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Dorothee Sölle: Moses, Jesus und Marx - Utopisten auf der Suche nach Gerechtigkeit

Am 27. April 2003 ist Dorothee Sölle gestorben. Anlässlich ihres 10. Todestages veröffentlichen wir den nachfolgenden Text von ihr aus dem Jahr 1991.

Von Dorothee Sölle

Ist mit dem Niedergang des "realexistierenden" Sozialismus und der damit verbundenen Expansion des postmodernen Kapitalismus die Frage nach der Vision einer alternativen Gesellschaft erledigt? Oder?

"Glauben Sie denn immer noch dran, Kindchen?", fragte mich eine alte jüdische Freundin in den USA. "Sehen Sie, Moses am Sinai, Jesus von Nazareth und Karl Marx aus Trier, das sind drei jüdische Versuche, die Menschheit zu humanisieren… Ziemlich vergeblich, scheint mir." Dieses Bonmot fiel mir wieder ein, als ich auf einer Häuserwand in der früheren DDR den Satz las: "Marx ist tot und Jesus lebt!" Meine alte Freundin hatte die drei Juden aus der Weltgeschichte zusammengestellt, weil sie alle an bestimmten historischen Wendepunkten die Bedingungen für eine gerechtere Gesellschaft formuliert haben. Moses, auf dem Übergang von der nomadischen zur ackerbautreibenden Gesellschaft, benannte die Menschenrechte in der Gestalt der Zehn Gebote. Jesus von Nazareth, unter der Zwangsherrschaft und dem Militarismus des Imperium Romanum lebend, verkündete eine gewaltfreie Ethik, die der Bergpredigt, und Karl Marx unter dem industriellen Kapitalismus gab den alten Hoffnungen der Menschen eine neue Gestalt im wissenschaftlichen Sozialismus. Sind sie alle drei tot? Moses, der "Du sollst nicht morden" als Botschaft des rätselhaften Gottes entzifferte? Jesus mit seiner absurden Idee, die Feinde nicht totzurüsten oder wegzubomben, sondern sie zu lieben? Und Karl Marx, der "alle Verhältnisse, in, denen der Mensch ein erniedrigtes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist", umwerfen wollte? Sind sie nicht alle drei tot, weil durchaus unbrauchbar für den Golfkrieg und die Umrüstung der Nato, für den Internationalen Währungsfonds und den Dauerkrieg gegen die Ärmsten? Sind nicht diese jüdischen Versuche des anderen Lebens im Schalom, der aus Frieden und Gerechtigkeit besteht, endgültig gescheitert?

"Marx ist tot und Jesus lebt." Sollte Karl Marx deswegen tot sein, weil Jesus lebt und gesiegt hat? Davon sehe ich leider nicht viel. Ich möchte drei einfache Fragen stellen: Wer hat gesiegt? Wer hat verloren? Und: wo steht Gott?

I. Wer hat gesiegt?

Die erste Frage - Wer hat eigentlich gesiegt? - wurde mir sehr deutlich, als eine christliche Zeitschrift aus den USA mich in einem Interview fragte: "Einige lesen die gegenwärtigen Ereignisse in Osteuropa und der Sowjetunion als Triumph der Demokratie im besten Sinne, andere sehen sie als Triumph des Kapitalismus und des Individualismus im schlechtesten Sinne. Wie verstehen Sie die Wende?" Mit diesem Entweder/Oder kam ich nicht weiter, ich musste mich dazu bequemen, einen Begriff in mein Denken aufzunehmen, dem ich bislang ausgewichen war: das ist der des "demokratischen Kapitalismus", von dem christliche Vordenker in den Vereinigten Staaten in schöner Offenheit sprechen. Dieser Begriff scheint mir klarer als der bei uns bevorzugte von der "sozialen Marktwirtschaft", bei der ich nie genau weiß, wie weit das Adjektiv sozial denn bei Mieten, Grundstückspreisen, Arbeitslosigkeit, medizinischer Versorgung und vielen anderen Fragen wirklich reicht. Ich denke, gesiegt über den bürokratisch-zentralistischen Zwangsapparat haben die beiden genannten Elemente, Demokratie und Kapitalismus. Die Menschen haben tatsachlich Bananen und Pressefreiheit, Italienreisen und Respekt vor den Menschenrechten, freies Unternehmertum und Arbeitslosigkeit gewählt. Der staatssozialistische Versuch, eine solidarische Gesellschaft aufzubauen, ist gescheitert. Übrigens nicht nur für Europa.

