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Eine Wiederbegegnung im internationalen Flüchtlingscamp in Berlin

Vom Widerstand im Sudan zum Widerstand in Deutschland

Von Julia Kramer (aus: Lebenshaus Schwäbische Alb, Rundbrief Nr. 75 vom Dez. 2012 Der gesamte Rundbrief Nr. 75 kann hier heruntergeladen werden: PDF-Datei , 1.224 KB)

"Ist N. hier?" - "Schaut dort drüben im ersten Zelt rechts!". Im nebligen Dunkel des abendlichen Oranienplatzes in Berlin stehen eine beträchtliche Anzahl großer Zelte fast surreal in dem kleinen Parkstück. Um ein Lagerfeuer wärmen sich an diesem Spätnovemberabend Flüchtlinge und UnterstützerInnen aus aller Welt. Es dauert eine ganze Weile, bis wir N. finden - wir blicken uns ungläubig an, mir stockt der Atem, ich schlucke schwer. Die "Crazy Ladies", wie wir uns in Khartoum genannt hatten, waren wiedervereint - wenn auch unter ganz, ganz anderen Bedingungen als damals im Sudan.

N., Südsudanesin, hatte mit ihrer Familie als Binnenflüchtling in einem ärmlichen Außenbezirk Khartoums gewohnt. Sie ging ins Exil, nachdem sowohl ihr nordsudanesischer Mann als auch sie in inoffiziellen Geheimdienst-Gefängnissen misshandelt worden waren. N. kam nach Deutschland und beantragte Asyl. Wie alle AsylbewerberInnen in Deutschland kam sie in ein Lager, durfte den Landkreis nicht verlassen und musste sich auf eine unbestimmte Zeit der Ungewissheit einstellen - ohne Arbeitserlaubnis, ohne Möglichkeit selbst auch nur über ihre Nahrung zu entscheiden.

Sie schloss sich dem Flüchtlingsprotestzug durch ganz Deutschland nach Berlin an - wohl dem bisher größten von AsylbewerberInnen selbst angeführten Widerstand gegen die Asylpolitik in Deutschland. Hunderte AsylbewerberInnen übten zivilen Ungehorsam, indem sie "ihren" Landkreis verließen, damit die Residenzpflicht verletzten und sich auf den Weg nach Berlin machten. Iranische Flüchtlinge, die die Protestwelle in Würzburg begonnen hatten, machten mit anderen einen Hungerstreik am Brandenburger Tor. Andere halten sich im Flüchtlingscamp auf dem Oranienplatz auf. Flüchtlinge und UnterstützerInnen erschufen gemeinsam eine beeindruckende Solidaritätsstruktur: Eine Gemeinschaftsküche versorgt mit meist vegetarischem / halal Essen, ein Zelt ist ein begehbarer Kleiderschrank voll mit Kleidern, die UnterstützerInnen vorbeigebracht haben. Im Zirkuszelt finden Plena statt, rechtliche Beratung, Vorbereitung auf Gespräche mit Bundestagsabgeordneten. Gruppen fahren in andere Städte um Kundgebungen abzuhalten.

Niemand fragt nach den persönlichen Geschichten der anderen - oft genug sind sie verworren und mit traumatischen Erfahrungen gespickt. N. schreit jede Nacht im Schlaf, die anderen in ihrem Zelt können kaum schlafen. Ein Marokkaner legte ihr nach Sitte in seinem Land ein Messer unters Kopfkissen, aber auch das half nicht. Dennoch ist N. mit ihrem herzlichen Wesen allseits beliebt.

Ich denke an die vielen deutschen Flüchtlinge, die während der Nazi-Diktatur ins Ausland geflohen sind. Wie kann man einem Menschen verwehren, einen Punkt zu setzen, an dem seine Opferbereitschaft ein Ende hat? Oder der eigene Einsatz nicht mehr in einem realistischen Verhältnis steht zur erwünschten Veränderung im eigenen Land? Was bedeutet das Menschenrecht der "Freizügigkeit" in einer von Landesgrenzen - und EU-Außengrenzen - zerstückelten Welt?

Einer von mehreren sudanesischen Flüchtlingen im Protestcamp, der mit dem Boot übers Mittelmeer kam, sagt: "Ich hatte noch nie eine Chance, Jahre meines Lebens verbringe ich mit Warten." Ein anderer: "Die Menschen hier wissen überhaupt nichts über den Sudan. Wir müssen hier wie Botschafter unseres Landes sein." Botschafter der anderen Kulturen, aber auch der globalen Ungerechtigkeit, die die Kriege und Diktaturen, die wir so krampfhaft zu verdrängen und draußen zu halten versuchen, vor unsere Haustür bringen - denn wir haben doch sowieso mit ihnen zu tun.

N. sagt: "Niemand flieht ohne Grund. Wir wollen als Menschen behandelt werden. Das haben wir schon lange vermisst." Es sind eine ganze Reihe sudanesischer Flüchtlinge im Camp, sie haben ihre Wärme nicht verloren, sind aber auch gezeichnet von dem Zustand, den wir "Flüchtling", "Asylbewerber" nennen. Einer besteht trotz allem darauf, uns zum Tee einzuladen - Gastfreundschaft gilt, auch wenn man selbst "Gast" in Deutschland ist. Ein junger Sudanese, der bereits Asyl und Arbeit hat, packt, als er vom Flüchtlingscamp hört, spontan zwei große Plastiktüten mit Kleidern aus seinem Schrank für die CampbewohnerInnen - und entschuldigt sich noch dafür, dass er zu wenig Geld hat um auch noch Geld zu geben. Wir hätten viel zu lernen von Menschen wie ihm.

