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Dinge, die man sagen kann - Dinge, die man nicht sagen kann

Faschismus an der Spitze

Von Ran HaCohen, 13. Juli 2011, antiwar.com

Das Anti-Boykottgesetz wurde Montagabend verabschiedet. Viel ist gesagt worden, was die amerikanische Regierung - die immer blind für die Realitäten des Nahen Ostens ist - als "interne Angelegenheit" bezeichnet. Lassen Sie mich gerade hinzufügen: meine Leser mögen sich daran erinnern, dass es von jetzt an Dinge gibt, die mir nicht zu sagen erlaubt sind. Zum Beispiel drückte ich mehrfach in der Vergangenheit meine Unterstützung für den Boykott der Siedlungsprodukte aus. Ich darf es nicht mehr. Ich sage nicht, dass ich vorher immer sagen konnte, was ich wollte. Für kritische Schreiber, die in Israel leben, war Selbstzensur unvermeidlich. Aber jetzt hat man eine offizielle Bestätigung vom israelischen Parlament bekommen: Israelis dürfen nicht mehr offen ihre Meinung aussprechen. Die "einzige Demokratie im Nahen Osten" schließt sich offen den "Demokratien" rund herum an - wenn auch einige dieser "Demokratien" versuchen, Demokratien zu werden. Wir bleiben zurück. Oder besser: wir bewegen uns rückwärts. Sehr schnell.

Das Gesetz könnte vom Obersten Gerichtshof Israels abgelehnt werden, aber dies wird die faschistische Koalition nur anspornen, das Gericht in Schranken zu halten, wie es das schon seit Jahren tat. Unterdessen entfernte Gush Shalom, das vor Jahren den Boykott der Siedlungswaren initiierte, die Liste mit den Produkten von seiner Website. "Wir können es uns nicht leisten, weiterhin die Liste zu veröffentlichen", sagen sie. Die viel vorherrschendere Peace Now-Bewegung andrerseits, die niemals vorher den Boykott unterstützt hat (zu "kontrovers") erkennt jetzt die Ausschreitung der Linken und versucht, daraus Kapital zu schlagen.

Wovor fürchtet sich Gush Shalom? Ein enthüllender Aspekt des neuen Gesetzes ist die Art und Weise, wie es verhängt wird. Der Staat Israel wird nicht irgend jemanden anklagen, der zum Boykott aufruft - das würde im Ausland keinen guten Eindruck machen. Stattdessen kann jeder, der sich wegen des Boykottaufrufes betroffen fühlt, jeden, der dazu aufgerufen hat, gerichtlich belangen, und vor Gericht braucht der Kläger den ihm verursachten Schaden nicht beweisen - so ist das Gesetz.

In andern Worten: jeder israelische Erzeuger aus den besetzten Gebieten kann jeden wegen Boykott verklagen. Falls ich zum Boykott aller Siedlungsprodukte aufrufe - ich sage nicht, dass ich es tue, ich sage, "falls" - kann mich jede israelische Firma, die in den besetzten Gebieten ist, gerichtlich belangen - und es gib dort Hunderte solcher Firmen. Sie operieren also nicht nur auf gestohlenem palästinensischen Land, sie profitieren nicht nur an großzügigen Begünstigungen - dank meiner Steuergelder - weswegen sie vor allem in diese Gebiete zogen, nun können sie mich verklagen und auch mein Geld nehmen, weil ich zum Boykott aufgerufen habe (falls ich es tue). Was mit einer Enteignung der Palästinenser begann, wird nun zu einer Enteignung irgendeines Israeli, der es wagt, sich gegen diese Enteignung zu stellen. Was mit Versklavung der Palästinenser begann, kann mit der Versklavung ihrer Unterstützer innerhalb Israels enden.