Die Ursachen für dieses Scheitern lassen sich an vielen Stellen benennen: eine politische Machtkonzentration ohne Opposition, eine Bürokratie, die die Menschen rechtlos und apathisch machte, die Kommandowirtschaft ohne individuelle Anreize, die Korruption ohne jede demokratische Kontrolle durch die Medien, der extreme Militarismus, der sich - in der Sowjetunion - auch heute noch selbst beauftragt und selbst bedient. Die Abschaffung des Privateigentums an Produktionsmitteln hat die naturwüchsigen Interessen und Ungleichheiten der Menschen keineswegs beseitigt, sondern sie in anderen Formen der Herrschaft von Menschen über Menschen vervielfacht. Die staatssozialistische Erziehung führte zu Eigenschaften wie Anpassung, Kriechertum gegen Vorgesetzte und Zynismus den eigenen kritischen Überzeugungen gegenüber. Ein geschichtsphilosophischer Determinismus, der den Untergang des Kapitalismus und den Sieg des Sozialismus als wissenschaftliche Voraussagen behauptete, war von keinem Realitätssinn getrübt; er hat entscheidend mit zur Dogmatisierung bestimmter Denkpositionen beigetragen. Ein falsch verstandener Materialismus nahm die Leiblichkeit des Menschen und unsere Zugehörigkeit zur Natur gerade nicht wahr; die Natur wurde stattdessen als Objekt der Unterwerfung unter die Herrschaft des Menschen angesehen. Dass wir Menschen Natur sind und nicht nur in einem Ausbeuter-Verhältnis zu den natürlichen Lebensgrundlagen stehen, wurde im östlichen wie im westlichen Denksystem des Industrialismus übersehen.

II. Wer hat verloren?

Der Sieg des demokratischen Kapitalismus über den Staatssozialismus bedeutet allerdings nicht nur Befreiung von Menschen aus verschuldeter und verhängter Abhängigkeit. Dieser Sieg hat schon heute seinen Preis und wird in Zukunft noch schrecklichere Opfer fordern. Ich denke dabei einmal an die schwächsten Glieder der staatssozialistischen Gesellschaft, die durch die bisherige Ordnung einen zwar unzureichenden, aber doch existierenden Schutz ihrer Behausung, ihrer Krankenversorgung, ihrer Arbeitsplätze besaßen. Ich denke an die vielen unqualifizierten, älteren, in unserem System unbrauchbaren Menschen, die von den Betrieben mitgeschleppt wurden. Eine Psychiaterin erzählte mir von ihren genesenden Patienten, die sie nun nicht mehr in die Betriebe schicken kann, weil die Betriebe jetzt nur noch eine einzige Aufgabe kennen, nämlich Profit zu machen. Verloren haben viele gerade der Schwächeren, die in dem unproduktiven System eine Nische, einen Schlupfwinkel gefunden hatten zu überleben. Verloren haben die Frauen, die keinen Kindergartenplatz mehr einklagen können und die als erste entlassen werden, weil sie der Kinder wegen manchmal fehlen müssen. Verloren haben auch die älteren Frauen mit den kleinen Renten, wenn die Fahrschein- und Postgebühren sich vervierfachen. Die Feminisierung der Armut ist schon eingeplant.

