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Eine Bewegung ohne Anfang und Ende: Ein Gespräch mit dem Martin-Luther-King-Forscher Clayborne Carson

Von Kazu Haga, 28. August 2013

Clayborne Carson wuchs in einer der wenigen afroamerikanischen [Arbeiter-]Familien in Los Alamos in New Mexico auf. Schon von Weitem entwickelte er Interesse an der Bürgerrechtsbewegung, als er davon in den Zeitungen las. Es inspirierte ihn zu lesen, dass sich junge Leute in seinem Alter in einer Bewegung engagierten, die die Welt verändern sollte. 1963 - er war gerade neunzehn - stieg er mit einem Einzelfahrschein in einen Bus nach Washington, um dort am Marsch für Arbeitsplätze und Freiheit teilzunehmen.

Als er unter den Zehntausenden saß, die Dr. Kings Rede "Ich habe einen Traum" hörten, war ihm nicht klar, dass das weitergehen und zu einem historischen Augenblick werden würde. Für ihn war das damals nur "die letzte Rede an einem langen Tag voller Reden". Als Collegestudenten sprach ihn die Arbeit des Student Nonviolent Coordinating Committee (SNCC) stärker an.

Fünfzig Jahre danach forscht er nun nicht nur über den SNCC und andere Befreiungsbewegungen der Schwarzen, sondern er ist auch einer der anerkanntesten Erforscher der Arbeit Dr. Kings. In seinen kürzlich erschienenen Memoiren Martin’s Dream erzählt er die Geschichte seiner Jugend als Aktivist bis zu dem Zeitpunkt, als er auf Bitten von Coretta Scott King (1927-2006) die Papiere Dr. Kings herausgab. Er gab auch die Autobiographie Kings nach dessen Tod heraus und ist Gründer und Leiter des Martin-Luther-King-Forschungs- und-Bildungs-Instituts an der Universität Standford.

Das Gespräch zwischen Kazu Haga und Clayborne Carson

Wir feiern den 50. Jahrestag des Marsches auf Washington und der Rede "I have a dream". Inwiefern ist die Gesellschaft der Verwirklichung des Traumes nähergekommen und woran müssen wir noch arbeiten?

Als ich mehr über Kings Traum erfuhr, wurde mir klar, dass er sich eher auf die ganze Welt als nur auf die Vereinigten Staaten bezieht. Es geht um Menschenrechte und nicht nur um Bürgerrechte. Es ist eine Bewegung ohne Anfang und Ende. King spricht über die Verwirklichung des Ideals der Menschenrechte für alle Menschen auf der Erde. Sind wir dabei schon angekommen?

In gewisser Weise denke ich, dass wir darum von der Verwirklichung des Traumes weiter entfernt sind, weil wir uns so auf die Bürgerrechte konzentriert haben. Wenn man zufällig kein Bürger des Ortes ist, an dem man lebt, dann hat man nur die Rechte, die die dort Ansässigen einem zugestehen wollen.

Ein Ziel des Marsches war es, die Bürgerrechtsbewegung mit der Arbeiterbewegung zu verbinden. Glauben Sie, dass der Marsch dieses Ziel erreicht hat?

Nein. Die Bürgerrechts-Gesetzgebung, die später entstand, sagt überhaupt nichts über die ökonomischen Rechte. Schließlich gelangte sie zur Frage der Diskriminierung hinsichtlich von Arbeitsplätzen. Wir versuchen jedoch immer noch, die Konsequenzen daraus zu verwirklichen.

Die "I Have a Dream"-Rede ist Kings berühmteste Rede geworden. Gibt es noch andere Werke Dr. Kings, über die Ihrer Meinung nach Menschen etwas wissen sollten?

Ich möchte die Aufmerksamkeit auf Kings frühe Reden und Schriften lenken. Als King 1948 seinen Themenkatalog als Pastor darlegte, nannte er Arbeitslosigkeit, Slums und ökonomische Unsicherheit. Damals erwähnte er Bürgerrechte nicht einmal. Wie viele Menschen wissen das wohl?

