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Daniel Ellsbergs lebenslanger entschlossener Widerstand

Von Ken Butigan, Waging Nonviolence, 11. Juli 2013

Daniel Ellsberg hat in dieser Woche in der Washington Post einen gedankenvollen Kommentar veröffentlicht. Das Thema ist Edward Snowdens Entscheidung, das Land zu verlassen, nachdem er die Öffentlichkeit über das umfassende Überwachungsprogramm der National Security Agency informiert hatte. Ellsberg hebt hervor, dass das Exil an sich, das sich Snowden auferlegt hat, eine äußerst wichtige gewaltfreie Aktion sei, die seine ursprüngliche Aktion aus Gewissensgründen vervielfältige und ausweite. Ellsberg ist wohl der Meinung, dass gewaltfreier Widerstand nicht auf eine einzelne besondere, dramatische Handlung beschränkt sei. Der gewaltfreie Widerstand eröffnet Möglichkeiten für eine neue Handlungsweise und gehört zu dem sich immer weiter ausweitenden Drama, das viele Akte und Episoden enthält, die gemeinsam die Möglichkeit eines gewaltfreien Wandels fördern können.

Das trifft auf den Fall Edward Snowden zu - aber es gilt wohl noch mehr für Ellsberg selbst.

Die Veröffentlichung der Pentagon-Papiere 1971 war eine historische Tat. Seitdem hat Ellsberg ohne Rücksicht auf sich selbst in verschiedener Weise auf seiner ersten, auf besondere Art gewaltfreien Aktion aufgebaut und sie ausgeweitet. Beim Beruf des Weltverbesserers gibt es keine Pensionierung; das beweist Ellsberg fast jeden Tag aufs Neue.

Snowden ist dafür, dass er aus dem Land geflohen ist, kritisiert worden. Einige haben ihn zu seinem Nachteil mit Ellsberg verglichen. Dieser war, nachdem er 1971 der New York Times und anderen Zeitungen die Pentagon-Papiere zugänglich gemacht hatte, aus dem Untergrund aufgetaucht und schließlich vor Gericht angeklagt worden. Ellsberg stellt in seinem Artikel diesen negativen Vergleich infrage und beleuchtet in seiner glühenden Unterstützung Snowdons seinen eigenen Fall sorgfältig.

Nachdem die New York Times mit der Veröffentlichung der Dokumente begonnen hatte, die bewiesen, in welchem Maße die US-Regierung über die Ursachen und den Verlauf des Vietnamkrieges irregeführt hatte, ging Ellsberg zunächst in den Untergrund, damit er, wenn eine einstweilige Verfügung die Zeitung gezwungen hätte, die Publikation einzustellen, weitere Nachrichtenagenturen mit Exemplaren der Papiere versorgen könnte. Schließlich brachten 17 Zeitungen überall in den Vereinigten Staaten die Dokumente heraus. Das wäre jedoch nicht möglich gewesen, wenn er sich sofort an sie gewandt hätte.

Ellsberg weist auch darauf hin, dass er sowohl vor als auch während seines Prozesses gegen Kaution freigelassen worden war, sodass er im Land umherreisen und in den Medien und vor Publikum die Bedeutung der Pentagon-Papiere hervorheben konnte. Obwohl er gemäß den Spionage-Gesetzen der USA verfolgt wurde und ihm 115 Jahre Gefängnis drohten, wurde er aufgrund seiner Sicherheitsleistung freigelassen und konnte mit der amerikanischen Gesellschaft über den Krieg sprechen. Amerika, schreibt Ellsberg, sei damals anders als heute gewesen. Der Fall Bradley Manning lasse vermuten, dass Snowden wahrscheinlich in Einzelhaft genommen worden wäre, sobald er aufgetaucht wäre. Er hätte keine ausführliche Diskussion mit dem Land führen können, wenn er sich den Behörden ausgeliefert hätte.

