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Erster Weltkrieg 1914 - 2014: Was haben wir daraus gelernt?

In einem Jahr wird sich zum hundertsten Mal das Ereignis jähren, das die Geschichte Europas entscheidend geformt hat, der Beginn des Ersten Weltkriegs. Mit diesem Beitrag "1914 - 2014 Erster Weltkrieg: Was haben wir daraus gelernt?" möchte Axel Mayer einen Impuls für die kommenden Debatten geben, aber auch die Umwelt- und Friedensbewegung an das wichtige, traurige Jubiläum erinnern.

Von Axel Mayer

Eine der größten menschengemachten Katastrophen

nicht nur für den Oberrhein und Europa war der Erste Weltkrieg, der von 1914 bis 1918 am Oberrhein, in Europa, dem Nahen Osten, in Afrika, Asien und auf dem Meer geführt wurde. Ca. 70 Millionen Menschen standen unter Waffen und etwa 40 Staaten waren am Krieg direkt oder indirekt beteiligt. Rund 17 Millionen Menschen starben.

Mein Großvater Josef Dufner

hat mir vom unmenschlichen Abschlachten in den Vogesen am Hartmannswillerkopf im Dezember 1914 erzählt, bei dem etwa 30.000 Soldaten "für´s jeweilige Vaterland gefallen" sind. "Gefallen" ist ein seltsam beschönigendes Wort: Es steht für erschossen, zerfetzt, zerrissen, erstickt, qualvoll gestorben, verblutet…

Die Familie meiner Großmutter Maria Dufner lebte im Münstertal, in einem der schönsten Vogesentäler. Als Folge beider Weltkriege wechselten sie mehrfach die Nationalität ohne den Wohnsitz zu verändern.

Die Narben dieses hundert Jahre zurückliegenden Krieges

sind in den Vogesen noch an vielen Stellen zu sehen, während gleichzeitig Deutsche und Franzosen in Afghanistan einen über dreißigjährigen, längst verlorenen Krieg langsam beenden. 600 bis 800 weitere Leopard-Kampfpanzer will Deutschland nach Saudi-Arabien liefern, obwohl im März 2011 saudische Panzer im Nachbarland Bahrain einen demokratischen Aufstand blutig nieder walzten.

100 Jahre nach Kriegsbeginn 1914

leben die ehemaligen Kriegsgegner in Demokratien. Um so bestürzender ist es, dass wir bei fast allen Kriegen der letzten 50 Jahre von Werbeagenturen, Geheimdiensten und Regierungen demokratischer Länder belogen und betrogen wurden. Erschreckend erfolgreich waren (um nur ein Beispiel zu nennen) die Vorkriegs- und Kriegslügen der Bush-Regierung. Dass Diktatoren lügen wissen wir. Unsere Aufgabe als Demokraten ist es, auch den Lügen in der Demokratie entgegenzutreten.

100 Jahre nach dem Ersten Weltkrieg

glauben wir fest, dass die damaligen Gräuel dauerhaft überwunden sind. Und doch: Wo waren unsere Medien, wo war der Protest der menschlichen Menschen, als deutsche und französische Truppen mit den Armeen zusammen kämpften, für die Folter ( Waterboarding ) zu den üblichen Verhörpraktiken zählte? Beim Opfer dieser, u.a. vom CIA unter G. Bush in Afghanistan praktizierten Folterpraxis, wird der Eindruck unmittelbar drohenden Ertrinkens hervorgerufen, indem die Atmung durch ein Tuch, welches ständig mit Wasser übergossen wird, stark erschwert wird. Durch das Fixieren des Folteropfers in einer Position, in der sich der Kopf tiefer befindet als der restliche Körper, soll das Eindringen von Wasser in die Lungen und ein darauf folgendes tatsächliches Ertrinken verhindert werden. Laut Berichten bricht der Widerstand der weitaus meisten gequälten Opfer in weniger als einer Minute. Für eine "moderne, saubere Kriegsführung und eine saubere Folter" ist Waterboarding allerdings "ideal". Waterboarding gehört zu den "modernen" Verhör-Methoden, die keine körperlichen Spuren hinterlassen (Weiße Folter).

