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“Meine Heimatstadt Fukushima hat viel verloren”

Rede von Naho Dietrich-Nemoto, gehalten auf der Anti-Atom-Demo an der UAA in Gronau am 9. März 2013

Am 9. März, knapp zwei Jahre nach Beginn des Super-GAUs in Fukushima, demonstrierten rund 30.000 Menschen in Deutschland für die sofortige Stilllegung aller Atomanlagen weltweit. Unter anderem auf vier großen Protestaktionen rund um das AKW Grohnde, an der Urananreicherungsanlage (UAA) Gronau im rot-grün regierten NRW, im bayrischen Günzburg und in Neckarwestheim im grün-rot regierten Baden-Württemberg.

Wir dokumentieren die in Gronau vor 1.200 DemonstrantInnen gehaltenen Redebeiträge der russischen Journalistin Swetlana Slobina aus Angarsk in Sibirien und der selbstständigen Übersetzerin Naho Dietrich-Nemoto, die in Fukushima City geboren und aufgewachsen ist und heute mit Tochter und Mann in Heidelberg lebt. Ihre Eltern und Verwandten leben noch in Fukushima. (graswurzelrevolution-Redaktion)

"Meine Heimatstadt Fukushima hat viel verloren"

Von Naho Dietrich-Nemoto

Zwei Jahre sind seit der Atomkatastrophe von Fukushima Daiichi vergangen. Die Stilllegung von Atomkraftwerken erfolgt nicht wie erwartet.

Es ist unglaubwürdig, dass die Arbeiten wie geplant bis 2050 beendet sein werden.

Im Dezember 2012 wurde Abe, ein ausgesprochener Atomkraftbefürworter, zum Premierminister von Japan gewählt.

Im Moment laufen zwei Atomreaktoren in Japan. Um weitere AKWs wieder zu aktivieren sollen neue Sicherheitsstandards ausgearbeitet werden. Obwohl 70% der japanischen Bevölkerung die Atomkraftwerke abschalten möchten, geht die Politik in Japan in die falsche Richtung.

Im September 2012 habe ich meine Heimatstadt Fukushima-City besucht. Es war das erste Mal seit dem atomaren Unfall. Anderthalb Jahre danach.

Als ich aus dem Zug stieg schien auf den ersten Blick alles so wie ich es in Erinnerung hatte. Der wunderschön fließende Fluss Abukuma und die Berge sind dicht und tief grün. Als ich mich erinnerte, dass all das radioaktiv kontaminiert ist, wurde ich sehr bedrückt.

Auf dem Weg nach Hause sah ich keine Kinder im Freien spielen. Stattdessen sieht man immer wieder Messstationen für Strahlung, die von der Regierung aufgestellt wurden. So etwas gab es früher natürlich nicht.

Die Atmosphäre war unwirklich. Die Messstationen zeigen immer die aktuellen Strahlungswerte an diesem Ort. Viele Geschäfte waren dicht verschlossen wegen Geschäftsaufgabe. Plätze zum Sammeln von kontaminierter Erde wurden eingerichtet. Sie liegen nicht weit entfernt von Wohngebieten. Außerdem gibt es Lager für Flüchtlinge aus der Evakuierungszone.

Ich war schockiert, wie extrem sich meine Heimatstadt verändert hat.

Viele Menschen haben jetzt einen eigenen Geigerzähler.

Ich benutzte den Zähler meines Vaters, um die Strahlung selbst zu messen. Um das Haus meiner Eltern lagen die Werte bei 0,5 Micro-Sievert pro Stunde.

Im Zentrum von Fukushima-City, am Rande eines Parkplatzes habe ich 1,35 Micro-Sievert gemessen. Ein Anwohner sagte, dass er eine Straße weiter 3,0 Micro-Sievert gemessen hat.

Vor dem Atomunfall lagen die Strahlenwerte unter 0,1 Micro-Sievert. Heute sind sie 10 bis 30mal höher.

Dort, wo Gras und Büsche wild wachsen und das Regenwasser von den Dächern fließt, ist die Strahlung oft höher. Für Kinder wurden deswegen Spielplätze in Gebäuden eingerichtet.

Als ich ein Kind war, habe ich kleine Fische und Frösche aus den Teichen rund um unser Haus gefangen. Wir konnten so lange wir wollten in der Natur spielen, ohne Angst und Sorgen. Durch den atomaren Unfall wurde uns all das genommen.

Um mein Elternhaus gibt es einige Orte, die dekontaminiert werden. Diese Orte sind durch ein blaues Plastikband abgegrenzt. Die kontaminierte Erdschicht wird abgetragen, in Plastiksäcke gefüllt und in einem Loch vergraben. Die kontaminierte Erde wird also nur an der gleichen Stelle etwas tiefer wieder vergraben. Es tut mir im Herzen weh das zu sehen. Ich glaube, dass wir dadurch den kommenden Generationen nur noch mehr Leid zufügen.

Dort gab es einen seltsamen Anblick, den ich nicht vergessen kann.

Genau neben dem blauen Abgrenzungsband zur Dekontamination lag ein kleiner Garten. Jemand hatte dort Tomaten, Gurken und Gewürze gepflanzt.

Ich möchte einen Artikel aus der Zeitung Asahi Shimbun vom 13. Februar 2013 zitieren:

"Die Präfektur Fukushima teilt mit, dass bei drei Kindern, die zum Unglückszeitpunkt unter 18 Jahre alt waren, Schilddrüsenkrebs diagnostiziert wurde. Bei sieben Kindern gibt es einen starken Verdacht darauf. Bisher lag die Häufigkeit von Schilddrüsenkrebs bei Kindern bei 1 bis 2 Personen pro 1 Million."

Im April 2012 hatte die medizinische Fakultät der Universität von Fukushima ihre Ergebnisse zur Kontrolle von Schilddrüsen bei Kindern vorgestellt.

Etwa 80.000 Kinder unter 18 Jahren wurden untersucht. Im Jahr 2011 hatten 35% der Kinder Probleme mit der Schilddrüse (Knoten mit bis zu 5,0 mm und Zysten mit bis zu 20,0 mm).

Im Jahr 2012 hatten bereits 43% der Kinder Probleme. Ich kenne keine vergleichbaren Daten aus Deutschland oder anderen Ländern. Aber wenn ich daran denke, dass die Zahl eindeutig stark ansteigt und heute mehr als 40% der Kinder in Fukushima Schilddrüsenprobleme haben, dann kann ich meine Angst und Sorge nicht mehr zurückhalten.

Radioaktive Strahlung verursacht genetische Schäden. Es macht mich traurig und wütend, dass die Menschen ihr Leben lang mit dieser Situation leben müssen, über viele Generationen. Die Menschen in Fukushima müssen diese Last ihr Leben lang tragen.

Meine Heimatstadt hat sich sehr verändert und sehr viel verloren.

Glaubt die Welt immer noch, dass AKW sicher sind?

Braucht die Welt noch Energie aus Atomkraftwerken?

Wollen Sie noch weitere AKW bauen?

Glaubt die Welt noch immer, dass atomare Energie saubere Energie ist?

Atomkraftwerke dürfen nicht existieren. Sie sind es nicht wert. Sie müssen abgeschaltet werden.

Lasst uns weiter unsere Stimme erheben, bis zu dem Tag, an dem alle AKWs am Ende sind.

Quelle: graswurzelrevolution 378 april 2013.

Veröffentlicht am

09. April 2013

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