"Snowden glaubt, dass er kein Unrecht begangen habe", schreibt Ellsberg . "Mehr als 40 Jahre nach meiner unerlaubten Enthüllung der Pentagon-Papiere sind derartige undichte Stellen das Lebenselexier der Freiheit unserer Presse und unserer Republik. Man kann eine einfache Lehre aus den Pentagon-Papieren und Snowdens Enthüllungen ziehen: Geheimhaltung korrumpiert ebenso, wie Macht korrumpiert." Ellsberg fährt fort: Das, was uns Snowden "gegeben hat - wenn wir auf seine Informationen und seine Herausforderung reagieren -, bietet uns die beste Gelegenheit, uns selbst vor der außer Kontrolle geratenen Überwachung zu retten, die praktisch alle Macht der Exekutive und ihren Geheimdiensten zuschiebt."

Dieser lesenswerte Artikel ist ein Geschenk wie alle die anderen, die uns Ellsberg seit Jahrzehnten in die Hände legt: eine intelligente, gut dokumentierte und genaue Einschätzung, die die vorhandenen Einzelheiten auspackt, beleuchtet und offenbart - in diesem Fall das riskante Geschäft, das Sowden auf sich genommen hat -, und gleichzeitig die gefährlichen Wasser auslotet, in deren Richtung sowohl die Nation als auch die Welt treiben. In seiner Argumentation bezieht er sich manchmal auf die Erfahrungen, die er in seiner einzigartigen Position als Whistleblower gemacht hat. Er tut das besonders in seinem überragenden Buch Secrets: A Memoir of Vietnam and the Pentagon Papers . In seinen Blogs, Essays und Büchern erweckt er jedoch nicht etwa die zunehmend entfernte Vergangenheit zu neuem Leben, sondern er setzt sich mit der Gegenwart auseinander. Jeder neue Essay und jede neue Rede sprüht vor Dringlichkeit dessen, wogegen er gerade im Augenblick zu Felde zieht - sei das nun die allgegenwärtige Drohung der USA, in den Iran einzumarschieren, die gegenwärtige fortlaufende Bedrohung durch Kernwaffen oder die Bedrohung durch allumfassende Überwachung -, und er ruft uns dazu auf, sowohl die Gefahren, denen wir gegenüberstehen, als auch die Handlungsmöglichkeiten, die vor uns liegen, zu verstehen.

Für mich gehören diese zahllosen analytischen, mit hohen Grundsätzen verfassten und oft düsteren Weisheitsbotschaften zu dem anderen Weg, auf dem Ellsberg in den letzten vier Jahrzehnten unsere Aufmerksamkeit zu gewinnen getrachtet hat: zum gewaltfreien zivilen Ungehorsam. "Nachdem Sie die Pentagon-Papiere ans Licht gebracht haben, hätten Sie sich auf Ihren Lorbeeren ausruhen können", habe ich einmal in einem Interview zu ihm gesagt. "Warum haben Sie das nicht getan?" Er sah mich überrascht an. Einem anderen als ihm wäre dergleichen vielleicht eingefallen, denn schließlich wäre ein derartig riskanter Schritt genug Ärger für ein ganzes Leben gewesen. Für ihn allerdings war die Arbeit nicht beendet. Tatsächlich hatte wohl die Weitergabe der Papiere etwas in ihm ausgelöst, sodass er sich mit dem Kopf zuerst ins strudelnde Wasser der gewaltfreien Bewegungen stürzte, indem er das stärkste Symbol, das er zur Unterstützung seiner Worte und Analysen zur Verfügung hatte, einsetzte: seinen verletzlichen Leib.

