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Mainstream-Kritik - bloß nicht unbesehen kritisch!

Von Albert Fuchs

Kein Zweifel, an der Mainstream-Berichterstattung und -Kommentierung zur Syrienkrise gibt es, wie bei Libyen und den anderen Großkonflikten seit der Epochenwende, manches auszusetzen. Um das zu "sehen", muss man nicht einmal mit einer friedensjournalistischen SchutzbrilleVgl. Galtung, J. (1998): Friedensjournalismus: Was, warum, wer, wie, wann, wo? In W. Kempf, Wilhelm & I. Schmidt-Regener (Hrsg.): Krieg, Nationalismus, Rassismus und die Medien (S. 3-20). Lit, Münster; Kempf, W. (2004): Friedensjournalismus. In G. Sommer & A. Fuchs (Hrsg.): Krieg und Frieden. Handbuch der Konflikt- und Friedenspsychologie (S. 439-451). Beltz, Weinheim. gegen das alltägliche Infogeflirre der Leitmedien ausgerüstet sein. Selektivität, Schwarz-Weiß-Malerei und Einseitigkeit in den Hauptnachrichtensendungen nicht zuletzt der öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten und in den Spalten überregionaler Tageszeitungen sind geradezu mit Händen zu greifen. Jede differenzierende oder auf Hintergründe abstellende oder die Perspektive der Gegenseite einnehmende "andere Stimme" kann da als rettendes Eiland in der Flut der Gräuelmeldungen und Beschuldigungen erscheinen, die bloße Tatsache der Abweichung vom Mainstream als Siegel der Glaubwürdigkeit. Aber das ist nicht ohne Risiko. Und wer aus der "Schlacht der Lügen" am Golf 1990/91MacArthur, J. R. (1993): Die Schlacht der Lügen. Wie die USA den Golfkrieg verkauften. dtv, München. und aus den folgenden Infokriegen die Lehre gezogen hat, dem Mainstream grundsätzlich zu misstrauen, ist vielleicht diesem Risiko in besonderer Weise ausgesetzt. Ein eigener "Reinfall" auf Gegen-"Information" zur Entwicklung der Syrienkrise mag lehrreich sein.

Anfang März wurde ich auf den erklärtermaßen mainstream-kritisch gemeinten Beitrag "Die Mehrheit der Syrer steht offenbar hinter Assad" von Martin Sturzenegger im Zürcher Tages-Anzeiger vom 29.02.2012 aufmerksam gemacht.Mitteilung per E-Mail an "Friedensinteressierte" von Clemens Ronnefeldt (05.03.2012); verfügbar unter: http://www.tagesanzeiger.ch/ausland/naher-osten-und-afrika/Die-Mehrheit-der-Syrer-steht-offenbar-hinter-Assad/story/17458606 ; Zugriff: 19.03.2012. Die Artikelüberschrift bezieht sich auf eine im Dezember 2011 vom dem Meinungsforschungsinstitut YouGov im Auftrag der Qatar Foundation in der "Arab World" durchgeführte Meinungsumfrage, die, abgesetzt von einem Interview mit dem Mainzer Orient-Experten Prof. Günter Meyer, das den übrigen Beitragstext ausmacht, wie folgt referiert und kommentiert wurde: "Gemäß der Qatar Foundation stehen zurzeit 55 Prozent der syrischen Bevölkerung hinter Assad. Hinter der Stiftung steht der Emir von Katar, einer der größten Bekämpfer des syrischen Machthabers. Die Zahlen dürften also verlässlich sein." Herr Meyer berief sich in dem Interview offensichtlich auf die gleiche Befragung mit der Behauptung: "Laut einer repräsentativen Untersuchung, die ausgerechnet im Auftrag von Katar, einem der größten Gegner des Assad-Regimes, durchgeführt wurde, steht die Mehrheit der syrischen Bevölkerung hinter Bashar al-Assad."

