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Japan und der atomare Wahnsinn

Die Haltung der US-Politik

Von Norman Solomon, 14.03.2011 - ZCommunications

Barack Obama fördert die Atomkraft - wie alle US-Präsident vor ihm, seit den 40er Jahren, seit es die Atomkraft gibt. Mitten in der Katastrophe von Japan klingt die offizielle Haltung der USA umso wirklichkeitsfremder.

‘Sichere Atomkraft’ ist ein Oxymoron, an dem die politischen Eliten weiter festhalten. Es liegt an uns, an allen Menschen dieser Welt, dafür zu sorgen, dass sämtliche Atomkraftwerke abgeschaltet werden. Auf dieses Ziel sollten wir, friedlich und unbeugsam, hinarbeiten.

In technologischer Hinsicht ist Japan das modernste Land der Welt. Doch auch in Japan gibt es sie nicht - die sichere Kernkraft. Nirgends gibt es sichere Atomenergie.

Am Montag schrieb die New York Times: "Die meisten Kernkraftwerke in den USA weisen viele beziehungsweise alle Risikofaktoren auf, die in Fukushima Daiichi mitspielen. Entweder liegen sie an einer Küstenlinie, wo sie von Tsunamis bedroht sind oder in Erdbebengebieten, oder die Anlagen beziehungsweise deren Notstromversorgungssysteme (wie Dieselgeneratoren oder Batterien, die in Extremsituationen versagen können) sind veraltet." Soweit die New York Times.

Die Nuklearenergie ist nichts anderes als ein moralisches Verbrechen an künftigen Generationen - angefangen beim Uranabbau für den Betrieb von Reaktoren, über deren Laufzeiten bis hin zum nuklearen Abfall, der hunderttausende Jahre strahlen wird.

Honigsüße Rhetorik ist die Begleitmusik des Nuklearzeitalters. Noch lagen Hiroshima und Nagasaki unter der radioaktiven Asche, da pries das offizielle Washington schon die Kernenergie als DIE Rettung. Die Atomspaltung, so wurde uns eingetrichtert, sei ein Wunder, das uns voranbringen werde.

Präsident Dwight D. Eisenhower verpflichtete sich, "das erschreckende atomare Dilemma zu lösen". Er wollte beweisen, dass "der wunderbare menschliche Erfindungsgeist nicht forscht, um zu töten, sondern um das Leben (der Menschen) zu bereichern".

1979 ereignete sich ein Unglück im Atomkraftwerk ‘Three Mile Island’ bei Harrisburg/USA (ein Beinahe-Supergau, der in letzter Sekunde durch schieres Glück, verhindert wurde - die Übersetzerin); 1986 ereignete sich die Katastrophe von Tschernobyl. Heute erleben wir die Katastrophe von Japan. Doch die Theologen der heiligen Kongregation der Atomkonzerne, die an die Kernkraft glauben, werden ihren eigenen göttlichen Projekten auch förderhin den nötigen Segen erteilen.

Vor 30 Jahren koordinierte ich die ‘National Citizens Hearings for Radiactive Victims’ (Nationale Bürgeranhörungen der Opfer von Radioaktivität). Diese Anhörungen fanden am Rande des Capitol Hill statt. Damals hörten wir die düstere Prophezeiungen der Atomexperten und der (betroffenen) Arbeiter und Entseucher und vieler anderer, deren Leben durch die Kernkraft auf immer zerstört worden war. Dass die Kernkraft mittlerweile Routine sei, war nichts als Augenwischerei vonseiten der Regierungsgenturen und der Unternehmen, die in die Kernkraft investierten.

1980 hatten bereits mehrere Generationen die furchtbaren und vielfältigen Folgen der Kernkraft zu spüren bekommen - Krebs, Leukämie, Erbgutschädigungen -, als Folge des atomaren Kreislaufes, durch den Energie produziert wird, als Folge der "friedlichen" oder der militärischen Nutzung des Atoms. Heute wissen wir viel mehr über die möglichen abrupten Risiken, die von der industriellen Kernenergie ausgehen beziehungsweise über den schleichenden Horror der Atomkraft.

Von Minute zu Minuten lernen wir mehr - während sich diese Katastrophe in Japan entfaltet. Doch die Regierungschefs scheinen wenig daraus zu lernen.

