Lebenshaus Schwäbische Alb - Gemeinschaft für soziale Gerechtigkeit, Frieden und Ökologie e.V.

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Gewalt - Gewalt überwinden

Der Weg des Gottesknechtes - unser Weg?

Von Hildegard Goss-Mayr - Fastenpredigt im Dom zu Freiburg/Breisgau, Palmsonntag, 28. März 2010


Aus den Gottesknechtliedern des Jesaja

Jes. 42,1-9 (1. Lied)
Ich stelle vor euch hin meinen Knecht;
Er hat all mein Vertrauen - Er ist der Liebling meines Herzens.
In Treue bringt er voran das Recht und gibt nicht auf…
Ich habe dich dazu bestimmt…das Licht der Nationen zu sein.

Jes.50, 4-9 (3. Lied)
Jeden Morgen weckt mich der Herr,
damit ich ihn höre mit offenen Ohren,
damit ich ein Wort des Trostes geben kann.
Ich wehrte mich nicht und wich nicht zurück!
Ich bot meinen Rücken denen, die mich schlugen.
Der Herr ist meine Hilfe!

Jes. 53,1-12 (4. Lied)
Wer wird glauben können an die Botschaft, die wir bringen?
Der Knecht hatte weder Anmut noch Schönheit.
Er war verachtet, keiner wollte gern mit ihm zu tun haben.
Aber es waren unsere Schmerzen, die er trug,
und in seinen Wunden finden wir unsere Heilung!
Ja, er wurde aus der Welt der Lebenden gerissen
wegen der Verbrechen seines Volkes.

Weil er als Preis sein eigenes Leben gezahlt hat,
wird er volles Leben haben,
und so wie er erkannt wird als Gerechter, wird meine Knecht
die Gerechtigkeit bringen für viele,
denn er hat die Vergehen auf sich genommen,
die sie begangen haben.

(Übersetzung: Carlos Mesters)


Liebe Schwestern und Brüder in Christus!

Wir haben eben Texte aus den Gottesknechtliedern gehört. Diese wurden von dem Jesaias-Schüler in babylonischer Gefangenschaft um 550 vor Christus verfasst. Sie entstanden mit dem Ziel, dem leidenden Volk seine Mission der Befreiung, der Überwindung von Unterwerfung und Unrecht über einen konkreten Weg aufzuzeigen. Die Gestalt des Gottesknechtes verkörpert einen Propheten, aber auch das Volk Gottes - d.h. uns selbst - und für uns Christen ist Jesus dieser Gottesknecht.

Das Volk Israel in der Gefangenschaft erleidet eine Situation großer Gewalt:

Hunger, Elend, Unterdrückung, Sklaverei, Ausbeutung, Tod…

Unsere Situation der Gewalt

Auch wir leben in einer Situation der Gewalt. Wir finden uns konfrontiert mit einem menschenverachtenden, auf Profit und Macht ausgerichteten weltweiten Wirtschafts- und Finanzwesen, das eine Minderheit enorm bereichert, viele Millionen im Süden, aber auch eine wachsenden Zahl von Menschen bei uns im Norden in immer größere Armut stürzt.

Durch seine Konzepte der ständigen Profitvermehrung, des Wachstums und eines krassen Egoismus vergiftet dieses System die Beziehungen Menschen auf allen Ebenen. Der Mensch wird als Ware benutzt, verbraucht, weggeworfen. Es vergiftet die Beziehungen zwischen Nationen, entfacht Kriege um Besitz von Ressourcen wie Erdöl, Edelmetallen, Wasser, Agrarflächen und heizt die Rüstung an (in den letzten 5 Jahren stieg der Waffenhandel weltweit um 22%, Sipri); in diesen Kriegen werden Kindersoldaten dem Götzen Macht und Profit geopfert. Es vergiftet die menschlichen Beziehungen in Betrieben und Institutionen, selbst in Kirchen und Religionsgemeinschaften, die pyramidal, autoritär geleitet werden, durch Mobbing, Ausgrenzung und die Angst vor Arbeitslosigkeit und Armut, es vergiftet die Beziehungen innerhalb der Familien und Generationen. Die Korruption des Finanzsystems verstärkt Armut und Elend: unfassbar: alle 6 Sekunden stirbt ein Kind an den Folgen von Hunger und Krankheit. Diese Armut im Süden löst Migrationsströme nach Norden, nach Europa aus, die wiederum zu Ängsten, kulturellen und religiösen Konflikten und zu neuem Nationalismus bei uns führen. Zu seiner Existenz benötigt dieses System die Konsumgesellschaft, die unseren Kindern und Jugendlichen falsche Werte durch eine extreme Eventkultur vorgaukelt. Es ist eine Situation verbrämter, vergoldeter Gewalt, die schwer durchschaubar und äußerst komplex ist. Jedoch, wie alle Formen von Gewalt ist sie eine Kraft, die den Menschen erniedrigt, schädigt, ihm seine Würde und seine Rechte verweigert, seine Mitverantwortung unmöglich macht und letztlich psychisch und physisch zum Tode führt - und dies auf allen Ebenen.