King wurde wegen der Ereignisse um Rosa Parks zum Führer der Bürgerrechtsbewegung. Wenn das nicht gewesen wäre, dann wäre er wahrscheinlich ein Pastor wie Cecil Williams geworden und hätte sich mit Armut und Obdachlosigkeit beschäftigt. Er hätte sich wahrscheinlich auf das konzentriert, was er das soziale Evangelium genannt hat. Er hat nur widerstrebend das Gewand eines Bürgerrechts-Führers angezogen.

Wenn er länger gelebt hätte, hätte er an diesen Problemen gearbeitet. Ich denke am Ende seines Lebens stimmte er vollkommen mit seiner ursprünglichen Vision überein.

Ich war auf die Rede auch vorbereitet, weil ich zunächst etwas über das Student Nonviolent Coordinating Committee erfahren hatte. Ich bekam von Stokely Carmichael den Eindruck übermittelt, King sei eher der symbolische Führer und das, was Carmichael und seine Gefährten taten, sei die wirkliche Bewegung. Das diente immer als Gegenpart zu King. Durch meinen Kontakt mit Carmichael und dem SNCC bekam ich den Eindruck, es handele sich um eine Graswurzel-Organisation. Die Graswurzel-Organisation im Süden hing nicht von King ab. Studentenaktivisten und lokale Führer warteten nicht auf King. Wenn man es genau betrachtet, bereiste King nur wenige Orte. Die Anzahl der Bewegungen, mit denen er zu tun hatte, war begrenzt. Wenn einer also in Greenwood in Missisippi wohnte, war King weit weg.

In Ihren Memoiren schreiben Sie, dass sie ursprünglich stärker vom SNCC als von Kings Organisation, der Southern Christian Leadership Conference, angeregt wurden. Was halten Sie für den Hauptunterschied zwischen den beiden Organisationen?

SNCC war immer eine Organisation von unten nach oben. Und das nicht aus ideologischer Überzeugung, sondern notwendigerweise. SNCC-Organisatoren waren jung und hatten kein Geld. Wenn sie Rechtsanwälte gewesen wären, wären sie in die Gemeinde gegangen und hätten gesagt: "Wir sind hier, um euch Rechtsberatung anzubieten, und ihr nehmt das entweder an und arbeitet mit uns zusammen oder ihr tut das nicht und dann gehen wir einfach in die nächste Gemeinde."

Die meisten SNCC-Arbeiter waren jedoch Menschen ohne wirklich verwertbare Fähigkeiten. Sie waren keine Ärzte, keine Rechtsanwälte und sie hatten weder Geld noch konnten sie sich Geld verschaffen. Alles, was sie hatten, waren ihre Körper und ihre Überzeugung, dass die Dinge anders sein sollten.

Wenn sie also in eine Gemeinde kamen, mussten sie zuerst einmal das Vertrauen der Menschen gewinnen. Wenn die lokalen Führer dort sie nicht gemocht hätten, hätten sie nichts machen können. In eine Gemeinde muss man aufgenommen werden. Sie verdienten 10 Dollar in der Woche. Davon kann man nicht einmal in Mississippi leben. Also musste jemand sie ernähren, schützen und behausen.

Was meinen Sie: Wodurch ist das SNCC-Organisations-Modell so erfolgreich geworden?

Einmal habe ich Bob Moses interviewt und ihn nach dem Geheimnis des Organisierens gefragt. Er antwortete: Die lokalen Führer "sagten mir, welche Leute ich aufsuchen, was ich ihnen sagen und was ich tun solle. Ich habe einfach das gemacht, was sie mir gesagt haben. Ich habe einfach von den Leuten gelernt, die schon Führer waren, denen die Gemeinde vertraute."

Das ist ein sehr guter Rat. Einige möchten gerne denken, es gäbe eine Schule, in der man organisieren lernte. Aber die Schule für Organisatoren ist das Organisieren. Moses sagte mir, ich solle es als Handwerk betrachten. Man lernt nicht in der Schule, wie man Klempner oder Tischler wird. Man geht als Lehrling zu einem, der das Handwerk versteht. Die meisten Fertigkeiten werden schon immer auf diese Weise gelernt. Und mit dem Organisieren ist es eindeutig dasselbe.