Nach allzu "gutgläubiger" Weiterempfehlung dieses Beitrags wurde ich dankenswerterweise von Freunden darauf hingewiesen, dass die fraglichen Interpretationen aufgrund der Anlage der Studie wie in Anbetracht differenzierterer Ergebnisse hoch problematisch sind.Durch eigene Vorbehalte und den Hinweis auf die Originalquelle gab bereits C. Ronnefeldt Anregung und Gelegenheit, diesen TA-Beitrag kritisch zu hinterfragen; im E-Mail-Kontakt mit Christine Schweitzer (09.03.2012) und vor allem Björn Kunter (12.03.2012) schälte sich der Hauptansatz für den vorliegende Hinterfragung heraus: die Anlage der Studie und differenziertere Ergebnisse. Sieht man sich den Untersuchungsbericht genauer an,Verfügbar unter: http://clients.squareeye.net/uploads/doha/polling/YouGovSirajDoha%20Debates-%20President%20Assad%20report.pdf ; Zugriff: 19.03.2012. ist in der Tat festzustellen:

  1. Die Befunde basieren auf einer Online-Befragung unter 220.000+ BesucherInnen des regionalen Internet-Portals von YouGov, von denen 1.012 - also 0,46% des gesamten Pools - Mitte Dezember 2011 an der fünf bis sieben Minuten in Anspruch nehmenden Beantwortung der Fragen teilnahmen (S. 3 des Berichts).
  2. Das effektive Panel entstammte (wie das potenzielle) der (gesamten) "Arabischen Welt"; lediglich 211 InformantInnen kamen aus der Levante, davon 46% (also 97 Personen) aus Syrien, 20% (42) aus Jordanien, 16% (34) aus Palästina, 12% (25) aus dem Libanon und 5% (11) aus dem Irak (S. 6).Hierbei ist die Abweichung der Summe der Prozentangaben von 100 bzw. der Summe der rückgerechneten absoluten Werte von 211 Rundungsfehlern geschuldet.
  3. Auf die kritische Frage, ob Präsident Assad zurücktreten solle ("In your opinion, should Syria’s President Assad resign?"), antworteten 45% der SyrerInnen (gegenüber 64% aller LevantinerInnen) mit Ja und 55% (36%) mit Nein (S. 11) - d.h. 44 SyrerInnen (135 LevantinerInnen) lehnten Assads Verbleib im Amt ab, 53 (76) befürworteten ihn.
  4. Auf die ebenfalls relevante Frage nach dem besten Szenario für Syrien ("From your perspective, which one of the following scenarios would be the best for Syria’s future?") qualifizierten 51% derjenigen SyrerInnen, die an Assad festhalten wollten (also 27 Personen), ihre Zustimmung dahingehend, dass es am besten für Syrien sei, wenn in naher Zukunft garantiert freie demokratische Wahlen durchgeführt würden (statt Assad bloß an der Macht zu behalten) (S. 12).
  5. Auf die Frage schließlich, warum hauptsächlich man ggf. Assads Verbleib im Amt befürwortet ("What are the main reasons why you believe President Assad should NOT resign and should remain in power? - Please select the top 3 reasons for your opinion."), gaben 52% der betreffenden LevantinerInnen (40 Personen) an, man wolle keine Verhältnisse wie im Irak, 36% (27) meinten, Assad sei der beste Präsident für Syrien (S. 15).Da die InformantInnen bei dieser Frage drei Hauptgründe angeben konnten, summieren sich die Prozentangaben a.a.O. nicht auf 100; spezifische Angaben zu dieser Frage über die Assad-Treuen in der syrischen Teilstichprobe werden nicht berichtet.

Soweit die unmittelbar relevanten statistischen Ergebnisse. Für eine sachgerechte Interpretation ist zu berücksichtigen:

