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Uri Avnery: Es geschieht nichts Neues unter der Sonne

Von Uri Avnery

IN DEN LETZTEN hundert Jahren hat Russland riesige Veränderungen durchlaufen.

Zuerst wurde es durch eine absolute Monarchie mit ein wenig demokratischer Dekoration regiert; es war eine "Tyrannei, die durch Ineffektivität gemildert wurde".

Nach dem Sturz des Zaren herrschte einige Monate lang ein liberales und ebenso ineffektives Regime, bis es von der bolschewikischen Revolution gestürzt wurde.

Die "Diktatur des Proletariats" dauerte ungefähr 74 Jahre, das heißt: drei Generationen sind durch das sowjetische Bildungssystem gegangen. Das hätte genügen müssen, um die Werte Internationalismus, Sozialismus und Menschenwürde, die Karl Marx gelehrt hatte, zu absorbieren.

Das Sowjetsystem implodierte 1991 und hinterließ nur wenige politische Spuren. Nach ein paar Jahren liberaler Anarchie unter Boris Jelzin übernahm Wladimir Putin. Er hat bewiesen, dass er ein fähiger Staatsmann ist, und er hat Russland wieder zu einer Weltmacht gemacht. Auch hat er Demokratie und Menschenrechte eingeschränkt und damit ein neues autokratisches System errichtet.

Wenn wir diese ein Jahrhundert umfassenden Ereignisse betrachten, können wir nicht umhin, den Schluss zu ziehen, dass Russland, nachdem es alle diese dramatischen Umbrüche durchgemacht hat, politisch mehr oder weniger da angekommen ist, wo es angefangen hat. Der Unterschied zwischen dem Reich des Zaren Nikolaus II. und dem Reich Präsident Putins I ist minimal. Die nationalen Ansprüche, die allgemeine Grundhaltung, das Regime und die Stellung der Menschenrechte sind mehr oder weniger dieselben.

Was lernen wir daraus? Für mich bedeutet es, dass es etwas wie einen Nationalcharakter gibt, der sich nicht so ohne Weiteres - wenn überhaupt - ändert. Revolutionen, Kriege, Katastrophen kommen und gehen, der Grundcharakter eines Volkes bleibt, wie er ist.

NEHMEN wir ein anderes Beispiel, eines, das uns geografisch näherliegt, die Türkei.

Mustafa Kemal war eine faszinierende Persönlichkeit. Leute, die ihm in der Zeit begegneten, als er als Offizier in der osmanischen Armee in Palästina Dienst tat, beschreiben ihn als einen interessanten Charakter und schweren Trinker. Er wurde in Thessaloniki in Griechenland geboren. Damals wurde die Stadt zum großen Teil von Juden bewohnt. Kemal beteiligte sich an der Revolution der Jungtürkischen Bewegung, deren Ziel es war, das Osmanische Reich zu erneuern, das zum "kranken Mann am Bosporus" geworden war.

Nach der Niederlage der Türken im Ersten Weltkrieg zog Mustafa Kemal aus, um eine neue Türkei zu schaffen. Seine Reformen reichten weit. Unter anderem schaffte er das Osmanische Reich und das alte muslimische Kalifat ab, veränderte die Schreibweise der türkischen Sprache von der arabischen zur lateinischen Schrift, vertrieb die Religion aus der Politik, verwandelte die Armee in "Hüter der (säkularen) Republik" und verbot Männern und Frauen, traditionelle Kleidung wie Fez und Hidschab zu tragen. Sein Ehrgeiz war es, die Türkei zu einem modernen europäischen Land zu machen.

Als 1934 das Familiennamengesetz angenommen wurde, gab das Nationalparlament ihm den Namen "Atatürk" (Vater der Türken). Bis heute verehrt ihn das Volk. Sein Bild hängt in allen Regierungsbüros. Jetzt jedoch erleben wir die Abschaffung der meisten seiner Reformen.

Heute wird die Türkei von einer religiösen islamischen Partei regiert, die das Volk gewählt hat. Der Islam feiert ein gewaltiges Comeback. Nachdem die Armee einige Coups veranstaltet hat, ist sie aus der Politik vertrieben worden. Manche beschuldigen die gegenwärtige Führung einer neo-osmanischen Politik.

Bedeutet das, dass die Türkei dorthin zurückkehrt, wo sie vor hundert Jahren gewesen ist?

IN ALLER Welt finden sich derartige Beispiele.