Der Sieg des demokratischen Kapitalismus hat seinen Preis

In einem globalen Kontext haben aber noch ganz andere Gruppen und Völker etwas verloren. Ich mein die noch zwei Drittel, bald drei Viertel der Weltbevölkerung, die zu den Armen gehören. Schon lange hat die marxistische Theorie ihr Augenmerk von dem Industrieproletariat als Hoffnungsträger weg und auf die verelendeten Massen der Dritten Welt gerichtet. Die Wende vom Marxismus zum Neomarxismus, der eben die Welthandelsbeziehungen zur Dritten Welt einbezog, war eine grundlegende Veränderung der marxistischen Theoriebildung. Mit dem Zusammenbruch des Staatssozialismus ist eine Hoffnung der entrechteten Völker gestorben. Vielleicht sollte ich einschränkend sagen: das Recht, von einer anderen Lebensweise zu träumen, ist ihnen genommen. Der Kapitalismus braucht keine Angst mehr zu haben, die unterworfenen Völker könnten ein anderes Modell bevorzugen. Sie haben keine Wahl mehr. Dass Kuba in seiner bisherigen Form zugrundegehen wird, ist nur eine Frage der Zeit. Man mag darüber streiten, ob die Befreiungsbewegungen der Völker der Dritten Welt den östlichen Staatssozialismus angestrebt haben. Sicher war es nicht das Moskauer System von Spitzeln und Arbeitsnormen, von Bürokratie und Militarismus, das sie anzog. Viele von ihnen haben immer wieder betont, dass ihr eigener Weg zur Freiheit ein dritter sein müsste. Nicaragua mit seinem Versuch einer gemischten Wirtschaft und einem Mehrparteiensystem ist sicher auch hierin Vorbild für manche andere Länder gewesen. Aber die Supermacht konnte diese Abweichung vom alleinseligmachenden Weg des freien Unternehmertums nicht tolerieren.

Hunger, Elend und wachsende Verschuldung

Dass der kapitalistische Weg für die Völker der Dritten Welt Hunger, Elend und wachsende Verschuldung bringt, ist schon lange klar und seit der Schuldenkrise auch von den hartnäckigsten Verfechtern demokratisch-kapitalistischer Entwicklung nicht mehr zu leugnen. In den letzten sieben Jahren haben die armen Länder mehr Gelder an die reichen transferiert, als sie an Entwicklungshilfe erhalten haben. Die Frage, die sich aus der Analyse der Dritten Welt ergibt, heißt, ob es denn jetzt, unter der Alleinherrschaft des Kapitalismus keinerlei Hoffnung mehr für die Verelendeten gibt. Müssen sie die Rolle der Rohstofflieferanten und billigen Arbeitssklaven für immer spielen, müssen sie ihre Länder für Militärbasen und Giftmülldeponien hergeben und ihre Kinder der Prostitution?

Das demokratische Element, das den Kapitalismus in seinen Zentren erträglich, profitabel und - begrenzt - rechtssicher macht, fällt innerhalb der Peripherien aus: die barbarischsten Militärdiktaturen wurden jahrzehntelang von den Supermächten unterstützt, wenn sie nur dem Kapital genügend Privilegien, Macht, Absatzmärkte und Steuervorteile garantierten. Daran hat sich auch durch den Fetisch der freien Wahlen nichts geändert. Es gehört zum Wesen des demokratischen Kapitalismus, dass er auf der Ebene der Welthandelsbeziehungen die demokratische Maske nicht oder nur als gelegentliche Verkleidung braucht.

