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Friedenserklärung der Stadt Hiroshima

6. August 2011

Von Kazumi Matsui

Vor 66 Jahren führten die Menschen von Hiroshima, trotz des Krieges, ein relativ normales Leben. Bis zu diesem verhängnisvollen Moment genossen viele Familien zusammen das Leben, genau hier, wo jetzt der Friedensgedenkpark ist, und was damals einer der wohlhabendsten Bezirke der Stadt war. Ein Mann, der damals 13 war, erzählt folgendes: "Der fünfte August war ein Sonntag, und für mich, einen Schüler in der zweiten Klasse der Oberschule, war es der erste freie Tag seit langem. Ich bat einen guten Freund aus der Schule etwas mit mir zu unternehmen, und wir gingen runter zum Fluss. Wir vergaßen komplett die Zeit und blieben bis zur Abenddämmerung, schwammen und spielten im sandigen Flussbett. An diesem heißen Hochsommertag habe ich ihn zum allerletzten Mal gesehen."

Am nächsten Morgen, dem sechsten August, um 8:15 Uhr, zerriss eine einzige Atombombe diese normalen Leben bis hin zu ihren Wurzeln. Diese Beschreibung stammt von einer Frau, die zu der Zeit 16 war: "Mein 40-Kilo-Körper wurde von der Explosion sieben Meter weit weggeschleudert und ich wurde bewusstlos. Als ich das Bewusstsein wieder erlangte, war alles stockdunkel und vollkommen ruhig. Ich dachte, ich sei die einzige, die in dieser geräuschlosen Welt noch da war. Ich war nackt, bis auf ein paar Fetzen um meine Hüfte. Die Haut an meinem linken Arm war in fünf Zentimeter großen Streifen abgeschält worden, die sich alle zusammengerollt hatten. Mein rechter Arm war irgendwie weißlich. Als ich mein Gesicht mit meinen Händen berührte, stellte ich fest, dass meine rechte Wange ziemlich rau war, wohingegen meine linke Wange ganz schleimig war."

Ihre Gemeinde und Leben durch eine Atombombe verwüstet, waren die Überlebenden geschockt und verletzt, und trotzdem taten sie ihr Bestes, sich gegenseitig zu helfen: "Plötzlich hörte ich viele Stimmen, die weinten und schrien, ‚Hilfe!’, ‚Mami, hilf mir!’ Ich drehte mich zu einer Stimme in der Nähe um und sagte: ‚Ich helfe dir.’ Ich versuchte, mich in diese Richtung zu bewegen, aber mein Körper war so schwer. Ich schaffte es, mich weit genug zu bewegen um ein Kind zu retten, aber ohne Haut an meinen Händen war ich nicht in der Lage mehr helfen zu können. … ‚Es tut mir so leid.’ …"

Solche Szenen spielten sich nicht nur in diesem Park, sondern überall in Hiroshima ab. Helfen zu wollen, aber nicht dazu in der Lage zu sein - viele leben auch immer noch mit der Schuld, der/die einzige Überlebende der Familie zu sein. Auf der Lebenshaus-Website finden sich zahlreiche weitere Zeugnisse von Überlebenden aus Hiroshima und Nagasaki. Siehe insbesondere:  Was den Menschen von Hiroshima und Nagasaki Grauenhaftes widerfahren ist .

Aufgrund ihrer eigenen Erfahrungen und mit den Stimmen und Gefühlen derer in ihren Herzen, die der Bombe geopfert wurden, forderten die Hibakusha eine Welt ohne Atomwaffen, da sie Tag für Tag ums Überleben kämpfen. Mit der Zeit, zusammen mit anderen Einwohnern Hiroshimas, und mit der großzügigen Unterstützung aus Japan und aller Welt, haben sie es geschafft, ihre Stadt wieder zum Leben zu erwecken.