Als am Sonntag die Kernschmelze in mehreren japanischen Reaktoren begann, gab das Weiße Haus folgendes Statement heraus: ‘Der Präsident ist der Meinung, dass wir auf eine Reihe von Energieressourcen bauen müssen, um unseren Energiebedarf zu decken. Dazu gehört, neben erneuerbaren Energien, wie Wind und Solarkraft, Erdgas und saubere Kohle, auch die Atomkraft. Zu den Ereignissen in Japan kommen immer neue Informationen hinzu. Doch die US-Regierung sieht es als ihre Pflicht an, daraus zu lernen und sicherzustellen, dass die Kernenergie in den USA sicher und auf verantwortungsvolle Weise erzeugt wird.’

Ein (reflexartiges) Prosit auf die Kernenergie! Wieder einmal.

In seiner diesjährigen ‘Rede zur Lage der Nation’ proklamierte Obama, "saubere Energiequellen" als Ziel. Bis 2035 sollen 80 Prozent der amerikanischen Elektrizität sauber erzeugt werden. Obama: "Einige wollen Wind- und Solar-(Energie), andere wollen Kernenergie, saubere Kohle und Erdgas. Wenn wir unser Ziel erreichen wollen, werden wir das alles brauchen - und ich bitte Demokraten und Republikaner dringend, gemeinsam dafür zu arbeiten, dass dies gelingt."

Beide Parteien in trauter Harmonie für das gemensame Ziel? Klar doch. Am Sonntagmorgen verteidigte der republikanische Senator Mitch McConnel die Atomenergie in mehreren TV-Sendungen, und der demokratische Senator Chuck Schummer vertrat seine Wischiwaschi-Meinung zur Kernenergie: "Wir müssen einfach sehen, was passieren wird - offensichtlich ist die Sache noch nicht abgeschlossen. Grundsätzlich ist jedoch zu sagen, dass wir von ausländischem Öl, das auf der anderen Seite der Halbkugel liegt, unabhängig werden müssen. Das hat uns Libyen klargemacht. Die Preise steigen; unsere Wirtschaft wird geschädigt oder würde geschädigt. Deshalb bin ich immer noch bereit, die Kernenergie in Betracht zu ziehen. Ich habe jedoch stets auf einen sauberen und verantwortungsvollen Umgang mit dieser (Atomenergie) Wert gelegt."

Wenn es nicht so ernst wäre, könnten wir darüber lachen oder es absurd finden.

Die Besessenheit von der Atomenergie ist so tief verwurzelt, dass die Gurus des Mainstream und die Gewählten selten Kritik murmeln. Schweigen ist Gold beziehungsweise gilt als Zeichen von Klugheit, von Weisheit.

Anfang 2010 kündigte Präsident Obama Bundesgarantien für Kredite im Wert von insgesamt $8 Milliarden an - zum Bau neuer Atomkraftwerke in den USA. 110 neue Reaktoren sind bereits in Betrieb.

"In die Kernkraft zu investieren, ist auch weiterhin ein nötiger Schritt", so Obama. "Ich hoffe, dass wir mit dieser Ankündigung zwei Dinge unterstreichen können - zum einen, wie ernst wir die Energieproblematik nehmen und (zum andern), dass wir bereit sind, diese Herausforderung nicht als Sache einer Partei zu sehen. Sie ist sehr viel wichtiger als Politik, denn die Entscheidungen, die wir hier treffen, werden nicht nur die nächste sondern viele weitere Generationen betreffen".

Sprach’s und versprach Bundeskreditgarantien für noch mehr Kernkraftwerke: "Das ist erst der Anfang", so Obama.

Anmerkung d. Übersetzerin: Auf der Startseite von ZCommunications findet sich folgender Aufruf bezüglich der Atomkatastrophe in Japan: JAPAN IS FACING BIGGEST CASTASTROPHEE SINCE DAWN OF NUCLEAR AGE (Aufruf von vielen Autoren (MANY AUTHORS).

Norman Solomon ist ein amerikanischer Journalist, Medienkritiker und Antikriegs-Aktivist.

Quelle: ZNet Deutschland vom 16.03.2011. Originalartikel: Nuclear Power Madness . Übersetzt von: Andrea Noll.

Veröffentlicht am

20. März 2011

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