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Friedenskirche zu werden erfordert nicht nur das NEIN zum Krieg, sondern: Gütekraft entdecken und entfalten

Von Martin Arnold

Friedenskirche zu werden erfordert nicht nur das NEIN zum Krieg, sondern: Gütekraft entdecken und entfalten.

  1. Das Ziel, dass keine Kriege mehr geführt werden, ist spätestens in einer Zeit, in der wir mit den vorhandenen Kriegsmitteln die Menschheit auslöschen können, eines der wichtigsten Ziele überhaupt.
  2. Dass Kriege stattfinden und Militär und Kriege akzeptiert werden, hat viele komplexe Ursachen. Zentral sind natürlich die Bereitschaft und die Motivation, Krieg zu führen. Wie können sie abgebaut werden?
  3. In den ersten Jahrhunderten des Christentums war die Position eindeutig, dass Kriegführung keine christliche Möglichkeit sei. Seitdem das Christentum durch Kaiser Konstantin staatlich anerkannt wurde, gibt es Versuche, diese Einstellung mit der Anerkennung des staatlichen Rechts zur Kriegsführung vereinbar zu machen. Prominent ist Augustins Denkfigur "gerechter Krieg": Nur unter bestimmten Bedingungen könne Krieg zu führen gerechtfertigt und eine christliche Möglichkeit sein.
  4. Ein Beispiel aus der jüngeren deutschen Geschichte: Die EKD hat 1994 in ihrer Friedensdenkschrift "Schritte auf dem Weg des Friedens" einschränkende Kriterien formuliert, unter denen ein militärischer Einsatz der Bundeswehr als christlich gerechtfertigt gelten könne, darunter "UNO-Mandat". Als dann 1999 die Bundeswehr den Kriegseinsatz beim NATO-Krieg gegen das ehemalige Jugoslawien ohne UNO-Mandat mitmachte, wurde die Beteiligung deutscher Soldaten an diesem Krieg trotzdem von Bischof Wolfgang Huber, der an der Denkschrift mitgearbeitet hatte, öffentlich gerechtfertigt. (Ein Aufschrei in deutschen Kirchen blieb aus.)
  5. Leider hat die Denkfigur "gerechter Krieg" mit alten oder neuen Kriterien nicht nur keinen Krieg verhindert, sondern Kriegsherren sogar das Kriegsführen erleichtert, indem sie Rechtfertigungsgründe bereitstellt. Ob in Gleiwitz 1939 oder im Golf von Tonkin 1964, es brauchte nur eine entsprechende Inszenierung die Behauptung "zur Verteidigung" plausibel erscheinen zu lassen, um Krieg zu legitimieren.
  6. Religiös oder anders begründete Versuche, durch ethische Normen Krieg zu verhindern, zu vermeiden oder auch nur einzuschränken, haben sich in der Geschichte (zumindest seit Konstantin) als unzureichend erwiesen. Der Grund: Krieg, Militär, Herstellung und Verkauf dafür geeigneter Ausrüstung ethisch oder moralisch zu problematisieren, zu verbieten, zu ächten oder ihre Legitimität an bestimmte Bedingungen zu knüpfen, wird wichtigen Kriegsursachen nicht gerecht.
  7. Dies gehört zu den Rahmenbedingungen von Friedensbemühungen. Sollen sie zu dem Ziel beitragen, dass keine Kriege mehr geführt werden, so sind (auch) andere als ethische Überlegungen erforderlich.
  8. Von großer Bedeutung sind die Einschätzung von Stärke und Schwäche. Denn zu den Ursachen der Kriegsbereitschaft zählt auch die weit verbreitete Einschätzung, dass es Bedrohungen oder Angriffe gebe, die nur militärisch wirksam abgewendet werden könnten, weil andere Mittel nicht stark genug wären. Diese Einschätzung kann sich auf geschichtliche Erfahrung stützen. Das liegt vor allem daran, dass die Möglichkeiten und Erfahrungen, Gewalt und Gewaltdrohungen mit anderen Mitteln als Gewalt zu begegnen, irrtümlich eher für schwach gehalten werden und außerdem wenig bekannt sind. (Für den Fall der Existenzbedrohung, also der Notwehr oder Nothilfe, bietet ja auch die Ethik die Rechtfertigung für Gewalt—aber nur deshalb, weil diese für das stärkste, "letzte" Mittel gehalten wird.)
  9. Nur wenn wir uns stark genug fühlen, ohne Waffen oder ohne Gewalt mit Gewalt oder Bedrohungen umzugehen, und wissen, wie das möglich ist, und vorbereitet sind, werden wir das auch tun und es nicht nur ethisch oder im Prinzip für richtig halten, keine Gewalt anzuwenden.
