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Noam Chomsky: Demütigen und degradieren - Eindrücke aus dem Gazastreifen

Von Noam Chomsky, Information Clearing House, 07.11.2012

Es genügt, eine einzige Nacht im Gefängnis zu verbringen, um einen Eindruck zu bekommen, was es bedeutet, sich unter der totalen Kontrolle einer externen Macht zu befinden. Und man braucht kaum mehr als einen Tag im Gazastreifen, bis einem bewusst wird, wie schwierig der Versuch ist, im größten Open-Air-Gefängnis der Welt zu überleben, wo 1,5 Millionen Menschen - im am dichtesten bevölkerten Teil der Welt - ständig einem ziellosen und oft brutalen Terror und willkürlichen Strafen ausgesetzt sind - zu keinem anderen Zweck als zu demütigen und zu erniedrigen. Und mit dem weiteren Ziel, sicher zu gehen, dass die palästinensischen Hoffnungen auf eine anständige, normale Zukunft zerstört werden und die überwältigende globale Unterstützung für ein diplomatisches Abkommen, das diese Rechte gewährt, für null und nichtig erklärt.

Die Intensität dieses Einsatzes von Seiten Israels politischer Führung ist gerade in den letzten paar Tagen dramatisch illustriert worden, als sie warnten, dass sie "verrückt werden", wenn den Palästinensern Rechte begrenzter Anerkennung von der UN gegeben werden. Das ist keine neue Richtung. Die Drohung "verrückt zu werden", ist tief in den Labor-Regierungen der 50er-Jahre verwurzelt und zwar zusammen mit dem verwandten "Samson-Komplex": Wir werden die Tempelmauern niederreißen, wenn (eine rote Linie) überquert wird. Es war damals eine leere Drohung, heute nicht.

Die entschlossene Demütigung ist auch nicht neu, auch wenn sie ständig neue Formen annimmt. Vor dreißig Jahren haben politische Führer, einschließlich einiger der bekanntesten Falken, Ministerpräsident Begin, einen schockierenden und detaillierten Bericht vorgelegt, wie Siedler regelmäßig Palästinenser in verkommenster Form schikaniert haben und zwar total straflos. Der prominente militär-politische Analytiker Yoram Peri schrieb empört, dass die Aufgabe der Armee nicht die Verteidigung des Landes sei, sondern "die Rechte des unschuldigen Volkes zu zerstören, nur weil sie ‚Nigger’ seien und in dem Land leben, das Gott uns verheißen hat."

Die Bewohner von Gaza sind für besonders grausame Bestrafung auserwählt worden. Es ist fast ein Wunder, dass Menschen solch ein Leben aufrecht halten können. Wie sie es tun, hat vor dreißig Jahren Raja Shehadeh in seinen wortgewandten Memoiren beschrieben ("The third Way"), die sich auf seine Arbeit als Anwalt gründet, als er sich um die hoffnungslose Aufgabe bemühte, die elementaren Rechte innerhalb eines Rechtssystems zu schützen, was zum Scheitern bestimmt war. Er brachte da auch seine persönlichen Erfahrungen als einer, der SAMUD (Ausdauer, Geduld) übte, und der mit ansah, wie seine Heimat von brutalen Besatzern in ein Gefängnis verwandelt wird und er nichts tun konnte als irgendwie "auszuhalten".

Seitdem Shehadeh schrieb, ist die Situation viel, viel schlimmer geworden. Die Oslo-Abkommen, die 1993 mit viel Pomp gefeiert wurden, bestimmten, dass der Gazastreifen und die Westbank eine einzige territoriale Einheit bilden. Aber dann hatten die USA und Israel schon ihr Programm der vollkommenen Teilung in die Wege geleitet, um so ein diplomatisches Abkommen zu blockieren und so die "Nigger" in beiden Gebieten zu strafen.

Die Strafe für die Gazaer wurde im Januar 2006 noch strenger, als sie ein großes Verbrechen begingen und bei den ersten freien Wahlen in der arabischen Welt falsch wählten, nämlich die Hamas. Indem die USA und Israel, gestützt von der zaghaften EU, nach "Demokratie lechzten", verhängten sie sofort unter intensiven militärischen Angriffen eine Belagerung.

