Lebenshaus Schwäbische Alb - Gemeinschaft für soziale Gerechtigkeit, Frieden und Ökologie e.V.

Ihre Spende ermöglicht unser Engagement

Spendenkonto:
Bank: GLS Bank eG
IBAN:
DE36 4306 0967 8023 3348 00
BIC: GENODEM1GLS



Suche in www.lebenshaus-alb.de
 

Uri Avnery: (Un)heiliger Fluss

Von Uri Avnery, 7. Dezember 2013

JETZT KOMMT John Kerry also zum soundsovielten Mal (wer zählt da schon mit?), um Frieden zwischen uns und den Palästinensern zu schaffen.

Es ist eine höchst lobenswerte Bemühung. Leider gründet sie sich auf eine falsche Prämisse, nämlich die, dass die israelische Regierung einen Frieden will, der sich auf die Zwei-Staaten-Lösung gründet.

Kerry will oder kann diese einfache Wahrheit nicht erkennen und sucht nach einem Ausweg. In der Hoffnung, Benjamin Netanjahu zu überzeugen, versucht er es mit Ansätzen in verschiedenen Richtungen. In seiner Fantasie hört er, wie Netanjahu schließlich ausruft: "Ach, warum bin ich nur nicht schon längst selbst darauf gekommen?!"

Hier kommt er also mit einer neuen Idee: Er will mit Israels Sicherheitsproblemen anfangen und dem Land seine diesbezüglichen Sorgen nehmen.

Er sagt: "Wir wollen jetzt erst einmal nicht über die anderen ‚Kernprobleme’ sprechen, sondern wir wollen Ihre Sorgen betrachten und sehen, wie wir sie entkräften können. Ich habe einen waschechten Kampf-General mit einem wasserdichten Sicherheitsplan mitgebracht. Sehen Sie sich den Plan an!"

Dieser Ansatz gründet sich auf der falschen Prämisse - das Ergebnis der übergeordneten Prämisse -, dass die "Sorgen um die Sicherheit", die die israelische Regierung nennt, echt wären. Kerry drückt den amerikanischen Grundglauben aus, dass vernünftige Leute, die gemeinsam an einem Tisch sitzen und ein Problem analysieren, eine Lösung finden werden.

Es gibt also einen Plan. Der frühere Kommandant im Afghanistankrieg General John Allen legt den Plan auf den Tisch und erklärt seine Vorzüge. Er spricht viele Sorgen an. Das Hauptthema ist, dass Israels Armee darauf besteht, dass Israel - unabhängig von den Grenzen des künftigen Staates Palästina - für sehr lange Zeit die Kontrolle über das Jordantal behalten müsse.

Da das Jordantal etwa 20% des Westjordanlandes ausmacht, die zusammen mit dem Gazastreifen etwa 22% des früheren Landes Palästina ausmachen, ist das ein Blindgänger.

Für unsere Regierung ist das sein Hauptwert.

DER JORDAN ist zwar einer der am meisten gefeierten Flüsse der Weltgeschichte, aber er ist in Wirklichkeit ein ziemlich kleines Flüsschen von 250 Kilometern Länge und einigen Dutzend Metern Breite. Seine Quellen entspringen im Syrischen Hochland (auch Golanhöhen genannt) und er endet unrühmlich im Toten Meer, das in Wirklichkeit ein Binnensee ist. Kein nennenswerter Fluss.

Wie hat er seine gegenwärtige strategische Bedeutung erlangt?

Die folgende Darstellung ist bildlich gemeint, jedoch nicht weit von dem entfernt, was tatsächlich geschehen ist.

Unmittelbar nach dem Krieg im Juni 1967, als alle palästinensischen Landstriche Israel in die Hände gefallen waren, schwärmten Landwirtschaftsexperten im Westjordanland aus, um zu sehen, was ausgebeutet werden könnte.

Der größte Teil des Westjordanlandes besteht aus steinigen Hügeln, die zwar sehr malerisch, aber kaum für moderne Landwirtschaftsmethoden geeignet sind. Jeder Zentimeter bebaubaren Landes wurde von den palästinensischen Dörfern genutzt, mit Terrassenbau und anderen altertümlichen Methoden. Nichts taugte für neue Kibbuzim - außer dem Jordantal.

