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Werner Dierlamm: Zur Überwindung der kriegerischen Gewalt

Von Werner Dierlamm

Seit es Menschen gibt, haben sie, wie alle Kreatur, Unsägliches erlitten durch Naturkatastrophen, Erdbeben, Vulkanausbrüche, Dürre, Überschwemmungen, Wirbelstürme, Seuchen, Krankheiten aller Art.

Seit Kain den Abel erschlug, gibt es aber auch das Leid, das Menschen einander zufügen. Der Mord gilt als das schlimmste Verbrechen. Niemand wird aber bestreiten können, dass die kriegerische Gewalt zwischen Staaten oder als Bürgerkrieg ungleich viel größere Opfer fordert. So sehr sich die Menschheit entwickelt hat von der Steinzeit bis ins 21. Jahrhundert, so sehr sich das Erscheinungsbild der Welt auf allen Gebieten verändert hat - eines ist gleichgeblieben: der mörderische Kampf auf Befehl von Regierungen, Generälen oder Warlords. Aller Fortschritt der Aufklärung und der Wissenschaften konnte die kriegerische Gewalt bisher nicht von der Erde verbannen. Nehmen wir das Beispiel unseres deutschen Volkes, das sich der höchsten Errungenschaften in allen Wissenschaften rühmen darf, das auch in Kunst und Kultur, Dichtung und Musik die wunderbarsten Werke hervorgebracht hat - eben von diesem deutschen Volk sind im letzten Jahrhundert die beiden Weltkriege ausgegangen, die wohl unter allen bisherigen Kriegen die meisten Opfer gefordert haben, bis hin zur Vernichtung von Millionen unschuldiger Menschen, die in der Finsternis des Zweiten Weltkrieges umgebracht wurden.

Es ist nicht zu bestreiten, dass nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs der feste Wille bei den ehemals verfeindeten Völkern bestand, dass sich dieses Morden nie wiederholen dürfe. Viele rühmen sich auch der "60 Jahre Frieden", die umsichtiger Politik zu verdanken seien. Trotzdem wurden die nötigen Konsequenzen aus dem Wahnsinn dieser Kriege nicht gezogen: die Entwicklung und Produktion immer neuer Waffen bis hin zur Wasserstoffbombe wurde forciert, die Ausbildung von Soldaten für die nächste kriegerische Auseinandersetzung wurde wieder aufgenommen oder fortgesetzt, noch immer besteht die Drohung mit der Anwendung militärischer, ja atomarer Gewalt. An zahllosen Orten geht auch im 21.Jahrhundert das Morden mit Kriegswaffen weiter. Die grundsätzliche Umkehr von einem Jahrtausende alten Irrweg fand nicht statt. Gewiss wollen fast alle, dass es keinen Krieg mehr gibt, aber noch immer halten die meisten Zeitgenossen die Ausbildung für den Krieg und die Produktion von Kriegswaffen für unverzichtbar. Und fast alle meinen, so werde es immer bleiben.

Nein, es muss nicht "ewig" so bleiben.

Es gibt genug Personen und Organisationen, die mit mir die Zuversicht teilen, dass es möglich ist, die Institution des Militärs zu überwinden. Sie mögen die Gründe für ihre Hoffnung anführen.

Als Pfarrer i. R begründe ich aus der biblischen Geschichte, worauf ich meine Hoffnung setze - trotz meines eigenen Unglaubens und meines Zweifels.

Von Gott wird in der hebräischen Bibel vieles berichtet, was der Hoffnung auf die Überwindung militärischer Gewalt stracks zuwiderläuft, zum Beispiel, dass Gott selbst an der Spitze des Heeres in den Kampf zieht, oder dass der König David Frieden nicht ohne Waffen schafft, sondern mit Waffen, nämlich durch den Sieg über alle seine Feinde. Und doch erwartet Israel als Ziel seiner Geschichte den Schalom, nämlich umfassendes Heil, Frieden und Gerechtigkeit. Weil das nie erreicht wurde, wird es von dem König erwartet, der am Ende kommen wird. Er ist der wahre Messias und stirbt nicht. So kann er auch den Schalom bringen, der nie aufhört. Frage: ist es nicht Gott allein, der dies vermag, weil er unsterblich ist?