Etwa 220 Jahre nach der Mutter aller moderner Revolutionen, der großen Französischen Revolution, vergleichen einige die frivolen Abenteuer des gegenwärtigen französischen Präsidenten mit denen der Bourbonischen Könige. Weder moralisch noch politisch ist viel aus den Zeiten des strengen Charles de Gaulle übrig geblieben.

Italien hat nach dem Intermezzo des clownesken Silvio Berlusconi seine politische Stabilität noch nicht wiedererlangt. Das inzwischen viel weniger bedeutende Großbritannien denkt und benimmt sich immer noch wie ein Reich in seiner Glanzzeit und ist bestrebt, sich von Franzmännern und Südländern fernzuhalten.

Und so weiter.

GERNE ZITIERE ich den Literaturnobelpreisträger Elias Canetti, auf den Bulgarien, England und die Schweiz Anspruch erheben, von den Juden ganz zu schweigen.

In einem seiner Werke behauptet er, dass jede Nation - wie ein menschliches Wesen - ihren eigenen Charakter habe. Er hat es sogar unternommen, den Charakter großer Nationen durch Symbole zu bezeichnen: die Briten sind wie ein Meer-Kapitän, die Deutschen sind wie ein Wald großer, gerade gewachsener Eichen, die Juden wurden vom Auszug aus Ägypten und der Wüstenwanderung geformt. Diese Charakteristika hält er für unveränderlich.

Über einen derartigen Dilettantismus können Berufshistoriker nur lachen. Ich jedoch glaube, dass eine Injektion mit etwas literarischer Einsicht der Geschichtswissenschaft nur guttun kann. Sie vertieft das Verständnis.

ALLES DAS bringt mich zur jüdisch-israelischen Metamorphose.

Israel wurde buchstäblich von der zionistischen Bewegung geschaffen. Es war eine der revolutionärsten der Revolutionen, wenn nicht überhaupt die weitestgehende von allen. Sie erstrebte nicht nur einen Regimewechsel wie Mandela in Südafrika. Und auch nicht nur eine tiefgreifende Gesellschaftsveränderung wie die kommunistischen Bewegungen. Und auch nicht nur einen Kulturwandel wie den Atatürks. Der Zionismus wollte alles das und noch viel mehr vollbringen.

Er wollte eine zerstreute, in alter Zeit geborene religiös-ethnische Gemeinschaft nehmen und sie in eine moderne Nation umwandeln. Er wollte Massen von Einzelnen aus ihren Heimatländern und ihrem natürlichen Habitat herausnehmen und sie physisch in ein anderes Land und in ein anderes Klima versetzen. Er wollte die soziale Stellung eines jeden verändern. Er wollte sie dazu bringen, eine neue Sprache anzunehmen - eine tote Sprache, die wiederbelebt wurde - was noch keinem anderen Volk gelungen war. Er wollte das alles in einem fremden Land vollbringen, das noch dazu von einem anderen Volk bewohnt wurde.

Unter allen revolutionären Bewegungen des 20. Jahrhunderts war der Zionismus der erfolgreichste und dauerhafteste. Kommunismus. Faschismus und Dutzende anderer kamen und gingen. Der Zionismus dauert an.

Aber ist die israelische Gesellschaft wirklich zionistisch, wie sie lauthals und immer wieder behauptet?

DER ZIONISMUS WAR im Grunde eine Rebellion gegen die Diaspora-Existenz der Juden. Auf religiösem Gebiet war es eine Reformation, die tiefer ging als die Martin Luthers.

Alle berühmten jüdischen Rabbiner, sowohl die chassidischen als auch die anti-chassidischen, verurteilten den Zionismus als Häresie. Das Volk Israel war durch seinen absoluten Gehorsam gegen Gottes 613 Gebote vereint und nicht durch irgendwelche "nationalen" Bindungen. Gott hatte jede Massen-Rückkehr in das Land Israel streng verboten, denn Er hatte ja die Juden für ihr sündhaftes Verhalten ins Exil geschickt. Die jüdische Diaspora war also von Gott verursacht und musste bestehen bleiben, bis Er Seine Meinung ändern würde.

Und da kamen die Zionisten daher - meist Atheisten - und wollten die Juden ohne Gottes Erlaubnis in das Land Israel bringen. Damit schafften sie Gott ganz und gar ab. Sie errichteten eine säkulare Gesellschaft. Sie verachteten die Diaspora abgrundtief, besonders die orthodoxen "Ghetto-Juden". Ihr Gründervater Theodor Herzl war der Meinung, dass nach der Gründung des jüdischen Staates, niemand außerhalb dieses Staates noch als Jude zu betrachten sei. Andere Zionisten waren nicht ganz so radikal, aber sie dachten sicherlich ähnlich.

