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Die gewaltfreie Seite der Geschichte zurückgewinnen

Von Mary Elizabeth King, Waging Nonviolence, 1. August 2013

Ich erinnere mich, dass The Atlantic einen Artikel von Jeffrey Goldberg veröffentlichte, in dem er die Frage stellt: "Wo sind die palästinensischen Gandhis und Martin Luther Kings?", oder er schrieb etwas mit ähnlicher Bedeutung. Das war gerade um die Zeit, 2007, als mein Buch A Quiet Revolution erschien. Darin stelle ich die Einzelheiten des Einsatzes von gewaltfreiem Widerstand der Palästinenser dar.

Als ich diesen Artikel las, stellte sich mir die dringliche Frage: Wie kann die historische Realität so vollkommen ignoriert und wie kann Geschichte in so einseitiger Weise erzählt werden?

Die Gewaltreaktionen auf den Zionismus werden gewissenhaft dokumentiert. In Archiven, Zeitungen, Interviews und Gesprächen fand ich dagegen zahlreiche nicht "gefeierte" palästinensische Gandhis und Kings. Ich stöberte wenigstens zwei Dutzend aktivistische Intellektuelle auf, die jahrelang offen daran gearbeitet hatten, das politische Denken in Palästina zu verändern - viele von ihnen wurden deportiert, ins Gefängnis geworfen oder auf andere Weise von der Regierung von Israel für ihre Bemühungen kompromittiert. Wichtiger noch: die Intifada von 1987 war nur die letzte Erscheinungsform der palästinensischen Tradition gewaltfreien Widerstandes, der in die 1920er und 1930er Jahre zurückgeht. Ebenso ignoriert die Geschichtsschreibung der ganzen Welt die gewaltfreie Tradition.

Der junge Historiker polnischer Herkunft Maciej Bartkowski hat ein Buch herausgegeben, in dem 15 Kämpfe um nationale Selbstbestimmung wieder aufgegriffen werden, die bisher vor allem als gewalttätige Kämpfe und bewaffnete Aufstände aufgefasst worden sind. In dem Buch Recovering Nonviolent History werden große historische Kämpfe für Unabhängigkeit und Freiheit neu untersucht. Dabei wird deutlich, wie viel wir den Mühen der Durchschnittsmenschen verdanken, die mit zivilem Widerstand für Unabhängigkeit und Freiheit kämpfen. Die bekannten Massenbewegungen, die Bartkowski und andere Autorinnen und Autoren - darunter auch ich - darstellen, offenbaren, dass Kämpfe der Volksmacht für die Formung einer kollektiven nationalen Identität und ebensolcher Institutionen von großer Bedeutung waren - allerdings werden sie nicht beachtet.

Das Volk von Ghana hat z. B. eine lange Tradition philosophischer und strategischer gewaltfreier Aktionen, was selten erkannt wird. Das Volk hat durch Boykotts, die Einrichtung von Vereinigungen, "intelligente Kompromisse" und Streiks die Unabhängigkeit erlangt. Tatsächlich haben wenige andere Gebiete in der Welt das Ausmaß und die Intensität strategischer gewaltfreier Aktionen so intensiv erlebt wie Afrika. Derartige Interventionen werden jedoch normalerweise nicht als gewaltfreier Kampf beschrieben. Mosambik z. B. war die Heimat einer Befreiungsbewegung, die von 1966 an Land-Parzellen von kolonialer Herrschaft befreite. Dieser Vorgang wurde von parallel stattfindenden politischen Prozessen des Volkes verdrängt. Diese Zonen wurden Miniatur-"Staaten im Entstehen", die es mit der Macht der Portugiesen aufnehmen konnten. Zwar spielte der bewaffnete Kampf eine gewisse Rolle und wird in historischen Berichten oft hervorgehoben, in Wirklichkeit aber sind diese von zweitrangiger Bedeutung.

In herkömmlichen Geschichten wird Gewalt im Allgemeinen gefeiert und schöngeredet. Nationale Denkmäler verherrlichen Tod, Blutvergießen und Krieg. Jedoch erscheint jetzt ein anderes Bild: Gewaltfreie organisierte Aktion konnte die Autorität und Herrschaft imperialer Mächte untergraben, ausländische Truppen behindern und die militärischen Besatzer oder deren inländische Vertreter schwächen. Zwar erlebten Menschen, die sich im zivilen Widerstand engagierten, oft schwere Unterdrückung und Vergeltungsmaßnahmen, aber sie halfen ihren Gesellschaften beim Überleben, verstärkten deren Widerstandsfähigkeit, bauten neue Wirtschafts- und politische Institutionen auf und verschafften ihren Gesellschaften größere Selbstbestimmung.