Ihr Durchschnittsalter liegt heute bei über 77. Indem sie das wachrufen, was von der Stärke übrig bleibt, die ihre Stadt wieder belebt hat, verfolgen sie weiter das Ziel eines dauerhaften Friedens in einer Welt ohne Atomwaffen. Können wir es dabei belassen? Auf keinen Fall. Für den Rest von uns ist die Zeit gekommen, von all den Hibakusha zu lernen, von ihren Erfahrungen und ihrem Wunsch nach Frieden. Dann müssen wir das, was wir lernen, an künftige Generationen und den Rest der Welt weitergeben.

Mit dieser Friedenserklärung möchte ich die Erfahrung der Hibakusha und ihren Wunsch nach Frieden an jede einzelne Person auf diesem Planeten weitergeben. Hiroshima wird gemeinsam mit Nagasaki alles, was wir haben, in die Bemühen um eine Ausweitung der Mayors for Peace Siehe hierzu Bürgermeister für den Frieden in Deutschland und Österreich und Mayors for Peace . stecken, sodass alle Städte, diese Orte überall auf der Welt, an denen sich Menschen versammeln, gemeinsam nach der Abschaffung aller Atomwaffen bis zum Jahr 2020 streben werden. Außerdem wollen wir, dass alle Länder - vor allem die Atomwaffenstaaten, einschließlich der Vereinigten Staaten von Amerika, die weiterhin ihre subkritischen Atomtests und ähnliche Experimente durchführen - enthusiastisch einen Prozess vorantreiben, der Atomwaffen abschaffen wird. Zu diesem Zweck planen wir, eine internationale Konferenz zu veranstalten, die die Politiker der Welt nach Hiroshima bringen wird, um über das Nichtverbreitungsregelwerk zu diskutieren.

Das große Erdbeben in Ostjapan am 11. März dieses Jahres war so zerstörerisch, dass es die Bilder von Hiroshima von vor 66 Jahren wieder hervorrief und noch immer unsere Herzen schmerzt. Hier in Hiroshima beten wir ergebenst für die Seelen all derer, die ums Leben gekommen sind, und unterstützen kräftig die Überlebenden, und wünschen ihnen eine schnellst mögliche Erholung.

Der Unfall im Fukushima Daiichi Atomkraftwerk des Tokioer Energieversorgungs-Unternehmens und die anhaltende Bedrohung durch radioaktive Strahlung haben ungeheure Angst unter denen in den betroffenen Gebieten und vielen anderen hervorgerufen. Das Vertrauen, das die Japaner einst in die Atomenergie hatten, wurde erschüttert. Aufgrund der verbreiteten Warnung, dass "Atomenergie und die Menschheit nicht zusammenleben können", streben einige nach der kompletten Abschaffung der Atomenergie. Andere fordern eine extrem strenge Kontrolle der Atomenergie und die vermehrte Verwendung erneuerbarer Energien.

Die japanische Regierung sollte diese Realität demütig akzeptieren, schnell unsere Energiepolitik überdenken, und konkrete Gegenmaßnahmen implementieren um das Verständnis und das Vertrauen der Menschen zurück zu gewinnen. Zusätzlich fordern wir, mit dem Altern unserer Hibakusha, die japanische Regierung dazu auf, sofort die "Schwarzer Regen-Gebiete" auszuweiten und verständlichere und sozialere Hilfsmaßnahmen anzubieten, und zwar allen Hibakusha, unabhängig von ihrem Aufenthaltsort.

In Ausdruck unseres herzlichen Beileids für alle Seelen der Atombombenopfer, in erneuter Beteuerung unserer Überzeugung, dass "die atomare Bombardierung sich nie wieder wiederholen darf" und "niemand sonst jemals so zu leiden haben sollte", versprechen wir hiermit, alles in unserer Kraft stehende zu tun, um Atomwaffen abzuschaffen und einen dauerhaften Weltfrieden zu schaffen.

Kazumi Matsui ist Bürgermeister der Stadt Hiroshima.

Originalartikel: Peace Declaration. 6. August 2011 . Übersetzung: Anna Fuchs.

Fußnoten

Veröffentlicht am

10. August 2011

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