  1. Die zweifache Selbstselektion - als BesucherIn des fraglichen Portals und als tatsächliche InformantIn - schließt Repräsentativität der Stichprobe und damit die Validität der Ergebnisse (für die gesamte Region) von vornherein aus; die Ergebnisse beschreiben nur das vorliegende Panel.
  2. Das gilt insbesondere für die (natürlich ebenfalls zweifach selbstausgewählte) Ministichprobe der teilnehmenden SyrerInnen; außerordentlich "gewagt" ist, von den teilnehmenden 97 SyrerInnen in der einen oder anderen Richtung auf "die Mehrheit der Syrer" zu schließen.
  3. Selbst für diese Ministichprobe gilt, dass die "Mehrheit" (von den 53 Assad-treuen InformantInnen) sich nicht "unbedingt" zu Assad bekannte: 27 wünschten "in naher Zukunft" garantiert freie demokratische Wahlen.
  4. Wenn auch keine Angaben gemacht werden, warum insbesondere syrische InformantInnen an Assad festhalten wollten, wird man davon ausgehen können, dass wie bei den LevantinerInnen insgesamt primär die Furcht vor irakischen Verhältnissen ausschlaggebend war, nicht die Überzeugung von Assads qualitätvoller Amtsführung.
  5. Die YouGov-Erhebung lag z.Z. des zur Diskussion stehenden TA-Beitrags rd. zweieinhalb Monate zurück. Selbst wenn sie seinerzeit das geleistet hätte, was Sturzenegger & Meyer ihr zuschreiben - nämlich ein "verlässliches" Bild der Meinungslage in Syrien zu liefern -, dürfte sich diese Meinungslage mit den inzwischen wesentlich veränderten Verhältnissen einschneidend verändert haben - wie aber und in welcher Richtung, darüber lässt sich wohl nur "wild" spekulieren.

Im Ergebnis bleibt "ent-täuscht" festzuhalten: Der mainstream-kritische Beitrag von Sturzenegger & Meyer hat, soweit er sich auf die YouGov-Erhebung vom Dezember 2011 stützt, effektiv Bluff-Charakter; wer also dem humanitär drapierten und mainstream-getriebenen (westlichen) Interventionismus seit der Epochenwende von 1989/90 auch im Falle Syriens nicht zuletzt aus völkerrechtlichen und politisch-moralischen Gründen kritisch gegenüber steht, kann nur hoffen, dass die sonstigen Tatsachenbehauptungen Meyers unter Berufung auf andere, persönliche Informationsquellen besser fundiert sind.

Wie aber mit einem solchen Befund umgehen? Wozu überhaupt ihn so akribisch wie hier erarbeiten und breittreten? Ist das nicht in der eigenen Handlungslogik kontraproduktiv? Läuft es nicht darauf hinaus, mainstreamige Selektivität, Schwarz-Weiß-Malerei und Einseitigkeit zu bestätigen und damit den Menschenrechtsbellizismus zu bestärken? Und muss es nicht auch das Bemühen beeinträchtigen, gegebenenfalls über tatsächliche Übergriffe auf Seiten der Opposition aufzuklären - sofern das aus mainstream-konformer Sicht (selbst-)widersprüchlich erscheinen mag und im (eigenen) mainstream-kritischen Milieu als mainstreamig voreingenommen? Sollte man also nicht besser eigene bzw. eigenseitige informationelle Fehlleistungen dahingestellt sein lassen, statt sie "nestbeschmutzerisch" breitzutreten?

Ich denke: Nein - und zwar im Wesentlichen, weil es in dem durch das Paradebeispiel exemplifizierten Bereich der persuasiven (politischen) Kommunikation darum geht, die Wahrheit wirksam zu sagen, also aus einem prinzipiellen Grund ("die Wahrheit sagen") wie aus einem pragmatischen ("wirksam reden"). Was zunächst den Wirksamkeitsaspekt betrifft, ist demnach vor einer vorbehaltlosen Berufung auf nicht konsolidierte Gegen-"Information" und im Besonderen auf, wie vermutlich im gegebenen Fall, nur oberflächlich verarbeitete oder nur halbverstandene, aber scheinbar zu der eigenen Wirkungsabsicht "passende" statistische Befunde eindringlich zu warnen: Das kann höchst kontraproduktiv sein - zu Wasser auf die Mühlen des kritisierten Mainstream geraten, wenn sich nämlich herausstellt bzw. nachgewiesen wird, dass die fragliche "Information" nicht zutrifft, das Wahrheitskriterium also nicht erfüllt ist. Diese Kontraproduktivität dürfte die zuvor angesprochenen Wirksamkeitsbeeinträchtigungen durch augenscheinliche "Nestbeschmutzung" insbesondere dann bei weitem übertreffen, wenn die Kontrahenten eine eventuelle Widerlegung der fraglichen Darstellung dazu verwenden (können), das dritte wichtige Gütesiegel sprachlicher Äußerungen abzusprechen: Wahrhaftigkeit oder Aufrichtigkeit (und damit Glaubwürdigkeit).