Eine Woche später treffe ich N. wieder. "Ich war mit drei anderen aus Mauretanien, Iran und Afghanistan im Parlament und habe mit Bundestagsabgeordneten gesprochen", berichtet sie stolz. Sie hätten drei Forderungen vorgebracht:

  • Abschaffung der Residenzpflicht
  • Abschaffung der "Lager" (dieser Begriff wurde von PolitikerInnen kritisiert, doch die Flüchtlinge bestanden auf dieser Bezeichnung, weil sie es so empfinden)
  • Stopp aller Deportationen (u.a. wurde der sudanesische Flüchtling Aamir Ageeb 1999 bei der Abschiebung in einem Lufthansa-Flugzeug erdrückt)

Als sie den Waffenhandel als Mit-Ursache für ihre Flucht erwähnten, wäre ausweichend geantwortet worden, dass die USA am Krieg in Afghanistan schuld seien, nicht die Bundesrepublik. Ein CDU-Abgeordneter habe die Flucht vor ihnen ergriffen, als sie sich nicht mit persönlichen Einzelfallverbesserungen abspeisen ließen, sondern auf einer entsprechenden Verbesserung für alle Asylsuchenden bestanden und sich weigerten, dankbar und unterwürfig zu sein. Als sie von der Presse darauf angesprochen worden seien, was den Abgeordneten so wütend gemacht habe, während sie den Sitzungssaal ruhig und gelöst verließen, hätten sie geantwortet: "Wir sind ständig wütend, nun lassen wir sie auch die Wut kosten."

N. sagt: "Ich hatte bereits eine Menge traumatischer Erfahrungen in meinem Leben. Zwei Onkel sind vor meinen Augen umgebracht worden. Auf der Flucht sind Menschen neben mir erschossen worden. Seit vielen Jahren lebt meine Familie zerstreut, immer wieder mussten wir weiterziehen, bis heute. Im Gefängnis in Khartoum wurden mir eine Pistole, Stein, Seil, Messer und zwei weitere Mordinstrumente vorgelegt und gesagt, ich solle entscheiden, wie ich sterben will.

Ich bin nach Deutschland gekommen, um Luft zu holen, um es meine zweite Heimat zu nennen, aber die Situation macht es schwer, Deutschland als zweite Heimat zu empfinden. Ich kann nicht einmal meine Freunde besuchen, die vielleicht helfen könnten, mein Trauma zu heilen. Sie wollen nicht, dass wir hier Menschen kennenlernen, Freunde haben."

Das kommt mir seltsam bekannt vor. Fanden doch einige meiner KollegInnen im Sudan es unprofessionell von mir, sudanesische FreundInnen zu haben. Ich selbst habe den Sudan verlassen, als mein Leben bedroht war. Sollten meine Freundinnen dies nicht auch tun können? Sollen wir nur deswegen nicht befreundet sein, damit die Brutalität des Systems sich nicht an den Menschen im sogenannten "Entwicklungsdienst" reibt? Damit sie ihren "Dienst" klinisch verrichten und die damit "Beglückten" angeblich besser zurücklassen können und nicht etwa damit beginnen, gemeinsam kritischere Fragen zu stellen?

Auch wenn N. und ich uns voneinander entfernt haben in diesem letzten Jahr, in dem ich für sie in ihrer vielleicht schwersten Zeit nicht richtig da sein konnte, bewundere ich ihren Kampfgeist, ihren Überlebens- und Lebenswillen in Würde, ihr Lächeln. "We are here, and we will fight! Freedom of movement is everybody’s right!"

Sudan-Solidaritätsarbeit im Herbst 2012

In den vergangenen Monaten konnten folgende Aktivitäten zum Sudan verwirklicht werden:

  • Vier Bildungsveranstaltungen, davon 2 Seminare und 2 Abendveranstaltungen
  • Teilnahme an Sudan-Konferenz in Hermannsburg, Bericht der Arbeitsgruppe "Young Generation - New Networks for Peaceful Chance"
  • Einladung der sudanesischen Menschenrechtlerin Mai Shutta, inkl. Unterstützung im Visum-Prozess, Fundraising, psychosoziale Unterstützung und Organisation medizinisch-therapeutischer Unterstützung (u.a. Refugio Villingen-Schwenningen) & rechtlicher Beratung, Organisation einer Reise nach Schweden auf Einladung der "Swedish Peace and Arbitration Society" und einer Fortbildung in "Globalem Lernen"
  • Artikel u.a. für amnesty international Schweden und den FreiRaum (Mutlangen)
  • Lobbygespräche mit ParlamentarierInnen
  • Menschenrechtsarbeit für weitere AktivistInnen, die medizinischer Hilfe bedürfen
  • Reflektion weiterer Kampagnenmöglichkeiten zum Sudan in Deutschland, im Rahmen der "Campaign for Peace"-Kampagnenwerkstatt der Friedensbewegung (DFG-VK u.a.)

Newsletter

Wer die Sudan-Arbeit gerne intensiver begleiten oder mehr informiert bleiben möchte, kann gerne in die Sudan-Email-Liste aufgenommen werden. Über diese Liste schicke ich in bisher unregelmäßigen Abständen einen internen Newsletter. Einfach eine Email mit dem Betreff "Sudan-Verteiler" schreiben an: jkk (at) juliakkramer.de .

(Julia Kramer) 

Fußnoten

Veröffentlicht am

15. Dezember 2012

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