Verhältnisse schlimmer als im Manchester oder Wuppertal des Frühkapitalismus

All das, was die sozialistische Bewegung in Europa in einem über hundertjährigen Kampf dem Kapitalismus abgerungen hat - die Aufhebung der Kinderarbeit, die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, die Verkürzung der Arbeitszeit vom 14-Stundentag auf die 40-Stundenwoche, die gewerkschaftliche Organisation und der Schutz, den sie hergibt, das Streikrecht und die geringen Formen der Mitbestimmung - all diese längst selbstverständlichen Leistungen des bei uns in seiner Brutalität gezähmten Kapitalismus fallen innerhalb der Dritten Welt fort. Die Verhältnisse sind dort schlimmer als im Manchester oder Wuppertal des Frühkapitalismus. So haben sich die Probleme des auf der Profitgier der Individuen aufgebauten Wirtschaftssystems heute in die Dritte Welt verlagert. Der europäische Sozialismus hat nicht dabei versagt, den Kapitalismus zu demokratisieren und zu vermenschlichen. Versagt hat er beim Versuch, ihn zu ersetzen. Er hat eine historische Rolle bei der Humanisierung des industriellen Systems gespielt, aber diese Rolle des demokratischen Sozialismus war begrenzt. Er hat die Arbeitsverhältnisse in den Industrietandem entscheidend verbessert, aber den Imperialismus und seinen menschheitsfeindlichen Schatten, den Militarismus, hat er nicht einmal angetastet. Wer heute bei uns von sozialer Marktwirtschaft redet, ohne den Todesmarkt, die Rüstungswirtschaft, zu erwähnen, der verschleiert die Realität.

Die Benutzung der Schöpfung

Der Kapitalismus hat über den Staatssozialismus gesiegt und hat sich als das stabilere, lebenswertere Modell erwiesen. Verloren haben die Armen, das eine Drittel hier, und die drei Viertel der ganzen menschlichen Familie. Aber es steht zu befürchten, dass noch jemand Opfer des freien Unternehmertums sein wird, nämlich unsere Mutter, die Erde. Werden die Mechanismen des Marktes die ökologische Katastrophe aufhalten können? Hat der Kapitalismus nicht dasselbe Verhältnis zur Natur wie der Staatssozialismus? Er behandelt sie wie Frauen, wie Wilde, wie etwas, das man erforschen und durchdringen, penetrieren muss, um verfügbar und nutzbar zu machen. Eine andere Vorstellung von Schöpfung als die der Benutzbarkeit hat er nicht.

Welche Rolle wird der Sozialismus bei der Überwindung des Kapitalismus spielen? Dass er sich ändern muss, weil nicht alle Menschen so mit Energie hausen können wie die Reichen in den Industrieländern, ist heute kaum mehr strittig. Die Frage ist eher, wann der Kapitalismus die Grenzen des Wachstums endlich anerkennen wird. Denn gerade dann werden sozialistische Vorstellungen die heutige Ideologisierung des freien Marktes ablösen. Ich will ein einfaches Beispiel für die Problematik, die vor uns liegt, bringen. In Los Angeles gibt es durch Regenmangel eine erhebliche Wasserknappheit. Zunächst versuchte man, auf kapitalistische Weise mit dem Problem umzugehen. Der Preis für Trinkwasser wurde massiv heraufgesetzt. Dieses Verfahren brachte aber keine Verhaltensänderungen: die Reichen füllten weiter ihre swimming pools, und die Armen verschuldeten sich oder hörten auf, sich zu waschen. Unruhen drohten. In einem zweiten Anlauf versuchte es die Stadt mit planwirtschaftlichen Methoden: jedem Haushalt wurde eine bestimmte Menge Wasser zugeteilt. Jede Mehrentnahme wurde kontrolliert und hart bestraft. Diesmal gelang es, die Situation zu stabilisieren.

III. Und: wo steht Gott?

Der Staatssozialismus ist tot, aber der Sozialismus als Utopie einer solidarischen Gesellschaft wird noch dringend gebraucht. Der von Lenin bereits entdemokratisierte, von Stalin zum Terrorinstrument gemachte Staatssozialismus hat keine Chance mehr. Aber die Armen der Erde sind deswegen nicht verschwunden und die Probleme, die eine andere, auf Solidarität gegründete Gesellschaftsordnung bräuchten, sind mit dem erleuchteten Selbstinteresse der Aufklärung, auf dem der Kapitalismus ethisch beruht, nicht gelöst und nicht lösbar.

Wenn wir fragen, wo denn Gott ist in diesen beiden Ideologien, die so lange miteinander gerungen haben, dann ist die Antwort, die wir so oft hören: "bei den Siegern" schlicht falsch.

