Lebenshaus Schwäbische Alb - Gemeinschaft für soziale Gerechtigkeit, Frieden und Ökologie e.V.

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Dorothee Sölle: Zwischen Hoffnungen und Niederlagen

Am 27. April 2003 ist die Theologin und Schriftstellerin Dorothee Sölle verstorben. Mit ihrem Tod hat sie eine große Lücke hinterlassen. Bei Kirchentagen strömten die Menschen massenweise zu ihren Bibelarbeiten und Vorträgen, im Konziliaren Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung, bei Demonstrationen und Vorträgen - sie fand großen Anklang bei Menschen und Gruppierungen, die für eine andere Welt kämpfen. Wortgewaltig, mit großer Offenheit und Mut hat sie Dinge beim Namen genannt, die andere kaum zu denken wagen oder nur hinter vorgehaltener Hand aussprechen. Dabei war faszinierend an ihr, dass sie ihr scharfes kritisches Bewusstsein und ihren politischen Kampf damit verknüpfte, die spirituellen Quellen sprudeln zu lassen. Sehr viele Menschen sahen in ihr "eine Lehrerin der Spiritualität des Kampfes für eine andere Welt, um ‘das Ganze zu verändern’" (Ulrich Duchrow).

Anlässlich ihres 10. Todestages erinnern wir an Dorothee Sölle mit dem nachfolgenden Text, der ihrem Buch "Mystik und Widerstand" (1997) entnommen ist.

Zwischen Hoffnungen und Niederlagen

Von Dorothee Sölle

Eine ältere Friedensfreundin, Religionslehrerin von Beruf, war 1992 für zwanzig Tage im Gefängnis wegen zivilen Ungehorsams. Sie berichtete über diese Erfahrung in einem Rundbrief der mit den Sätzen beginnt: "Die Gesetze bestrafen Massenmörder. Für Hersteller von Massenmord-Vernichtungswaffen gibt es keine Gesetze und keine Strafe!" Sie erzählte über das Leben im Gefängnis, aber auch über den Protest, den ihre Verurteilung hervorrief, vor allem "die alles durchbrechende Kinderdemo mit Luftballons, die um das Gefängnis flogen. Und endlich klappte es auch mit dem Blick durchs Gitterfenster (auf einem Stuhl in ihrer Zelle stehend) zu allen Lieben unten auf der Seitenstraße, und wir hingen oben zu fünft am Fenster." Am Ende des heiteren Briefes reflektiert sie noch einmal die Aussichten gewaltfreier Friedensarbeit.

"Wenn ich bedenke, welche Veränderungen es in den letzten Jahren gegeben hat, in denen die Friedensbewegung wesentliche Impulse auslöste, so ist meine Hoffnung auf eine Zukunft unserer Erde, von der ich durchdrungen bin, wohl deutlich: der Fall der Mauer, Abzug der Pershing II, Abtransport des Gift-Gases, Aufgabe des WAA-Projekts Wackersdorf. Mein Glaube ist, dass wir in Gottes Hand sind und bleiben."

Solche Hoffnungszeichen wahrzunehmen und weiterzugeben ist wichtig, gerade dann, wenn die eigene Wahrnehmung eher pessimistisch gefärbt ist. Ich habe die Niederlage der Friedensbewegung im Golfkrieg bitter erlebt. Es ließ sich nicht verhindern, dass achtzehn Milliarden Mark als Blutgeld bereitgestellt wurden. Was lässt sich daraus lernen, wenn man davon ausgehen muss, dass dieser Krieg nur der erste von einer Reihe neuerer Kriege war, die wieder legitimierbar geworden sind? Welche neuen Formen der Nicht-Kooperation lassen sich entwickeln? Welche Munitionszüge blockieren? Welche Deserteure verstecken? Welche Hoffnungen haben wir für die kommenden Kriege?

Widerstehen heißt nicht, sich einzubilden, die Mordmaschine lahmlegen zu können. Die Sabotage- und Störaktionen, Protest und Verkehrsblockaden verfolgen in unserem Kontext das politische Ziel, Mehrheiten für Frieden und Gerechtigkeit zu gewinnen, so dass der Ausbau der Mordmaschinen keine Akzeptanz mehr findet. Die Sprache gewaltfreier Aktion ist, wie Daniel Berrigan einmal ironisch bemerkte, eine Sprache für geistig Behinderte, die mit den normalen Mitteln nicht kommunizieren können. Leitartikel sind für Analphabeten, wozu Berrigan die Beamten des Pentagon rechnet, irrelevant. Darum Blut auf die weißen Säulen und geordneten Schreibtische dieser Behörde! Dieses menschliche Blut macht etwas sichtbar, genauso wie die etwa 10.000 Prozesse in Deutschland gegen verwerfliche GewalttäterInnen etwas erkennbar gemacht haben.

