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Lektionen aus dem 1. Weltkrieg für die Friedensbewegung (I)

Interview über das neue Buch von Adam Hochschild

Von Amy Goodman, 10.05.2011 - Democracy Now!

Die Obama-Administration führt im Ausland weiterhin Militäroperationen durch. Wir nähern uns dem Krieg aus einer historischen Perspektive. Wie werden Kriege gemacht - und weitergeführt? Wie gelingt es Politikern, die Bevölkerung dazu zu bringen, einen Krieg geschlossen zu unterstützen? Warum kämpfen Menschen weiter, nachdem die nationale Euphorie verflogen und der Krieg unpopulär geworden ist? In seinem neuen Buch geht Adam Hochschild diesen und vielen weiteren Fragen nach - anhand eines der blutigsten Konflikte, die es je gab: dem 1. Weltkrieg. Sein neues Buch heißt: ‘To End All Wars: A Story of Loyality and Rebellion, 1914 - 1918’ (erschienen bei Mifflin Harcourt).

Unser Gast: Adam Hochschild - Autor zahlreicher Bücher (u.a. über den Kongo: ‘King Leopold’s Ghost’ [deutsch: ‘Schatten über dem Kongo’]). Er war Mitbegründer des Magazins ‘Mother Jones’ und wurde mit zahlreichen Preisen - einschließlich des Mark Lynton History Prize’ und des ‘Lannan Literary Award’ -, ausgezeichnet. Er ist Dozent an der ‘Berkeley Graduate School of Journalism’.

Amy Goodman: Wenige Wochen nach Osama bin Ladens Tod macht die Obama-Administration keine Anstalten, ihre Militäraktionen im Ausland zurückzufahren. Die Besatzung Afghanistans geht unvermindert weiter. In Pakistan und im Jemen haben die USA erneut Drohnenangriffe durchgeführt, denen mindestens 10 Menschen zum Opfer fielen. Der Überfall auf Osama bin Laden wird als Missachtung der Souveränität Pakistans kritisiert. Am Montag erklärte der Regierungssprecher des Weißen Hauses, Jay Carney, die USA würden sich für diese Razzia nicht entschuldigen.

(Einspielung:)

Natürlich nehmen wir die Statements und die Besorgnis der pakistanischen Regierung ernst. Andererseits entschuldigen wir uns nicht für das, was wir getan haben, was der Präsident getan hat. In seinem Wahlkampf hatte er gesagt: Wenn sich eine Möglichkeit bieten wird, Osama bin Laden der Gerechtigkeit zuzuführen, während er sich auf pakistanischem Boden befindet und dies die einzige Chance ist, wie wir es - unilateral - tun können, werde er diese Chance nutzen und es tun. Und er hat es getan. Seiner Ansicht nach besteht schlicht nicht der geringste Zweifel, dass er dazu berechtigt war und dass es notwendig war, dass er es tat. (Ende)

Amy Goodman: Nun, die Obama-Administration führt ihre Militäroperationen fort. Wir befassen uns mit dem Krieg, wie er gemacht - und weitergeführt wird - aus historischer Sicht. Wie gelingt es Politikern, eine Bevölkerung zu galvanisieren, damit sie den Krieg unterstützt? Warum kämpfen Menschen auch dann noch in unpopulären Konflikten, wenn der nationale Freudentaumel verflogen ist?

(…) Willkommen bei Democracy Now!

Adam Hochschild: Schön, hier zu sein.

Amy Goodman: Sie befassen sich mit Bewegungen - im Kongo oder mit der Bewegung gegen die Sklaverei. Auch in Ihrem neuen Buch geht es um Bewegungen. Ihr Buch handelt von der Kriegstreiberei und von dem, was sich ihr entgegenstellt. Das war meine Einleitung. Bitte erzählen Sie weiter über den 1. Weltkrieg. Wer war für diesen Krieg - wer dagegen?

