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Die Welt als Kings Klassenraum

Von Ken Butigan, 30. August 2013

Mitten in der Hochspannung der Bürgerrechtsbewegung fand Martin Luther King 1962 trotz seinem überfüllten Terminplan die Zeit, einen Semesterkurs in Sozialphilosophie am Morehouse College Das Morehouse College ist ein privates Männer-College in Atlanta, Georgia, das zur Zeit der Rassentrennung nur von Afroamerikanern besucht werden durfte, und zählt zu den Historischen afroamerikanischen Colleges und Hochschulen. 1867 gegründet zur Ausbildung afroamerikanischer Männer für das geistliche Amt und als Lehrer. (Wikipedia) Siehe ebenfalls:  Morehouse College bei Martin Luther King, Jr., Research and Education Institute. in Atlanta zu geben. Das war der erste und einzige College-Kurs, den er je gegeben hat. Eine vor Kurzem geschriebene Geschichte über diese kurze Lehrtätigkeit zeigt eine Seite Kings, der selten viel Aufmerksamkeit zugewendet wird.

Da wir diese Woche den fünfzigsten Jahrestag des Marsches auf Washington feiern, hat sich das Rampenlicht der Medien, wie zu erwarten war, auf die Kraft und eindrucksvollen rhetorischen Höhen von Kings "I Have a Dream"-Rede konzentriert. Die Studenten im Morehouse College erlebten ein Jahr vor dem Marsch jedoch einen anderen King: einen, der uns heute ebenso viel zu lehren hat wie durch die zündenden Reden, die er vor einem halben Jahrhundert in Montgomery, Birmingham und am Lincoln Memorial in Washington gehalten hat.

King gab den Morehouse-Kurs, nachdem er von Montgomery nach Atlanta zurückgezogen war, um dort Ko-Pastor in der Ebenezer Baptist Church zu werden. Er war im ganzen Land als Sprecher des erfolgreichen Montgomery-Busboykotts in der Mitte der 1950er Jahre bekannt, aber noch hatte er nicht die epochemachende Birmingham-Kampagne geleitet, den Nobelpreis bekommen und auf der National Mall im Park im Zentrum von Washington vor 250.000 Menschen eine Rede gehalten. Als King unterrichtete, war er noch keine internationale Ikone für Bürger- und Menschenrechte und sein Ruhm erreichte noch nicht den eines Rockstars.

Die wenigen, die an diesem Kurs teilnahmen, berichten heute übereinstimmend, dass Kings Lehrweise sachlich war und sich darauf richtete, seine Studenten zum Denken zu bewegen. Er war nicht am Predigen, ja nicht einmal daran interessiert, eine Vorlesung zu halten, sondern stattdessen eröffnete er Raum für eine große Vielfalt von Betrachtungsweisen. Einer der Studenten, der vielleicht auf ein rednerisches Feuerwerk aus war, war sogar zu dem Schluss gekommen, dass der Kurs "etwas langweilig" sei. Julian Bond dagegen, der später ein Bürgerrechtsführer und Abgeordneter des Staates Georgia wurde, widersprach dieser Bewertung und sagte einem Reporter: "Ich würde den Unterricht durchaus nicht langweilig nennen!"

Für die meisten Studenten wurde dieser Unterricht durch seine Kombination aus anspruchsvollem Studium und der Möglichkeit, die Komplexität des sozialen Wandels kennenzulernen, interessant, nicht nur, weil King der Führer der Montgomery-Kampagne war, sondern auch zu einer Zeit, als viele der Studenten selbst in der Bürgerrechtsbewegung aktiv waren.

Fast alle Studenten erinnern sich, wie umfangreich und anspruchsvoll die Lektüre-Anweisungen für den Kurs waren. Dazu gehörten Texte über Sokrates, von Platon, Aristoteles, Mill, Rousseau, Hegel, Thoreau, Edgar Brightman (dessen Theorien über Personalismus King in der Graduiertenfakultät stark beeinflusst hatten) und Gandhi. Aber King wollte nicht, dass seine Studenten auswendig lernten und das Gelernte nur wiedergaben oder oberflächliche Zustimmung zu diesen Gedanken. Sondern er schuf ein Lernklima, in dem die Studenten sich mit diesen Werken auseinandersetzten und ihre Einsichten auf die Schaffung einer demokratischen und gewaltfreien Gesellschaft anwandten, in der viele Rassen vertreten waren.

So schwierig die Lektüre auch war, so geschah im Kurs doch mehr als nur Textanalyse. Montgomery war ein Beispiel für den Sieg der Macht der Menschen. An diesem Beispiel stellte King die Vision gewaltfreier Transformation dar und veranschaulichte sie damit. Gleichzeitig fanden in dem Jahr in Atlanta viele Veranstaltungen statt: Sit-ins in Geschäften, die der Rassentrennung unterlagen. Einige der Studenten halfen bei der Organisation dieser Proteste und King unterstützte sie, wo er nur konnte. Der Kurs über "Sozialphilosophie" wurde einerseits von den konkreten Aufgaben und Gelegenheiten zu lebendigen gewaltfreien Aktionen genährt und andererseits nährte er diese.