Moses nannte solche Antworten Götzendienst, und es gibt auch unter uns eine Art, das Goldene Kalb anzubeten, als hätte es die Menschen aus der DDR in die Wiedervereinigung geführt. Der biblische Gott ist aber nicht dieser phallische Stier, sondern er hat unwiderruflich die Partei der Armen genommen und fragt uns zuerst danach, wie wir uns zu ihnen verhalten. Zu sagen: "Marx ist tot und Jesus lebt" ist nach meiner christlichen Meinung eine Beleidigung für Jesus, der schließlich nicht gekommen ist, das kapitalistische System abzusegnen. Sollte sich Jesus freuen, dass Marx tot ist? Diese Art von Konkurrenzdenken finden wir heute am rechten Rand der großen Kirchen, aber dem Jesus, der gekommen ist, die Verelendeten zu befreien, dürfte doch niemand unterstellen, dass er die Anbetung des Mammon für wünschenswert hält. "Niemand kann zwei Herren dienen… Ihr könnt nicht Gott und dem Mammon dienen." Das Interesse Jesu ist es, dass Menschen dem Willen Gottes gemäß miteinander leben können. Dass sie sich nicht vor Hunger prostituieren müssen, wie die 10.000 bis 20.000 Kinder in Manila. Deswegen fragt Jesus heute die Menschen innerhalb des Kapitalismus, wie sie sich zum geringsten ihrer Geschwister verhalten, und wie sie den Willen Gottes, der das Leben in Fülle für alle will, verwirklichen. Diese Frage schließt vermutlich einen umfassenderen Begriff von Gerechtigkeit ein als die im Horizont des bisherigen Sozialismus sichtbar geworden, aber dass sie das moralische Niveau des Kapitalismus transzendiert und eine andere Wirtschaftsethik fordert, scheint mir unumgänglich.

Ich habe Angst vor einer rein kapitalistischen Welt, in der die Armen immer ärmer und immer entbehrlicher werden. Bald wird man uns einreden, es sei doch nur gut, wenn sie als Kinder verhungern, sonst vermehrten sie sich ja doch nur. In solchen Denkmustern des Alltags wird der darwinistische Pferdefuß einer angeblich vernünftigen Wirtschaftsordnung sichtbar.

Ich habe Angst vor der Begrenzung auf das Machbare, vor dem Verbot, noch einen anderen Welttraum zu haben. Natürlich waren Jesus und seine Freundinnen und Freunde Träumer und Utopisten, das heißt Leute ohne Ort in dieser Welt des systemgewordenen Unrechts und des Elends.

Die Utopie des Mannes aus Nazareth

Das Utopische nannte der arme kleine Mann aus Nazareth mit einem Wort der jüdischen Tradition Gerechtigkeit. "Trachtet am ehesten nach dem Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit, so wird euch alles andere zufallen." Es gibt Bibelübersetzungen, in denen dieses Wort Gerechtigkeit seltener auftaucht, als es dasteht. Kann man nicht auch von Milde, Freundlichkeit, Nettigkeit Gottes reden? Hat Gerechtigkeit nicht diesen leichten Beigeschmack von Kommunismus? Sollte man den Ausdruck nicht schon deswegen besser vermeiden? Schließlich ist Marx doch tot!