Die USA machte sich sofort daran, eine Prozedur einzuführen, dass wenn irgendwo eine ungehorsame Bevölkerung die falsche Regierung wählt, ein militärischer Schlag vorbereitet wird, um wieder Ordnung herzustellen.

Die Bevölkerung des Gazastreifens beging ein Jahr später ein noch größeres Verbrechen, indem sie einen Angriffsversuch blockierte, der zu einer Eskalation der Belagerung und militärischen Attacken führte. Diese kulminierten im Winter 2008/09 in der Operation Cast Lead, eine der feigsten und grauenhaftesten Erfahrungen militärischer Kraft, die eine schutzlose zivile Bevölkerung, die keinen Fluchtweg hat, noch gut im Gedächtnis hat. Sie war einem erbarmungslosen Angriff eines der am meisten entwickelten militärischen Systeme unterworfen, das sich auf US-Waffen verlässt und von US-Diplomatie beschützt wird. Ein unvergesslicher Augenzeugenbericht des Massakers - in ihren Worten ein "Infanticid"/ Kindermord - wird von zwei mutigen norwegischen Ärzten (in einem bemerkenswerten Buch: "Augen in Gaza") gegeben, die während des gnadenlosen Angriffs in Gazas Hauptkrankenhaus arbeiteten, Gilbert und Erik Fosse.

Der gerade zum Präsidenten gewählte Obama war, abgesehen von einer Wiederholung seines Mitgefühls für die Angriffen ausgesetzten Kinder - in der israelischen Stadt Sderot - unfähig, dazu ein Wort zu sagen. Der sorgfältig geplante Angriff wurde kurz vor Obamas Einführung ins Amt beendet, so dass er dann sagen konnte, nun ist die Zeit, um nach vorne zu schauen und nicht rückwärts - die übliche Flucht eines Kriminellen.

Natürlich gab es Vorwände - die gibt es immer. Der übliche Vorwand, der immer dann vorgebracht wird, wenn es nötig ist, ist auch in diesem Fall "Sicherheit": die selbst gebastelten, primitiven Raketen aus dem Gazastreifen. Wie es gemeinhin der Fall ist, fehlte auch hier die Glaubwürdigkeit. 2008 war zwischen Israel und der Hamas ein Waffenstillstand ausgehandelt worden. Die israelische Regierung erkannte offiziell an, dass die Hamas sie voll eingehalten hat. Nicht eine einzige Hamasrakete wurde abgefeuert, bis Israel den Waffenstillstand unter dem Deckmantel der US-Wahlen am 4. November 2008 brach und aus lächerlichen Gründen im Gazastreifen einfiel und ein halbes Dutzend Hamasmitglieder tötete.

Der israelischen Regierung wurde von ihrem höchsten Geheimdienst geraten, der Waffenstillstand könnte durch eine Erleichterung der kriminellen Blockade und das Beenden der militärischen Angriffe erneuert werden. Aber die Regierung von Ehud Olmert, der als Taube gilt, wies diese Optionen zurück, und zog die Anwendung von Gewalt vor: die Operation Cast Lead.

Das Muster der Bombardierung bei dieser Operation wurde sorgfältig von dem sehr gut informierten und international anerkannten Gazaer Menschenrechtsanwalt Raji Sourani analysiert. Er weist daraufhin, dass das Bombardieren auf den Norden konzentriert war und schutzlose Zivilisten im dichtest besiedelten Gebiet ohne jeden militärischen Vorwand traf. Das Ziel könnte nach seiner Vermutung folgendes gewesen sein: die eingeschüchterte Bevölkerung in den Süden zur ägyptischen Grenze zu treiben. Aber die "Samidin" (die Geduldigen) hielten durch, trotz der US-Israelischen Terrorlawine.