Der Befreiungsweg der Gottesknechtlieder

Welche Befreiungsschritte aus dieser dramatischen Situation, in der wir uns so oft ohnmächtig fühlen, so fragen wir uns, weist uns der Prophet? Schauen wir einen Augenblick auf diesen Befreiungsweg:

Im 1. und 2. Lied

erinnert uns Gott, uns, die wir von Angst erfüllt sind und uns dieser Situation, d.h. dem Unrecht unterwerfen, die wir oft mutlos und feige sind, daran, dass Er uns achtet, dass Er uns vertraut, dass Er uns liebt: wir sind nicht unwiderruflich dem Unheil ausgeliefert, nicht ausgestoßen ohne Orientierung, ohne Wurzel. Nein, spricht der Herr, der Gottesknecht hat mein Vertrauen, er ist der Liebling meines Herzens: seine Liebeskraft umfängt uns, wohnt uns inne; ich habe auf ihm ruhen lassen meinen Geist: Gottes Geist der Ermutigung, des Engagements, der Hoffnung ist uns geschenkt, der uns von Angst befreit. Ja, Gott hat uns zuerst geliebt: deshalb können wir lieben, kämpfen, vergeben, versöhnen.

Doch dieses Geschenk Gottes an uns, an den Knecht, ist an eine Herausforderung gebunden:
An eine Mission: Ich habe dich dazu bestimmt, das Recht zu bringen den Nationen, den Blinden die Augen zu öffnen, die Gefangenen aus dem Kerker zu ziehen, Licht der Nationen zu sein. Es ist eine gewaltige Mission, eine enorme Verantwortung, ja, eine tiefgreifende Umkehr, die von uns gefordert ist. Nicht länger weg - sondern hin zu schauen, den Mund aufzumachen, mutig Zeugnis zu geben, wo Unrecht getan wird. Zivilcourage!! Die Mission kann jedoch nur angenommen werden aus der Gewissheit Seiner Gegenwart und Kraft in uns. "Gott selber machte sich zu meiner Kraft" (Jes. 49,4) Doch die Situation des Unrechts, der Gewalt kann sich nur ändern, kann nur überwunden werden, wenn sie mit dem Zeugnis der Wahrheit konfrontiert wird: wer passiv bleibt ist mit-schuldig, mitverantwortlich.

Das 3. Lied ist das Lied des Kampfes, der Auseinandersetzung

Der Knecht, das Gottesvolk, hat die Berufung zum Kampf gegen das Unrecht aufgenommen. Mit offenem Ohr lauscht er den Weisungen Gottes, um den Ungetrösteten ein Wort des Trostes zu geben, um den Schwachen zu sagen: "Seht, das Neue hat schon begonnen, seht ihr es nicht?" (Jes. 43,19) Sind wir Botschafter des Neuen, des Aufbruchs?

Doch der Widerstand erfordert die Bereitschaft, die Konsequenzen des Zeugnisses für Wahrheit und Gerechtigkeit auf sich zu nehmen. Ein Preis ist zu bezahlen. "Ich wich nicht zurück, ließ mich schmähen und anspucken, ich mache mein Gesicht hart wie ein Stein. Wer hat den Mut mich zu verdammen? Der Herr ist meine Hilfe!" Hier stoßen wir an eine Grenze, an die Versuchung, die latent, in uns allen liegt: Im Ringen um größere Gerechtigkeit zur Gegengewalt zu greifen; auf Böses mit Bösem zu antworten, das gute Ziel, oft im Namen Gottes, mit schlechten Mitteln erreichen zu wollen. Und so fallen wir zurück in die Spirale der Gewalt. Diese verstärkt Gewalt, vermag sie nicht zu überwinden. Dieser Versuchung müssen wir widerstehen, sie aus unserem Denken und Handeln ausrotten. Denn der Gottesknecht weist uns im

4. Lied

den einzigen Weg, der den Sieg über Unrecht und Gewalt aufzurichten vermag: Den Weg der sich für den Andern hinschenkenden Liebe, den Weg der Gewaltfreiheit, der Unrecht an seiner Wurzel in Gewissen und Herzen überwindet, der Opfer und Täter befreit, Vergebung und Versöhnung bewirkt, neue Beziehungen, neues Leben ermöglicht.