Im wichtigsten, von Menschen geschriebenen Text, der "Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte" steht in Artikel 5: "Niemand darf der Folter oder grausamer, unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung oder Strafe unterworfen werden". Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte ist eine der wichtigsten Lehren, die aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg gezogen wurden. Sie muss Richtschnur unseres politischen Handelns sein.

Beim Kriegsverbrechen und Massaker von My Lai

wurden am 16. März 1968 im Vietnamkrieg von US-amerikanischen Soldaten über 500 Zivilisten ermordet. Unglaublich, ja verstörend ist die Tatsache, dass dieser Mord an über 500 unschuldigen Zivilisten nie gesühnt wurde. Und warum sitzt die Besatzung dieses Hubschraubers , die im Irak-Krieg Zivilisten ermordete, nicht im Gefängnis? Die Verbrechen der Massaker in Lidice und Oradour wurden zu Recht bestraft. Warum gilt dies nicht für Kriegsverbrechen, die im Auftrag einer Demokratie ausgeführt wurden? Hat 100 Jahre nach dem ersten Weltkrieg der Sieger noch immer Recht?

100 Jahre nach Kriegsbeginn

gibt es Waffen, mit denen das Leben auf diesem Planten ausgelöscht werden kann. Die Gesamtzahl der atomaren Sprengköpfe lag Anfang 2012 bei rund 19.000. 4.400 atomare Sprengköpfe gelten derzeit als einsatzbereit. Die Zahl der Atomwaffen sinkt zwar stark, doch die globale Bedrohung (die wir so gerne verdrängen) bleibt, auch weil die Atombomben und Atomraketen ständig modernisiert werden. Wo es Menschen gibt, gibt es auch Fehler und Atomwaffen vertragen keine Fehler. Die Welt hat in den letzten Jahrzehnten viele zufällige Beinah-Atomwaffen-Katastrophen erlebt. Die technische Möglichkeit, alles Leben auszurotten ist eine der größten Perversionen unserer Zeit.

Franzosen und Deutsche führen keine Kriege mehr gegeneinander,

die Narben des Versailler Vertrags und des Zweiten Weltkrieges sind verheilt. Die Pluton-Kurzstrecken-Atomraketen, die in Oberhoffen in den Vogesen stationiert waren, um den "vorrückenden Feind" aus dem Osten im Schwarzwald zu vernichten, sind verschrottet und vergessen. Wir führen keine Kriege mehr gegeneinander, beteiligen uns aber am amerikanischen Krieg in Afghanistan . Zum lang zurückliegenden Vietnamkrieg gibt es aber einen wesentlichen und gut organisierten Unterschied. Die grausamen Bilder, die halfen, den unsinnigen Krieg in Vietnam zu beenden, erreichen uns heute nur noch in seltenen Ausnahmefällen. Hat Ihre Zeitung in diesem Jahr schon einmal ein Bild von toten deutschen Soldaten oder von Zivilisten gezeigt? Wenn es in den Nachrichten fast keine Bilder der vielen zivilen Opfer mehr gibt, dann ist seit dem Vietnamkrieg die (Selbst-) Zensur besser und die Demokratie schlechter geworden.

Der "Hurra-Patriotismus" des Ersten Weltkrieges

ist (zur Zeit) überwunden und die Sprache und Durchsetzungsstrategien der Militärs sind geschickter und moderner geworden. Aber auch heute wird Sprache zur Desinformation missbraucht. Dies gilt insbesondere für die Sprache des Militärs, gerade in Kriegszeiten. Das vom Nürnberger Waffenproduzenten Werner Diehl, in Kooperation mit dem Düsseldorfer Rüstungskonzern Rheinmetall, gegründete Gemeinschaftsunternehmen "Gesellschaft für intelligente Wirksysteme" stellt laut TAZ vom 2.3.2009 u. a. "intelligente" Streubomben her, die nicht Streubomben genannt werden dürfen. Das orwellsche "Krieg ist Frieden" galt auch für die deutsche Bundesregierung im lange Zeit unerklärten Krieg in Afghanistan. Ein asymmetrischer Krieg, der in der öffentlichen Darstellung aber nicht so genannt werden sollte.

