Lebenshaus Schwäbische Alb - Gemeinschaft für soziale Gerechtigkeit, Frieden und Ökologie e.V.

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“Suchet der Stadt Bestes - Der prophetische Auftrag der Kirche”

Von Ullrich Hahn Vortrag bei der Internationalen Konferenz von Church and Peace, dem europäischen Netzwerk christlicher Gemeinschaften, Kirchen und Friedensorganisationen, die vom 31.5. bis 2.6.2013 bei der Communität Christusbruder Selbitz stattfand

1. Die Stadt

Zur Zeit der babylonischen Gefangenschaft eines Teils der israelischen Bevölkerung war Babylon nicht nur der Name einer Stadt, sondern auch des damals großen und mächtigen Reiches Nebukadnezars.

In seinem Brief an die verschleppten Israeliten legt ihnen der Prophet Jeremia ausdrücklich nicht die Suche nach dem "Besten des staatlichen Reiches" sondern dem der Stadt ans Herz.

Der Staat war damals wie heute geprägt von Gewaltverhältnissen. Der deutsche Soziologe Max Weber definierte ihn 1919 als "diejenige Gemeinschaft, welche das Monopol legitimer physischer Gewaltsamkeit für sich mit Erfolg beansprucht."

Konstitutiv für jeden Staat ist die Staatsgewalt nach innen (Polizei) und nach außen (Militär). Seine Grenzen sind in der Regel nicht Ergebnis natürlicher Entwicklung oder Ausdruck eines gelungenen Konsensus der links und rechts der Grenze lebenden Bevölkerung, sondern Folge von Kriegen und militärischer Macht.

Die Stadt dagegen ist der Ort des Zusammenlebens von Menschen und über den zumeist mit der Stadt verbundenen Markt auch ein Ort der friedlichen Begegnung mit Menschen von außerhalb.

Die Ordnung innerhalb der Stadt muss nicht, aber sie kann geprägt sein von der gemeinsamen Verwaltung der Sachen und nicht von der Herrschaft über Menschen.

Im Mittelalter galt der Spruch "Stadtluft macht frei", denn die Leibeigenschaft der meisten Menschen auf dem Land hatte dort ihre Grenze. Bis heute bezieht sich der Grundsatz der Selbstverwaltung auf Städte und Gemeinden. Bismarcks Bemerkung, mit der Bergpredigt könne man keinen Staat machen, gilt nicht für die Stadt.

Für Jesus ist die "Stadt auf dem Berg" geradezu das Sinnbild einer gelungenen Sozialstruktur.

Zwar gibt es in unseren real existierenden Städten auch Unrecht, die Spaltung von Arm und Reich und die damit verbundene Herrschaft über Menschen. Aber im Gegensatz zum Staat ist die Stadt von ihrer Struktur her offen für ein gewaltfreies und gerechtes Zusammenleben ihrer Einwohner.

Deshalb ist sie auch anschlussfähig für die Mitwirkung des Gottesvolkes bei der gemeinsamen Suche nach dem, was das Beste für die Stadt ist. Dies dürfte sein: die Bereitstellung der Grundbedingungen für das Leben der Menschen in ihr, die Herstellung von Gerechtigkeit auch für die geringsten der Mitbürger, eine einvernehmliche Ordnung für das friedliche Zusammenleben aller.

2. Die Kirche

Die Aufforderung des Propheten richtete sich damals an das Volk Gottes im fremden Land, für uns heute an die Kirche in der Welt.

Kirche verstehe ich im ursprünglichen Sinn als ecclesia, die Versammlung von Christen. Ihre Größe ist keine Bedingung für die Gegenwart des Geistes. Jesus sprach von "zwei oder drei, die in seinem Namen versammelt sind" und Simone Weil fügt hinzu: "Er sprach nicht von 20 und 30, auch nicht von 200 und 300, sondern von zwei oder drei."

Zumindest die Anfänge können klein sein wie der Same, der zum Baum werden soll. Entscheidend ist, dass es der Versammlung darum geht, Gottes Willen zu tun im Hier und Jetzt.

Es genügt nicht, das richtige Bekenntnis zu haben ("Herr, Herr, zu sagen"). In seiner Endzeitrede zählt Jesus auch oder vielleicht sogar nur diejenigen zum Gottesvolk, die Barmherzigkeit üben unabhängig davon, ob sie überhaupt etwas von Gott wissen wollen.

Wenn sich Kirche nun nicht nur als Versammlung von Menschen versteht, die zur Mitwirkung in der Welt aufgerufen sind, sondern darüber hinaus auch ein prophetisches Amt wahrnehmen soll, dann bedarf sie zunächst der Voraussetzungen, die den Propheten zu eigen waren. Dazu gehört

a. die Freiheit von jeder Art staatlicher Gewalt.

Die Propheten des Alten Testaments traten auf als Kritiker und gegenüber der staatlichen Macht. Die Propheten am Hof der Könige, die deren Macht legitimierten, werden in der Bibel als "falsche Propheten" bezeichnet.

b. die Freiheit von wirtschaftlicher Macht.

Soweit wir wissen, gehörten die Propheten nicht zur reichen Oberschicht ihrer Gesellschaft. An den Privilegien der Reichen und Mächtigen hatten sie keinen Anteil.