Adam Hochschild: Nun, interessant an diesem Krieg ist, dass er rund 20 Millionen Menschen das Leben gekostet hat - Soldaten und Zivilisten. Dieser Krieg hat die Welt tatsächlich nachhaltig verändert, im negativen Sinne, in jeder nur denkbaren Hinsicht. Die Art, wie er endete, war Garant für den Aufstieg der Nazis und den Beginn eines noch verheerenderen Krieges (2. Weltkrieg). In allen Staaten, die Kriegspartei im 1. Weltkrieg waren, gab es Menschen, die glaubten, dieser Krieg sei ein Wahnsinn und die sich gegen ihn stellten. Leider konnten sie sich nicht durchsetzen. Dennoch wollte ich ihre Geschichte niederschreiben. Normalerweise schreiben wir über einen Krieg wie über einen Wettkampf zwischen Rivalen. Ich hingegen interessierte mich für eine andere Seite dieses Krieges: für den Konflikt zwischen Jenen, die in diesem Krieg einen edlen und notwendigen Kreuzzug sahen und Jenen, die ihn schlicht für eine verrückte Sache hielten.

Ich habe mich auf Großbritannien konzentriert, weil dort die Antikriegsbewegung am stärksten war. Mehr als 20.000 Männer im wehrpflichtigen Alter verweigerten dort den Militärdienst, als sie eingezogen wurden. Viele von ihnen waren auch nicht bereit, Ersatzdienst zu leisten, der Verweigerern aus Gewissensgründen angeboten wurde - beispielsweise Frontambulanzen zu fahren oder in der Rüstungsindustrie zu arbeiten. Es ging ihnen ums Prinzip. Mehr als 6.000 von ihnen kamen ins Gefängnis - aus politischen Gründen - und das ist einer westlichen Demokratie. Es war eine bemerkenswerte Bewegung von Menschen. Dass sie Briefe schrieben, war für mich, als Autor, natürlich ein Glücksfall. Sie schrieben Tagebücher und gaben heimlich Gefängniszeitungen heraus. Ihr Verhältnis zu Freunden und Familienangehörigen, die eine andere Meinung zum Krieg hatten, ist ein weiterer interessanter Punkt. In manchen Fällen kämpften diese an der Front.

Amy Goodman: Erzählen Sie uns von einem der führenden Investigativ-Journalisten Großbritanniens, der im Gefängnis landete. Er bekam später den Literaturnobelpreis verliehen. Er gab im Gefängnis eine Zeitung auf Clopapier heraus. Erzählen sie uns von jenen Suffragetten, deren Familie während des Krieges so zerstritten war.

Adam Hochschild: Bertrand Russell war damals ein führender britischer Philosoph. Einige Jahre später wurde er mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet. Er zählte zu den führenden Akademikern des Landes - ein Akademiker aus Cambridge. Als der Weltkrieg ausbrach, glaubte er, sich dagegen engagieren zu müssen. Ein Aspekt, der mich mit Hochachtung für ihn erfüllt, ist die Ehrlichkeit, mit der er über seine Gefühle spricht, wenn es um den Krieg geht. Er sagte über sich selbst, er habe die "die Niederlage Deutschlands so sehr herbeigesehnt wie ein pensionierter General, und meine Liebe zu England ist nahezu das höchste Gefühl, dessen ich fähig bin". Doch dann fährt er fort: Dieser Krieg solle nicht geführt werden - aus keinem noch so noblen Grund. Es sei lächerlich, wenn Briten und Franzosen behaupteten, sie kämpften für die Demokratie. Schließlich sei das zaristische Russland (eine absolutistische Monarchie) ihr Verbündeter. Er setzte sich vehement gegen den Krieg ein. Er war nicht mehr im wehrpflichtigen Alter. Dennoch setzte er sich vehement für die wichtigste Organisation ein, die damals Wehrdienstverweigerer unterstützte. Deren führende Mitglieder wurden nach und nach verhaftet, weil sie den Wehrdienst verweigerten. Schließlich übernahm Russell den Ehrenvorsitz dieser Organisation. Er begab sich Tag für Tag in das Büro, erledigte die Büroarbeit, die erledigt werden musste - von Menschen und Organisationen wie dieser. Er verschickte Briefe an die Unterabteilungen (der Organisation) in ganz England, in denen es um politische Aktionen ging. 1918 ließ ihn die Regierung schließlich verhaften. Er kam für 6 Monate ins Gefängnis. Ja, Russell war einer von ihnen - einer der Verweigerer.

