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Gene Sharp: Verdienstvoller Erforscher des gewaltlosen Widerstands

Von Michael Schmid (aus: Lebenshaus Schwäbische Alb, Rundbrief Nr. 75 vom Dez. 2012 Der gesamte Rundbrief Nr. 75 kann hier heruntergeladen werden: PDF-Datei , 1224 KB)

Vor ein paar Wochen wurde der heute 85jährigen Gene Sharp mit dem sogenannten "Alternativen Nobelpreis", dem "Right Livelihood Award" geehrt. Ausgezeichnet wird der Amerikaner für die von ihm erforschten Strategien und Handlungsanweisungen für gewaltlosen Widerstand.

Angesichts solcher Meldungen schweifen meine Gedanken zurück ins Jahr 2001. Damals waren wir drei Wochen lang "Auf den Spuren von Martin Luther King" durch die USA unterwegs. Gegen Ende der Reise besuchten wir in Boston die "Albert Einstein Institution", die sich mit Studien zur und der Verbreitung von Gewaltfreier Aktion beschäftigt. Genauer gesagt, galt unser Interesse deren Leiter Gene Sharp. Dieser war damals durch seine Bücher zumindest in Teilen der gewaltfreien Szene nicht völlig unbekannt. Und der mit Sharp befreundete Prof. Theodor Ebert, Teilnehmer unserer Studienreise, vereinbarte ein ausführliches Gespräch mit diesem. Es war natürlich interessant, auf eine solche Persönlichkeit zu treffen. Sharp hatte als Student Anfang der 50er Jahre in den USA den Kriegsdienst verweigert und wurde dafür neun Monate ins Gefängnis eingesperrt. Ein paar Jahre später studierte er in Oxford die Mechanismen von Diktaturen und suchte nach ihren Schwächen. Dabei gewann er die Erkenntnis, dass jedes noch so brutale Unterdrückungsregime letztlich auf die Loyalität der Untertanen angewiesen ist. Und er erkannte, dass und welches Machtpotential der gewaltfreien Aktion innewohnte. Durch seine Forschungstätigkeit machte er die gewaltfreie Aktion zu einer politischen Wissenschaft. 1983 gründete Gene Sharp schließlich in Boston die "Albert Einstein Institution" zur Erforschung gewaltfreier Aktions- und Widerstandsformen. Ich erinnere mich noch gut an die interessanten Ausführungen von Gene Sharp. Diese regten mich zum Nachdenken an, warfen aber auch Fragen auf, die ich damals in mein Reisetagebuch notierte.

Auszug aus Reisetagebuch

14. August 2001

Albert Einstein Institution, Boston. 1983 gegründet unter der Leitung von Gene Sharp, unabhängige Nonprofit-Organisation, finanziert über Spenden. Der inzwischen 73jährige Gene Sharp berichtet uns auch von aktuellen Finanzproblemen, weshalb das Institut habe erheblich verkleinert werden müssen.

Gene Sharp erzählte, dass er sich heute nicht mehr in Organisationen wie Versöhnungsbund, War Resisters, etc. engagiere. Das wären alles ehrenwerte Menschen. Aber sein Ansatz sei heute ein anderer. Er benutze auch den Begriff Gewaltfreiheit nicht mehr, weil dieser Ansatz sonst auf 13 1/2 Personen reduziert werde, also immer einer kleinen Minderheit vorbehalten wäre. Er habe im Laufe der Jahrzehnte die Erkenntnis gehabt, dass es Gruppen gebe, die den Glauben an die Gewaltfreiheit nicht teilen würden und trotzdem erfolgreich gewesen seien, ohne Gewalt anzuwenden. Deshalb gelte es, diese Methoden zu erforschen und weiterzuverbreiten und dafür Menschen zu gewinnen.