Dies mag eine Innovation sein, aber dass die Siedler selbst dazu benützt werden, um die Besatzung zu fördern, ist eine alte typisch israelische Strategie. Der Staat delegiert einige seiner peinlicheren Funktionen an die Siedler. Es ist nicht immer der israelische Staat, der palästinensisches Land und Wasser stiehlt. Es sind nicht immer israelische Soldaten, die palästinensische Männer, Frauen und Kinder und Vieh schikanieren, die Steine auf sie werfen, ihre Felder anbrennen, ihre Bäume absägen, ihre Oliven rauben und das Öl verkaufen. Manchmal ist es der Staat mit seinen Soldaten, aber immer öfter sind es die Siedler, die sogenannten Zivilisten, die verdeckt (oder offen) vom Staat unterstützt werden. Die Siedler machen die schmutzige Arbeit, die der Staat lieber nicht tut. Der Staat gibt ihnen die Mittel - Geld, Waffen, die Gesetze, sich blind stellen, Straflosigkeit - während die Siedler die Arbeit tun. Es ist die typische Funktion einer Miliz in einem faschistischen Regime, so lange es die Palästinenser terrorisiert hat; nun erhält es eine rechtliche Lizenz, seine israelischen Opponenten zu terrorisieren. Man erinnere sich daran, wenn Shimon Peres über die "Extremisten auf beiden Seiten" spricht. Der israelische Extremist hat eine Regierung hinter sich.

Rassismus ganz unten

Die Rückkehr nach Israel aus dem Ausland ist immer ein entscheidender Augenblick. Ich frage mich immer, wie lange es dauert, bevor ich seufze und zu mir selbst sage: "Oh, ich bin in Israel." Als ich letztes Jahr den frühen Zug vom Flughafen nahm - um 5 Uhr, noch verwirrt vom Nachtflug und eine Sekunde zögernd, ob es der richtige Zug war, schrie mich ein junger Mann in Uniform an: "Mach schon, steig ein! Siehst du denn nicht, dass wir schon spät dran sind?!" Oh ja, ich bin in Israel. Ich hatte gerade zwei Wochen in Äthiopien verbracht und keiner ob jung oder alt, schwarz oder weiß, wagte mich anzuschreien.

Dieses Mal - vielleicht unbewusst traumatisiert von jener Rückkehr, vielleicht einfach wegen des rückständigen Zugdienstes vom Flughafen spät in der Nacht entschied ich mich, ein Taxi für die Heimfahrt zu nehmen. Ich setzte mich neben einen älteren Fahrer, der höflich genug war, mir beim Gepäck zu helfen. Er fuhr ab und erblickte einen Passanten, der vor dem Flughafen stand. Und plötzlich fing er zu fluchen an, Vulgärausdrücke aller Arten, zu scheußlich, um sie zu wiederholen, äußerst mannigfaltig, wenn man sein schlechtes Hebräisch bedenkt. Ich war schockiert. Ich wandte mich um: der unschuldige Passant war ein Muslim mit Bart und sauber in ein weißes Gewand gekleidet. Er stand nur gerade da und wartete vielleicht auf ein Taxi.

Der Fahrer bemerkte meinen Schock und begann sich sofort zu entschuldigen. Er legte seine Hand auf mein Knie und schwor, es sei nicht so gemeint gewesen. Er wollte nicht mich beleidigen oder mich verfluchen, nur gerade diesen schmutzigen, lausigen Scheißaraber, der dort stand. Es sollte ihnen gar nicht erlaubt sein, hier zu sein!

Ich dachte schon daran, auszusteigen, aber ich war zu müde. So fragte ich den Fahrer, ob er denn diesen Mann kenne, und was dieser Mann ihm getan hätte. Er sagte, er kenne diesen Araber nicht, aber alle Araber sind gleich - also zur Hölle mit ihnen.

Ich sagte ihm, ich käme gerade aus Antwerpen und kein Taxifahrer würde dort nur davon träumen, in der Art von lokalen Juden zu sprechen, die (da meistens orthodox) auch Bart tragen und verschieden gekleidet sind.

Er erklärte, Araber seien Lügner: an einem anderen Tag fuhr er einen Araber nach Kfar Saba, und als sie dort ankamen, bat ihn der Passagier, ihn weiter nach Qalqilyah zu fahren, nur wenige Minuten entfernt.

