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Vandana Shiva: Warum zerstören wir zusehends Natur und Kultur in Indien?

Von Vandana Shiva, 24.06.2013

Ich schreibe diese Kolumne am Welt-Umwelttag, dem 5. Juni 2013, aus Bhutan, wo ich mit der Regierung am Übergang zu einem hundertprozentig ökologischen Bhutan zusammenarbeite. Ich arbeite auch mit der Regierung von Bhutan zusammen, um das Wirtschaftsparadigma auf das Ziel Glück und Wohlergehen seines Volkes und die Gesundheit seiner Umwelt hin zu entwickeln und nicht auf das Ziel eines eng definierten Wachstums des BIP.

80% von Bhutan ist Wald. Alle Ströme und Flüsse sind gesund und lebendig. Das ist das Ergebnis einer Politik des gewissenhaften Schutzes von Natur und Kultur. Alle Ebenen, von der lokalen bis zur nationalen, befolgen den Grundsatz: "Förderung nachhaltiger sozioökonomischer Entwicklung, Bewahrung und Förderung der Kultur und Erhaltung der Biovielfalt mit dem Ziel, eine glückliche Gesellschaft zu schaffen".

Im schönen Tal Bumthang in Mittelbhutan plant die Regierung, ein Gross National Happiness Centre zu errichten, und hat mich zur Teilnahme am Exekutivrat eingeladen.

Der Ort, an dem das Zentrum erbaut werden soll, liegt inmitten geschützter Koniferen-Wälder. Um ihn zu erreichen, mussten wir den tosenden Fluss in einem an einer Seilbrücke hängenden Korb überqueren.

Wälder und Flüsse versetzten mich in meine Kindheit in Garhwal und Kumaon zurück, wo mein Vater Forstaufseher war. Damals wanderten wir im Himalaya durch gesunde Wälder und über tosende Flüsse und Ströme. Als Kind hätte ich mir nicht vorstellen können, dass unsere wertvollen Wälder und Flüsse, die uns durch die Jahrhunderte hin erhalten hatten, noch während meiner Lebenszeit verschwinden könnten, weil wir blind dem Wunder des Wachstums nachjagen.

Vor vierzig Jahren erhoben sich die Frauen von Garhwal und gründeten die Chipko-Bewegung. Sie sagten, die wahren Geschenke des Waldes seien Boden, Wasser und reine Luft, nicht Holz, Baumharz und Rendite.

Nach der Überschwemmung von 1978 war die Regierung gezwungen anzuerkennen, dass die Kosten für die Aufforstung nach der Flut sehr viel höher waren, als die Einnahmen aus dem Holzeinschlag. 1981 wurde der Holzeinschlag über der 1000-Meter-Grenze im Ganges-Reservoir-Gebiet unter Strafe gestellt.

1982 beauftragte uns das Umweltministerium, die ökologischen Folgen des Bergbaus im Doontal wissenschaftlich zu untersuchen. In den 20 Jahren des Bergbaus hatte ich mit ansehen müssen, wie unsere Ströme und Flüsse verschwanden.

Unsere Untersuchung ergab, dass der Kalkstein wirtschaftlich einträglicher ist, wenn er im Gebirge belassen, als wenn er abgebaut wird, denn Kalkstein ist ein Grundwasserleiter und hält in seinen Hohlräumen und Höhlen das Wasser fest. Freunde des Doon brachten Bewohner des Doontals auf die Beine. 1983 verordnete der Herrscher die Schließung der Kalksteinbergwerke und aller Umwelt verschmutzenden Industrien, die davon abhingen. Das Doontal wurde zur ökologisch empfindlichen Zone erklärt und es wurde schließlich wieder zu einem grünen Tal.

30 Jahre danach brach der Ministerpräsident von Uttarakhand das Gesetz und unterzeichnete einen Vorvertrag mit Coca Cola, im Dorf Charba in Westdoon eine Fabrik zu errichten. Überall wo Coca Cola auftaucht, sind Wassermangel und Umweltverschmutzung die Folge. So war es auch in Plachimada in Kerala. Dort gründeten die Frauen eine Bewegung und sie erreichten, dass die Coca-Cola-Fabrik geschlossen wurde. So ist es auch in Mehdiganj in der Nähe von Varanasi. Jede Fabrik verbraucht 1,5 bis 2 Millionen Liter Wasser am Tag. Das kann sogar in den wasserreichsten Regionen zu Wasserknappheit führen.

Am 29. Mai 2013 hielten Bürger aus ganz Indien und dem Doontal eine Solidaritätsdemonstration mit der Charb-Gemeinde ab, damit die Coca-Cola-Fabrik geschlossen würde. Es wurde vermutet, dass Coca Cola das Wasser aus der Yamuna nehmen würde. Deshalb reisten mehr als 1200 Menschen von der Dakpather-Barriere zu dem Dorf, wo Coca Cola seine Fabrik eröffnen wollte. Auf dem Weg dorthin schloss sich die Gemeinschaft der Chipko-Bewegung an, indem sie Rakhi-Bänder an die Bäume hängte, die gefällt werden müssten, damit der Weg für Coca Cola frei wäre.