Ein anderer war Fenner Brockway - ein noch junger Mann. Vor dem Krieg war er Redakteur einer sozialistischen Zeitung, eines Gewerkschaftsblattes, gewesen. Er verweigerte den Wehrdienst und wurde ins Gefängnis gesteckt. Auch im Gefängnis gab er heimlich eine Zeitung heraus. Das war ein absoluter Regelverstoß. Er musste die Zeitung auf Toilettenpapier schreiben und verteilte sie an seine Mitgefangenen. Er gab sie ein Jahr lang heraus, bevor die Behörden es bemerkten und ihn in Einzelhaft steckten. Er lernte einen desertierten Armeesoldaten kennen, der im selben Gefängnis saß. Mit dessen Hilfe erstellte Brockway den ersten, wirklich unzensierten Bericht über die ‘Schlacht von Passchendaele’, jenem furchtbaren Gemetzel an der Westfront. Die britischen Zeitungen, die öffentlich erscheinen konnten, brachten nur "bereinigte" Versionen über diese Schlacht. Es gab zu jener Zeit eine ganze Reihe bemerkenswerter Charaktere.

Amy Goodman: Erzählen Sie uns etwas über die Familie Pankhurst.

Adam Hochschild: Die Familie Pankhurst hat mich fasziniert, weil ich meine Geschichte aus der Perspektive von Familien erzählen wollte, durch die damals ein Riss ging. Die Familie Pankhurst bestand aus Mutter Emmeline Pankhurst und ihren beiden Töchtern Christabel und Sylvia. Sie waren dem radikalsten Flügel der (britischen) Suffragetten zuzurechnen - im Kampf um das Stimmrecht der Frauen, für das Frauenwahlrecht also. Das war kurz vor dem 1. Weltkrieg.

Kurz vor dem Krieg wurde Mutter Emmeline Pankhurst eingesperrt, weil sie, buchstäblich, einen Stein durch ein Fenster von Downing Street Nr. 10 geworfen hatte - dem Wohnsitz des Premierministers. Sie floh aus dem Gefängnis. Als der Krieg ausbrach, war sie auf der Flucht vor der britischen Justiz und hielt sich in Frankreich auf. Kaum war der Krieg ausgebrochen, ließ sie ihre politische Arbeit völlig im Stich und stellte sich der britischen Regierung zur Verfügung. Diese schickte sie auf Reisen - auf Vortragsreisen durch Großbritannien und in die USA. Einmal wurde sie sogar nach Russland entsandt, um die russischen Frauen für den Krieg zu begeistern.

Ihre Tochter Sylvia hingegen war eine absolute Antikriegsaktivistin. Während des gesamten Krieges brachte sie die maßgebliche und meistgelesenste Friedenszeitung Großbritanniens heraus. Einige Nummern wurden von der Regierung verboten. Sylvia hatte eine heimliche Liebesaffäre mit Keir Hardie, dem Führer der ‘Independent Labour Party’ (aus der die heutige ‘Labour Party’ hervorgegangen ist). Auch er engagierte sich vehement gegen den Krieg - bis zu seinem Tod, 1915. Ich glaube, sein Bedauern über den Krieg war die eigentliche Ursache seines Todes.