Ein weiteres Ziel mag die Vertreibung über die Grenze gewesen sein. Wenn man in die früheste Zeit der zionistischen Kolonisierung geht, wurde viel darüber diskutiert, dass Araber keinen wirklichen Grund haben, in Palästina zu sein. Sie könnten auch woanders glücklich sein und sollten gehen - höflich gesagt "transferiert" werden, wie die Tauben vorschlugen. Das ist in Ägypten sicher keine kleine Sorge und vielleicht der Grund, warum Ägypten seine Grenzen nicht freiwillig den Zivilisten oder verzweifelt notwendigem Material öffnet.

Sourani und andere fundierte Quellen beobachten, dass die Disziplin der Samadin ein Pulverfass verbirgt, das irgendwann unerwartet explodieren kann, wie die erste Intifada 1987 nach Jahren elender Unterdrückung, die in Israel keine Betroffenheit auslöste.

Um nur einen der unzähligen Fälle zu erwähnen: Kurz vor dem Ausbruch der Intifada wurde ein palästinensisches Mädchen, Intissar al-Atar, auf dem Schulhof erschossen und zwar von einem Bewohner einer nahen jüdischen Siedlung. Er war einer der mehreren Tausend israelischen Siedler, die in Verletzung des Völkerrechts nach Gaza gebracht und von großer Militärpräsenz geschützt wurden, während sie viel Land an sich rissen und das knappe Wasser des Streifens großzügig verbrauchten. Sie lebten in 22 Siedlungen inmitten von 1,4 Millionen verarmter Palästinenser, wie das Verbrechen vom israelischen Wissenschaftler Avi Raz beschrieben wird. Der Mörder des Schulmädchens, Shimon Yifrath, wurde verhaftet, aber schnell gegen Kaution entlassen, als das Gericht entschied, "die Straftat sei nicht schwer genug" für eine verdiente Gefängnisstrafe. Der Richter erklärte, dass Yifrah nur beabsichtigt habe, das Mädchen mit dem Schuss aus seinem Gewehr auf dem Schulhof nur zu erschrecken und er es nicht töten wollte, also ist das kein Fall einer kriminellen Person, die bestraft und abgeschreckt werden und der man mit Gefängnisstrafe eine Lektion erteilen muss. Yifrah wurde eine 7-monatige ausgesetzte Strafe gegeben, während die Siedler im Gerichtssaal vor Freude sangen und tanzten. Und danach herrschte das übliche Schweigen. Schließlich wurde es zur Routine.

Und so ist es: Als Yifrah befreit war, berichtete die israelische Presse, dass eine Armee-Patrouille in den Hof einer Jungenschule in einem Westbank-Flüchtlingslager schoss und fünf Kinder verletzte, angeblich nur um ihnen einen Schrecken einzujagen. Es gab keine Beschuldigungen und der Vorfall zog keine Aufmerksamkeit auf sich. Es war nur noch eine Episode im Programm des "Analphabetismus als Strafe" berichtete die israelische Presse, einschließlich der Schulschließung, Anwendung von Tränengasbomben, das Schlagen von Schülern mit den Gewehrkolben, das Verhindern medizinischer Hilfe für Opfer; und außerhalb der Schulen eine Herrschaft von schwerer Brutalität, die während der Intifada noch brutaler wurde, auch nach den Ordern des damaligen Verteidigungsminister Yitzhak Rabin, ("Brecht ihnen die Knochen!") eine andere bewunderte Taube.

Nach einem mehrtägigen Besuch im Gazastreifen war mein erster Eindruck Verwunderung, nicht nur über die Fähigkeit, unter diesen Umständen das Leben weiter zu führen, sondern auch über die Dynamik und Vitalität der jungen Leute, besonders an der Universität, wo ich die meiste Zeit an einer internationalen Konferenz teilnahm. Aber auch dort kann man auf Anzeichen stoßen, dass der Druck (der Besatzung und Blockade) so hart ist, dass er schwer zu ertragen ist. Berichte deuten daraufhin, dass unter jungen Männern Frustration schwelt, nachdem sie erkannt haben, dass unter der US-Israel-Besatzung die Zukunft nichts für sie bereit hält. Es gibt nur so viel, wie in Käfige eingesperrte Tiere aushalten können, und dann kann es einen Ausbruch geben, der vielleicht hässliche Formen annimmt - und israelischen und westlichen Apologeten eine Möglichkeit der Selbstgerechtigkeit anbietet, um die Menschen zu verurteilen, die "kulturell zurück" seien, wie Mitt Romney "einsichtsvoll" erklärte.