Wie das Gottesvolk in der Gefangenschaft zur Zeit des Jesaias des Jüngeren fällt es auch uns schwer an die befreiende Kraft der Gewaltfreiheit zu glauben, an die Kraft, die darin liegt, freiwillig die Konsequenzen des Widerstandes, Leid auf sich zu nehmen; Hass, Gewalt, Mobbing, Lüge, Verleumdung ausschließlich mit der Kraft der Wahrheit zu widerstehen, aus Achtung und Liebe, die auch den Andern, den Gegner einschließen. Dieser Weg führt über das Kreuz, manchmal über die Hingabe des Lebens. Doch am Ende steht nicht der Tod, sondern Befreiung, neues versöhntes Leben: "Weil er als Preis sein eigenes Leben gezahlt hat, wird mein Knecht Gerechtigkeit bringen für viele, denn er hat die Vergehen auf sich genommen, die sie begangen haben."

Wo finden wir Gottesknechte unter uns? - Sind wir selbst befreiendes Gottesvolk?

Ja, Gott ruft uns dazu auf, in unserer Zeit befreiendes Gottesvolk aus der Kraft der Gewaltfreiheit zu sein. Solche Gottesknechte leben unter uns: Alte, Junge, auf allen Ebenen. Denn die Kraft zum Friedenschaffen liegt in jedem/jeder von uns!

Begegnen wir einigen von ihnen:

In der Bürgerrechtsbewegung von Pastor M.L. King

war die erste große Aktion zur Überwindung der Rassentrennung ein Busboykott in Montgomery. Wegen der Rassentrennung in den Bussen (die Weißen durften die Sitze benützen, Schwarze mussten ihnen die Plätze überlassen) boykottierten die Schwarzen die Busse und gingen ein Jahre lang zu Fuß, solange, bis die Busgesellschaften Bankrott machten und ein Gesetz zur Aufhebung der Segregation beschlossen wurde. Ein Befreiungsweg tat sich auf:

Eine alte Frau geht mühsam zu Fuß. Junge Weiße verspotten sie: "Na, Alte, ist nicht gemütlich euer Boykott". Die Frau erwidert: "Ja, ich bin sehr müde. Aber, wisst ihr, ich gehe zu Fuß einmal aus Buße, weil ich mein ganzes Leben nicht wagte, der Diskriminierung zu widerstehen. Ich gehe auch zu Fuß aus Solidarität mit allen Schwarzen unserer Stadt, damit die ungerechten Gesetze beendet werden. Und schließlich nehme ich diese Mühe für euch auf mich, damit ihr eines Tages bereit werdet, unsere Würde, die eurer gleich ist, anzuerkennen. Die Jungen gingen still davon.

Ninoy Aquino, ein philippinischer Gottesknecht

Die Philippinen wurden im 16. Jahrhundert von Spanien erobert und christianisiert. Ende des 19. Jh. von den USA besetzt und im 2. Weltkrieg in schweren Kämpfen von Japan angegriffen. Sie erreichten erst 1945 die Unabhängigkeit. Im darauf folgenden Machtkampf politischer Parteien gewann 1965 Ferdinand Marcos als nationalistischer Kandidat die Wahlen, durch Bestechung gewann er auch 1969. 1972 dekretierte er unter dem Vorwand sozialer Unruhen den Ausnahmezustand, um weiter an der Macht bleiben zu können. In seiner Regierungszeit wurde das Regime wachsend autoritärer, begünstigte seine Klientel, während das Volk in immer größeres Elend stürzte. Als sich friedlicher wie auch bewaffneter Widerstand aufzubauen begann, wurden alle demokratischen Einrichtungen verboten; Unterdrückung, Folter, Verschleppung stürzten die Bevölkerung in Angst und Verzweiflung.

Der einzige politische Gegner, den Marcos fürchtete, war der junge Senator Benigno (Ninoy) Aquino, ein begabter Mensch, der das Leben liebte und dessen Grundprinzip lautete: Die Wahrheit sagen und für sie eintreten. 1972 wurde er verhaftet und zum Tod verurteilt.

Acht Jahre verbrachte Ninoy in Einzelhaft. Es war die Zeit seiner Umkehr zu einem radikalen Verständnis von Politik im Sinne des Evangeliums: politische Verantwortung als Dienst an der Gemeinschaft, Demokratie, soziale Gerechtigkeit. Er erkrankte schwer und wurde zur Behandlung in die USA gebracht. Doch er konnte und wollte nicht im Exil bleiben. Seinem Versprechen treu, dem Volk auf friedlichem Weg zu menschenwürdigen Bedingungen zu verhelfen, beschloss er zurückzukehren und, wenn nötig, sein Leben für das Volk hinzugeben. "Wenn sie mich töten", sagte er vor der Rückreise nach Manila, "wird eine Million Menschen an meinem Grabe stehen und den Kampf für Gerechtigkeit aufnehmen."