War der Fahrer nicht glücklich noch ein paar Cents mehr zu verdienen? Gar nicht. Er fährt nicht nach Qalqiliyah. Es liegt in der Westbank. Er weigerte sich. Wir fahren nicht in die (besetzten) Gebiete". Zu gefährlich. Ein paar Geschichten über verrufene palästinensische Autodiebe folgten.

Ich fragte den Fahrer, was er tun würde, wenn ich ihn darum bitten würde, mich nach Ariel oder Tapuach zu fahren in illegale jüdische Siedlungen in der Westbank.

"Sehr gerne, mein Freund", sagte der Fahrer, "ich wäre glücklich, Sie dort hinzufahren."

"Es stimmt also nicht, dass Sie nicht in die Gebiete fahren; Sie fahren zu den jüdischen Siedlungen in den Gebieten, aber Sie fahren nicht an arabische Orte, nicht wahr?"

"Wir fahren auch an arabische Orte", sagte er. Ich kann Sie nach Um-el-Fahm oder Nazareth (innerhalb Israels) fahren - aber nicht in die Gebiete. Und dieser schmutzige Palästinenser hätte mir gleich am Anfang sagen sollen, dass er nach Qalqiliah will."

"Aber wenn er Ihnen die Wahrheit gesagt hätte, hätten Sie sich geweigert, ihn dorthin zu bringen, nicht wahr?"

Der Fahrer gab zu, dass dies wahr wäre.

"Was hätten Sie an seiner Stelle getan? Was würden Sie tun, wenn Ihr Zuhause in Qalqilyah ist. Wohin keine Züge und Busse fahren?"

Der Fahrer gab schließlich zu, dass er keine Lösung für den Palästinenser hat, dessen einzige Sünde ist, dass er sein Zuhause in Qalqilyah hat.

Ich kam noch mal auf den anderen Araber, den Passanten, zurück: Was hat er dem Fahrer angetan? Der Fahrer kam auf das, was ich früher gesagt habe: "Man kann nicht verallgemeinern, jede Person ist anders." Und: "Verstehen Sie mich, bitte, nicht falsch, Herr; ich bin kein schlechter Mensch."

Dann erzählte er mir, dass er vor 21 Jahren aus Taschkent, Usbekistan ausgewandert sei; wo 90% der Bevölkerung Muslime sind, fügte ich hinzu. Er fliegt jedes Jahr zurück, um dort alte Freunde zu besuchen.

Ich denke nicht, dass der Taxifahrer ein schlechter Mensch ist. Er ist nur ein Symptom. Er hat aus Erfahrung gelernt, dass es im Israel von 2011 legitim ist, eine Person mit einem Packen schmutziger Wörter in die Hölle zu senden, nur weil er Araber ist. Oder besser: dass es legitim ist, mit seinem Passagier einen Packen voll schmutziger Wörter gegen einen unschuldigen Araber auszutauschen, vorausgesetzt der Passagier sieht jüdisch aus. Er wollte mit mir nicht unhöflich sein; im Gegenteil; es war seine Weise freundlich zu sein, indem er unsern gemeinsamen Nenner ansprach: Hass gegen Araber.

Historiker sprechen von Antisemitismus im Vornazi-Deutschland als einem allgemeinen System von Überzeugungen und Äußerungen, die man mit der (nicht-jüdischen) Person als normale, annehmbare, korrekte, ja sogar offenkundige Tatsache des Lebens teilte. Jeder hasst Juden, gerade wir jeder Kakerlaken hasst - was ist daran besonders? Der Taxifahrer reflektiert nur den israelischen Mainstream von heute. Mit solch einer Regierung und solch einer öffentlichen Atmosphäre ist der Taxifahrer die letzte Person, die ich anklagen möchte.

Originalartikel: Things You Can Say, Things You Cannot . Übersetzung: Ellen Rohlfs

Veröffentlicht am

16. Juli 2011

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