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Helmut Gollwitzer: Es gibt ein Mittel: dass man etwas tut!

Vor 30 Jahren, im Juni 1981, fand in Hamburg der 19. Deutsche Evangelische Kirchentag mit dem Motto "Fürchte dich nicht" statt. Dieser Kirchentag wurde nachdrücklich vom Thema Krieg und Frieden geprägt. Am Rande des Kirchentags verabredeten 22 Organisationen für den 10. 10.1981 eine Kundgebung und Demonstration in Bonn zu organisieren. Während des Kirchentags, am 20. Juni 1981, wurde auch die bis dahin größte Demonstration gegen den sogenannten NATO-Doppelbeschluss veranstaltet. Vor 80.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern hielt dabei Helmut Gollwitzer eine mitreißende Rede, die wir nachfolgend dokumentieren.

Es gibt ein Mittel: dass man etwas tut!

Schlussrede bei der Friedensdemonstration am Hamburger Kirchentag am 20. Juni 1981

Von Helmut Gollwitzer

Dies ist - abgesehen von der morgigen Schlussveranstaltung - die größte Veranstaltung des 19. Deutschen Evangelischen Kirchentages. Der Bischof dieser Stadt, Hans Otto Wölber, hat zwar mit der ihm eigenen brüderlich-bischöflichen Einfühlsamkeit erklärt, dies sei keine Veranstaltung des Deutschen Evangelischen Kirchentages, sondern veranstaltet von einem "Kartell eigener Art". Aber: der Kirchentag sind wir, und was zum Kirchentag gehört, bestimmen wir, nicht er.

Diese Versammlung richtet sich aber gegen ein "Kartell eigener Art": jenes Kartell von Politikern und Kirchenführern, die in den letzten Wochen vor nichts so sehr Angst gezeigt haben als vor der Bergpredigt. Unaufhörlich warnen sie vor dem Missbrauch des Evangeliums zu politischen Zwecken. Das Evangelium ist jahrhundertelang zu politischen Zwecken missbraucht worden, und wie das heute aussieht, zeigen uns gerade die, die uns vor diesem Missbrauch warnen, z. B. diejenigen, die ihre politische Partei mit einem christlichen Namen schmücken. In Wirklichkeit geht es darum, den Missbrauch der Bergpredigt zu beenden. Was ist es anderes als Missbrauch der Bergpredigt, wenn man in der einen Hand die Bergpredigt hält und in der anderen die Atomrakete? Wer Beides zu vereinigen weiß, die Bergpredigt und die Atombombe, der kennt offenbar weder die Bergpredigt noch hat er sich klar gemacht, was eine Atombombe ist, wie wir es soeben in den Berichten des Augenzeugen von Nagasaki gehört haben.

Was sich mit der Friedensbewegung heute in unserem Lande vollzieht, das ist ein Aufstand des menschlichen Gewissens und der menschlichen Vernunft, insbesondere auch ein Aufstand des christlichen Gewissens. Christlich glauben und zugleich Völkermord und Völkerselbstmord vorbereiten - für immer mehr Christen geht das nicht mehr zusammen.

Es ist hoffentlich auch ein Aufbruch des deutschen Gewissens. Jetzt wird es in wenigen Stunden vierzig Jahre her sein, dass die deutsche Wehrmacht die Sowjetunion überfallen hat, die schlafende Sowjetunion in den frühen Morgenstunden, eine deutsche Wehrmacht, hochgerüstet zum Erstschlag. Jetzt soll wieder von unserem Land aus der Erstschlag drohen, jede Nacht auf die schlafenden Städte der Sowjetunion, auf Moskau und Leningrad, auf Kiew und Charkow. Wie soll eigentlich ein sowjetischer Christ und ein sowjetischer Atheist unseren Schwüren glauben, die Deutschen hätten sich geändert, wenn uns 20 Millionen tote Sowjetmenschen kein Hindernis sind, unser Land heute wieder den grimmigsten Feinden der Sowjetunion als Raketenabschussrampe anzubieten?

Wir machen das nicht mehr mit! Um uns zum Mitmachen zu bewegen, drängten sie sich hierher auf den Kirchentag. Zuerst zeigten ihre hysterischen Besorgnisse vor den Krawallen, zu denen es hier kommen könnte, wie weltenfern unbekannt diesen unseren Etablierten ihre eigene junge Generation ist. Aber wie gut, dass man sie nicht gehindert hat, hierzu reden! Nun wissen wir, was sie zu sagen haben, Schmidt, Apel, Stoltenberg usw., und für wie dumm und uninformiert sie uns halten. Wie kläglich waren ihre Argumente! Originalton Helmut Schmidt: "Wenn wir uns nicht wehren - er meint damit: nachrüsten -, dann geht es uns wie den Afghanen." Sollen wir vielleicht eine Beleidigungsanklage einreichen, weil er meint, mit uns auf diesem Niveau diskutieren zu können?

