Lebenshaus Schwäbische Alb - Gemeinschaft für soziale Gerechtigkeit, Frieden und Ökologie e.V.

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20 Jahre aktiv für soziale Gerechtigkeit, Frieden und Ökologie: Lebenshaus Schwäbische Alb

Vortrag zur Eröffnung der Tagung des Lebenshauses Schwäbische Alb "’We shall overcome!’. Gewaltfrei für die Vision einer Welt ohne Gewalt und Unrecht. Drei biographische Zugänge" am 19.10.2013 in Gammertingen.

Von Michael Schmid und Katrin Warnatzsch

Zu den Rahmenbedingungen des Projektes gehört es, dass wir uns hier in einer stark konservativen Region befinden. Baden-Württemberg ist ja politisch ohnehin stark bürgerlich-konservativ geprägt, aber hier in dieser ländlichen Region ist das alles noch deutlich zugespitzter. So hat die CDU hier in Gammertingen jetzt bei der Bundestagswahl 54,9 Prozent der Zweitstimmen erhalten.

In den vergangenen Jahrzehnten war dies auch nicht viel anders - im Gegenteil, die CDU war noch dominanter. Beispielsweise hatte sie bei der Landtagswahl 1980 hier im Wahlkreis Sigmaringen 72% der Stimmen und die Enttäuschung war in dieser Partei groß, als es bei der Landtagswahl 1984 nicht gelang, dieses Ergebnis noch auszubauen, sondern nur noch "bescheidene" 69% der Stimmen erzielt wurden.

Den Zeitraum Anfang der 80er Jahre sprechen wir auch deshalb an, weil es ab da, genauer ab 1981in Gammertingen so etwas wie organisierte Friedensarbeit gab. Wir möchten kurz auf diese Zeit eingehen, denn das gehört zur Vorgeschichte des später entstandenen Lebenshauses.

1981 - viele der hier anwesenden werden sich erinnern - war das Jahr, als die Friedensbewegung zu dem wurde, was damals als "neue Friedensbewegung" bezeichnet wurde. Landauf, landab fingen immer mehr Menschen an, sich gegen die geplante Stationierung neuer atomarer Mittelstreckenraketen zu engagieren.

Im Juni 1981 gründeten wir hier in Gammertingen eine Ortsgruppe der Deutschen Friedensgesellschaft - Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen (DFG-VK).

Ganz schnell machten wir dann die Erfahrung, was das hieß, sich in dieser Region gegen eine atomare Aufrüstung auszusprechen und für "Frieden schaffen ohne Waffen" einzutreten. Unsere Region ist relativ dünn besiedelt, dafür mit viel Militär bestückt. Truppenbewegungen auf den Straßen und der Terror von Tieffliegern in der Luft gehörten damals zum Alltag. Dazu Atomraketen gleich an zwei Standorten in unserer unmittelbaren Umgebung. Da dies angeblich alles nur unserer Sicherheit diente, stand das Militär bei einer Bevölkerungsmehrheit zweifelsohne hoch im Kurs. Zumal das Militär auch noch als wichtiger Wirtschaftsfaktor in dieser strukturschwachen Region angesehen wurde.

Zum allgemeinen Erschrecken traten nun plötzlich wir Pazifisten in Erscheinung. Welche Bedrohung! "Da könnte es glatt zu Krawallen kommen", so begründete der Besitzer des altehrwürdigen Hotels Kreuz eine Absage, als wir wegen einem Raum für eine öffentliche Veranstaltung nachfragten. Und überhaupt sei er es dem guten Ruf seines Hauses schuldig, uns nicht rein zu lassen.

In zwei andere Gaststätten durften wir anfangs mit Veranstaltungen rein, dann nicht mehr. Begründung: Stammgäste hätten gedroht: "Die oder wir!" Öffentliche Räumlichkeiten bekamen wir ebenfalls keine für Veranstaltungen.

Auch beim damaligen evangelischen Pfarrer in Gammertingen haben wir angefragt, ob wir unsere Gruppentreffen und Veranstaltungen im evangelischen Gemeindehaus machen dürfen. Er war dafür, musste aber den Kirchengemeinderat befragen. Das Abstimmungsergebnis fiel dann ziemlich eindeutig aus. Oder vielleicht doch nicht so eindeutig?