In diesem Frühling bat ich meine Studenten an der Friedensuniversität auf dem Haupt-Campus in Costa Rica, sich ein Kapitel aus Bartkowskis Buch auszusuchen und einen Aufsatz über die wiederentdeckte Geschichte zu schreiben. Ein afghanischer Student, der einige Zeit im Iran verbracht hatte, wählte das Kapitel über die gewaltfreien Bewegungen in Persien, die bis ins späte 19. Jahrhundert zurückreichen. In den Tabak-Protesten in den Jahren 1891 und 92 im ganzen Land hörten Männer und Frauen auf, in ihren Wasserpfeifen importierten Tabak zu rauchen, besonders, als deutlich wurde, dass eine ausländische christliche Firma die Kontrolle über den Tabakhandel des Iran übernommen hatte. Es gab Massendemonstrationen in den großen Städten. In Schiras rief ein führendes Mitglied des Klerus zur Nichtbeachtung der Anordnung auf, dem Unternehmen für den Export angebauten Tabak zu verkaufen. Eine fatwa, ein Dekret, das im Namen eines iranischen Führers der Schiiten-Gemeinschaft ausgestellt wurde, verstärkte den zunehmenden Boykott und bewirkte die Ausweitung des zivilen Ungehorsams. Wegen der Einigkeit des Volkes und des Drucks, den es damit ausübte, kündigte die Regierung schließlich ihre Vereinbarungen mit der ausländischen Firma.

Wie es oft geschieht, wiesen die iranischen Bewegungen nicht in erster Linie ausdrücklich Gewalt zurück, sondern sie bezogen sich auf die Geschichte von Volkswiderstand und die Ausführung verschiedener gewaltfreier Aktionen im Iran. Zu diesen traditionellen Techniken gehörten das Nehmen von bast - unverletzlichem Asyl - in Moscheen und diplomatischen Botschaften, das Schließen von Basaren, das Verfassen von Petitionen, das Schließen von Läden, Massendemonstrationen und Boykotts ausländischer Waren. Frauendemonstrationen beim Protest vor Ort gegen hohe Preise von Grundnahrungsmitteln zeigten manchmal Wirkung, da sie sich auf Begriffe der islamischen Gerechtigkeit gründeten.

Diese abgestimmten Aktionen bieten eine neue Perspektive auf den Iran, die der Wahrnehmung des Irans als einer gewalttätigen Gesellschaft entgegenwirkt, einer Wahrnehmung, die westliche Führer heute betonen. Wie wäre es, wenn westliche Diplomaten Kontakte herstellten, indem sie die Geschichte der Volksmacht im Iran anerkennen? Wie wäre es, wenn Medienberichte über den Iran Geschichten von iranischen Gandhis und Kings erzählten?

Ein Student aus den Vereinigten Staaten, der zum Tahrirplatz gereist war, um dort einen Monat lang Interviews zu führen, war vom Bericht im Buch über die tiefen Wurzeln des zivilen Widerstandes in Ägypten beeindruckt. Zu Ägyptens verborgener Geschichte gehört, dass Frauen Demonstrationen gegen die britische Besetzung von Ägypten angeführt haben. Hier hatten Frauen einen Vorteil: Der britische Polizeikommandeur schrieb über eine Demonstration der "eingeborenen Damen von Kairo", sie habe ihn erschreckt, weil "den Marsch aufhalten Gewalt anwenden geheißen hätte und jede Gewalt gegen Frauen Männer ins Unrecht setzt".

Im Kampf gegen die Briten setzten die Ägypter gewaltfreie Methoden wie Reden, Märsche, gewaltfreie Belagerungen, alternative Institutionen und geheime Publikationen ein. Im Seminar hatten wir schon über das Recht zum Widerstand gesprochen, wie es im Begriff des Gesellschaftsvertrages im 18. Jahrhundert in den Gedanken der Schottischen Aufklärung entwickelt worden war. Daher war es elektrisierend, von der fatwa der ägyptischen Religionswissenschaftler von 1905 zu erfahren, in der es heißt: "in Übereinstimmung mit den Regeln der islamischen Scharia [Gesetz] haben Menschen das Recht, Regenten einzusetzen und sie abzusetzen, wenn sie von den Regeln der Gerechtigkeit abweichen und den Pfad der Ungerechtigkeit betreten."

In den britischen Kolonien, dort, wo heute die östlichen Vereinigten Staaten sind, hatten wenigstens neun der ursprünglich 13 Kolonien de facto schon vor dem Ausbruch des Unabhängigkeitskrieges die Unabhängigkeit erreicht. Walter H. Conser und eine Gruppe weiterer Wissenschaftler haben in Archiven auf beiden Seiten des Atlantiks gearbeitet und diesen weitgehend gewaltfreien politischen Prozess dokumentiert. Conser stellt ihn in Recovering Nonviolent History in wirkungsvoller Knappheit dar. Sein Kapitel darüber sollte in jeder Highschool in den USA unterrichtet werden.

