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Die Anti-Atom-Strategie der “Propheten von Oak Ridge”

Von Peter Rugh, 6. Juni 2013

Mir traten die Tränen in die Augen, als ich hörte, dass der 83-jährigen katholischen Nonne Megan Rice 20 Gefängnisjahre drohten. Wenn dieses Urteil in vollem Umfang im September diesen Jahres in Kraft träte, würde es sie dazu verdammen, den Rest ihres Lebens hinter Gittern zu verbringen. Im Gegensatz zu mir lächelte sie - so wird jedenfalls berichtet -, als das Gericht sie letzten Monat in einem Prozess in Knoxville, Tenn., dafür verurteilte, dass sie die nationale Sicherheit gefährdet habe, indem sie Bundeseigentum beschädigte.

Zwar versuchten die Medien, Rice als exzentrische, wenn auch mutige, alte Frau abzuwerten , aber in Wirklichkeit war ihre Entscheidung, in den Y-12 National Security Complex in Oak Ridge, Tenn.Oak Ridge ist eine Stadt in den Countys Anderson und Roane, ca. 30 km westlich von Knoxville im US-Bundesstaat Tennessee. […] Oak Ridge wurde 1942 unter dem Namen Site-X als Werkssiedlung des Manhattan-Projekts gegründet. Maximal 75.000 Menschen wurden in die vorher nur dünn besiedelte Region geholt, um unter größtmöglicher Geheimhaltung die erste Atombombe zu bauen. Oak Ridge war dabei für die Uran-Anreicherung zuständig und teilte sich die Aufgaben mit den beiden anderen großen Standorten des Manhattan-Projekts: Hanford im Bundesstaat Washington und Los Alamos, New Mexico. Heute liegen in Oak Ridge das Oak Ridge National Laboratory, der Y-12 National Security Complex … ( http://de.wikipedia.org/wiki/Oak_Ridge_%28Tennessee%29 )., einzubrechen, eine genau kalkulierte Aktion. Sie und die beiden grauhaarigen Antikriegs-Aktivisten wägten die Folgen ihrer Aktionen vorher genau ab und legten den Zeitpunkt dann so, dass er zeitlich mit Aktionen und Demonstrationen des zivilen Ungehorsams im ganzen Land, deren Teilnehmer Abrüstung und eine atomfreie Zukunft forderten, zusammenfiel.

Ich lernte sie am 11. März 2012 bei einer Kundgebung auf dem Union Square in Manhattan kennen. Diese Kundgebung brachte den Jahrestag des Kernschmelzunfalls in Fukushima in Japan zur Erinnerung. Rice hielt schlecht fotokopierte Zettel in der Hand und wollte, dass ich sie mir ansehe. Es war nichts Geheimes: Sie nannten die Einzelheiten der 180-Milliarden-Dollar-Bemühungen der Obama-Regierung, mit denen das Atom-Arsenal Amerikas verstärkt werden sollte. Sie meinte, es sei besser, wenn dieses Geld für die Verbesserung des Lebens von Armen und Arbeitern ausgegeben würde.

Ihrer ganzen Erscheinung nach ist Rice eine einfache, leise sprechende alte Nonne. Ich hätte bei dieser ersten Begegnung nie vermutet, dass sie, wie The New York Times später berichtete, im Laufe ihres Lebens 40 oder 50 Mal verhaftet worden war. Um ihre geistliche Berufung zu verstehen, muss man erkennen, dass ihre beiden Seiten - die demütige Schwester und die sogenannte Bedrohung der nationalen Sicherheit - durchaus nicht unvereinbar miteinander sind. Als Mitglied der Plowshares disarmament movement , bezieht Rice ihre Eingebung aus Jesaja 2,4: "Dann schmieden sie Pflugscharen aus ihren Schwertern / und Winzermesser aus ihren Lanzen. Man zieht nicht mehr das Schwert, Volk gegen Volk, / und übt nicht mehr für den Krieg." [Die Bibel. Einheitsübersetzung]

Als Rice nach meiner Rede bei der Kundgebung auf dem Union Square zu mir kam, hatte sie etwas Besonderes vor: einen landesweiten Aktionstag am 6. August gegen die Atombomben auf Hiroshima, dem Jahrestag, an dem Menschen in aller Welt ihren Schwur erneuern, nie wieder etwas Derartiges wie die atomare Massentötung zuzulassen, die die Vereinigten Staaten 1945 an Japan begangen haben.