Die Familie Pankhurst war eine von mehreren Familien, die durch den 1. Weltkrieg tief gespalten wurden - wie viele amerikanische Familien später durch den Vietnamkrieg zerrissen wurden.

Amy Goodman: Adam Hochschild, in Ihrem Buch schreiben Sie über die Zahl der Toten (des 1. Weltkrieges). Sie sagen, es wäre gut, wenn es hier (in den USA) Friedhöfe gäbe - wie in Europa - die zeigen, wie viele Menschen in einem Krieg umkommen.

Adam Hochschild: Ja. Dieser Gedanke ist mir gekommen, als ich über die Friedhöfe des 1. Weltkrieges wanderte. Alle, die sich für den 1. Weltkrieg interessieren, sollten sich an die Stätten der alten Westfront begeben - in Frankreich und Belgien. Ich glaube, es gibt keinen Ort auf der Welt an dem soviele junge Männer begraben liegen. Nehmen Sie irgendeine der großen Schlachten - die Schlacht an der Somme, die Kämpfe in Ypern oder Verdun. Stellen Sie sich auf einen der Hügel und blicken Sie herab auf die Friedhöfe - fünf, sechs, sieben riesige Friedhöfe ringsum, mit je 5.000 bis 10.000 Gräbern. Es ist eine Erfahrung, die einen umhaut.

Wenn ich an die Kriege denken, die wir heute führen - im Irak oder in Afghanistan - wüsste ich keinen Ort, an den die Amerikaner/innen und andere gehen könnten, um sich die Zahl der Kriegstoten visuell bewusst zu machen - zumal die meisten Opfer irakische oder afghanische Zivilisten oder amerikanische Soldaten beziehungsweise Soldaten verbündeter Nationen sind. Wären sie alle an einem Ort begraben, würden die sinnlosen Kriege von heute vielleicht früher enden.

Amy Goodman: Wir machen eine Pause und sprechen anschließend weiter über dieses Thema. Adam Hochschild ist Autor zahlreicher Bücher. Sein neuestes Werk heißt: ‘To End All Wars: A Story of Loyality and Rebellion’, 1914 - 1918’. Wenn wir zurück sind, möchte ich über das Thema ‘abweichende Stimmen und deren Marginalisierung’ sprechen. Hier ist Democracy Now!. Wir sind in einer Minute zurück.

(Pause)

Amy Goodman: Unser Gast ist Adam Hochschild (…) Ich lese Ihnen vor, was die Los Angeles Times zum ‘Memorial Day’ 2010 geschrieben hat: In den Vereinigten Staaten, so steht dort, hatten "benachteiligte Bevölkerungsgruppen während nationaler Kriegszeiten unverhältnismäßig viele Tote zu beklagen", "angefangen beim Koreakrieg - während reichere Bevölkerungsgruppen die Kriege weniger zu spüren bekamen. Zudem lassen die Daten darauf schließen, (dass) diese ‘Diskrepanz bei den Opfern’, zwischen reichen und ärmeren Bevölkerungsgruppen, im aktuellen Irakkonflikt am ausgeprägtesten ist".

Adam Hochschild: Ja, das trifft auf mehrere Jahrzehnte zu, in denen die Amerikaner Krieg führten. Sehen Sie sich die Menschen an, die in Vietnam ihr Leben ließen oder im Irak oder in Afghanistan. Darunter sind ausgesprochen wenige Söhne und Töchter von Managern oder Senatoren oder anderen Kongressmitgliedern - fast gar keine. Sie (die Toten) stammen aus armen Bevölkerungsschichten - Kleinstädter. Häufig gingen sie zum Militär, weil es kaum andere wirtschaftliche Möglichkeiten für sie gab.