Im griechisch geschriebenen Neuen Testament wird Jesus aus Nazareth von Menschen, die ihm nachfolgen, als dieser erhoffte Messias (Christus) erkannt und bekannt gemacht. Wo immer von Jesus Christus die Rede ist, handelt es sich um das Bekenntnis: dieser Jesus von Nazareth ist der Messias. Aber dieser Messias ist wider Erwarten ein König ohne Armee. Er redet in der Bergpredigt von Feindesliebe, vom Ende der Vergeltung, von der Überwindung des Bösen durch das Gute. Durch seine Kreuzigung scheint er als Messias widerlegt. Die Nachricht von seiner Auferstehung bestätigt, dass er der verheißene Messias ist. Weil er nicht mehr stirbt, wird auch der Friede, den er schafft, kein Ende haben.

Das Zeugnis von Jesus aus Nazareth, dem König der Juden (INRI), wird zum Fundament der christlichen Kirche.

Jesus hat zu den Männern und Frauen, die ihm nachfolgten, gesagt: ihr seid das Salz der Erde, ihr seid das Licht der Welt. Sie sollen sein Werk in ihren Begrenzungen und in ihrer Zeit fortsetzen. Paulus hat geschrieben: Jesus Christus ist das Haupt und die Gemeinde sein Leib. Der Auftrag der christlichen Kirche auf Erden ist es, das Werk des Messias fortzusetzen und den Völkern den Frieden zu bringen.

Während der zweitausendjährigen Kirchengeschichte wurde der Messias Jesus von Tausenden verleugnet. Und Tausende folgten ihm zur gleichen Zeit nach und waren Salz und Licht für die Welt.

Aber wie steht es mit dem Schalom, den Jesus, wenn er wirklich der Messias ist, der gequälten Welt bringen wird?

Am 28. August 1934 hielt Dietrich Bonhoeffer auf der dänischen Nordseeinsel Fanö vor der Vollversammlung einer ökumenischen Jugendkonferenz die Morgenandacht über Psalm 85,9:
"Ach dass ich hören sollte, was der Herr redet, dass er Frieden zusagte seinem Volk und seinen Heiligen" (Ps. 85,9)

Daraus folgende Worte:

"Noch einmal darum: Wie wird Friede? Wer ruft zum Frieden, dass die Welt es hört, zu hören gezwungen ist? Dass alle Völker darüber froh werden müssen? Der einzelne Christ kann das nicht - er kann wohl, wo alle schweigen, die Stimme erheben und Zeugnis ablegen, aber die Mächte der Welt können wortlos über ihn hinwegschreiten. Die einzelne Kirche kann auch wohl zeugen und leiden - ach, wenn sie es doch täte -, aber auch sie wird erdrückt von der Gewalt des Hasses. Nur das eine große ökumenische Konzil der Heiligen Kirche Christi aus aller Welt kann es so sagen, dass die Welt zähneknirschend das Wort vom Frieden vernehmen muss und dass die Völker froh werden, weil diese Kirche Christi ihren Söhnen im Namen Christi die Waffen aus der Hand nimmt und ihnen den Krieg verbietet und den Frieden Christi ausruft über die rasende Welt."

Bonhoeffer hoffte wohl, dass die Erklärung des großen ökumenischen Konzils alsbald geschehen möge um den drohenden Krieg zu verhindern. Statt dessen brach Hitler den Zweiten Weltkrieg vom Zaun. Trotzdem ist das, was Bonhoeffer damals sagte, nicht Schall und Rauch. Es ist wie ein Programm und eine Zielangabe für die Ökumenische Bewegung der folgenden Jahrzehnte, vielleicht Jahrhunderte.