In unserem Interview ging es zum Beispiel um seine aktive Teilnahme an den Wogen der gewaltfreien Aktion auf dem Nevada-Testgebiet in den 1980er Jahren. Die Vereinigten Staaten brachten seit 1951 auf dem Gebiet nördlich von Las Vegas im Durchschnitt alle 18 Tage eine Atombombe zur Explosion. Ellsberg nahm am gewaltfreien Widerstand von Nevada Desert Experience und anderen Organisationen teil, um diese Explosionen zu beenden, und er nahm ebenso an gefährlicheren Aktionen teil als dem einfachen Überschreiten der Eingangslinie der Anlage. 1985 gingen er und ein paar Mitglieder von Greenpeace, kurz bevor eine Atombombe explodieren sollte, weit in die Anlage hinein. Mit einem Walkietalkie stellten sie Kontakt zu den Behörden des Testgebietes her und sagten ihnen, sie seien im Gelände und die Zuständigen sollten den Test nicht fortsetzen. Der Test wurde nicht nur aufgeschoben, sondern es gelang Ellsberg, ein paar Freunde im Kongress dazu zu bringen, die Nachricht über diese Aktion dazu benutzten, ein Gesetz im Hause zu verabschieden, das ein Ende der Tests bewirken sollte. (Es wurde im Senat zu Fall gebracht.) Diese Aktionen trugen gemeinsam mit vielen anderen in den Vereinigten Staaten und in aller Welt dazu bei, dass in den frühen 1990er Jahren der Comprehensive Test Ban Treaty abgeschlossen wurde.

Noch viele weitere Male wurde er wegen gewaltfreien zivilen Ungehorsams verhaftet: bei einer historischen Aktion, als Hunderte am CIA-Hauptquartier verhaftet wurden, bei der Kampagne an der Concord Naval Weapons Station, wo sein Freund Brian Willson von einem Zug überrollt wurde, der für Mittelamerika bestimmte Waffen transportierte, und unzähligen Protesten gegen den Golfkrieg und die späteren Kriege im Irak und in Afghanistan. Er wurde am Weißen Haus in Washington und auf dem Roten Platz in Moskau verhaftet.

Eines meiner Lieblingsbeispiele ist die jahrelange Kampagne bei der Anlage außerhalb von Denver Rocky Flats, die das Plutonium verarbeitet, das für Kernwaffen benutzt wird. Er und andere nahmen Monat für Monat an den Wogen des Widerstandes teil. Die Protestierenden wurden die "Rocky Flats Truth Force" genannt und blockierten die strategisch wichtige Eisenbahnlinie, um "das Wettrüsten auf seinen Geleisen aufzuhalten" und den glatten Ablauf der Montage und der Produktion der Kernwaffen zu stören. Viele wurden verhaftet und vor Gericht gestellt. Einige Jahre danach wurde die Anlage geschlossen.

"Als ehemaliger Amtsträger sprach ich über sehr viele Dinge, die sehr viele andere Amtsträger jahrelang vertuscht und geleugnet und über die sie Lügen verbreitet haben, und war froh, vor Gericht Gelegenheit zu finden, für mein Wissen und meine Überzeugungen Zeugnis abzulegen", schrieb Ellsberg im Buch A Year of Disobedience von Keith Pope über die Kampagne. "Ich habe die Pentagon-Papiere offengelegt, weil ich der Überzeugung war, dass die jahrzehntelange Geheimhaltung der amtlichen Entscheidungen über Vietnam den sinnlosen und ungerechtfertigten Krieg in die Länge ziehe und das Überleben unserer Demokratie bedrohe. Damit förderte die Regierung Ignoranz und Passivität der Öffentlichkeit."

Auch in der Gegenwart ist unsere Demokratie bedroht und Ellsberg läutet mit seinen Worten und mit dem Einsatz seiner Person weiterhin die Alarmglocken. Am 6. August wird er beispielsweise beim jährlichen Protest im Gedenken an den 68. Jahrestag der Atombombe auf Hiroshima am Lawrence Livermore National Laboratory der Hauptredner sein, wo er wahrscheinlich gemeinsam mit anderen die Eingangslinie überschreiten wird. Er gemahnt uns, dass es in jedem Augenblick unseres Lebens - Ellsberg wurde vor Kurzem 82 - etwas für uns zu tun gibt.

Aus dem Englischen von Ingrid von Heiseler

Quelle: Waging Nonviolence . Originalartikel:  Daniel Ellsberg’s determined lifelong resistance .

Veröffentlicht am

20. Juli 2013

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