Beispiele für militärisches Neusprech:

Tötung von Zivilisten - Kollateralschäden

Waffen & Streubomben - Intelligente Wirksysteme

Nicht tödliche Waffen - Nicht tödliche Wirkmittel

Militärischer Auftrag mit der Option zu töten - Robustes Mandat

Vertreibungspolitik - Siedlungspolitik

Angriff - Vorwärtsverteidigung

Folter - Umstrittene Verhörmethode

er wurde gefoltert - er wurde behandelt

In den großen ökologischen Konflikten

der siebziger Jahre in Wyhl , Marckolsheim und Gerstheim hat die Bevölkerung im Elsass und in Baden erstmals nach dem Ersten und Zweiten Weltkrieg die alte "Erbfeindschaft" überwunden. In diesen gemeinsam ausgestandenen Konflikten liegen wichtige Wurzeln Europas und der deutsch-französischen Aussöhnung. Hier wurde der Traum vom grenzenlosen Europa geträumt und realisiert, ausgedrückt im Lied von François Brumbt: "Mir keije mol d Gränze über de Hüfe und danze drum erum".

Dennoch erleben wir am Oberrhein

immer wieder, wie geschickt, gezielt und erfolgreich in ökologisch-ökonomischen Konflikten (Fessenheim und Co.) die Menschen gegeneinander ausgespielt werden, während gleichzeitig das Hohelied Europas gesungen wird.

Beispiele:

  • Bei der polizeilichen Räumung des besetzten Wyhler Platzes ließ Ministerpräsident Filbinger gezielt nicht die vielen anwesenden Kaiserstühler, sondern "Elsässer und Langhaarige" verhaften um zu "beweisen", dass der Wyhl-Protest von "Ausländern und städtischen Chaoten" gelenkt wird..
  • Immer wieder wurden die problematischsten und gefährlichsten Anlagen gerne an die Grenzen gebaut, um nationale Vorteile zu genießen und Risiken international zu verteilen.
  • Konservative französische und schweizer Politiker instrumentalisieren gerne die Kritik von "ausländischen" Direktbetroffenen gegen "ihre" Atomanlagen in Fessenheim, Leibstadt und Beznau.

6 Jahrzehnte Frieden in Zentraleuropa

führen bei vielen zur Illusion, der Frieden sei der Normalzustand. Doch ein Blick in die Welt oder in irgendeine Nachrichtensendung zeigt, dass dies nur eine Illusion ist. Wir sind nicht besser oder schlechter als Hutus und Tutsi, als Serben und Kroaten, als Iraker und Iraner…
Wenn es "gut organisiert" wird, fallen auch in Deutschland und Frankreich nach wenigen Jahren Propaganda Christen über Moslems, Raucher über Nichtraucher oder Schwarzhaarige über Blonde her… Nicht dauerhafter Frieden, sondern mörderische Kriege, Pogrome, Folter und Massaker waren und sind die Realität der Menschheitsgeschichte. Diesen Zustand zu überwinden und die Menschenrechte endlich durchzusetzen ist unsere Aufgabe.

Es ist wichtig, dass die Menschen am Oberrhein - aber auch die Friedens- und Umweltbewegung - gerade ein Jahr vor dem hundertjährigen "Jubiläum" des Ersten Weltkrieges sich mit der Geschichte intensiver auseinander setzen, dabei aber nicht nur zurück schauen.

Axel Mayer ist BUND-Geschäftsführer und Kreisrat. Bei diesem Text handelt es sich um einen perönlichen Meinungsbeitrag.

Quelle: Mitwelt.org

Veröffentlicht am

29. Dezember 2012

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