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“Die Kirche bewegt sich, das Konzil ist Bewegung”

Eine Empfehlung zur Film-Dokumentation "Schleifung der Bastionen"

Von Peter Bürger

Schleifung der Bastionen. Das Zweite Vatikanische Konzil. 3-teilige Filmdokumentation von Martin Posselt & Werner Reuß. Deutschland 2011. [Produktion: BR alpha; Vertrieb: Katholisches Filmwerk www.filmwerk.de ]

ARBEITSHILFE: Schleifung der Bastionen. Autorin: Beate Eichinger. Im Internet frei zugänglich über das Katholische Filmwerk: www.materialserver.filmwerk.de/arbeitshilfen/AH_schleifung_A4.pdf

Das von Johannes XXIII. einberufene Konzil (1962-1965) war keine Konferenz zur Produktion kirchenamtlicher Texte, sondern ein lebendiges Geschehen der ganzen Weltkirche. Mit vielen Filmdokumenten aus dieser bewegten Zeit vermittelt der als DVD erhältliche Titel "Schleifung der Bastion" ein beeindruckendes Stimmungsbild - vornehmlich aus deutscher Sicht. Für Gemeinden, Pfarrbibliotheken, Schulen, kirchliche Bildungsarbeit und Kirchenreformgruppen kann man diese dreiteilige Filmdokumentation zum Zweiten Vatikanischen Konzil von Martin Posselt und Werner Reuß nur nachdrücklich empfehlen. Einige kritische Anmerkungen sind jedoch notwendig und sollen nachfolgend nicht unterschlagen werden.

Eingebettet in eine glücklich konzipierte Chronologie der Konzilsereignisse werden auch Blicke auf Weltgeschehen, kulturelle Zeitströmungen und Gemeindewirklichkeiten geworfen. Das geschlossene katholische Milieu ist um 1960 längst brüchig, wirkt anachronistisch. Die dargebotenen ländlichen Bilder aus der bayrischen Kirchengeschichte von unten stimmen nachdenklich. Zu den Kontrasten gehört ein US-Priester, der sich in einem deutschen Pfarrsaal als Jazz-Schlagzeuger präsentiert. Allein schon das verwendete historische Filmmaterial lässt die Dokumentation zu einem wirklichen Genuss werden. Es umfasst u.a. viele alte Fernsehbeiträge samt - sauber gekennzeichneten - Originalkommentaren. Mit Abstand am meisten beeindruckend sind hier wiederum die engagierten Konzilskommentare des Jesuiten Mario von Galli (1904-1987), die die Euphorie des Aufbruchs bezeugen, später aber auch schon Enttäuschung anlässlich der ersten nachkonziliaren Bischofssynode in Rom.
Daneben wirken die Stellungnahmen der befragten Gegenwartstheologen aus dem akademischen Bereich zumeist sehr blass und leidenschaftslos, auch wo sie klug ausfallen. Sehr sympathisch und erhellend sind die Beiträge eines Zeitzeugen, des emeritierten Wiener Weihbischofs Helmut Krätzl.

Wichtige Ergebnisse des Konzils fasst Norbert Arntz so zusammen: "Die zentrale Bedeutung der Bibel als befreiendes Wort des Gottes des Lebens; die Rückgewinnung des Verständnisses von der Kirche als einer Gemeinschaft von Gleichrangigen; die Öffnung für andere Kulturen und Religionen; eine neue geschwisterliche Beziehung zu den anderen Kirchen; der Entwurf einer Kirche der Armen." Vergessen darf man natürlich auch nicht die allem vorausgehende "Öffnung zur Welt", das überfällige - aber keineswegs selbstverständliche - Bekenntnis zur Religionsfreiheit sowie die Liturgie-Reform mit handgreiflichen Auswirkungen bis in die kleinste Dorfgemeinde hinein. Dies alles kann ein Dokumentarfilm allenfalls in Stichworten vermitteln. Nicht immer überzeugen die Schwerpunkte der Filmemacher. Die bahnbrechende Bedeutung der Versöhnung mit dem Judentum, dem älteren Bruder der christlichen Kirche, wird z.B. nicht wirklich transparent. Die römisch-katholische Ausblendung der Frauen, die im Film vorzugsweise als bedienende Nonnen, abwaschende "Pfarrsekretärinnen" oder brotverteilende Katholikentags-Helferinnen in Tracht vorkommen, spiegelt sich - realistisch und kommentarlos - im Bildmaterial.

Mit einer auch frei im Internet zugänglichen Arbeitshilfe zur Film-DVD von Beate Eichinger erschließt das Katholische Filmwerk zentrale Beschlüsse und Botschaften des Konzils. Auch deshalb ist das sorgfältig gestaltete Heft eine wichtige Ergänzung zur Dokumentation "Schleifung der Bastionen".