Zwischenzeitlich hatten sich verschiedene lokale Wortführer aus Kirchen und Politik zu Krisengipfeln getroffen um zu beraten, wie der Gefahr angemessen zu begegnen sei.

Und so blieb dafür dann auf Jahre für unsere Veranstaltungen einzig und allein die Gaststätte "Bürgerstüble" übrig. Aber auch dort standen die Zeichen alles andere als auf "Herzlich Willkommen".

Es gab aber auch viele Menschen - in erster Linie Zugezogene -, die zumindest zeitweise bereit waren, sich zu engagieren, zu Veranstaltungen zu kommen oder an Aktionen teilzunehmen, die wir in großer Zahl vor Ort gemacht haben. Neben vielem anderen organisierten wir auch mehrere dreitägige Ostermärsche.

Und an auswärtigen Demonstrationen und Aktionen nahmen viele Menschen teil. So fuhren dann zur ersten ganz großen Demonstration der bundesdeutschen Friedensbewegung im Oktober 1981 in Bonn dann immerhin zwei Omnibusse aus Gammertingen. Zur Menschenkette Stuttgart - Neu-Ulm ebenfalls.

Im Lauf der Jahre schwächte sich dieses Interesse wieder ab, die friedenspolitisch Aktiven wurden weniger. Das änderte sich unmittelbar vor und während des Golfkriegs von 1991. Sieben Wochen lang tägliche Mahnwachen in Gammertingen mit bis zu 200 Menschen, das war schon sagenhaft.

Wir bildeten dann ein "Friedensnetz Gammertingen", das zahlreiche Aktivitäten umsetzte. Und aus diesem Friedensnetz heraus wiederum entstand die Initiative, die schließlich dazu führte, dass am 20. Juni 1993 der Verein "Lebenshaus Schwäbische Alb - Gemeinschaft für soziale Gerechtigkeit, Frieden und Ökologie e.V." von 30 Menschen gegründet wurde - in diesem Gemeindehaus übrigens.

Motive und Ziele für Lebenshaus-Gründung

In die Lebenshaus-Gründung sind verschiedene Motive und konkrete Erfahrungen eingeflossen.

Wichtige Impulse gingen für uns damals auch von dem seit 1987 bestehenden Lebenshaus Trossingen aus, das für uns sowohl Herausforderung als auch Ermutigung war. Wichtig war ebenfalls z.B. die Aktion "Den Krieg überleben", bei der Wohnraum und die Bereitschaft zur Aufnahme von Kriegsflüchtlingen aus Bosnien gesucht wurden. Wir wollten gerne solchen Wohnraum zur Verfügung stellen können, für Flüchtlinge und andere Menschen in schwieriger Lebenslage.

Formal gesehen hat sich ein kleiner Verein entwickelt, der derzeit 94 Mitglieder und Fördermitglieder hat. Manche davon leben in Gammertingen und näherer Umgebung, andere aber zum Teil weit weg, irgendwo in Deutschland. Vor Ort wird die aktive Arbeit nur von wenigen Menschen gemacht und dies fast überwiegend ehrenamtlich. Außer den Mitgliedern gibt es noch einen großen Kreis von Menschen, die das Projekt unterstützen.

Lebenshaus Schwäbische Alb ist also eine kleine, politisch unabhängige Organisation. Sie tritt für eine weltweite friedliche, sozial nachhaltige und umweltverträgliche Entwicklung ein, mit dem Ziel internationale Gesinnung, Toleranz, Völkerverständigung, Demokratie und den Schutz der Umwelt zu fördern. Zudem unterstützen wir Menschen, die politisch oder rassisch verfolgt werden, Flüchtlinge und andere Migranten sowie Menschen, die sich in einer Übergangs- oder Krisensituation befinden.

Wahrgenommene Aufgaben

Ein zentral wichtiges Anliegen ist es uns also, uns solidarisch zu verhalten gegenüber Menschen, denen es nicht so gut geht, die am Rande stehen, Ausgegrenzte, Überflüssig-Gemachte, Flüchtlinge, Arme, Kranke, Fremde.

Unser Verein hat zu diesem Zweck bereits 1994 ein eigenes Gebäude in Gammertingen erworben. Dies wurde möglich dank der Unterstützung zahlreicher Menschen, die uns mit Spenden und zinslosen Darlehen dabei helfen.