Das letzte Argument, auf das sie sich zurückzogen, war: wenn wir mit aufrüsten, dann haben wir Einfluss darauf, die Aufrüstung zu mäßigen. Solange der Schwanz nicht mit dem Hund wackeln kann, dürfte das eine Illusion sein. Das einzige Mittel, wirklichen Einfluss gegen die Aufrüstung zu nehmen, ist das Aussteigen aus der Aufrüstung, also aus dem Brüsseler Beschluss. Das würde die ganze internationale Landschaft verändern, das kann der Druck sein, mit dem die Kleinen die Großen zwingen, ihren Wahnsinn zu revidieren.

Das ist die wahre Chance von Helmut Schmidt. Noch ist es in Bonn nicht zu spät. Sagt Helmut Schmidt Nein zur Nachrüstung, dann hat er seine Partei gerettet und wird als ein bedeutender Politiker in die Geschichte eingehen. Macht er so weiter wie jetzt, dann kann man ihn und dann wird man ihn vergessen und seinen Nachfolger Helmut Kohl auch. Vor zwei Jahren musste der Ministerpräsident Ernst Albrecht nach der GorlebenDemonstration erklären: das Gorlebenprojekt ist politisch nicht durchsetzbar. Unser Ziel ist, dass die in Bonn bald ihren amerikanischen Auftraggebern erklären müssen: der Brüsseler Nachrüstungsbeschluss ist in der Bundesrepublik Deutschland politisch nicht durchsetzbar. Seid zuversichtlich: dazu wird es kommen! Die "holländische Krankheit", von der Ben ter Veer gesprochen hat, hat sich schon ausgebreitet über Benelux und Skandinavien und wird sich ausbreiten über die Bundesrepublik. Es ist nicht die holländische Krankheit, es ist die holländische Gesundung und auch unsere Gesundung. Das ist unser Nahziel. Das wird ein Durchbruch sein. Danach geht es weiter mit den weiteren Zielen: Entfernung aller Atomwaffen vom deutschen Boden auf beiden Seiten - atomwaffenfreie Zone Europa - eine atomwaffenfreie Welt und Verwendung der Rüstungsmilliarden für eine bewohnbare Erde.

Dazu ist noch viel zu tun. Jetzt sagt noch der Helmut Kohl schadenfroh zum Helmut Schmidt: "Merken Sie nicht, Herr Bundeskanzler, dass die Mehrheit Ihrer Partei nicht mehr hinter Ihrer Politik steht?" Es muss soweit kommen, dass eines Tages Helmut Schmidt zu Helmut Kohl sagt: "Merken Sie nicht, Herr Kohl, dass auch die Mehrheit Ihrer Partei nicht mehr hinter Ihrer Politik steht?" Was an der SPD-Basis geschehen ist, muss auch an der CDU /CSU-Basis geschehen und bei den vielen, die sich heute noch durch die Propaganda mehr Angst machen lassen vor den Russen als vor dem wahrscheinlich gewordenen Atomkrieg und vor der im Gang befindlichen Verwüstung der Erde.

Das muss auch bei den Bundeswehrsoldaten geschehen. Die überlassen doch auch nicht alle das Denken den Pferden. Es gibt ja das Beispiel von Soldaten, die ihren Verstand nicht auf der Kammer abgegeben haben, etwa das Beispiel Gert Bastian.

Darum muss jeder einzelne jeden einzelnen in seiner Umgebung zum Denken bringen, damit wir aus einem Volk mit der falschen Angst zu einem Volk mit der richtigen Angst, zu einem denkenden Volk werden. Dazu machen wir Friedensveranstaltungen überall, an jedem Ort, die Friedenswochen im November und die große Demonstration in Bonn am 10. Oktober, zu der Ihr alle kommen müsst und noch viele mehr dazu.

Nötig jetzt für jeden einzelnen: Macht kaputt, was euch kaputt macht! Was macht uns zuerst kaputt? Was in uns selbst sitzt! Die Angst vor dem Krieg, die Angst vor der kaputten Natur, die Ohnmachtsgefühle, das Imponiergehabe der geistig unterbelichteten, gemeingefährlichen Monstren an den Schalthebeln der Macht, die Rückschläge, die Verzweiflung. Es gibt nur ein Mittel gegen das, was uns in uns kaputt macht: dass man etwas tut. Die Friedensbewegung ist eine große Gelegenheit für jeden, etwas zu tun, etwas, was auf alle Fälle sinnvoll ist, etwas, was auf alle Fälle nicht umsonst sein wird. Wer für den Frieden arbeitet, dem kommen zugute alle guten Kräfte im Kosmos, alle göttlichen Kräfte, dem gilt die Verheißung des Kirchentages: "Fürchte Dich nicht!" Denn diese Verheißung gilt denen, die etwas tun, nicht denen, die alle Viere von sich strecken. Deshalb gehen wir, gestärkt durch diesen Kirchentag, wieder an die Arbeit.

Quelle: Junge Kirche. Eine Zeitschrift europäischer Christen, Juli 1981, 42. Jahrgang, S. 340f.

Veröffentlicht am

20. Juni 2011

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