Ereignisse, die ich als Stationen der Ökumenischen Bewegung zur Überwindung der kriegerischen Gewalt bewerte:

  • Erste Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen 1948 in Amsterdam: Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein
  • Sechste Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen in Vancouver 1983: Beginn des konziliaren Prozesses für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung
  • Achte Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen in Harare 1998. Aufruf zu einer Dekade zur Überwindung von Gewalt 2001-2010
  • Bewusstseinsprozess in den Kirchen: Vom gerechten Krieg zum gerechten Frieden
  • Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen in Busan 2013: Gott des Lebens, weise uns den Weg zu Gerechtigkeit und Frieden

Bonhoeffer hat ein großes Ziel im Auge. Allein mit den Kirchen, die sich in der Genfer Ökumene zusammengeschlossen haben, kann es nicht erreicht werden. Es zeichnet sich aber trotz aller Rückschläge eine unaufhaltsame Annäherung der großen Kirchen ab. Und so starr und unbeweglich, wie es scheinen mag, ist die Römisch-Katholische Kirche nicht. Völlig unerwartet war sowohl die Einberufung des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965) durch Johannes XXIII., wie auch die Wahl des Erzbischofs von Buenos Aires Jorge Mario Bergoglio 2013 zum Papst, der sich Franziskus nennt. Wenn es dem neuen Papst gelingt, die Römisch-Katholische Kirche auf dem Weg zu mehr Gerechtigkeit und zur Überwindung der Armut voranzubringen, dann kann niemand behaupten, es sei unmöglich, dass eines Tages die Kirche Christi ihren Söhnen im Namen Christi die Waffen aus der Hand nimmt und ihnen den Krieg verbietet und den Frieden Christi ausruft über die rasende Welt.

Die christliche Kirche auf Erden ist prädestiniert, dem Militärwesen ein Ende zu setzen, denn sie heißt einen Mann ihren Herrn und König, der sein Reich ohne Heer und Waffen errichtet und den Seinen mit klaren Worten gebietet, die Feinde zu lieben und das Böse mit Gutem zu überwinden.

Die christliche Kirche ist umso mächtiger, je weniger Stärke und Macht sie sich durch staatliche Privilegien verleihen lässt. Sie ist mächtig durch ihre Kirchengemeinden überall in der Welt. die sich durch ihren gemeinsamen Auftrag miteinander verbinden. Die christliche Kirche ist mächtig im Widerstand gegen die Mächte, die das Leben zerstören, und in der Hinwendung zu allen Mitmenschen, die der Hilfe bedürfen. Sie wird ihre Macht beweisen, wenn sie den Krieg verbietet und den Frieden Christi ausruft über die rasende Welt.

Das mag schon im Jahr 2017 geschehen. Und wenn es noch einmal 500 Jahre braucht, bis die christliche Kirche auf Erden wirklich zu ihrer wahren Bestimmung auch im Blick auf die Überwindung der kriegerischen Gewalt findet?

Dann haben wir immer noch den Messias aus dem jüdischen Volk, der uns unsere Schuld vergibt, uns vom Bösen erlöst und uns die große Hoffnung schenkt über den Tod hinaus.

Schorndorf, am 20. April 2013

Am 20. April 1945, an Adolf Hitlers Geburtstag, starb mein Bruder Helmut in Hitlers Armee in Oberitalien. Am selben Tag geriet ich in Gefangenschaft in Holzmaden bei Kirchheim/Teck.
Mein ältester Bruder Gerhard starb Ende 1942 oder Anfang 1943 in Russland. Meine Eltern und meine kranke Schwester Elfriede starben am 4. Dezember 1944 beim Gegenangriff der Alliierten in Heilbronn.

Die furchtbare kriegerische Gewalt muss ein Ende haben.

Veröffentlicht am

24. April 2013

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