Unter anderem verwies Gene auf den indischen Unabhängigkeitskampf, bei dem die Mehrheit der Teilnehmenden nicht wirklich gewaltfrei gewesen sei, sondern sich nur durch Gandhi habe auf gewaltlose Mittel beschränken lassen. Er verwies auch auf die US-Bürgerrechtsbewegung, die nicht durch und durch gewaltfrei durchtränkt und dennoch erfolgreich gewesen sei. Und im Gespräch wurde auch auf die DDR-Bürgerrechtsbewegung eingegangen, die ebenfalls zum Zeitpunkt ihrer erfolgreichen Durchsetzung nicht überwiegend gewaltfrei geprägt war.

Das Interessante für mich ist an diesen Beispielen: Gab es nicht gerade doch Menschen und Gruppen, die den Ursprung und Kern dieser Bewegungen bildeten und die dann unter bestimmten historischen Vorzeichen dazu beigetragen haben, dass sich breite Massenbewegungen bildeten, die sich auf gewaltlose Mittel beschränken ließen, die aber mehrheitlich nicht von Gewaltfreiheit geprägt waren? Ist es nicht so, dass es solchen gewaltlosen Massenbewegungen in bestimmten Situationen gelingt, bestimmte Erfolge zu erzielen, die nicht unbedeutend sind, die aber dann auf halber Strecke stehen bleiben? Gandhi war über die Gewalt nach Erreichen der Unabhängigkeit tief bestürzt. King sah sich nach Erreichen eines Gesetzes für Rassengleichheit noch weit weg von einem Erfolg. Die in der DDR-Bürgerrechtsbewegung Aktiven wollten mehrheitlich zwar mehr Bürgerrechte, Freiheit und demokratischen Sozialismus, sie wollten aber keinen Kapitalismus. Kann es nicht sein, dass gerade durch die Tatsache, weil nur eine kleine Minderheit auf Gewaltfreiheit setzt, in bestimmten Situationen ohne Gewalt Erfolge erreicht werden können, die aber allenfalls Zwischenschritte auf dem Weg zu Gerechtigkeit, Frieden und Demokratie darstellen?

(Ende des Tagebuchausschnitts)

Über diese anregenden Gedanken hinaus blieb damals nach unserem Besuch bei Gene Sharp ein schales Gefühl hängen. Aufgrund von Geldproblemen mussten die ehemals großen Räumlichkeiten der "Albert Einstein Institution", in denen es während seiner Blütezeit untergebracht war, aufgegeben werden. Das äußerst ausgedünnte Institut befand sich nun in wenigen Räumen im Kellergeschoss eines Gebäudes. Außer Gene Sharp gab es jetzt nur noch einen weiteren Mitarbeiter. Es war offenkundig, dass eine angemessene Anerkennung und damit auch das große Geld für die Forschung ausgeblieben sind. Auch die Bücher Sharps hatten zum damaligen Zeitpunkt nur geringe Auflagen erzielt. Er selber wirkte reichlich müde, vielleicht auch resigniert. So konnte das Gefühl aufkommen, hier einen Menschen zu treffen, der in seinem Leben zwar Wichtiges geleistet hat, dessen Lebenswerk letztlich allerdings doch gescheitert war.

Und nun die Verleihung des "Alternativen Nobelpreises"! Wie das?

"Alternativer Nobelpreis" an Gene Sharp

Die Jury ehrt Gene Sharp "für die Entwicklung und Verbreitung der Prinzipien und Strategien des gewaltlosen Widerstandes und seine aktive Unterstützung für deren praktische Umsetzung in Konfliktsituationen weltweit". Er sei der weltweit bekannteste Experte auf diesem Gebiet. Der Politikwissenschaftler habe diesem Engagement sein gesamtes akademisches Leben gewidmet. Seine Ideen seien von sozialen Bewegungen in der ganzen Welt übernommen worden.

In der Tat ist Sharps vor über 20 Jahren erschienenes Handbuch "Von der Diktatur zur Demokratie" in den vergangenen Jahren zu einem Bestseller in Sachen "Gewaltloser Sturz von Diktatoren" geworden. Dieses schmale Buch wurde inzwischen in über 30 Sprachen übersetzt und ist 2012 in der 4. Auflage erschienen. Im Internet kann es kostenlos heruntergeladen werden, auch in deutscher Sprache (www.aeinstein.org/organizations4cc0.html).