Das Schwanken zwischen Niederlagen und Hoffnungen gehört wohl zu den Unvermeidlichkeiten einer religiösen Kultur des Widerstands. Eine vom "positiven Denken" getragene Religiosität berührt mich immer als peinlich geistlos und opiatisch. Die "dunkle Nacht der Seele" lässt sich nicht abwählen, auch nicht mit Meinungs-Buttons wie "Take Jesus!" wegtrösten, und die dunkle Nacht der Schöpfung erst recht nicht. Dass wir "in Gottes Hand sind und bleiben", wird, wie in dem zitierten Brief, glaubwürdig, wenn wir zugleich mit Teresa von Avila mystisch wissen, dass Gott keine anderen Hände hat als unsere. Das "stille Geschrei" in unserer Welt wahrzunehmen bedeutet, eins mit ihm zu werden.

Ich will versuchen, dieses Hoffen, "da nichts zu hoffen war" (Röm 4,18), noch einmal durchzudeklinieren anhand einer der wichtigsten Aufgaben von widerständischer Liebe zur Schöpfung, der Frage der Atomenergie. Die Mehrheit der deutschen Bevölkerung ist laut Umfragen gegen ihre Benutzung und lässt sich auch nicht durch versprochene "größtmögliche Sicherheit" beruhigen. Was aus dem strahlenden Müll in den nächsten Jahrhunderten werden soll, ist vollkommen ungelöst. Die nicaraguanische Schriftstellerin Gioconda Belli schildert in ihrem Zukunftsroman "Waslala" (dt. 1996) aus der Mitte des 21. Jahrhunderts, wie die Dritte Welt zum Müllabladeplatz wird, wobei auch atomarer Müll anfällt und die Kinder, die den Abfall sortieren, umbringt. Diese verstrahlte Zukunft schreit nach einer anderen Antwort.

Der Widerstand im Wendland hat die Wiederaufarbeitungsanlage (WWA) in Gorleben verhindert und das Zwischenlager für radioaktiven Müll über ein Jahrzehnt lang aufgeschoben. Das ist zwar keine Lösung, aber immerhin ein Hinweis auf die Möglichkeiten gewaltfreien Handelns. Anders lief es in Wackersdorf, wo die Industrie - wegen der Proteste der Anwohner und Gegner - zu dem Schluss kam, dass hier außer Ärger nichts zu holen sei. Die Politiker, die eben noch den Bundesgrenzschutz auf die Demonstranten losgejagt hatten, zogen sich daraufhin zurück und gaben das Projekt auf.

Daraus ist zu lernen, dass der Widerstand neben der direkten Aktion des "Sich-quer-Stellens" die andere gewaltfreie Methode, die der Einflussnahme auf die Einflussreichen, braucht. Ob Großtechnologien aufgebaut und eingesetzt werden, entscheiden zunehmend weniger die Politiker oder Juristen eines Landes, sondern die, die daran verdienen. Es ist für normale Bürgerinnen und Bürger nicht möglich, Atomstrom zu boykottieren, wohl aber, andere Produkte derselben Firmen nicht mehr zu kaufen, solange sich diese nicht darauf einlassen, Forderungen der Gewaltfreien nachzugeben und die Verwendung von Uran und Plutonium schlicht zu beenden.Anmerkung der Red.: Dieses Beispiel zeigt, dass sich in den vergangenen 15 Jahren, seit Dorothee Sölle diesen Text schrieb, doch einiges zum Positiven geändert hat. Seit 1998 ist es ganz legal möglich, auf Atomstrom ganz zu verzichten, indem zu einem der konzernunabhängigen Ökostromanbieter gewechselt wird. Mehr zum Stromwechsel: www.atomausstieg-selber-machen.de . Boykott ist eine Sprache, die sie verstehen. Die Gewalt gegen die Schöpfung, die die zweite Hälfte dieses Jahrhunderts so brutal beherrscht, lässt sich unterbrechen und kann von demokratischeren Formen auch des Wirtschaftens abgelöst werden.