In der Hausgemeinschaft des Lebenshauses können u.a. Menschen zeitlich befristet mit leben, die sich in einer schwierigen, krisenhaften Lebenssituation befinden, um ihr Leben neu zu ordnen, sich zu erholen und sich in der Auseinandersetzung mit anderen neue Anregungen zu holen.

In den vergangenen 17 Jahren haben nahezu 200 Menschen das Angebot des Mitlebens wahrgenommen.

Martin Luther King, ein großes Vorbild für uns, hat in seinen Reden immer wieder folgendes gesagt:

"Wir sind aufgerufen, den guten Samariter am Straßenrand des Lebens zu spielen; aber das wird nur das Vorspiel sein. Eines Tages muss die ganze Straße von Jericho so umgewandelt werden, dass die Menschen auf ihrer Lebensreise nicht mehr geschlagen und beraubt werden. Echtes Mitleid bedeutet mehr, als einem Bettler eine Münze hinzuwerfen; es ist das Verständnis dafür, dass ein Haus, das Menschen zu Bettlern macht, umgebaut werden muss."

In diesem Sinne versuchen wir einerseits, einzelne Menschen, die sich in einer schwierigen Lebenssituation befinden, ganz konkret zu unterstützen. Andererseits engagieren wir uns aber gemeinsam mit vielen anderen Menschen und Gruppen, um Strukturen, welche Leid, Elend, Unrecht und Unfrieden hervorrufen, möglichst zu überwinden.

Dieser Zielsetzung dient unsere Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit in Form von Veranstaltungen und Aktionen zu verschiedenen Themen.

Unser Internetportal hat für unsere Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit eine zentrale Bedeutung erlangt. Insgesamt befinden sich dort inzwischen mehrere tausend Artikel. Täglich kommen neue hinzu. Die jährlichen Besucherzahlen bewegen sich zwischen 250.000 und 500.000. Insgesamt wollen wir mit unserer Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit zur Bewusstseinsbildung beitragen und zum eigenen Handeln ermutigen.

Natürlich war uns im Gründungsjahr 1993 aufgrund unserer langjährigen Vorerfahrungen mit Friedensarbeit und mit alternativer Politik in dieser Region durchaus bewusst, dass wir hier einen Weg der Minderheit beschreiten müssten, der auch sehr schwierige Seiten aufweisen kann.

Und es gab dann in der Tat stürmische Angriffe gegen unseren Verein, die zum Teil auf das Ende des Projektes zielten. Davon zeugen unter anderem immerhin 14 Gerichtsverfahren, die unserem Verein aufgezwungen wurden, sowie einige öffentliche Diffamierungskampagnen. Selbst eine Hausdurchsuchung durften wir schon miterleben.

Idee zur Tagung

20 Jahre Lebenshaus Schwäbische Alb - es gab auf diesem Weg viel Positives, Gelungenes…

Es gab, wie angedeutet, aber auch große Probleme. Bei deren Bewältigung waren die vielfältigen Beziehungen und Vernetzungen mit ähnlich engagierten Menschen und Gruppen wichtig. Dieses Netzwerk, von dem wir zum Teil direkte Unterstützung und Solidarität erfahren, macht Mut und hilft uns sehr.

Diese Organisationen, Netzwerke und sozialen Bewegungen in Deutschland und weltweit wiederum werden oft genug von Menschen ins Leben gerufen und am Leben erhalten, die bereit sind, gegen den Strom zu schwimmen. Das ist gewiss nicht immer einfach. Manche dieser Aktivistinnen und Aktivisten haben sich eine Haltung der Gewaltfreiheit zur Lebensaufgabe gemacht. Sie geben uns und anderen Hoffnung und machen Mut zum weiteren Engagement.

Solche Menschen im Rahmen einer Tagung hier bei uns zu Wort kommen zu lassen und uns mit ihnen auszutauschen, das war der leitende Gedanke, der zu dieser heutigen Veranstaltung geführt hat.

"Erfolgsbilanz"

Bevor wir mit Wiltrud Rösch-Metzler, Wolfgang Sternstein und Ullrich Hahn drei seit Jahrzehnten engagierte Menschen zu Wort kommen lassen, möchten wir noch auf die Frage nach unseren Erfolgen eingehen, die immer wieder mal gestellt wird.