Aber ich glaube nicht, dass wir Jesus von seinem jüdischen Hintergrund trennen dürfen und ihn zu einem Privaterlöser für Einzelseelen machen dürfen. Da leuchtet doch noch etwas ganz anderes im Christentum auf, das die Kultur von Geld und Genuss, von Gewalt und Karriere, in der wir leben, empfindlich stört. Der Anspruch an uns selber, wie er im Neuen Testament erscheint, war größer, unsere Sehnsucht reichte weiter. Auch wir inmitten der reichen Welt haben diese Sehnsucht, dass wir nicht auf Kosten anderer Kaffee trinken, Bananen essen, unseren Müll in die armen Länder verschieben, sexuelle Lustobjekte kaufen und verkaufen und an exportierten Waffen und Giftgas reich werden. Auch in uns steckt etwas von dieser Utopie Jesu, dass wir alle, miteinander, den Willen Gottes tun, eine andere Weltwirtschaftsordnung aufbauen als diese mörderische, eine andere Art Frieden suchen als den auf A-, B- und C-Waffen beruhenden. Auch in uns lebt der Wunsch, die Schöpfung des Lebens auf dem kleinen blauen Planeten nicht zugrundezurichten. Auch in uns steckt "das von Gott", wie die Quäker sagen, diese Kraft, das Leben zu heiligen und es nicht dem Profit unterzuordnen. Jesus ist gekommen, das von Gott in uns wiederaufzuwecken, das will heraus und frei und sichtbar werden.

Auch in uns steckt etwas von dieser Utopie

Die Religionen haben viele verschiedene Namen für Gott, die auf die Frage, wo Gott zu finden sei, antworten. Manche denken in der Stille, in der Einsamkeit des Herzens, in der Versenkung ins kollektive Unbewusste… Aber die biblische Tradition hat den verschiedenen Namen Gottes einen hinzugefügt, der in dieser Strenge und Genauigkeit bei den anderen Religionen selten erscheint. Das ist der Name Gerechtigkeit. Sie ist das Herzstück unserer, der jüdischen und christlichen Tradition. Ohne sie kein Gebet, kein Weihrauch, keine Versenkung. Ohne die Armen keine Nähe zu Gott. Gerechtigkeit ist der Weg zu Gott, den wir finden können. Sie ist der Wille Gottes. Ihretwegen spricht die Bibel so unaufhörlich von den Armen und meint, dass der Reichtum, den wir zwischen uns und den Armen aufhäufen, uns auch Gott verstellt und den Weg zu Gott verbaut. Hat Gott denn etwas mit der Wirtschaftsordnung zu tun? Die Bibel meint: ja, und sie ergreift die Partei der Ärmsten.

Ohne die Armen keine Nahe zu Gott

Wenn wir uns den Traum, dass die Hungrigen satt werden, verbieten lassen, dann haben wir uns von Gott getrennt, jedenfalls von dem der Bibel. Der Kapitalismus verbietet diesen Traum zwar nicht, weil das eine unmoderne Methode ist, aber er sorgt dafür, dass wir ihn vergessen. Wenn das, auch wegen dieser Störelemente wie Jesaja und Jesus, nicht so recht gelingt, so wird eine andere Methode eingesetzt: der Traum wird lächerlich gemacht. Die Akzeptanz für Utopien ist verschwunden, der Traum vom täglichen Brot für alle ist nicht auf der Höhe des postmodernen Bewusstseins. Die eintausend Kinder, die jeden Tag allein in Brasilien verhungern, haben keinerlei News-Wert. Vielleicht ist der milde Zynismus unserer Kultur die beste Abschreckung gegen dieses Glauben- und Sich-vorstellen-Können, gegen dieses Lieben und Handeln, das mehr im Leben sucht als das, was wir schon haben. Aber auch diese Abschreckung wird nicht für alle und gewiss nicht für immer funktionieren: Glauben, Hoffnung und Liebe haben etwas Unausrottbares an sich. Man mag die Anthropologie des bisherigen Sozialismus kritisieren, weil sie zu optimistisch war. Aber die zynische Anthropologie des real existierenden Kapitalismus ist für das geistbegabte Wesen Mensch unerträglich. Das, was jetzt ist, kann doch nicht alles gewesen sein! In uns rumort eine Transzendenz, die sich nicht abspeisen lässt, und es wird auch einem wirtschaftlich stabilen Kapitalismus nicht gelingen, dieses Rumoren zu ersticken. Gott selber will ja in uns glauben, hoffen und mit der Liebe eins werden.

Quelle: Junge Kirche. Eine Zeitschrift europäischer Christen, Mai 1991, 52. Jahrgang, S. 261ff.

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Veröffentlicht am

27. April 2013

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