Noch ist es so, dass sich in solchen Auseinandersetzungen die Gewalt dessen, was Robert Jungk vor zwanzig Jahren den "Atomstaat" (1977) genannt hat, verschärft. Die Polizisten reagieren nach einem abgestuften Konzept der Eskalation: Sie fordern zum Verlassen des Geländes auf, gehen, wenn das nicht geschieht, zum Wegtragen über; wenn das unmöglich ist, kommen Wasserwerfer und schließlich Schlagstöcke zum Einsatz. Zwar ist das Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit bei friedlichen Sitzblockierern nicht außer Kraft gesetzt, aber de facto geht die Gewalt von der Polizei aus - und ein Verlust des Vertrauens in den Rechtsstaat ist eine ihrer Folgen. Wichtiger erscheint mir allerdings eine andere neue Entwicklung, die von vielen Beobachtern der dritten Castor-Blockaden im Frühjahr 1997 gemacht wurde. Dass unter 10.000 übernächtigten und angespannten Blockierern einige ausrasten und in die Gewalt zurückfallen, ist nicht auszuschließen. Ein neues, durch "Mittler" organisiertes System von Bezugsgruppen integriert alle Neuhinzukommenden, vernetzt sie und eröffnet ihnen einen Prozess des Austauschs und des Mitentscheidens, insofern jede Gruppe eine Delegierte in den Sprecherrat schickt. Das Modell ist deswegen interessant, weil es ganz ähnlich wie King und die Bürgerrechtsbewegung ein Stück Basisdemokratie aufbaut und in dieser Arbeit die eigene Würde und Verantwortung der Machtlosen wiederherstellt. Sie werden gebraucht.

Die Gewaltfreiheit hat endlich auch in Deutschland eine tiefere Verankerung gefunden. Die Friedensbewegung hat sich in den letzten Jahren neu und sehr produktiv mit den Deserteuren beschäftigt. Diese Aufarbeitung ist nicht nur eine Bewältigung von Vergangenheit. Sie trägt zur Erweiterung unseres Begriffs vom Widerstehen bei. Wir haben noch viel zu lernen, um von der falschen Fahne, die heute über uns weht, zu desertieren. Angesichts dieser Befreiung zum Widerstand scheint mir eine Diskussion über Rangfragen in dem, was wir heute als Widerstehen benennen, zweitrangig, ja irreführend. Wenn eine Rentnerin bis vor kurzem Früchte der Apartheid öffentlich boykottierte, so gehört dazu genauso viel Mut wie der, den ein unabhängiger junger Mann zum Blockieren eines Atomkraftwerks braucht. Ich kann keinen prinzipiellen Unterschied zwischen Signieren, Demonstrieren, Mahnwachenhalten, Boykottieren, Nicht-Kooperieren oder Blockieren erkennen. Auch kleine Aktionen, auch bloße Erziehung, auch bloßes symbolisches Handeln ist in diesem weiten Sinn Widerstand gegen die über uns herrschende Gewalt eines Wirtschaftssystems, das die Mehrheit der menschlichen Familie systematisch verelendet, eines Sicherheitssystems, das dieses ökonomische Unrecht militärisch absichert, und eines trotz aller Warnungen weitergehenden tödlichen Angriffs auf die Schöpfung selber.

Wie gering auch immer wir unsere eigene Macht einschätzen, sie ist mit Gewissheit größer, als wir ahnen und wahrhaben wollen. An das, was gemeint war, an das Göttliche - wie vage auch immer! - als die Kraft des Lebens glauben zu lernen bedeutet auch, nicht den eigenen Berechnungen über Erfolg oder Nutzlosigkeit das letzte Wort zu überlassen. Die Unterwerfung unter den Gewaltgötzen fängt mit der angeblich vernünftigen Einsicht an, dass mit unserer Macht nichts getan ist. Dass wir Nullen sind, nicht einmal der Empörung fähig. Aber in Wirklichkeit schläft "das von Gott", wie die Quäker es nennen, auch in uns und wartet darauf, frei und sichtbar zu werden.

Während einer Blockade geriet ich in ein Gespräch mit einer älteren Friedensfrau über unsere Gegner. Sie sagte: "Aus irgendeinem komischen Grund kann ich nie das sein, was ich sein sollte, solange die andern nicht das sind, was sie sein sollten. Du kannst auch nicht das sein, was du solltest, ehe ich nicht bin, was ich sollte, verstehst du? So ist die Welt eben, so ist sie strukturiert." Das sind Alltagsformulierungen dessen, was Gandhi und King, Schweitzer und viele andere als Mystik des Einsseins formuliert haben. Sie ist die Grundlage der Gewaltfreiheit, und es ist wichtig, nicht nur auf die neuesten Waffengattungen zu achten, sondern auch auf die "komische" innere Stimme, die uns das Einssein, die gegenseitige Abhängigkeit lehrt und ein nicht-technokratisches Wissen von der guten Schöpfung.

Quellenvermerk: Aus: Sölle, Dorothee: Mystik und Widerstand. Du stilles Geschrei. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg, 1997. Wir veröffentlichen diesen Text mit freundlicher Genehmigung des Hoffmann und Campe Verlags.
Copyright (c) 2013 by Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg.

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Fußnoten

Veröffentlicht am

26. April 2013

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