Sharps Theorien beeinflussten eine ganze Reihe von Bewegungen gegen autoritäre Regime, so etwa in Serbien, Georgien und in der Ukraine, in Kirgisistan und Weißrussland (Belarus). Zumindest teilweise führten dort die weitgehend ohne Gewalt geführten Aufstände zu einem Regimewechsel. Auch die Initiatoren der Revolution in Ägypten 2011, die im Februar 2011 zum Rücktritt des Präsidenten Hosni Mubarak führte, beriefen sich auf Sharp. 2011 entstand ein Dokumentarfilm "How to start a revolution" über seinen globalen Einfluss, der mehrere Preise gewann. Entsprechend gefürchtet ist Sharp bei Diktatoren. Der Iran zum Beispiel bezichtigte den Wissenschaftler in einem Propagandavideo, er sei ein CIA-Agent, der für die USA andere Länder infiltriere.

Diese erfolgreiche Aufnahme seiner Theorien und Handlungsanweisungen waren wohl ausschlaggebend für die jetzige Anerkennung Gene Sharps als der Theoretiker des gewaltlosen Widerstands. Natürlich kann Sharp, der nur noch eine einzige Mitarbeiterin hat und über Jahrzehnte knapp bei Kasse war, den mit 50.000 Euro dotierten "Alternativen Nobelpreis" besonders gut gebrauchen.

"Ich bin glücklich, dass sein Lebenswerk diese Anerkennung gefunden hat und dass auf diese Weise auch die Methode der gewaltfreien Aktion weitere internationale Aufmerksamkeit findet", freut sich Sharps deutscher Freund und Forscherkollege Theodor Ebert. "Wenn ich an unsere beider erste Begegnung in Oxford im Oktober 1962 zurückdenke, dann ist diese Entwicklung der gewaltfreien Aktion und die weltweite Aufmerksamkeit für diese Alternative zur militärischen Gewalt so erstaunlich wie erfreulich."

Dieser Freude schließe ich mich gerne an und gratuliere Gene Sharp zu dem Preis.

Diskussion erforderlich

Es gibt jedoch auch Kritik und kritische Fragen zu Gene Sharp. Ich möchte hier nur einige aufführen, die ich durchaus zumindest für diskussionswürdig halte:

  • Können Sharps Grundlagenforschung und seine Methodenvermittlung dazu missbraucht werden, die globalen kapitalistischen Interessen durchzusetzen? Gibt es also einen "machtpolitischen Missbrauch der gewaltfreien Aktion" (Anselm Weidner), indem die USA weltweit Kämpfe gegen unliebsame Regierungen nicht mehr nur mit Waffen und Geheimdiensten, sondern auch gewaltlos und offen führen, als "Demokratieförderung" im eigenen nationalen Interesse?
  • Welche Rolle bei den verschiedenen gewaltlosen Aufständen in den vergangenen rund ein Dutzend Jahren spielt die Organisation Otpor/CANVAS aus Serbien, die in Anlehnung an Gene Sharp den "Nonviolent Struggle" proklamiert und mit internationalen Trainings Einfluss in vielen Ländern zu nehmen sucht? Wird CANVAS für eine US-Strategie des "Regime change" im nationalen Interesse eingesetzt?
  • Sind "Demokratieförderung" und "Regime change" für uns anstrebenswerte Ziele? Oder geht es uns um weltweite Gerechtigkeit und Frieden? Ist das angestrebte Ziel erfolgversprechend mit "Nonviolent Struggle", also mit "Gewaltfreier Aktion" als Technik zu erreichen? Oder geht es uns um einen Weg, bei dem sich Mittel und Ziel entsprechen müssen, also um Gewaltfreiheit in einem umfassenderen Verständnis?

Weblinks:

Fußnoten

Veröffentlicht am

12. Dezember 2012

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