Offensichtlich stehen die zitierten Bewertungskriterien in einem u.U. spannungsreichen Zusammenhang, der nur schwer zu durchschauen und näher zu bestimmen ist.Vgl. Dieckmann, W. (1981): Politische Sprache. Maßstäbe ihrer Bewertung. In ders.: Politische Sprache - Politische Kommunikation.. Vorträge, Aufsätze, Entwürfe (S. 131-158). Winter, Heidelberg. Klar scheint aber zu sein, dass der Wahrheitsgehalt einer politischen Äußerung, die wesentlich als Darstellung eines Ausschnitts sprachjenseitiger Wirklichkeit daherkommt, grundlegend ist auch im Hinblick auf die anderen Bewertungskriterien - und zwar der Wahrheitsgehalt im "objektiven" Sinn des Zutreffens oder Nicht-Zutreffens, der adäquaten oder inadäquaten "Abbildung" des jeweiligen Wirklichkeitsausschnitts. Bei Äußerungen allerdings, die komplexere oder wertgeladene umstrittene politisch-gesellschaftliche Gegebenheiten zum Gegenstand haben, deren "Wahrnehmung" mithin in starkem Maße perspektivenabhängig ist, dürfte der Wahrheitsgehalt im subjektiven Sinn des ehrlichen Glaubens, die Wahrheit zu sagen, also im Sinn von Wahrhaftigkeit oder Aufrichtigkeit, umso mehr an die Stelle des Kriteriums "objektiver" Wahrheit treten, je komplexer oder umstrittener die betreffende Sachverhalt ist.

Im Lichte des besonderen Rangs des Wahrheitsgehalts (zumindest im subjektiven Sinn) erscheint es mir nicht nur vertretbar, sondern angezeigt, die oben angesprochenen pragmatischen Bedenken gegen die Offenlegung eigener bzw. eigenseitiger informationeller Fehlleistungen zu vernachlässigen. Ich denke im Übrigen, vielleicht nicht in jedem Einzelfall oder kurzfristig, wohl aber mit zunehmender Wiederholung einschlägiger Fälle bzw. auf mittlere bis längere Sicht wird sich die eindeutige Priorisierung des Wahrheitsaspekts auch unter Wirksamkeitsgesichtspunkten "auszahlen", vor allem in der "Münze" zugeschriebener Glaubwürdigkeit. Aber nicht das ist entscheidend, sondern der inhärente Rang dieses Aspekts bei vorwiegend konstatierenden sprachlichen Äußerungen. Zum gleichen Ergebnis führt im Übrigen m.E. ein Kohärenztest im Wege eines Perspektivenwechsels: Was würde ein Mainstream-Kritiker von einem Mainstreamer erwarten, der eine kaum zu bezweifelnde informationelle Fehlleistung geliefert hat? Ich denke: Dass der Mainstreamer, wenn er seine Fehlleistung erkennt, dazu steht und sie korrigiert. Unter ethischen Gesichtspunkten ist es aber nur billig, an sich selbst oder politisch Gleichgesinnte den gleichen Maßstab anzulegen wie an Kontrahenten.99 In Anlehnung an W. Dieckmann, W. (1981): s. Anm. 5, S. 146.

Albert Fuchs hat diesen Beitrag für W&F verfasst und dankenswerter Weise uns ebenfalls zur Veröffentlichung überlassen. In W&F Aktuell (Online-Teil von W&F) wurde der Text eingestellt unter Mainstream-Kritik - bloß nicht unbesehen kritisch!

Fußnoten

Veröffentlicht am

22. April 2012

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