Als ich jung war, gingen viele von uns sogar noch weiter. Wir lehnten die Idee eines "jüdischen" Staates ab und sprachen stattdessen von einem "hebräischen" Staat, der nur lose mit der Judenschaft in der Diaspora verbunden sei. Wir wollten eine neue hebräische Kultur schaffen, im Lande verwurzelt und eng mit der arabischen Welt um uns herum verbunden. Eine asiatische Nation, die sich nicht mit Europa und dem Westen identifizierte.

Wo stehen wir jetzt?

ISRAEL re-judaisiert sich mit schnellen Schritten. Die jüdische Religion feiert ein riesiges Comeback. Sehr bald werden die Kinder der Religiösen verschiedener Schattierungen in den israelischen jüdischen Schulen die Mehrheit sein.

Die organisierte orthodoxe Religion hat sich enorme Übergriffe erlaubt. Die offizielle israelische Definition eines Juden ist ausschließlich religiös. Alle Angelegenheiten des Familienstandes wie Hochzeit und Scheidung unterstehen dem Rabbinat. Ebenso die Speisekarte der meisten Restaurants. Der öffentliche Verkehr auf dem Land und in der Luft wird für den Schabbat unterbrochen. Nicht-orthodoxe jüdische religiöse Richtungen wie die "Reformer" und die "Konservativen" werden faktisch geächtet.

Bei einem Skandal, der Israel im Augenblick erschüttert und in dem es sich um einen kabbalistischen Rabbiner handelt, kam heraus, dass diese wundertätige Person durch den Verkauf von Segenssprüchen und Amuletten ein Vermögen von Hunderten von Millionen Dollars angehäuft hat. Er ist nur einer von vielen solcher Rabbiner. Sie werden von Magnaten, Kabinettsministern, führenden Gangstern und hochgestellten Polizeioffizieren umgeben.

Herzl dreht sich bestimmt im Grabe auf dem Herzl-Berg in Jerusalem um, denn er hat versprochen, "die Rabbiner in ihren Synagogen und die Berufsarmee in ihren Baracken zu halten".

ABER DAS sind noch relativ oberflächliche Symptome. Ich denke an viel tiefer liegende Dinge.

Eine der Grundüberzeugungen der Juden in der Diaspora war: "Die ganze Welt ist gegen uns". Juden sind in vielen Ländern Jahrhunderte hindurch verfolgt worden, bis es schließlich zum Holocaust kam. In der Seder-Zeremonie am Passah-Abend, die alle Juden in der Welt eint, heißt es im heiligen Text: "In jeder Generation stehen sie auf, um uns zu vernichten".

Das offizielle Ziel des Zionismus war es, uns in "ein Volk wie alle anderen Völker" zu verwandeln. Glaubt irgendein normales Volk, dass alle darauf aus sind, es jederzeit zu vernichten?

Eine Grundüberzeugung fast aller jüdischen Israelis ist es, dass "die ganze Welt gegen uns ist"; das ist auch ein recht lustiges Lied. Die USA schließen ein Abkommen mit dem Iran? Europa wendet sich gegen die Siedlungen? Russland unterstützt Baschar al-Assad? Alles Antisemiten.

Die internationalen Proteste gegen unsere Besetzung der palästinensischen Gebiete sind natürlich nur eine weitere Form des Antisemitismus. (Der Ministerpräsident von Kanada, der in dieser Woche Israel besuchte und in der Knesset eine lächerliche Rede hielt, behauptete auch, dass jede Kritik an der israelischen Politik eine Form des Antisemitismus sei.)

Heißt das, dass in Israel, dem selbst ernannten jüdischen Staat, alle alten jüdischen Haltungen, jeder Verdacht, alle Ängste und Mythen wieder in den Vordergrund rücken? Dass das revolutionäre zionistische Konzept verschwindet? Dass sich in den jüdischen Anschauungen nicht besonders viel verändert hat?

Wie die Franzosen sagen: "Je mehr sich die Dinge verändern, umso mehr bleiben sie dieselben."

Oder wie es im Buch Prediger in der Bibel heißt (1,9): "Was geschehen ist, eben das wird hernach sein. Was man getan hat, eben das tut man hernach wieder, und es geschieht nichts Neues unter der Sonne."

Aus dem Englischen von Ingrid von Heiseler

Weblinks:

Veröffentlicht am

25. Januar 2014

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