Am 21. August 1983 landete Ninoy in Manila. Auf der Ausstiegsrampe wurde er erschossen, gleich darauf auch der Mörder. Die Hintergründe wurden nie aufgeklärt. Sein Tod war ein Signal: Die Tatsache, dass dieser Gerechte bereit war, bewusst sein Leben für die Befreiung des Volkes bis zum letzten einzusetzen, löste im ganzen Land eine Welle gewaltfreien Widerstandes aus. Über eine Million Menschen kamen zu seinem Begräbnis. Ninoys Zeugnis der Hingabe hatte die Kraft, die Angst der Menschen zu überwinden: der gewaltfreie Widerstand war aufgebrochen.

"People Power", die friedliche Revolution, wurde nun Schritt für Schritt aufgebaut durch Schulungskurse in Gewaltfreiheit, die Erarbeitung einer Strategie, um der Diktatur die Unterstützung zu entziehen, Solidarisierung wuchs auf allen Ebenen, ein Teil der Kirchenführer unterstützten den Befreiungsweg und verliehen ihm Bedeutung und Macht. Er wurde aus der Tiefe der Bergpredigt und aus dem Glauben der einfachen Menschen getragen. Schließlich erreichte die Solidarisierung die führenden Militärs. Sie setzten sich von Marcos ab, verschanzten sich auf einem Militärstützpunkt und wurden in der "Rosenkranzrevolution" von mehreren Millionen Menschen vor den heranrollenden Panzern des Diktators geschützt. Mit offenen Händen, Rosenkränzen, Kreuzen und Heiligenstatuen, mit Gesängen und Gebeten widersetzten sich die Menschen den Panzern, bemühten sich, die Soldaten zu solidarisieren. Marcos’ tödliche Macht war zusammengebrochen. Er wurde von den USA ausgeflogen. Cory Aquino, die vom Volk gewählte Witwe Ninoys, konnte die Regierung übernehmen.

Gottesknechte bei uns:

Jugendliche erlernen Gewalt zu überwinden - Das Projekt: Mobbing - nein danke

St. Georgen am Walde ist ein kleiner Ort in Oberösterreich. Eine Klasse 14-Jähriger arbeitet während drei Monaten mit ihrer Religionslehrerin an dem Projekt: Mobbing. Alle haben damit, persönlich oder in ihrem Umfeld gewisse Erfahrungen gemacht und stehen ratlos davor. In gemeinsamer Arbeit beschreiben sie Mobbing so: andere Menschen regelmäßig zu schikanieren, zu quälen und seelisch zu verletzen.

Als Ursachen erkennen sie: u.a. Eifersucht, Besitzen-wollen, Verachtung von Anders-sein. Aus Berichten von Opfern erkennen sie die schockierenden Auswirkungen: Schlaflosigkeit, Angst, Einsamkeit, Panik bis zu Verzweiflung und Todessehnsucht.

In Rollenspielen versetzen sie sich in die Haltung von Tätern und Opfern, um die Zusammenhänge zu erkennen: Täter und Mitläufer einerseits, Opfer und passive Mitwisser andererseits.

Sie erkennen Schritt für Schritt, dass Mobbing nur beendet werden kann, wenn das Schweigen gebrochen wird: es geht also um Mut, das Schweigen zu brechen, um Solidarisierung mit Menschen, denen man vertrauen kann, nicht weg- sondern hinschauen, hinhören, sprechen, Zivilcourage auch wenn man selbst schlecht angeschaut oder verspottet wird. Sie erlernen den Dialog mit Opfern und Tätern. Schließlich stellen sie das Projekt auf einem riesigen Graffiti vor dem Schulgebäude vor. Auf diesem ist zu lesen:

  • sich dem Unrecht entgegenstellen, es ansprechen,
  • Verbündete, Menschen des Vertrauens suchen
  • Hilfseinrichtungen ausfindig machen
  • Die Thematik öffentlich machen

Und als Verpflichtung:

"Wir wollen an unserer Schule kein Mobbing.
Wir möchten nicht das Unrecht stützen, sondern einander unterstützen, damit sich an unserer Schule jede Schülerin und jeder Schüler wie jede Lehrerin und jeder Lehrer wohl fühlen können."

Diese jungen Menschen bauen, wie viele andere auf allen Ebenen des Lebens am Frieden: Das Neue ist schon da: seht ihr es nicht?

Veröffentlicht am

02. April 2010

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