Einer der Aspekte des 1. Weltkrieges, der mich nicht loslässt, ist die Tatsache, dass es damals kurioserweise genau umgekehrt war. Normalerweise ist die herrschende Klasse - in den meisten Ländern - sehr gerissen, wenn es darum geht, andere für sich sterben zu lassen. Doch im 1. Weltkrieg war es umgekehrt, denn in den meisten (an dem Krieg beteiligten Ländern) war es normal, dass junge Männer der Oberschicht, der Aristokratie also, zur Armee gingen, um Offizier zu werden. Es waren diese jungen Männer, die aus den Gräben stiegen, um ihre Männer den gnadenlosen Maschinengewehrangriffen entgegenzuführen. Wenn man sich die Statistiken ansieht, erlebt man eine Überraschung. Von den Oxford-Absolventen des Jahrgangs 1913, zum Beispiel, fielen 31 Prozent. Um die Jahrhundertwende hatte der britische Premierminister, Lord Salisbury, 10 Enkelsöhne. 5 von ihnen starben im 1. Weltkrieg. Einen davon erwähne ich in meinem Buch.

Amy Goodman: Erzählen Sie uns von der Frau, die sich in einer Friedenskampagne engagierte und ihrem Bruder, der Kommandeur an der Westfront war.

Adam Hochschild: Das war eine dieser faszinierenden, zerrissenen Familien, auf die ich gestoßen bin. Ich habe ziemlich lange gebraucht, um mir klar zu werden, wie ich die Geschichte dieses Krieges anpacken sollte - eine Geschichte über Menschen, die an den Krieg glaubten und über die, die dagegen waren. Eines Tages stieß ich auf einen langweiligen akademischen Artikel, in dem es um eine Frau namens Charlotte Despard ging. Sie war überzeugte Pazifistin und verfasste Pamphlete gegen den Krieg. Sie ist kreuz und quer durch Großbritannien gereist und hat Vorträge gegen den Krieg gehalten. Mehrfach landete sie - im Kampf für das Frauenwahlrecht - im Gefängnis. Sie setzte sich für die Unabhängigkeit Irlands und Indiens ein - für alle radikalen Themen ihrer Zeit. In einem beiläufigen Satz schreibt der Autor: "Natürlich machten all diese Aktivitäten ihrem Bruder schwer zu schaffen". Der Autor nennt seinen Namen: Sir John French, Oberster Kommandeur an der Westfront. Sobald ich das gelesen hatte, diese faszinierende Tatsache, wurde mir klar, dass ich über dieses Geschwisterpaar schreiben wollte. Was für eine außergewöhnliche Kombination!

Interessant ist, dass sich Bruder und Schwester persönlich ziemlich nahestanden. Sie hatte ihn mitaufgezogen. Er war acht Jahre jünger als sie. Als er ein kleiner Junge war, hat sie ihm das Alphabet beigebracht. Auch während des Krieges haben sie sich immer wieder gesehen. Erst als John French 1918 von der britischen Regierung zum Statthalter (Viceroy) von Irland ernannt wurde und damit zuständig war für die Unterdrückung des nationalen Aufstandes gegen die britische Herrschaft, sprachen sie nicht mehr miteinander. Charlotte ging nach Irland, um für die IRA zu arbeiten. Ab diesem Zeitpunkt sprachen sie nicht mehr miteinander. Es ist eine von vielen Familien, durch die, infolge des Krieges, ein solcher Riss ging.

Amy Goodman: Warum kam es überhaupt zum 1. Weltkrieg?

Adam Hochschild: Das ist einer der auffälligsten Aspekte. Es war wirklich kein Krieg, der aufgrund von hehren Prinzipien geführt wurde. Bis wenige Wochen vor Kriegsausbruch kamen alle ganz gut miteinander klar. Gewisse Spannungen lagen allerdings in der Luft, und es gab rivalisierende Bündnisse. Zwischen Deutschland und Großbritannien fand ein navales Wettrüsten statt. Bis Juni 1914 kamen jedoch alle gut miteinander aus. Es gab keine größeren Grenzkonflikte. Kein Land beanspruchte Territorien eines andern. Der grenzübergreifende Handel florierte. Es gab Joint-ventures usw.. Die britische Flotte stattete Deutschland einen zeremoniellen Besuch ab, und als sie wieder Richtung Heimat abdrehte, sandte der britische Admiral (Kommandeur) seinem deutschen Gegenüber eine Botschaft: ‘Friends now and friends forever’ (Freunde, nun und für immer).