Dieses Tal gehört zum riesigen syrisch-afrikanischen Graben und ist flach. Es liegt zwischen dem Fluss und dem mittleren palästinensischen Höhenrücken und es hat mehr als genug Wasser. Für das geübte Auge eines Kibbuzniks war es ideal für die Landwirtschaftsmaschinerie. Außerdem war es dünn besiedelt.

Fast alle wichtigen Führer damals kamen aus der Landwirtschaft. Der Ministerpräsident Levy Eschkol war viele Jahre lang, noch vor der Errichtung des Staates Israel, für die jüdische Besiedlung verantwortlich. Verteidigungsminister Moshe Dayan wurde in einem Kibbuz geboren und wuchs in einem Moschaw (kooperativen Dorf) auf. Der Arbeitsminister Jigal Allon war nicht nur ein bekannter General des 1948er Krieges, sondern er war auch ein Führer der größten Kibbuz-Bewegung. Sein Mentor Israel Galili war ebenfalls ein Kibbuz-Führer und die graue Eminenz von Golda Meir.

ALLON war es denn auch, der den militärischen Vorwand dafür lieferte, dass das Jordantal in israelischem Besitz bleiben müsse. Er ersann einen Sicherheitsplan für das Israel nach 1967. Dessen Kernelement war die Annektierung des Tales.

Dieser "Allon-Plan" hatte und hat immer noch starken Einfluss auf das politische Denken in Israel. Die israelische Regierung hat den Plan niemals offiziell angenommen und es gibt auch keine autorisierte Karte des Plans. Jedoch wurde ohne Ende darüber geredet.

Der Allon-Plan sieht die Annektierung des gesamten Jordantals, des Ufers des Toten Meeres und des Gazastreifens vor. Damit der Rest des Westjordanlandes nicht vom Haschemitischen Königreich Jordanien (ebenfalls nach dem Fluss genannt) abgeschnitten würde, ließ der Plan in der Nähe von Jericho einen Korridor zwischen den beiden Gebieten frei.

Allgemein nahm man an, dass Allon das Westjordanland dem Königreich zurückgeben wollte. Aber darum kümmerte er sich nicht weiter. Als ich ihm vom Podium der Knesset aus vorwarf, er wolle die Errichtung des palästinensischen Staates hintertreiben, schickte er mir eine Notiz, in der es hieß: "Ich bin zu einem palästinensischen Staat im Westjordanland bereit. Warum sollte ich also weniger eine Taube sein als du?"

DIE MILITÄRISCHE Begründung des Allon-Plans war - jedenfalls damals - nicht vollkommen lächerlich.

Man muss sich die Situation von - sagen wir einmal - 1968 vorstellen. Das Königreich Jordanien war offiziell ein "feindliches Land". Allerdings gab es immer ein geheimes Bündnis mit seinen Königen. Der Irak war ein starker Staat und seine Armee bei unserem Militär hochangesehen. Syrien war im Krieg von 1967 geschlagen worden, aber seine Armee war noch intakt. Saudi-Arabien mit seinem Wirtschaftsreichtum stand hinter Syrien. (Wer hätte sich damals auch nur vorstellen können, dass die Saudis eines Tages unsere Verbündeten gegen den Iran werden würden?)

Der Albtraum des israelischen Militärs war, dass alle diese Militärkräfte plötzlich auf jordanischem Boden zusammenkommen und Israel angreifen, den Fluss überschreiten, sich mit den Palästinensern des Westjordanlandes vereinigen und in das eigentliche Israel einmarschieren könnten. An einer bestimmten Stelle, nämlich zwischen der Stadt Tulkarm im Westjordanland und dem Mittelmeer, ist Israel nur 14 (in Worten: vierzehn) Kilometer breit.

Das war vor 55 Jahren. Heute ist diese Vorstellung tatsächlich lächerlich. Die einzige mögliche Bedrohung, der Israel ausgesetzt ist, kommt vom Iran. Dazu gehört kein Angriff durch Bodentruppen. Wenn die iranischen Raketen auf uns losgeflogen kämen, wären die israelischen Soldaten am Jordan lediglich Zuschauer. Es gäbe aber nichts, was sie sich ansehen könnten. Der Angriff würde längst abgewehrt, ehe die Raketen näherkämen.

Was Warnstationen angeht: Sie könnten in meiner Wohnung in Tel Aviv platziert werden. Die etwa 100 Kilometer zwischen hier und dem Jordan würden keine Rolle spielen.

Dasselbe gilt für weitere "Sicherheits-Sorgen", z. B. das Beibehalten von Warnstationen im Westjordanland.