Wir selber möchten uns bei unserem Engagement nicht von Erfolgen abhängig machen. Aber für diejenigen, denen die Erfolge wichtig sind, können wir eine kleine Erfolgsbilanz darüber aufmachen, was sich alles verändert hat, wenn wir die Jahrzehnte Revue passieren lassen, seit wir hier in unserer Region an Friedensarbeit beteiligt sind. Wenn wir das noch kurz sagen dürfen: Manches, von dem, was jetzt folgt, sollte nicht ganz wörtlich genommen werden.

  • Da wäre die Atomraketenstellung Inneringen, gerade mal 8 km hier von Gammertingen entfernt - wo die US-Army ständig 9 Pershing 1A-Atomraketen in Alarmbereitschaft hielt, d.h. sie hätten innerhalb weniger Minuten abgeschossen und damit Massenmord betrieben werden können (die Atomsprengköpfe hatten jeweils die 5- bis 33-fache Wirkung der Hiroshima-Bombe).

Im Frühjahr 1983 haben wir dort im Rahmen eines Ostermarsches erstmals eine Demonstration mit 400 Menschen durchgeführt und dann noch eine sehr gut besuchte Informationsveranstaltung mit einem Tübinger Arzt. Wir waren dabei, eine längerfristige Kampagne zu planen. Doch der Erfolg der beiden Veranstaltungen war durchschlagend: Im Sommer 1983 hat die US-Armee ganz unvermittelt ihre Atomraketen eingepackt und ist praktisch über Nacht mit Sack und Pack verschwunden.

Für den Abzug der Atomraketen, der Lance-Kurzstreckenraketen von der Haid bei Großengstingen und der Schließung der dortigen Kaserne - 13 km von hier entfernt - war der Aufwand etwas größer: Es hat schon rund ein Jahrzehnt der Ostermärsche, Sitzblockaden und anderer Aktionen gebraucht - viele Festnahmen von Demonstranten durch die Polizei, hunderte von Gerichtsverfahren, Geldstrafen und bei manchen gar Gefängnisaufenthalte - bevor es dann soweit war. Aber immerhin, auch dort ist das Militär weg und mit ihnen die Atomraketen.

  • Weniger aufwendig war für uns, den Tiefflugterror über Gammertingen abzustellen. insgesamt reichten drei Unterschriftenaktionen gegen Tiefflüge in den Jahren 1985, 1990 und 1991 mit jeweils vielen hundert Unterschriften - und schon war Ruhe am Himmel!
  • Und noch weniger mussten wir im Grunde tun, damit die Graf-Stauffenberg-Kaserne in Sigmaringen geschlossen wird.
    Die Stadt Gammertingen ist im Jahr 2009 relativ unbeachtet eine "Patenschaft" mit einer Bundeswehreinheit des Standortes Sigmaringen eingegangen. "5000 km bis Kabul: Patenschaftskompanie schickt Soldaten in Auslandseinsatz". So war im Mai 2010 ein ganzseitiger Artikel auf der Titelseite im "Amtsblatt der Stadt Gammertingen" überschrieben. Berichtet wurde über einen öffentlichen "Verabschiedungsappell" in der Kreisstadt Sigmaringen, bei dem auch Soldaten der "Patenschaftskompanie" der Stadt Gammertingen in den Kriegseinsatz nach Afghanistan geschickt wurden. Dabei wurde die enge Verbundenheit zwischen der Stadt Gammertingen und der Bundeswehr betont.

    Es reichte dann aus, einen "Offenen Brief" an den Gammertinger Bürgermeister mit der Forderung zu verfassen, die "Patenschaft" mit der Bundeswehreinheit wieder aufzugeben, eine Unterschriftensammlung durchzuführen, ein paar Gehässigkeiten zu erdulden und dann noch eine Hausdurchsuchung über uns ergehen zu lassen - und schon hat unser Kriegsminister beschlossen, den Bundeswehrstandort Sigmaringen dicht zu machen. Denn Unruhe an der "Heimatfront", das ist so ziemlich das Letzte, was er brauchen kann, wenn er weltweite Kriegseinsätze führen möchte.

Insgesamt sieht unsere "Erfolgsbilanz" doch gut aus. Und anhand meiner Ausführungen könnt ihr sehen: Es lohnt sich, sich für Frieden und Gerechtigkeit und den Erhalt unserer natürlichen Mitwelt zu engagieren! Und wenn viele mitmachen, dann werden wir eines Tages das Militär überwinden und eine andere Welt schaffen! "We shall overcome!"

Weblinks:

Veröffentlicht am

08. November 2013

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