Vor dem Hintergrund einer unseligen Tradition deutsch-katholischer Nationalkirchlichkeit - auch im "Reformkatholizismus" - wirkt auf mich die Betonung der deutschen Anteile am Konzilsaufbruch im 1. Teil insgesamt unsympathisch. Hier kommt es - trotz mehrfacher Verweise auf die weltkirchlichen Dimensionen - wirklich zu einer Schieflage des Films. Es bleibt der Eindruck, dass der deutsche Klüngel - bei dem auf Konferenzen auch die deutschsprachigen Herren Missionsbischöfe einbezogen werden - viel Gutes bewirkt hat. Dem Aufbruch hin zu einer Kirche der Armen, den Johannes XXIII. bereits einen Monat vor Konzilsbeginn in einer Radioansprache ersehnt hat, wird hingegen kein vergleichbares Gewicht beigelegt. Die Geburt einer Kirche der Armen in Lateinamerika ist später die imponierendste Frucht des Konzils. Äußerst irritierend rückt der 3. Filmteil hier jedoch die revolutionäre Gewaltbereitschaft eines Priesters in den Vordergrund. Das bleibt stärker haften als die Blitzlichter zu "Populorum Progressio" oder "Medellin". Eine prophetische Konzilsgestalt wie Dom Helder Camara scheint den Filmemachern unbekannt zu sein. Gerechterweise darf man aber ein kurzes Filmstatement des Salzburger Theologen Prof. Hans-Joachim Sander nicht unerwähnt lassen: Wer das Konzil ernst nehmen will, muss Farbe bekennen - an der Seite der Armen.

Im Rahmen der Bildungsarbeit zum Konzil sind aufgrund der genannten Leerstellen unbedingt weitere Medien heranzuziehen. Zum Beispiel die vorzügliche SWR-Fernsehdokumentation "Der Katakombenpakt - Das geheime Vermächtnis des Konzils" (2012) von Bernd Seidl und Wolfgang Rommel, nunmehr zugänglich in einer guten DVD-Reihe zum Konzil (hwww.konzilsvaeter.de/links/index.html). Im Vertrieb des Katholischen Filmwerkes findet man außerdem die halbstündige, zu wenig bekannte TV-Dokumentation "Dom Helder Camara" (Deutschland 1970) von Ernst Batta, ein erstaunliches historisches Mediendokument - mit schlechter Bildqualität.

Der 3. Teil von "Schleifung der Bastionen" behandelt nicht nur die letzte Konzilsperiode, sondern auch die frühe Nachkonzilszeit. Die ungeschminkte Darstellung zum bald einsetzenden Konzilsrevisionismus ist erschütternd und gehört zu den stärksten Teilen der ganzen Dokumentation. Zerfallshysterie und Unheilsprophetie ersetzen bald die zuversichtliche Freude von Johannes XXIII. Bereits ein halbes Jahr nach Konzilsende klagt Joseph Ratzinger - noch als Priester mit Schlips - auf dem Katholikentag zu Bamberg über einen drohenden Verrat am Kreuz durch falsche Weltangleichung der Kirche. Angesprochen ist dabei wohl kaum jener tödliche Konflikt mit den Strukturen einer Welt der Ungeliebten, der den Lebensliebhaber Jesus von Nazareth ans Kreuz gebracht hat. Papst Paul VI., anders als sein Vorgänger längst gefangen im Netz der Kurie, wird von Angst und Kleinmütigkeit erfasst. Auf der 1. Bischofssynode in Rom, die bereits als nichtssagendes Forum angelegt ist, lässt er eine Klage über moderne Gefährdungen des Dogmas laut werden. Aufgrund von Druck oder Beratungsresistenz bleibt von diesem großen Anwalt der Armen am Ende nur das lächerliche Bild vom "Pillenpaul" in Erinnerung. Die authentischen Filmbilder besonders auch zum bürgerlich-katholischen Widerstand gegen die Enzyklika "Humanae vitae" sind geradezu unglaublich.

Von den heutigen Theologen kommt der seit geraumer Zeit wohl traditionalistisch ambitionierte Freiburger Prof. Helmut Hoping mit folgender Behauptung zu Wort: Nach dem Konzil habe man "die Eucharistiefeier in einer Schwundform gefeiert". Das lassen ihm die Filmemacher kommentarlos durchgehen. Dass der erschreckend beziehungslose Tridentinische Priesterritus der Vorkonzilszeit so ziemlich die drastischste Schwundform der gemeindlichen Danksagung war (und ist), bleibt unerwähnt.

Das Zweite Vatikanische Konzil war ein Wehen des Geistes und ein Ereignis mit Ergebnissen, über die man nicht genug staunen kann. Die Aufbrechenden ließen sich jedoch unter dem Vorzeichen einer falsch verstandenen "Kircheneinheit" zu diffuser Zweideutigkeit erpressen und sind so mitverantwortlich für die bald darauf einsetzende, heute fast schon vollendete Revision des Konzils. Ein Papst aus Deutschland hat die Weltkirche inzwischen in eine tiefe Fundamentalismus-Krise und ein neues Klima der Angst hineinmanövriert. Heilmittel von oben - d.h. seitens der machtfixierten Hierarchie - sind nicht in Sicht. Selbstmitleidige Opfermentalität, Paranoia und Menschenlästerung durch innerkirchliche Repressionen breiten sich aus. Auch als Getreue des II. Vatikanums dürfen wir nicht annehmen, die großen Fragen und Herausforderungen des 3. Jahrtausends ließen sich durch Konzilsdokumente lösen, die ein halbes Jahrhundert alt sind. Unverschämtes Gottvertrauen tut not. Die Schleifung von Bastionen der Angst und der Macht ist heute zur Überlebensfrage geworden.

Veröffentlicht am

02. Februar 2013

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