King soll einmal gesagt haben, er wolle, wenn er sich von der Präsidentschaft der Southern Christian Leadership Conference zurückgezogen habe, in einem Seminar unterrichten. Dazu ist es leider nie gekommen. Aber es ist schon faszinierend zu erfahren, dass er wenigstens diesen einen Unterricht gegeben hat. Von sich aus sagen seine früheren Studenten, dass er starken Einfluss auf ihr Leben und ihren Beruf ausgeübt habe. Viele gingen den Weg weiter und wurden glänzende Vertreter des gewaltfreien Wandels.

Sein Unterricht bedeutet jedoch mehr, als dass King unmittelbaren Einfluss auf ein paar eingeschriebene Studenten nahm. Im Dezember 1962 führten SCLC und andere Gruppen eine Klausurtagung durch, um die Strategie für die Aktions-Kampagnen im kommenden Jahr zu entwerfen. Während dieser Planungssitzung beschloss die Bewegung, im Frühling den Kampf nach Birmingham zu tragen. Wegen der repressiven Maßnahmen von Sheriff Eugene "Bull" Connor dort wurde die Stadt als die rassistischste Stadt im Süden betrachtet. Die disziplinierte Gewaltfreiheit der Bewegung würde im Gegensatz zu der krassen Gewalt in Birmingham stehen und, so vermuteten die versammelten Organisatoren, damit eine moralische Krise entfachen, die Unterstützung für eine bahnbrechende Bürgerrechts-Gesetzgebung aufbauen könnte. Das stellte sich dann wirklich als richtig heraus.

Es ist unmöglich, eindeutig nachzuweisen, dass Kings Unterricht im Morehouse-College eine direkte Verbindung zur Strategie hat, die im Winter in Birmingham angewendet wurde. Aber es ist verlockend zu denken, dass die Gelegenheit, über die Montgomery-Bewegung nachzudenken - und umgekehrt die Lektionen daraus zu lehren, weiterzugeben und sich damit zu beschäftigen - King Raum gegeben haben mag, sowohl den Sieg auszukosten als auch die Möglichkeit einer anderen, noch weiter reichenden Bewegung zu bedenken. Die Gelegenheit, als Gastprofessor zu unterrichten, hat wohl die schon lange in ihm schlummernde akademische Seite angesprochen - oder sogar, wie ein Student vermutet, ihm ein sehr notwendiges Einkommen verschafft -, das größte Geschenk mag für King aber wohl die Gelegenheit gewesen sein, in einer sicheren Umgebung die Möglichkeit einer neuen Kampagne zu bedenken, und zwar einer, die durch große Denker und durch große Erfahrungen unterstützt wird. Der Kurs versah die Studenten mit der Vision und den Arbeitsmitteln und außerdem versah er wohl King mit der Möglichkeit zu überdenken, was als Nächstes zu tun sei. Vielleicht erkannte der unübertreffliche Aktivist - und wenn auch nur für ein Semester -, dass es für die Übertragung des Unmöglichen ins Unvermeidliche einer intellektuellen und spirituellen Veränderung bedurfte.

Neben den greifbaren Ergebnissen, die man auf dieses kurze wissenschaftliche Zwischenspiel zurückführen kann, ist das Bild, das diese Geschichte heraufbeschwört, besonders faszinierend: King als Lehrer der Welt. 1955 war Montgomery nicht nur eine Stadt in der Krise, sondern es war auch etwas wie ein Klassenraum, in dem eine neue und letztgültig wirksamere Weisheit gelehrt wurde. Sie gründete sich auf die vereinigende Kraft von Menschen, die sich weigerten, mit ihrer Unterdrückung zusammenzuarbeiten, und die im Gegenteil auf Zusammenarbeit mit einer Macht setzten, die weder passiv noch gewalttätig war. Birmingham, Selma, Washington, Chicago - das waren historische Schulen, in denen Lehrpläne von Gandhi und King improvisiert und in alle Winde verstreut wurden. Tatsächlich ist die ganze Welt Kings Klassenraum geworden, in dem die größten Ideen von gewaltfreiem Wandel zu hören sind und Verstand und Herz überall und für immer formen.

Die Arbeit in der kleinen Klasse im Morehouse College vor fünf Jahrzehnten stand nicht im Gegensatz zu Kings wirklicher Arbeit. Sie war ein Sinnbild der Kraft der verändernden Bildung zur Förderung einer Bewegung, aber auch umgekehrt: einer Bewegung, um verändernde Bildung zu fördern. Dieser Unterricht war eine weitere Form gewaltfreier Aktion. Und gleichzeitig war er ein Einstehen für die breite Bewegung der Befreiung des Menschen, die die Bürgerrechtsbewegung neu beleben half.

Kings Lektion wird immer noch erteilt. Unzählige Bewegungen und Kampagnen überall haben seinen Lehrplan abgeschrieben und die Klassen-Diskussion ins Rollen gebracht. Ein halbes Jahrhundert lang haben sich Menschen hingesetzt und mitgeschrieben und dann haben sie das, was sie gelernt haben, in eine Welt hinausgetragen, die das dringend braucht.

Aus dem Englischen von Ingrid von Heiseler

Quelle: Waging Nonviolence . Originalartikel:  The world as King’s classroom . Eine Vervielfältigung oder Verwendung des Textes in anderen elektronischen oder gedruckten Publikationen ist unter Berücksichtigung der Regeln von Creative Commons Attribution 4.0 International (CC BY 4.0) möglich.

Fußnoten

Veröffentlicht am

08. September 2013

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