenderes Bild von uns und unseren Beziehungen zum All, in dem wir leben, aufgezeigt.

Das kopernikanische Weltbild lässt sich auf soziale Zusammenhänge übertragen: Es zeigen sich neue Wege und neue Möglichkeiten eröffnen sich. So wie sich die Planeten durch Anziehungskräfte in ihren Bahnen gegenseitig beeinflussen, können wir uns untereinander beeinflussen, indem wir wichtig nehmen, dass wir auf ähnlichen Bahnen in wechselnden Beziehungen miteinander unterwegs sind.

Antoinette Tuff war selbst in einer bedrohlichen Lage und sie sah doch zugleich: Der junge Mann, der alle bedrohte, ist auf einer Bahn, die ihn selber in Verzweiflung führt. Auf dieser Grundlage konnte sie so mit ihm sprechen, dass er ihre Ausstrahlung aufnehmen und Vertrauen fassen konnte. So war es ihr möglich, einen Ausweg für ihn zu bahnen aus der Sackgasse seines unwürdigen, verzweifelten Vorhabens.

Wenn Würde, Respekt, Wohlwollen und Gerechtigkeit unsere Handlungen prägen, kann diese Haltung ausstrahlen und anstecken.

Zur Bedeutung der Religion für aktive Gewaltfreiheit / gütekräftiges Handeln

Antoinette Tuff gab an, dass ihr Handeln durch ihre Kirchengemeinde beeinflusst war. Welche Bedeutung hat dies?

Können nur Christinnen und Christen gütekräftig handeln? Nein, denn Gandhi war Hindu, Thich Nhat Hanh und der Dalai Lama sind vom Buddhismus mit seiner Tradition der Güte geprägt und wie sie - ich nenne die wenigen hier nur als Beispiel für unzählige weitere - handelte auch Abdul Ghaffar Khan wirkungsvoll aktiv gewaltfrei/gütekräftig, der Moslem, der den Koran kannte, in dem es (Sure 41, [33, 34] 35) heißt: "Gutes und Böses ist nicht einerlei; darum wende das Böse durch Gutes ab, und dann wird selbst dein Feind dir zum echten Freund werden."

Können nur religiöse Menschen gütekräftig handeln? Nein, auch der Atheist Bart de Ligt und viele weitere taten es wirkungsvoll.

Welche Rolle spielt dann die Religion?

a) Bestimmte Grundüberzeugungen sind für gütekräftiges Wirken wichtig, nicht eine Religionszugehörigkeit oder Weltanschauung. Hierzu gehört die zumindest unbewusste Zustimmung der Handelnden (1) zur allgemeinen Wertschätzung von Anliegen wie Freiheit, Gerechtigkeit und Menschlichkeit sowie (2) zur allgemein-menschlichen Gegebenheit der Gütekraft-Potenz, die in der Menschenrechtscharta der Vereinten Nationen, Artikel 1, so ausgedrückt wird: "Alle Menschen sind … mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geist der Geschwisterlichkeit begegnen".

Auch wenn Gütekraft durch Worte und Riten in Weltanschauungen tradiert wird, sie entsteht nicht erst durch diese, sondern ist dem Menschen als "Urkraft" gegeben.

b) Religionen stellen örtliche, zeitliche und geistige Räume zur Verfügung, in denen wir die Liebe in uns wachsen lassen und unsere gütekräftigen Fähigkeiten entwickeln können. Manche organisieren z.B. Dienste für Hilfsbedürftige, dabei kann sich Güte entwickeln. In den Religionen existieren Bräuche, die die positive Entwicklung innerer Kräfte begünstigen können (leider auch negative). Dazu können z.B. Formen dessen gehören, was in religiöser Sprache "Reinigung" genannt wird wie Fasten oder die - aufrichtige, d.h. reuevolle - Bitte um Vergebung, die manche üblen Folgen von Verfehlungen für alle Beteiligten abwenden und die Persönlichkeitsentwicklung voranbringen kann. Auch bewusste Dankbarkeit, das Gedenken an Opfer von Gewalt und die in vielen Gottesdiensten übliche Fürbitte für Menschen in Not sowie auch für Menschen mit besonderer Verantwortung können dabei helfen, Ich-Befangenheit abzubauen. Dies gilt auch allgemein für das Gebet als einem inneren Dialog, bei dem sich Betende als vor dem Angesicht Gottes stehend erleben, d.h. sich zugleich "mit den Augen Gottes", sozusagen als einem absoluten Maßstab der Liebe, Wahrheit und Gerechtigkeit sehen. Hier ist auch die Meditation zu nennen, z.B. die im Buddhismus entwickelte wunderbare Güte-Meditation. Persönlicher Umgang mit Widrigkeiten, Hoffnung und Durchhaltekraft, Bereitschaft zu Neuem und die eigenen Grenzen zu übersteigen, Bewältigung von Furcht usw. können in religiösen Räumen eingeübt werden, wo durch Mythen, Symbole und Rituale das Geheimnis des Lebens zum Ausdruck gebracht wird.

c) Dass Gläubige den Erfolg ihrer Aktivitäten "von Gott erwarten", kann ein Hinweis darauf sein, dass die Wirkung aktiver Gewaltfreiheit / des gütekräftigen Vorgehens nicht erzwungen werden kann, entsprechendes Handeln vielmehr Vertrauen auf Unverfügbares voraussetzt. (Manche Sozialforscher sehen das anders.)

Übrigens berichteten erst zwei Tage später die ‚Washington Post’ und mehrere Sender von dem wunderbaren Ereignis an der Schule in Decatur.

Wenn Blut geflossen wäre, wäre dies wahrscheinlich sehr schnell bekannt gemacht worden. Über Gütekraft-Ereignisse wird weniger berichtet als über Gewalt-Ereignisse. Sie sind aber mindestens genauso wichtig, ja, sie sind wichtiger! Wir nehmen sie zu wenig wahr und vergessen sie allzu leicht. Nehmen wir sie wichtig, wo immer wir sie erleben oder davon erfahren! Gütekraft ist von höchster Bedeutung!

Quelle:  Gütekraft - Nachrichten Nr. 3, April 2014.

Fußnoten

Veröffentlicht am

23. April 2014

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