Später befürwortete die SNCC-Bewegung die Black Power und damit trat sie in ein Spannungsverhältnis zu Dr. King. Was, meinen Sie, hat dazu beigetragen, dass das SNCC in späteren Jahren diese ideologische Wende vollzogen hat?

Das Rassismus-Problem hat mit der Vormachtstellung der Weißen zu tun, aber es hat auch mit dem Unterlegenheitsgefühl der Schwarzen zu tun. Viele SNCC-Organisatoren meinten anfänglich, sie brauchten sich um diese Frage nicht zu kümmern. Allmählich sahen sie dann ein, dass sie sich um diese psychischen Themen durchaus kümmern müssten.

Unterordnung ist immer kulturell und psychisch bedingt. Keine Herren-Klasse kann ausschließlich durch Gewalt zu ihrem Ziel kommen. Sie muss die Menschen überzeugen, dass ihre Gesellschaftsordnung dem Lauf der Welt entspräche. Das zu ändern ist äußerst schwierig. Ich denke, dass das zur Spaltung im SNCC geführt hat.

King fragte: "Wohin gehen wir von hier aus?" Wie legen Sie fest, wer das "Wir" ist? Wer ist berufen, diese Frage zu beantworten? Wenn wir damit sagen wollen: "Wohin gehen wir Schwarze?", können nicht Weiße diese Frage beantworten. Sie versuchen es. Die Leute versuchen immer, die Frage an Stelle eines anderen zu beantworten.

Im Laufe der Jahre hatten Sie es mit vielen Organisationen zu tun. Warum, meinen Sie, ist es wichtig, dass es einen gewaltfreien Ansatz für sozialen Wandel gibt?

Ich denke nicht, dass irgendeine Gruppe moralisch verpflichtet wäre, mit Gewaltfreiheit für ihre Freiheit zu kämpfen. Ich denke, der Hauptgrund für gewaltfreien Kampf hat mit den Konsequenzen zu tun, die es hat, wenn man nicht gewaltfrei kämpft.

Wenn Menschen Gewalt anwenden, müssen sie das wirklich gut können. Wenn sie gewinnen, müssen sie wirklich das, was sie gewonnen haben, gut verteidigen - und das bedeutet noch mehr Töten. Das ist die Geschichte gewaltsamer Revolutionen. Manchmal gelingen sie. Aber dann müssen die Gewinner den Rest ihres Lebens darum kämpfen, das, was sie gewonnen haben, zu behalten. Wenn man das tut, misstraut man immer den Menschen in seiner Umgebung. Wenn man den Feind besiegt und vertrieben hat, hat man immer das Gefühl, er werde zurückkommen. Auch wenn man den Feind nicht sieht, hat man den Verdacht, er sei in der Nähe.

Ein weiterer Punkt ist, dass Gewalt immer die Neigung hat, die Herrschaft über den Haupt-Gewaltmechanismus, den Staat, zu ergreifen. Dann wird der Staat zum Ziel. Wir kämpfen, um einen Umsturz im Staat zu bewirken. Wer diesen Mechanismus in die Hände bekommt, hat die Polizei, die Armee und den Geheimdienst in der Hand. Wenn eine Partei also gewinnt, wer sind dann ihre Führer? Es ist die Person, die die Gewalt am besten ausüben konnte. Es überrascht also nicht, dass Gewaltrevolutionen als erstes wieder Herrschaft über die Gewaltmittel bekommen wollen.

Sie waren auch Berater für den Dokumentarfilm über den Aktivisten für die Bürgerrechte der Schwulen, Bayard Rustin [1912-87], "Bruder Außenseiter". Was, meinen Sie, hätte Rustin von der kürzlich erfolgten Entscheidung des Obersten Gerichtshofes über das Stimmrecht-Gesetz und das Gesetz der Verteidigung der Ehe gehalten?