Meine Occupy Wall Street Kollegen und ich arbeiteten mit ihr zusammen und koordinierten einen Tag des nationalen Protests unter dem Spruchbanner Occupy Nukes . Vor den Eingängen zur Marinebasis der USA Kitsap-Bangor im Puget Sound, wo die Flotte der Atom-U-Boote liegt, und vor dem Los Alamos National Laboratory, der Wiege der Atombombe und auch jetzt noch einem Atomforschungslaboratorium, gab es Straßensperren. In New York City veranstalteten wir eine Kundgebung am Hauptquartier von General Electric am Rockefeller Plaza. Damit forderten wir Aufmerksamkeit für den Bau einer neuen mit Laser betriebenen Anreicherungsanlage in Wilmington, N.C., des größten Unternehmens der Welt. In der Zwischenzeit demonstrierten unsere Verbündeten in der Bay Area vor den Hauptquartieren von Pacific Gas und Electric Company. Diese betreiben Atomreaktoren im Diablo Canyon, die beide auf Erdspalten stehen und damit erdbebengefährdet sind. Außerdem gehören sie zu den vielen alternden Atomkraftwerken, die uns ein neues Fukushima bescheren könnten.

Diese landesweiten Aktionen brachten eine alte Garde von Aktivisten, deren Aktionen sich hauptsächlich auf ihren Glauben gründen und die seit Jahrzehnten am Hiroshima-Tag gegen den Atomindustriekomplex protestieren, mit jüngeren Umweltaktivisten zusammen, die sich durch die Occupy-Bewegung haben radikalisieren und ermutigen lassen. Rice konnte nicht an den Demonstrationen teilnehmen, die sie mit ins Leben gerufen hatte. Zu unserer Überraschung war sie zu der Zeit in Bundeshaft, weil sie ein paar Tage zuvor einen Standort der Landesverteidigung besetzt hatte. Sie hatte ihre eigenen geheimen Pläne gemacht, ohne dass wir, die wir die Vorarbeit für Occupy Nukes geleistet hatten, das vor der Demonstration erfahren hätten:

Am 28. Juli 2012 hatten Rice, Michael Walli, 63, und Greg Boertje-Obed, 57, das Gelände von Y-12 betreten. Y-12 wird von der National Nuclear Security Administration "das Fort Knox des Urans" genannt. Dort hatte die Regierung zuerst das radioaktive Schwermetall angereichert. Heutzutage beherbergt diese und andere ähnliche Anlagen, die im ganzen Land verteilt sind, abgereicherte Uran-Munition. Dieses Nebenprodukt der Verarbeitung von Kernbrennstoffen wendete das US-Militär weithin im Irakkrieg an - besonders während der Versuche, 2004 den Aufruhr in Fallujah zu zerschlagen. Seitdem sind Geburtsschäden in der Stadt häufiger als infolge der Bomben auf Hiroshima und Nagasaki .

"Der Gerechtigkeit Frucht wird Friede sein" [Jes.32,17, Lutherbibel] schrieben Rice und die beiden anderen Antikriegs-Aktivisten an die Mauern eines Gebäudes in Y-12. Um an das Blut zu gemahnen, das durch die an diesem Ort entwickelten Waffen vergossen worden war, schmierten sie Menschenblut auf die Aufschriften. Außerdem hängten sie zwei Transparente von einem Gebäude herunter, auf denen stand "HEUMF" - "Anlage zur Herstellung hoch angereicherten Urans - highly enriched uranium manufacturing facility." Auf einem der Transparente stand "Jetzt in Pflugscharen verwandeln". Darauf war eine Bombe abgebildet, die sich zu einer Blume wandelte. Auf einem anderen Transparent stand: "Schwerter zu Pflugscharen, Lanzen zu Winzermessern"

In der gesamten Gerichtsverhandlung gaben Rice und ihre Kameraden immer wieder ihre Schuld zu, aber sie bestanden darauf, sie hätten keine Sünde begangen. "Unsere Absicht war, Heilung und Vergebung und Liebe zu bringen", bezeugte Rice. "Ich will die Atomwaffen durch Entschärfen und Recyceln verwandeln."