Dann kam es zu einer seltsamen Kette von Ereignissen. Natürlich begann alles mit der Ermordung des österreichischen Erzherzogs Franz Ferdinand in Sarajewo. Damit begannen die Geschehnisse. Schließlich wartete das riesige, marode österreich-ungarische Imperium schon lange auf eine Gelegenheit, um in den wesentlich kleineren Nachbarstaat Serbien einzufallen und ihn auseinanderzunehmen. Die Invasionspläne hatten sie schon ausgearbeitet. Die Ermordung des Erzherzogs gab ihnen nun eine Rechtfertigung - obgleich der Attentäter ein Bürger Österreich-Ungarns war und es keinen Hinweis darauf gab, dass das serbische Kabinett von den Attentatsplänen gewusst hatte. Sie trieben ihre Invasionspläne voran. Die Serben wandten sich hierauf an das befreundete Russland, an die slawischen Brüder, an die Mitchristen der orthodoxen Ostkirche. Russland war mit Frankreich verbündet. Als Russland seine Truppen mobilisierte, zog Frankreich nach. Dies wiederum lieferte Deutschland den Vorwand, um sowohl Frankreich als auch Russland anzugreifen. Es (Deutschland) hatte dies seit langem geplant. In weniger als 6 Wochen stand der ganze Kontinent in Flammen.

Amy Goodman: Die Bewegungen, die Sie beschreiben…. ich denke an einige Ihrer Bücher, wie zum Beispiel: ‘Bury the Chains: Prophets and Rebels in the Fight to Free an Empire’s Slaves’ (deutsch: ‘Sprengt die Ketten’), das von der Bewegung gegen die Sklaverei handelt oder an die Antikriegsbewegung und wie sie marginalisiert wurde, wie Leute eingesperrt wurden und wie sie dennoch zum Schluss triumphierte. Bitte stellen Sie die Bewegung gegen die Sklaverei in den Kontext der Antikriegsbewegungen im 1. Weltkrieg. Vielleicht ist manchen Leuten nicht klar, dass Großbritannien die Sklaverei schon Jahrzehnte vor den USA abgeschafft hat.

Adam Hochschild: Stimmt, und zwar hauptsächlich infolge von zwei Ereignissen. Erstens kam es in Westindien zu mehreren Sklavenaufständen (etwas, was tendenziell aus den Geschichtsbüchern ausgeklammert wird), zum anderen gab es in England eine bemerkenswert solide, wunderbar organisierte, populäre Bewegung gegen die Sklaverei, die alle möglichen Techniken, die Organisatoren bis heute anwenden zum ersten Mal eingeführt hat - tatsächlich. Sie hat beispielsweise das erste politische Poster entworfen. Sicher haben Sie es schon einmal gesehen. Es ist eine Zeichnung - ein Sklavenschiff, im Innern vollgepackt mit Sklavenkörpern.

Nun, diese Bewegung war erfolgreich. Die Sklaverei wurde im Britischen Imperium abgeschafft - und auch in anderen Teilen der Welt. Die Herausforderung für mich, in Hinblick auf den 1. Weltkrieg, war folgende: Bringe ich es fertig, eine interessante und ergreifende Story über eine Bewegung zu schreiben, die nicht erfolgreich war? Es gelang den Pazifisten nicht, den Krieg zu beenden. Dennoch hatte ich das Gefühl, dass es eine wichtige Story ist, die erzählt werden sollte, denn wenn wir nur über Bewegungen schreiben, die gesiegt haben, werden wir viele Dinge aus der Geschichte streichen müssen. Ich hoffe, dass die Menschen, die den Krieg ein- für allemal beenden wollen, irgendwann siegen werden, und ich bin der Ansicht, ihre Chancen stehen besser, wenn sie die Geschichte jener Menschen kennen, die diesen Kampf vor ihnen gekämpft haben.