Der amerikanische General wird höflich zuhören und Mühe haben, nicht laut loszulachen.

HEUTE IST das Jordantal so gut wie araberfrei. Von Zeit zu Zeit werden die wenig übrig gebliebenen Palästinenser von der Armee schikaniert, um sie zu überzeugen, dass sie abhauen sollen.

Im Tal gibt es einige jüdische Siedlungen, die von der Arbeitspartei errichtet wurden, als sie noch an der Macht war. Die Bewohner beschäftigen keine Arbeitskräfte aus den benachbarten palästinensischen Dörfern, sonder billigere und tüchtigere Arbeiter aus Thailand. Das sehr heiße Klima - das ganze Tal liegt unter dem Meeresspiegel - ermöglicht den Anbau tropischer Früchte.

Das einzig übrig gebliebene palästinensische Stadtgebiet ist Jericho, eine grüne Oase, die am niedrigsten gelegene Stadt der Erde. Der palästinensische Chefunterhändler Sa’eb Erekat lebt dort (obwohl sein Vater 1948 der Führer der palästinensischen Kämpfer von Abu Dis war, das jetzt ein Vorort des annektierten Ostjerusalems ist). Manchmal treffen sich die Teilnehmer an Kerrys "Friedensverhandlungen" dort. Erekat ist ein freundlicher Mensch und ich habe ihn bei Demonstrationen kennengelernt. Er hat jetzt resigniert und denkt an Rückzug.

NEHMEN WIR einmal für einen Augenblick an, der General würde Netanjahu davon überzeugen, dass sein Sicherheitsplan wunderbar sei und alle militärischen Probleme lösen würde. Was würde das bewirken?

Überhaupt nichts.

An die Stelle von Sicherheitssorgen würden sofort andere "Sorgen" in den Vordergrund rücken. Davon gibt es einen unerschöpflichen Vorrat.

Dasselbe gilt für die andere Geschichte, die in diesen Tagen Israels Zeitungen und Fernsehprogramme füllt: die Vertreibung der Beduinen aus dem Negev.

Die Beduinen bewohnen die Sinai-Negev-Wüste seit undenklichen Zeiten. Schon altägyptische Steinmalereien zeigen ihre charakteristischen Bärte (einen ebensolchen Bart brachte ich aus dem Krieg von 1948 mit nach Hause, nachdem ich im Negev gekämpft hatte).

Während der ersten Jahre des Staates Israel wurden ganze Beduinenstämme verdrängt und vertrieben. Die Vorwände dafür klingen unheimlich vertraut: um einen ägyptischen Angriff aus dem Süden zu verhindern.

Der wahre Grund war natürlich, man wollte sie loswerden und durch jüdische Siedler ersetzen. US-Büffelhäute wird das an die Behandlung der Ureinwohner Amerikas erinnern. Die Armee (unsere Armee) führte einige Großoperationen durch, aber die Beduinen vermehren sich erschreckend stark und jetzt sind sie schon wieder eine Viertelmillion.

Da sie Beduinen sind, verteilen sie sich mit ihren Ziegen über weite Gebiete. Die Regierung versucht (wieder) sie zu vertreiben. Die Bürokraten wollen den Negev "judaisieren" (während sie gleichzeitig versuchen, Galiläa zu "judaisieren"). Aber sie stehen auch dem Gedanken feindlich gegenüber, dass eine relativ kleine Anzahl Menschen so viel Land beansprucht, auch wenn es unfruchtbares Land ist.

Planer in Jerusalem und Tel Aviv zeichnen alle möglichen Pläne, um die Beduinen in Kleinstädten zu konzentrieren, was im Gegensatz zu ihrer traditionellen Lebensweise steht. Auf dem Papier sehen die Pläne vernünftig aus. In Wirklichkeit aber sind sie dazu gedacht, dasselbe zu erreichen wie die Pläne für das Jordantal: den Arabern Land wegzunehmen und es jüdischen Siedlern zu übergeben.

Man mag das nun zionistisch, nationalistisch oder rassistisch nennen, jedenfalls ist es wohl kaum dem Frieden förderlich. Darum sollte es sowohl John Kerrys als auch John Allens Besorgnis erregen.

 

Aus dem Englischen von Ingrid von Heiseler

Weblinks:

Veröffentlicht am

06. Dezember 2013

Artikel ausdrucken

Weitere Artikel auf der Lebenshaus-WebSite zum Thema bzw. von