Gaza sieht wie eine typische Dritte-Welt-Gesellschaft aus, mit wenig Reichen, die von schrecklicher Armut umgeben sind. Doch ist es nicht "unterentwickelt". Es ist eher "zurück-entwickelt" und zwar sehr systematisch, um den Terminus von Sara Roy zu gebrauchen, die führende akademische Spezialistin des Gazastreifens. Der Gazastreifen könnte eine reiche mediterrane Region mit reicher Landwirtschaft, einer blühenden Fischindustrie und wunderschönen Stränden sein - und was vor zehn Jahren entdeckt wurde: gute Aussichten auf extensive Naturgasvorräte innerhalb seiner territorialen Gewässer.

War es reiner Zufall, dass Israel seine Seeblockade intensivierte und Fischerboote zur Küste in die drei Meilenzone trieb? Die günstigen Zukunftsaussichten wurden 1948 abgebrochen, als der Streifen eine Flut palästinensischer Flüchtlinge aufnehmen musste, die vor dem (israelischen) Terror flohen oder zwangsweise aus dem Gebiet vertrieben wurden, was Israel wurde. In einigen Fällen wurden sie erst Monate nach der Feuerpause vertrieben.

Tatsächlich wurden sie sogar erst vier Jahre später vertrieben, wie Haaretz am 25.12.2008 in einer nachdenklichen Studie von Beni Tziper über die Geschichte des israelischen Ashkalon (bis zu den Kanaanitern) brachte. 1953 gab es eine "kühle Kalkulation, dass es nötig sei, die Region von Arabern zu säubern". Der ursprüngliche Name Majdal war schon ins heutige Ashkalon judaisiert worden - wie es reguläre Praxis ist.

Das war 1953, als keinerlei militärische Notwendigkeit bestand. Während Tziper, selbst 1953 geboren, durch die Überreste des alten arabischen Stadtteils ging, hatte er die Gedanken: "Es ist wirklich schwierig für mich, wirklich schwierig, mir klar zu machen, dass während meine Eltern meine Geburt feierten, andere Menschen auf LKWs geladen und aus ihren Häusern vertrieben wurden."

Israels Eroberungen von 1967 und ihre Nachwirkungen führten zu weiteren Schlägen. Dann kamen die schon erwähnten schrecklichen Verbrechen, die bis heute andauern.

Die Anzeichen sind leicht selbst bei einem kurzen Besuch zu sehen. Während ich in einem Hotel in der Nähe der Küste sitze, kann man das Maschinengewehrfeuer hören, womit die Fischer aus Gazas territorialen Gewässern zur Küste getrieben werden. So werden sie gezwungen, in schwer kontaminierten Gewässern zu fischen, weil US-Israel sich weigern, Baumaterial zum Wiederaufbau der Abwässer und des Stromsystems, das sie zerstört haben, durch die Grenze zu lassen.

Die Oslo-Abkommen führten Pläne für zwei Entsalzungsanlagen, eine Notwendigkeit in dieser trockenen Region. Eine weit entwickelte wurde in Israel gebaut. Die zweite liegt bei Khan Younis im Süden des Gazastreifens. Der beauftragte Ingenieur, der für Trinkwasser für die Bevölkerung sorgen soll, erklärte, dass diese Einrichtung entworfen wurde, aber nicht für salziges Meerwasser, sondern für Grundwasser. Es ist ein billigerer Prozess, der aber den armen Aquifer dahin bringt, dass es in Zukunft ernste Probleme geben wird. Das Wasser ist sehr knapp. Die UNRWA, die für die Flüchtlinge sorgt, aber nicht für die andern Menschen im Gazastreifen, veröffentlichte vor kurzem einen Bericht, in dem sie davor warnt, dass der Schaden des Aquifer bald "irreversibel" ist und wenn hier nicht bald eine schnelle Hilfsaktion einsetzt, dann wird Gaza für Menschen 2020 kein "erträglicher Ort mehr zum Leben" sein.