Amy Goodman: Sie haben einmal in einem Artikel geschrieben: "Wenn man sich mit dem 1. Weltkrieg beschäftigt, ist das Seltsame daran, dass man nicht umhin kann, sich an die heutigen Schlagzeilen erinnert zu fühlen" (‘Echoes of a Bygone War’). Würden Sie sagen, dass die heutige Antikriegsbewegung versagt hat? Schließlich befinden wir uns im längsten (kontinuierlichen) Krieg in der Geschichte Amerikas - in Afghanistan. Geführt wird er von einem Präsidenten, der sich im Wahlkampf gegen einen Krieg gewandt hatte - gegen einen anderen Krieg, nämlich gegen den Irakkrieg. Doch auch dort sind wir immer noch.

Adam Hochschild: Natürlich haben wir bislang versagt, wenn es darum geht, diese beiden Kriege zu stoppen. Ich bin darüber sehr traurig. Ich sagte vorhin ja schon, dass ich das Gefühl habe, wenn es eine Möglichkeit gäbe, dem amerikanischen Volk die Opfer vor Augen zu führen - wie bei einem Blick über die gigantischen Friedhöfe (des 1. Weltkrieges) - würde dies dazu führen, dass sie (die Kriege) früher enden. Noch etwas würde die Kriege schneller stoppen (obwohl es in praktischer Hinsicht wohl nicht sehr wahrscheinlich ist): die Wiedereinführung der Wehrpflicht. Ich glaube, die Wehrpflicht war mit ein Grund, weshalb der Vietnamkrieg beendet wurde - das, und der enorm zähe Widerstand der Vietnamesen. Bei uns gingen Hunderttausende auf die Straße, denn Diejenigen von uns, die im wehrpflichtigen Alter waren, wollten ganz sicher nicht hingehen und in diesem Krieg kämpfen, unser Leben für diesen Krieg riskieren. Das brachte auch die Familien auf den Plan.

Unser Land (Amerika) hat andere Wege gefunden, Kriege zu führen. Das Wichtigste ist die Freiwilligenarmee und dann natürlich Erfindungen, die eine Distanz zum Kriegsgeschehen schaffen, wie Drohnenangriffe (bei denen keine Amerikaner ihr Leben riskieren und die einzigen Opfer Menschen am Boden sind - in diesen Ländern). Es wird schwierig werden, aber ich denke nach wie vor, dass wir Wege finden werden, diese Kriege zu stoppen.

Zu Afghanistan. Ich denke, am Anfang war ein erkennbares Motiv vorhanden. Für die USA war es ziemlich nachvollziehbar, dort zu intervenieren: Dort (in Afghanistan) gab es eine Regierung, die jene schützte, die die Angriffe des 11. September geplant hatten. Doch jetzt sind wir an einem Punkt, wo selbst viele Leute in hohen Positionen, viele in der US-Regierung, erkennen, dass wir weitere Dschihadisten schaffen, indem wir dort weitermachen.

Amy Goodman: Wir werden dieses Gespräch nach unserer Sendung fortsetzen und es online stellen. Unser Gast ist Adam Hochschild. Sein neues Buch heißt: ‘To End All Wars’.

Amy Goodman ist Moderatorin des TV- und Radioprogramms ‘Democracy Now!’, das aus rund 500 Stationen in Nordamerika täglich/stündlich internationale Nachrichten sendet.

Quelle: ZNet Deutschland vom 12.05.2011. Originalartikel: Historian Adam Hochschild: Lessons for the Antiwar Movement from the Pacifists of World War I . Übersetzt von: Andrea Noll.

Veröffentlicht am

15. Mai 2011

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