Es gibt Leute, die sich bei einem Thema engagieren und die dann erschöpft sind. Dann gibt es Leute wie Rustin, Ella Baker und Bernard Lafayette, die ich Langstreckenläufer nennen möchte.

Wenn jemand wirklich Wichtiges erreichen will - das Recht aller Menschen, in Freiheit, Gerechtigkeit und Würde zu leben -, wann ist dieser Kampf dann wohl jemals beendet? Es ist ein ständiger Kampf, weil Freiheit und Gerechtigkeit immer wieder neu definiert werden. Eine Menge Dinge, die die Menschen noch vor 300 Jahren toleriert haben, halten wir jetzt für grausam. Wenn Sie sich in der Welt um 1700 umgehört hätten und die Leute damals gefragt hätten, ob Sklaverei falsch sei, hätten diese Leute gedacht, sie wären verrückt geworden. Nur wenn jemand damit anfängt zu denken, dass Sklaverei abgeschafft gehörte, kann die Welt sie loswerden.

Deshalb denke ich, dass jede Art Freiheitskampf zu allererst eine Handlung in der Fantasie ist. Man stellt sich eine andere Zukunft vor, dann versucht man, andere davon zu überzeugen, dass es lohnt, für diese Zukunft zu kämpfen. Alles das braucht Zeit, Entschlossenheit, Ausdauer und Mut. Sogar die Vorstellung von Schwulen-Rechten wäre noch vor 50 Jahren unfassbar gewesen. Damals wäre Rustin sicherlich nicht auf die Idee gekommen.

Aus dem Englischen von Ingrid von Heiseler

Quelle: Waging Nonviolence . Originalartikel:  A movement without beginning or end — a conversation with King scholar Clayborne Carson .

Clayborne Carson (*1944) ist afroamerikanischer Geschichtsprofessor an der Stanford Universität und Direktor des Martin Luther King, Jr.,-Forschungs- und Bildungsinstituts. Seit 1985 leitet er das Martin Luther King Papers Project, ein Langzeit-Projekt zur Herausgabe der Papiere von Martin Luther King, Jr. (übersetzt:) http://en.wikipedia.org/wiki/Clayborne_Carson

Autor von: Martin’s Dream, My Journey and the Legacy of Martin Luther King Jr.. Palgrave Macmillan, Januar 2013. Der Verlag schreibt u. a.: "Das Buch ist aus der einzigartigen Perspektive eines bekannten Wissenschaftlers geschrieben. Seine sehr gut zu lesende Schildrung vermittelt dem Leser wertvolle neue Einsichten in die globale Bedeutung von Kings inspirierenden Ideen und sein sich noch immer weiter entfaltendes Vermächtnis."

Und Herausgeber von: The autobiography of Martin Luther King, Jr., New York [u.a.] : IPM, Intellectual Properties Management in association with Grand Central Publ., 2001.

Einziger ins Deutsche übersetzter Titel: Zeiten des Kampfes: Das Student Nonviolent Coordinating Committee (SNCC) und das Erwachen des afro-amerikanischen Widerstands in den sechziger Jahren. Mit einem Nachwort von Heinrich W. Grosse. Aus dem Amerikanischen von Lou Marin. Nettersheim: Verlag Graswurzelrevolution, 2004 (und früher) www.lebenshaus-alb.de/magazin/002237.html

Kazu Haga ist Trainer in Gewaltfreiheit nach King in Oakland in Kalifornien. Er ist in Japan geboren und hat sich seit seinem 17. Lebensjahr in vielen Bewegungen für sozialen Wandel engagiert. [Den Anfang machte er mit Interfaith Pilgrimage of the Middle Passage, 1998-1999.] Er führt regelmäßig Trainings für Jugendliche, Inhaftierte und Aktivisten durch. Außerdem gehört er zum Vorstand von Communities United for Restorative Youth Justice, den PeaceWorkers und dem OneLife Institute. (übersetzt:) http://wagingnonviolence.org/author/kazuhaga/ .

 

Veröffentlicht am

07. September 2013

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