In unserer Zeit geschieht Herrschaft über und Ausbeutung von Menschen zumeist mehr in den Strukturen der Wirtschaft als durch den Staat.

Wo die Kirchen als Kapitalanleger von milliardenschweren Rücklagen am Finanzmarkt beteiligt sind, fehlt ihnen auch dadurch die nötige Unbefangenheit für ein kritisches Gegenüber zur Welt.

3. Der prophetische Auftrag

Der Auftrag der Propheten war einerseits immer auf eine konkrete Situation bezogen.

Andererseits lassen sich Gemeinsamkeiten der prophetischen Anliegen feststellen:

a. Die Wahrheit

Propheten sagen was Sache ist. Sie sprechen unangenehme Wahrheiten aus, Sachverhalte, die vielen bekannt sind, aber doch kaum einer laut zu sagen wagt und die deshalb kollektiv verdrängt werden.

Der Prophet übernimmt die Rolle des Kindes, das da ruft, "Der Kaiser ist ja nackt".

Auf unsere Gegenwart bezogen könnte er daran erinnern, dass Zinsen kein himmlisches Geschenk sind und großer Reichtum mehr auf fremder als auf eigener Arbeit beruht.

Er könnte die tödlichen Folgen struktureller Gewalt anklagen in den Hungergebieten dieser Welt und auch im Mittelmeer ("Wir lassen sie verhungern und ertrinken"), während unter dem Vorwand der Verantwortung weltweit Waffen produziert und neue Kriege geführt werden.

b. Das Recht

Zusammen mit der Wahrheit über das verdeckte und verdrängte Unrecht erinnert der Prophet an das Recht.

Gerade am Beispiel der alttestamentlichen Propheten wird deutlich, dass das Recht seit alters her die Funktion hatte und hat, die Macht in ihre Schranken zu weisen.

In seiner reinen Form tritt das Recht ohnmächtig der Macht entgegen und bedient sich selbst keiner Gewalt.

Vom gewaltlosen Gottesknecht heißt es: "In Treue trägt er das Recht hinaus" (Jes. 42,3).

Wo sich anders das Recht der Macht bzw. der Staatsgewalt bedient oder die Gewalt unter dem Mantel des Rechts auftritt, gewinnt am Ende der Stärkere und nicht - jedenfalls nicht unbedingt - das Recht.

c. Der Widerstand

Aus dem Widerspruch des Rechts gegen das vorhandene Unrecht folgt zugleich die Bereitschaft zum Widerstand, zumindest in Form der Nichtzusammenarbeit mit dem Unrecht. Das bedeutet im Falle staatlichen Unrechts den Ungehorsam gegen ungerechte Gesetze und Anweisungen.

Gott ist immer mehr zu gehorchen als den Menschen, und das gilt auch im Verhältnis zur staatlichen oder kommunalen Obrigkeit.

Eine ganz andere Frage ist, ob sich ein Christ selbst an der Obrigkeit beteiligen soll. Dies scheint mir zumindest dort ausgeschlossen, wo die Obrigkeit als Teil der Staatsgewalt tätig wird, sei es in einem Vollzugsorgan (Militär oder Polizei) oder in ihrer indirekten Ausführung, der Bürokratie.

Christen haben keinen biblischen Auftrag zur Übernahme und Ausübung von Staatsgewalt.

Für die meist gut bezahlten Posten in den Parlamenten, der Verwaltung und Justiz finden sich genügend andere Bewerber. Christliche Herrscher waren in der Regel nicht besser als ihre unchristlichen Konkurrenten. Folter, Leibeigenschaft und andere Formen der Unterdrückung wurden zumeist unter aufgeklärten Königen überwunden, nicht unter den christlichen Herrschern.

d. Das Modell der Gemeinschaft

Zum prophetischen Auftrag gehörte und gehört schließlich, das angebrochene Reich Gottes im Modell einer im Verhältnis zur Gesellschaft alternativen Gemeinschaft sichtbar und erlebbar zu machen.

Im geordneten Nebeneinander der Gesellschaft gilt das Recht des Vertrages - do ut des: Ich gebe nur, wenn und soweit du mir auch gibst.

In der Gemeinschaft, dem gewachsenen Miteinander, gilt, dass jeder gibt, was er/sie kann und erhält, was er/sie braucht, ohne dass eine Verrechnung stattfindet. Wir erleben diese Art von Gemeinschaft zwar heute meist nur noch im Binnenraum der Kleinfamilie. Sie ist aber auch das von Gott gewollte Ordnungselement der "Stadt auf dem Berg", die auf der Freiwilligkeit aller Glieder beruht (nicht auf vertraglichen oder sonstigen Verpflichtungen), deren Ordnung die Liebe ist (und nicht das Gesetz), deren gelebte prophetische Botschaft die des angebrochenen Gottesreiches ist (und nicht einer noch so demokratisch organisierten Gesellschaft).

Wann und wo diese Gemeinschaft erfolgreich gelingt, wissen wir nicht. An uns liegt es, mit ihr zu beginnen.

Fußnoten

Veröffentlicht am

13. Juni 2013

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