"Eine Geschichte der Militäroperationen … ist keine Geschichte der Amerikanischen Revolution", warnte John Adams 1815. "Die Revolution fand im Bewusstsein und in den Herzen der Menschen statt und in der Vereinigung der Kolonien. Beide waren im Wesentlichen berührt, bevor die Feindseligkeiten einsetzen". Die Kolonisten machten ihre Unabhängigkeit durch ein Programm des Nicht-Importierens, des Nicht-Konsumierens und des Nicht-Exportierens britischer Produkte zu einer Realität. Sie bildeten außerrechtliche Komitees, die Regierungsfunktionen übernahmen. "Tatsächlich war", schreibt Conser, "die politische Unabhängigkeit von Britannien vor den Schlachten von Lexington und Concord im April 1775 offensichtlich."

Amerikanischen Schulkindern wird jedoch die Erzählung vom militärischen Sieg im Krieg eingebläut, und sie erfahren nur wenig oder gar nichts zum Beispiel über die politischere Bedeutung der Niederlage des Londoner Stempelsteuergesetzes (http://de.wikipedia.org/wiki/Stamp_Act) durch zivilen Widerstand. Meine Studenten waren erstaunt zu erfahren, wie beharrlich diese Seite der Geschichte in den Klassenzimmern der USA vernachlässigt wird. Sie scheuten sich nicht zu vermuten, dass eine derartige Zurücksetzung mit den Konturen der Präsenz der USA in der heutigen Welt zusammenhängen kann, mit der von Washington ausgehenden Ambition, Demokratie im Ausland mit Marschflugkörpern und Drohnen zu fördern.

Besonders Geschichten von Frauenaktivismus erregten das Interesse meiner Studenten. Dieses Thema wird aus den offiziellen Geschichten und autorisierten historischen Analysen gestrichen. Zum Beispiel haben viele afrikanische Völker tiefreichende Traditionen weiblicher Führerschaft in der Zeit vor dem Kolonialismus. Einige Praktiken zur Konfliktlösung waren ausschließlich Frauen vorbehalten. Diese Bräuche wurden jedoch immer wieder durch die imperiale Einführung der Rolle einer unterwürfigen Frau ausgelöscht. Der Diskurs über die Wiederherstellung dieser gewaltfreien Geschichten im Einzelnen hat gerade erst begonnen.

Die Art und Weise, in der wir Menschen uns selbst als Wesen sehen, die zu sozialem und politischem Wandel fähig sind, wird davon geformt - oder verzerrt -, wie wir die Vergangenheit auffassen. Einige palästinensische Familien zum Beispiel haben Erinnerungen und Bewusstsein bewahrt, wie ihre Verwandten und Vorfahren ohne Anwendung von Gewalt in den 1920er und 1930iger Jahren darum gekämpft haben, ihre Lebensweise aufrechtzuerhalten. Diese Erinnerungen beeinflussten die Art und Weise, wie sie ihre eigene Fähigkeit wahrnahmen, als Agenten des Wandels mitzuwirken, und zwar sogar unter der Militärbesatzung nach 1967. Friedenskonsolidierung verlangt, dass die Geschichte und Praxis des zivilen Widerstandes erforscht und gelehrt wird, weil diese das beeinflussen, was wir aus der Vergangenheit lernen, aber auch, wie wir Gegenwart und Zukunft erfassen, interpretieren und planen.

Die Geschichte neu entdecken, indem wir sie durch die Linse des gewaltfreien Kampfes betrachten, kann die Art und Weise, in der wir uns als historische Akteure positionieren, verändern. Wenn wir eine friedlichere Welt wollen, sollten wir uns klar machen, dass das, was von vielen als Geschichte akzeptiert wird, meist die Geschichten der Durchschnittsmenschen verdeckt, die durch gewaltfreie Kämpfe die Konturen ihres Schicksals geformt haben.

Mary Elizabeth King ist Professorin für Friedens- und Konfliktforschung an der Friedensuniversität und sie ist Fellow des Rothermere American Institute an der Universität Oxford in Britannien. Sie ist auch eine führende Wissenschaftlerin des American University’s Center for Peacebuilding and Development in Washington, D.C. Sie ist Autorin von The New York Times on Emerging Democracies in Eastern Europe , A Quiet Revolution: The First Palestinian Intifada and Nonviolent Resistance , Mahatma Gandhi and Martin Luther King Jr.: The Power of Nonviolent Action und Freedom Song: A Personal Story of the 1960s Civil Rights Movement [nichts davon in Deutsch]. In der Bürgerrechtsbewegung in den USA arbeitete sie mit Martin Luther King, Jr. (nicht verwandt), im Student Nonviolent Coordinating Committee (SCNN). Sie ist Mit-Autorin von "Sex and Caste" von Casey Hayden, einem Artikel von 1966, der von Historikern als Zunder für die zweite Welle des Feminismus gesehen wird. Ihre Website ist: maryking.info .

Aus dem Englischen von Ingrid von Heiseler

Quelle: Waging Nonviolence . Originalartikel:  Reclaiming the nonviolent side of history .

Veröffentlicht am

07. August 2013

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