Israel erlaubt, dass Beton in den Gazastreifen geliefert wird, aber nur für UNWRA-Projekte, nicht für die riesigen Wiederaufbauprojekte der Bevölkerung. Die wenigen schweren Baumaschinen stehen meistens untätig herum, da Israel nicht erlaubt, dass Baumaterial in den Gazastreifen geliefert wird. All dieses ist ein Teil des allgemeinen Programms, das Dov Weisglass, Berater des Ministerpräsidenten Ehud Olmert, empfohlen hat, nachdem die Palästinenser bei den 2006-Wahlen nicht den Ordern folgten (und stattdessen Hamas wählten). Er sagte, man müsse die Palästinenser auf Diät setzen, sie aber nicht Hungers sterben lassen. Das sieht nicht gut aus (es wurde sogar die Kalorienzahl festgelegt).
Und dem Plan wird skrupellos gefolgt. Sara Roy hat in ihren wissenschaftlichen Studien Beweise geliefert. Vor kurzem gelang es der israelischen Menschenrechtsorganisation Gisha nach jahrelangen Bemühungen eine Gerichtsorder für die Regierung zu bekommen, dass sie die Protokolle mit den detaillierten Diätplänen - und wie sie ausgeführt werden - veröffentlicht.

Der in Israel lebende Journalist Jonathan Cook fasst sie so zusammen: Offizielle israelische Gesundheitsarbeiter lieferten Kalkulationen über die Minimumanzahl von Kalorien, die in Gaza für 1,5 Millionen Bewohner benötigt werden, um Unterernährung zu verhindern. Diese Zahlen wurden umgerechnet in LKW-Ladungen mit Nahrungsmitteln, die Israel täglich in den Gazastreifen lässt … im Durchschnitt nur 67 LKW - viel weniger als die Hälfte des erforderlichen Minimumbedarfs - dies verglichen mit mehr als 400 LKWs, bevor die Blockade begann." Und selbst diese Schätzung ist allzu großzügig, sagt ein UN-Beamter.

Der Nahostwissenschaftler Juan Kole beobachtete: "Die Folge dieser Diät ist, dass über 10 % der palästinensischen Kinder unter 5 Jahren im Gazastreifen in ihrem Wachstum wegen Unterernährung gehemmt sind … zusätzlich ist Anämie weit verbreitet, zwei Drittel der Kleinkinder, 58,6% der Schulkinder und mehr als ein Drittel der schwangeren Mütter." Die USA und Israel wollen sich absichern, dass nur gerade noch Überleben möglich ist.

"Woran man vor allem denken muss", sagt Raja Sourani (PCHR), "ist, dass die Besatzung und die absolute Blockade ein dauernder Angriff auf die menschliche Würde vor allem der Menschen im Gazastreifen ist, aber auch der Palästinenser allgemein. Es ist eine systematische Degradierung, Demütigung, Isolierung und Fragmentierung des palästinensischen Volkes."

Diese Schlussfolgerung wird von vielen anderen Quellen bestätigt. In einer führenden medizinischen Zeitschrift "The Lancet" beschreibt ein Arzt aus Stanford, der den Gazastreifen besuchte und erschrocken war über das, was er dort sah. Er beschrieb Gaza als "ein LaboratoriumGaza ist aber auch ein Testlabor für neue Waffen: DIME, Flechetteraketen, DU, Nervengas, Phosphor, Phantomangriffe u.a. Bericht in Baltische Rundschau vom 15.1.09 und Goldstone-Bericht S. 362; Anmerkung der Übersetzerin., in dem die Abwesenheit von Würde beobachtet wird", ein Zustand, der verheerende Auswirkungen auf das physische, psychische und soziale Wohlbefinden hat. Die ständige Überwachung vom Himmel her, die kollektive Bestrafung durch Blockade und Isolierung, die Störung der Privatsphäre, der Kommunikationen und die Einschränkungen für die, die zu reisen, zu heiraten oder zu arbeiten versuchen, machen es schwierig, ein würdevolles Leben im Gazastreifen zu führen." Den Arabern/den Niggern muss beigebracht werden, nicht ihre Köpfe zu heben.