Ihre Verfolger kannten keine Gnade. Die assistierende Bezirksstaatsanwältin Melissa Kirby nannte die Pflugschar-Aktivisten "Auslöser von Gewalt". Sie sagte: Zwar könnten ihre Absichten durchaus friedlich gewesen sein, aber "einige Nachahmer werden erschossen", die ihre Aktionen kopieren würden. Sie behauptete, die Senioren hätten die nationale Sicherheit gefährdet.

Die drei Aktivisten wurden im letzten Monat nach dem Sabotage-Gesetz für die Beschädigung von Bundeseigentum verurteilt und in Bundeshaft genommen, um dort das endgültige Urteil abzuwarten, das im September gefällt werden soll. Ralph Hutchison von der Umwelt-Friedens-Allianz in Knoxville gehört zu einer Gruppe, die Menschen im Gefängnis unterstützt, aber er sagte, deren Mitglieder hätten keine Kampagne zum Erreichen ihrer Begnadigung geplant.

"So sehr es mich auch schmerzt, dass meine Freunde im Gefängnis sind", erklärte Hutchison, "das gehört zu dem Risiko, das sie sich genau überlegt haben, ehe sie ins Y-12 eindrangen. Die Chancen, erschossen zu werden, standen für sie 50 zu 50. Sie waren bereit zu sterben."

Hutchison sagt, die Rechtsanwälte des Trios werden ihr Äußerstes tun, sie freizubekommen oder wenigstens zu bewirken, dass ihre Strafe verringert wird. Sie begründen das folgendermaßen: "Gewaltfrei Handelnde einem Gesetz unterwerfen, das für Saboteure und Terroristen erlassen wurde, bedeutet, einen gefährlichen Präzedenzfall schaffen". Wenn Menschen den Pflugschar-Aktivisten helfen wollen, sagt Hutchison, können sie das tun, indem sie sich für Abrüstung einsetzen.

Wie Schwerter sind auch Pflugscharen scharf. Aber statt Blut fließen zu lassen, sorgen sie für Nahrung. Dementsprechend hoffen Rice und andere von der Bewegung Transform Now Plowshares, dass sie mit ihren Aktionen für eine Bewegung sorgen können, die die Frage stellt, ob das Geld tatsächlich ins US-Militär und seine Waffenvorräte fließen muss oder ob diese Milliarden Dollar nicht besser für Frieden, Wohlbefinden und eine nachhaltige Umwelt ausgegeben werden sollten. Inzwischen hat die Obama-Regierung vorgeschlagen, das nukleare Nichtverbreitungsprogramm des Energieministeriums um 460 Millionen Dollar zu kürzen und das Geld für die Lagerung neuer Atomwaffen auszugeben.

Die vorgeschlagene Atom-Eskalation ging der Rede des Präsidenten über den Krieg gegen den Terrorismus an der Universität für nationale Verteidigung in Washington, D.C., genau eine Woche voraus. Während dieser Rede wurde er wiederholt von der Mitbegründerin der Antikriegsgruppe Code Pink Medea Benjamin unterbrochen . Sie forderte von Präsident Obama Rechenschaft über die Tötung von US-Bürgern und unschuldigen Zivilisten im Ausland und auch über die unbegrenzte Haft der Gefangenen in Guantánamo Bay auf Kuba, die zurzeit im Hungerstreik sind. Nachdem sie aus dem Raum geführt worden war, sagte Obama seinen Zuhörern: "Die Stimme dieser Frau ist es wert, dass man ihr Aufmerksamkeit schenkt."

Zwar bezog Obama sich mit diesen Worten auf Benjamin, sie könnten aber auch auf Rice angewendet werden. Jedoch müssen es Millionen wie sie aus allen Schichten der Bevölkerung sein, die sich erheben und fordern, dass Amerika seine Schwerter zu Pflugscharen umschmiedet. Dann wird Obama vielleicht zu sich selbst sagen: "Die Stimme dieser Bewegung ist es wert, dass man ihr Aufmerksamkeit schenkt."

Aus dem Englischen von Ingrid von Heiseler

Quelle: Waging Nonviolence . Originalartikel:  The anti-nuke strategy behind the ‘prophets of Oak Ridge’ . Eine Vervielfältigung oder Verwendung des Textes in anderen elektronischen oder gedruckten Publikationen ist unter Berücksichtigung der Regeln von Creative Commons Attribution 4.0 International (CC BY 4.0) möglich.

Fußnoten

Veröffentlicht am

26. Juni 2013

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