  10. Hier liegen besondere Möglichkeiten für Christinnen und Christen und für die Kirche. "Überwinde Böses mit Gutem, liebet eure Feinde, betet für eure Verfolger, halte auch die andere Wange hin, gehe eine Meile mehr mit, gib auch das letzte Kleidungsstück, die Sanftmütigen werden die Erde besitzen…" oder mit dem Koran gesagt: "Gutes und Böses ist nicht einerlei; darum wende das Böse durch Gutes ab, und dann wird selbst dein Feind dir zum echten Freund werden" (Sure 41, 35). Die damit skizzierte Streitkunst Jesu entspricht Gandhis Streitkunst satyagraha, Gütekraft. So auch Pinchas Lapide, der NT-Texte ins Aramäische zurückübersetzte und als Jude Jesus besonders nahe stand, in: Er predigte in ihren Synagogen. Jüdische Evangelienauslegung. Gütersloh 1981, S. 54f.
  11. Die Kraft des Heiligen Geistes überwindet alle möglichen Grenzen zwischen Menschen auf Erden wie an Pfingsten so auch später, auch in unseren Tagen.
  12. Dies kann nicht vorrangig mit der Diffamierung des Krieges oder mit der Forderung Keine Gewalt! oder ähnlichen ethischen Forderungen ("Gewaltfreiheit…") vermittelt werden, weil damit nicht die Kraft in den Vordergrund rückt, die stärker als Gewalt und Krieg ist. Es ist wichtig, sie auch zu benennen, damit sie wahrgenommen wird, ob sie nun mit Gandhi Gütekraft oder ob sie Friedenskraft oder sonstwie-Kraft genannt wird.
  13. Die Besonderheiten dieser Kraft sind auch in der Kirche wenig bekannt. Ihre Wirkungsweise wurde als der gemeinsame Kern der verschiedenen Traditionen der Gewaltfreiheit und der zivilen Konfliktbearbeitung erforscht. Er betrifft alles, was Insider unter Gewaltfreiheit als Lebensweise, unter prinzipieller und unter pragmatischer Gewaltfreiheit verstehen. Diese Kraft wirkt international, interkulturell, interreligiös, weil sie an allgemein-menschlichen Gegebenheiten anknüpft, und deshalb ist sie auch universal anwendbar. In Indien ist Gandhi und unter den Lebenden Rajagopal ihr bekanntester Protagonist, im Westen sind es Martin Luther King und unter den Lebenden Hildegard Goss-Mayr, im Islam Khan Abdul Ghaffar Khan und unter den Lebenden im Buddhismus Thich Nhat Hanh. Die Gütekraft steckt als Potenz in allen Menschen (UNO-Charta: "… sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geist der Geschwisterlichkeit begegnen").
  14. Der erste Schritt ist die Entdeckung der Gütekraft im Eigenen, in der eigenen Person, in der eigenen Gruppe, in der eigenen Geschichte. Aus ihr folgt die Bereitschaft, "die Liebe in sich wachsen zu lassen" (Hildegard Goss-Mayr) und gütekräftiges Vorgehen zu lernen. Der zweite Schritt ist die Bereitschaft, im Eigenen nach Anteilen an dem zu suchen, was abgelehnt wird. "Was ist unser eigener Anteil an der Kriegsbereitschaft?" Was sind unsere Antworten als Einzelne (profitieren wir von Bundeswehreinsätzen gegen Piraten im Indischen Ozean?), als Kirchen (Militärseelsorge?)? Der dritte ist der Schritt, diese Anteile selbst abzubauen. Dem entspricht die nach der ÖRK-Antimilitarismus-Deklaration von Nairobi formulierte ORLÖkumenische Aktion Ohne Rüstung Leben ,-Selbstverpflichtung "Ich bin bereit, ohne den Schutz militärischer Rüstung zu leben. Ich will in unserem Staat dafür eintreten, dass Frieden ohne Waffen politisch entwickelt wird." Die Selbstverpflichtung allein ist natürlich nur das erste Schrittchen, das zweite ist deren Veröffentlichung, das dritte ist der Zusammenschluss derer, die dies erklärten, für die Arbeit für Soziale VerteidigungSelbstbehauptung gegen Militär mit gewaltfreien / gütekräftigen Mitteln. Vgl. Bund für Soziale Verteidigung , Beispiel: 1968 in der Tschechoslowakei wurden die einmarschierenden Warschauer-Pakt-Truppen eine Woche an der Machtübernahme gehindert. (Dann wurden diese Aktivitäten aufgrund von Fehlinformationen der Führer Ludvík Svoboda und Alexander Dubc(ek abgebrochen.), damit das vierte, der allgemeine Abbau der Kriegsbereitschaft, politisch eingeleitet werden kann. Es folgen weitere Schritte. Einiges von dem, was dazu gehört, persönlich und kollektiv stärker zu werden (Empowerment), ist in "Erfolg durch Gütekraft" aufgeführt. http://www.martin-arnold.eu/wp-content/uploads/2013/05/2013-0507Erfolg-durch-Guetekraft.pdf . Der Vorschlag, die Kirchen sollen viele Friedenswerkstätten einrichten, ist weiterführend.
