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Helmut Gollwitzer: Wir kümmern uns selbst um unsere Sicherheit

Vor 30 Jahren, am 10. Oktober 1981, demonstrierten 300.000 Menschen auf der Bonner Hofwiese gegen die von der NATO geplante Stationierung von "Pershing II"-Mittelstreckenraketen und "Cruise Missiles"-Marschflugkörpern und forderten ein atomwaffenfreies Europa und das Ende der Blockkonfrontation. Wir erinnern an das für viele Engagierte prägende Ereignis mit der Dokumentation der Rede von Helmut Gollwitzer bei der damaligen Kundgebung in Bonn.

Wir kümmern uns selbst um unsere Sicherheit

Von Helmut Gollwitzer

Wir rücken ihnen jetzt auf den Leib, hier in Bonn. Wir lassen sie nicht mehr alleine machen, nach ihrem alten bequemen Demokratieverständnis: Alle vier Jahre wählen die Bürger, wer regieren und wer opponieren soll, und dann legen wir uns schlafen, eingelullt von den Journalisten in den Massenmedien, die sich willig gleichgeschaltet haben und auch uns nun gleichschalten wollen mit der Großen Koalition der Sicherheitspolitik durch ihre Schlaflieder:

1. "Die da oben wissen’s besser!"

2. "Die da oben haben alles fest im Griff!" Mit dem Refrain: "Schlaft ruhig weiter, es kann nichts passieren! - Zahlt ruhig weiter, die Bomben werden nie explodieren!"

Jetzt kommt eine neue, eine echte Weise von Demokratie: Wir kümmern uns selbst um unsere Sicherheit, wir informieren uns selbst, wir urteilen selbst, und wir mischen uns ein. Das erfordert freilich schwere Arbeit von uns allen: Nicht nur emotional "Atom pfui!" zu schreien, sondern uns sachkundig zu machen, damit wir von keiner Rüstungspropaganda mehr eingewickelt werden können. Demokratie heißt nicht: Vertrauen zur Obrigkeit, sondern: Mißtrauische Kontrolle der Politiker durch die Bürger, heute erst recht. Denn heute ist am Tage, daß die Leute an der Macht in West und Ost samt ihren Experten die Menschheit an den Rand des Untergangs haben geraten lassen. Allein der Aufschrei der Völker kann das noch ändern - allein unsere Weigerung, das schwachsinnige Weitermachen auf dem Wege der Zerstörung der Erde und der Erhöhung der Kriegsgefahr weiter mitzumachen - allein unsere Entschlossenheit, das weitere Aufrüsten, angeblich um abzurüsten, zu verhindern.

Denn wir sind hier nicht eine der häufigen Protestdemonstrationen gegen alles
mögliche Unrecht auf Erden auch nicht gegen den Blödsinn der sowjetischen Rüstung. Wir sind eine Verhinderungsdemonstration. Wir demonstrieren mit dem konkreten Zweck, die Mittelstufenraketen auf unserem Boden zu verhindern und dadurch eine Entwicklung in Gang zu bringen, die unseren Politikern hilft, endlich den Absprung von der Talfahrt in den Untergang zu finden.

Eine neue Qualität von Demokratie, für die der heutige Tag ein historisches Datum ist. Jahrelang demonstrierten wir gegen den Rüstungswahnsinn; die Leute am Straßenrand schauten gleichgültig zu, und wir stöhnten mit dem alten Spruch der Arbeiterbewegung: "Der Feind, den wir am meisten hassen - das ist der Unverstand der Massen." Jetzt wachen die Menschen bei uns und in Europa auf aus dem Unverstand, in dem sie künstlich gehalten werden. Jetzt wird das Volk störrisch und erkennt, daß der Friede zu wichtig ist, als daß man ihn den Politikern überlassen dürfte. Jetzt lassen wir uns nicht mehr auseinanderdividieren in Sozialdemokraten, Konservative, Liberale, Grüne, Christen und Kommunisten; denn der Atomtod bedroht uns alle. Jetzt lassen wir uns auch nicht mehr durch Russenangst gegen die Russen aufhetzen.

Denn unser Auftrag an die Politiker wird jetzt genauer formuliert. Sie tun als laute unser Auftrag an sie nur: "Sichert uns gegen die Russen!" Unser Auftrag aber lautet: "Sichert uns und unsere Kinder gegen das Unbewohnbarwerden der Erde - gegen den Welthunger, der die Satten mit den Hungrigen zugrunde gehen lassen wird - gegen das unerträgliche Risiko der atomaren Vernichtung, das eure sogenannte Sicherheitspolitik uns zumutet!"

Das alles aber geht nicht mit Rüstung gegen die Russen, sondern nur zusammen mit den Russen. Nur gemeinsam können die westlichen Völker mit den östlichen und die östlichen mit den westlichen der Menschheit die Zukunft wiedergewinnen, die schon fast verloren ist. Die Rüstung gegeneinander sichert uns nicht das Leben, sie bringt uns den Tod, ob sie nun explodiert oder nicht.

Die Christen unter uns könnten das alles längst wissen: aus dem Evangelium. Politik von Christen - das kann doch nur eine solche Politik sein, die alles daransetzt, diejenigen, die sich jetzt feindlich gegenüberstehen, zur gemeinsamen Arbeit für das Leben zu gewinnen. Wir fragen alle Christen in unserem Lande, ob sie heute anderswo stehen können als bei dieser Friedensbewegung, bei der Bewegung für das Leben gegen die Todesrüstung.

"Friedensbewegung" - eine solche Selbstbezeichnung sei eine Anmaßung, ruft man uns zu; denn unbestreitbar wollen sie doch alle den Frieden, die Aufrüster ebenso wie wir. Aber Helmut Schmidt hat vor der Bundestagswahl vor einem Jahr sehr richtig gesagt: "Es reicht nicht, daß einer friedenswillig ist. Es kommt darauf an, daß er friedensfähig ist." Friedensfähig aber ist nur wer abrüstungsfähig ist. Daß sie abrüstungsfähig werden, das müssen jetzt die Völker ihren Politikern beibringen durch konsequente Rüstungsverweigerung und Rüstungsverhinderung.

Veröffentlicht am

10. Oktober 2011

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