Es gab Hoffnungen, dass die neue Morsi-Regierung in Ägypten weniger im Banne Israels stünde als die westlich-unterstützte Mubarak-Diktatur und den Rafah-Übergang öffnet, den einzigen Ausgang nach draußen für die gefangenen Gazaer, der nicht der direkten israelischen Kontrolle unterworfen ist. Es gab eine leichte Öffnung, aber nicht viel und nicht lange. Die Journalistin Laila el-Haddad schreibt, die Wieder-Eröffnung unter Morsi "ist einfach eine Rückkehr zum Status Quo vergangener Jahre: nur Palästinenser mit einem israelisch anerkannten Gaza-Ausweis können die Rafa-Kreuzung benützen", was eine große Menge Palästinenser ausschließt, einschließlich El-Haddads Familie, in der nur ein Ehepartner solch einen Ausweis hat.

Sie fährt fort: "Außerdem führt dieser Übergang nicht in die Westbank, noch dürfen hier Waren eingeführt werden, die nur über von Israel kontrollierte Übergänge eingeführt werden dürfen. Es ist auch verboten, Baumaterial hier zu importieren und jeder Export ist verboten." Der eingeschränkte Rafa-Übergang verändert nicht die Tatsache, dass Gaza unter dichter Belagerung von der Luft und vom Meer her bleibt und weiter für palästinensisches kulturelles, wirtschaftliches und akademisches Kapital im Rest der besetzten Gebiete verschlossen bleibt - was eine Verletzung der US-israelischen Verpflichtungen nach den Oslo-Abkommen ist."

Die Auswirkungen sind offensichtlich schmerzlich. Im Khan Yunis-Krankenhaus beschreibt der Leiter, der auch Chef der Chirurgie ist, zornig und leidenschaftlich, dass sogar Schmerzmedikamente fehlen, die den leidenden Patienten helfen könnten, als auch einfache ärztliche Ausrüstung und so die Ärzte hilflos lässt und die Patienten in Agonie. Persönliche Geschichten verdeutlichen die allgemeine Empörung, die man bei der Obszönität der harten Besatzung empfindet. Ein Beispiel ist das Zeugnis einer jungen Frau, die verzweifelte, als ihr Vater, der stolz auf seine Tochter war, die als erste Frau im Flüchtlingslager einen akademischen Grad erhielt, nach 6 Monaten Kampf gegen den Krebs mit 60 starb. Die israelische Besatzung verweigerte ihm einen Passierschein für die Behandlung in einem israelischen Krankenhaus. Ich musste meine Studien, meine Arbeit und mein Leben abbrechen, um mich an sein Bett zusetzen. Wir saßen alle da, mein Bruder, ein Arzt, und meine Schwester, eine Apothekerin; alle macht- und hoffnungslos, beobachteten wir sein Leiden. Er starb während der unmenschlichen Blockade des Gazastreifens im Sommer 2006 … Ich denke, sich macht- und hoffnungslos zu fühlen, ist das schlimmste Gefühl, das ein Mensch je haben kann. Es tötet den Geist und bricht das Herz. Man kann gegen die Besatzung ankämpfen, aber nicht gegen das Gefühl, machtlos zu sein. Man kann dieses Gefühl auch nicht auflösen."

Empörung gegen die Obszönität, verbunden mit Schuld: es liegt in unserer Macht, dieses Leiden zu beenden und den Samedin/den Geduldigen zu erlauben, sich ihres Lebens in Frieden und Würde zu erfreuen - wie sie es verdient haben.

Prof. Noam Chomsky - Professor Emeritus der Linguistik am MIT (Massachusetts Institut für Technologie, weltbekannter Autor und führender Intellektueller, der den Gazastreifen vom 25. bis 30. Oktober 2012 besuchte.

Originalartikel: To humiliate and degrade. Impressions of Gaza . Übersetzung: Ellen Rohlfs.

Fußnoten

Veröffentlicht am

27. November 2012

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