  15. "In der noch unerlösten Welt…": Diese Denkfigur passt—im Normalverständnis—nicht zu Friedensgedanken, sie gefährdet vielmehr potenziell den Frieden. Mit "Welt" sind theologisch die noch nicht christlich Gewordenen im Unterschied zur wahren Kirche der Erlösten gemeint. Die Denkfigur ähnelt strukturell dem Schillerwort: "Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbar nicht gefällt" und dem germanischen Friedensbegriff: Friede sei der umfriedete (eigene) Bezirk, draußen herrsche Unfriede. In diesem Denken wird das "Böse" auf andere projiziert und zugleich werden die eigenen Anteile am Unfrieden mit denen "draußen", mit der "Welt" und im Verhältnis zum Nachbarn verdrängt. Gütekraft, Liebe, Heiliger Geist macht frei von solcher Befangenheit in der Wahrnehmung von Beziehungen: frei für das Eingeständnis, dass von jahrhundertelang christlich geprägten Völkern und Ländern die schlimmsten—"ungerechten"??—Kriege ausgingen, sie fragt nach den Gründen, und sie überwindet Grenzen auch zu den fremdesten Nachbarn oder "Feinden", und zwar in der Welt, wie sie ist—dafür braucht sie nicht und darf die "Welt" nicht als unerlöste hypostasiert werden. Vielmehr wird durch die Streitkunst Jesu und Gandhis friedliches Miteinander möglich, hier auf der Erde, nicht erst erlöst "im Himmel".
  16. Alle Menschen (nicht nur erlöste Christen) haben Gütekraft-Potenz, und das genügt für die Erfolgsaussichten gütekräftigen Vorgehens, weil alle Menschen auf Wohlwollen und Gerechtigkeit ansprechbar sind, auch für die Erfolgsaussichten der Sozialen Verteidigung. Wie militärische Verteidigung erfordert sie gründliche Vorbereitungen. Die Kirche ist mit der Einrichtung von "gewaltfrei handeln" (früher: = Schalomdiakonat) einen wichtigen Schritt gegangen, ähnlich die Werkstatt für Gewaltfreie Aktion Baden, die Kurve Wustrow und andere. Wir fangen nicht von Null an. Erfreulicherweise wird "Gewaltfreiheit" in der Gesellschaft meist gutgeheißen. Es geht allerdings nicht nur um Freiheit von Gewalt, sondern um eine positive Kraft, die positiv zu benennen wichtig ist.
  17. Beispiele für die Entdeckung der Gütekraft im Eigenen und für erfolgreiches gütekräftiges Vorgehen unter www.guetekraft.net > Gütekraftberichte.
  18. Forschung zur Stärke des gütekräftigen Vorgehens: Gemäß einer Studie von Chenoweth und Stephan waren gewaltfreie bzw. gewaltarme Aufstände für mehr Demokratie zwischen 1900 und 2006 jeweils doppelt so oft erfolgreich wie gewaltsame, Kurzfassung online: Why Civil Resistance Works. The Strategic Logic of Nonviolent Conflict .
  19. Mehr zu Gütekraft-Forschungsergebnissen: www.martin-arnold.eu > Forschungsergebnisse
  20. Birgit Berg (Plakat der Wortwerkstatt Poesie und Politik): Die überzeugendste Form des Nein zum Unzumutbaren ist das JA zu den reiferen Möglichkeiten.

Martin Arnold (* 1946) ist evangelischer Pfarrer und Friedensforscher; Mitglied im Internationalen Versöhnungsbund – Deutscher Zweig e.V. und Gründungsmitglied des Bundes für Soziale Verteidigung ; seit 1997 ehrenamtlicher Mitarbeiter des Instituts für Friedensarbeit und Gewaltfreie Konfliktaustragung (IFGK); 1998 gründete er zusammen mit Menschen aus Friedensforschung und -bewegung die Arbeitsgruppe Gütekraft . Eigene Website:  www.martin-arnold.eu

Fußnoten

Veröffentlicht am

18. Mai 2013

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