Heute sterben unsere Wälder und Flüsse. Als Gesamtgesellschaft scheinen wir uns nicht darum zu kümmern, obwohl jede Gemeinde, der Land, Wald und Wasser weggenommen wird, revoltiert. Vielleicht ist dies die größte ökologische Bewegung unserer Geschichte.

Tagore hat die indische Kultur Aranya Sanskriti genannt und sie von der Kultur der westlichen Industriegesellschaften unterschieden, die sich auf Ziegel und Mörtel gründet. Die Wirtschafts- und politischen Mächte haben keine Bedenken, Wälder zu roden, um Bergwerke zu betreiben, und Bäume für Beton-Dschungel zu fällen.

Die Regierung hat sich mehrfach in Betrügereien verfangen, darunter die Coalgate-Affairesiehe http://en.wikipedia.org/wiki/Coal-gate . Zum Nutzen ihrer illegalen Kohlebergwerke war die Regierung bereit, in unsere geschützten Wälder und die Häuser unserer Wälder-Gemeinden einzufallen. Wie können Indiens Wälder überleben, wenn der Beschützer zum Räuber wird?

Und wenn die Stämme und die Waldbewohner ihre Häuser in den Wäldern vor der räuberischen Invasion eines Ständestaates beschützen wollen, sollten wir dann nicht innehalten und über die Zukunft unserer Wälder, unserer Stämme, unserer Demokratie und über die Prinzipien nachdenken, die uns zu einem Aranya sanskriti gemacht haben?

Sollten wir nicht die tieferen Wurzeln der Gewalt in den Stammesgebieten in Erwägung ziehen?

Wie ist es nur möglich, dass wir die Grundlagen unserer Erhaltung, unsere Wälder und Flüsse, so vollkommen vergessen haben?

Wie konnten wir nur vergessen, was es bedeutet, eine Wald-Kultur und eine Kultur zu sein, in der Flüsse unsere heiligen Mütter sind?

Wie kann es sein, dass Bergbauunternehmen, Immobilienunternehmen und Staudamm-Unternehmen (und das sind dieselben Unternehmen) den Vorrang haben vor der indischen Verfassung und den indischen Gesetzen, den Grundrechten indischer Staatsbürger und den Umweltgesetzen, die die Natur schützen sollen? Wie sind wir in eine Situation geraten, in der die Regierung Umweltverbrecher belohnt und Bürger kriminalisiert, die ihr Ökosystem und die Quellen ihres Lebensunterhalts verteidigen?

Schließlich gibt es ja Gesetze zur Erhaltung der Wälder, Gesetze, die unsere Wälder schützen sollen. Es gibt eine Erweiterung des Gesetzes über Gebietsplanung durch den Panchayati Rajsiehe http://de.wikipedia.org/wiki/Panchayati_Raj . in der das Recht der Stammes-Gemeinschaften und ihre Souveränität über ihr Land und ihre Wälder anerkannt werden.

Die Rechtfertigung für alles ist immer "Wachstum". Jedoch kann keine Politik der Kurzzeitigkeit die Langzeit-Wirtschafts-Politik des Schutzes der ökologischen Grundlagen aller Wirtschaft übertrumpfen. Überall auf der Welt, besonders in Bhutan, wird der Schwindel mit dem "Wachstum" erkannt. Das Wachstum wird nur an der Kommerzialisierung und der Kommodifizierung der Ressourcen gemessen und ist in Wirklichkeit die Menge des Herausziehens von Ressourcen aus den örtlichen Ökosystemen und den örtlichen Gemeinden. Deshalb sollte Wachstum als Maß für ökologische Zerstörung und die Schaffung von Armut und nicht als Maß für Wohlstand verstanden werden. Die wahre Bedeutung von "Wohlstand" ist Wohlbefinden. Ein Vorgang, der die Natur zerstört und die örtlichen Gemeinden enteignet und damit ihr Wohlergehen zerstört, kann nicht als etwas gerechtfertigt werden, das Wohlstand schafft.

Das führt einzig und allein zur Ausbeutung von Umwelt und Menschen. Die Umwandlung der Naturressourcen in Geld bedeutet die Konzentration des Geldes in den Händen weniger.

Dieses Geld können diese dann für Bestechungen und das Erkaufen von politischem Einfluss einsetzen, mit dessen Hilfe sie dann Natur, die Rechte der Menschen und die Demokratie noch weiter aushöhlen.

Das ist der Teufelskreis, in dem wir uns verfangen haben. Nur Volksbewegungen zur Verteidigung der Natur und ihrer eigenen Rechte können aus ihm ausbrechen.

Aus dem Englischen von Ingrid von Heiseler

Dr. Vandana Shiva. Navdanya/Research Foundation for Science Technology & Ecology A-60 Hauz Khas, New Delhi 110016 INDIA www.navdanya.org .

Fußnoten

Veröffentlicht am

04. Juli 2013

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