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Fromme Revolte in der katholischen Kirche: “Aufbruch jetzt!”

Kirchenaufbruch jetzt! Das Memorandum "Kirche 2011", zurzeit von 224 röm.-kath. Theologieprofessorinnen und -professorenen unterzeichnet, kann jeder Kirchenreformbewegte unterstützen. "Wir sind Kirche" und die Zeitschrift Publik-Forum haben jetzt zur Online-Unterzeichnung die Seite www.kirchenaufbruch-jetzt.de eingerichtet. Viele Netzwerke unten verbreiten den Aufbruch.

Zum Memorandum selbst kann man nur ausrufen: "Es geschehen noch Wunder!" Vielleicht ist es doch noch nicht zu spät für eine glückliche Jugend des Katholizismus im 3. Jahrtausend? In den zunehmend bedrückenderen Jahren seit 1980 haben sich viele röm.-kath. Lehrstuhlinhaber auf unverdächtige bzw. "ungefährliche" Forschungsbereiche zurückgezogen. Gegen die freche Verketzerung des großen Konzilstheologen Karl Rahner kam kein kraftvoller Widerspruch mehr. Angst, Selbstzensur, Resignation und auch Denunziationen kursierten unter Theologen. Am Ende, so war zu befürchten, würden nur noch lauter Papageien in den Fakultäten sitzen, die "rechtgläubige Formeln" daherkrächzen. Gottlob, so weit wird es nun nicht mehr kommen. Es spricht für die nachdenklichen - frommen - "Konservativen", dass viele von ihnen jetzt mit dabei sind. Der drohende Zusammenbruch des Kirchengebäudes ist einfach zu offensichtlich (allerdings weichen einige vermeintlich "Progressive" aus und bauen in ihre resignativen Lamentos noch Ergebenheitsadressen "nach oben" ein).

Das klerikale Machtsystem fürchtet menschliche Beziehungen

Nichts fürchtet das klerikale System von Macht und Unfreiheit so sehr wie Christenkreise, die innerhalb der Kirche in herzlicher Verbundenheit - und Verschiedenheit - zusammenarbeiten. Deswegen werden auch da, wo unten Gemeinden, Gruppen etc. in gelungenen Beziehungen miteinander das Christsein wagen, gewachsene Strukturen zerschlagen und Seelsorger anderswohin versetzt. Die Theologinnen und Theologen haben nun bewiesen, dass sie sich nicht in die beziehungslose Vereinzelung treiben lassen: "Habt keine Angst!" Sie wollen wieder Ermutiger sein, und das brauchen wir so dringend wie nie. Offene Horizonte, Beziehungsnetze und Herzlichkeit, anders kann die fromme Revolte keine Kreise ziehen.

Die Botschaft des Memorandums

Die Unterzeichnenden des Theologenmemorandums bekennen sich zum "Einsatz für Recht und Gerechtigkeit, Solidarität mit den Armen und Bedrängten" (das wird fast überall unterschlagen). Mit sechs Punkten weisen sie den Weg zur inneren Erneuerung der Kirche:

  1. "Was alle angeht, soll auch von allen mit entschieden werden" (auch die Bestellung von Pfarrern und Bischöfen);
  2. Förderung der Gemeinden (keine zentralistischen Großgebilde, neue Zugänge zum besonderen priesterlichen Dienst in der Kirche - auch für Frauen und Verheiratete);
  3. Rechtsschutz und Rechtskultur in der Kirche;
  4. Respekt vor dem individuellen Gewissen und gegenüber anderen Lebensformen (wiederverheiratete Geschiedene, gleichgeschlechtliche Partnerschaften);
  5. Versöhnung mit denen, an denen die Kirche schuldig geworden ist (offenkundig wird auch mit unfreien, "sündigen Strukturen" der Kirche gerechnet);
  6. kulturelle Vielfalt und neue Ausdrucksformen im Gottesdienst.

Hetze und Menschenverachtung der rechtskatholischen Netzwerke

Mit hetzerischen Internetseiten und Gloria-TV ist der traditionalistische Kirchenflügel "besser" aufgestellt als der Reformkatholizismus. In den Suchmaschinen sind die Angebote von Rechtsaußen an vorderster Stelle. Dort kann man mit Entsetzen wahrnehmen, wie weit Menschenverachtung (speziell Frauenfeindlichkeit), rechtsradikale Weltbilder und seelische Verarmung unter dem jetzigen Pontifikat auf dem Vormarsch sind. Die "katholischen" Antisemiten bezeichnen in ihren Foren einige Unterzeichner des Professoren-Memorandums als "Rabbis" (was eine Beleidigung sein soll). Die Theologen werden auch als Gruftis, Halbtote oder hässliche Zombies vorgeführt. Die pseudointellektuellen Helfershelfer rechter Bischöfe springen auf diesen Zug und bezeichnen die Initiative als "Altersheim", was sehr viel über ihre eigene Kinderstube - und ihre Anpassung an den Zeitgeist der "Altenverachtung" - verrät. Den Theologen wird auch ein Wechsel zum Protestantismus nahegelegt (nicht sehr originell, wenn man die neuere Kirchengeschichte kennt). Bischof Algermissen spricht den Andersdenkenden einfach den kirchlichen Gemeinschaftssinn ab. Das alles hatten wir schon 1864, 1870, 1910 usw.: "Wer nicht so denkt und fühlt wie wir, der ist nicht mehr katholisch!" Kathpedia.com listet die Mailadressen aller Memorandumsunterzeichner auf, was zusammen mit der Angabe des "zuständigen Bischofs" einer unzweideutigen Aufforderung zum virtuellen Bombardement gleichkommt. Die mehr als 220 Theologinnen und Theologen gelten in den "ultramontanistischen Szenen" jetzt als Freiwild. Wir wissen aber - auch aus Umfragen: sie sprechen für eine Mehrheit unter den Katholiken.

Die neue "Elitebildung" der Traditionalisten

Der neue Fundamentalismus, der einen Sekten-Umbau unserer Kirche betreibt und "Kirche" - unter Monopolanspruch - als Besitzgegenstand ansieht, ist ein zutiefst modernes Phänomen: selbstverliebt, geistfeindlich, geschichtsvergessen und sehr militant. Gegen die "alten Katholiken", die ihre Kirchlichkeit in vielen gesellschaftlichen Bezügen lebten und am Weltauftrag des letzten Konzils festhalten, will man eine ganz neue "Elite" setzen (treffend hat Dr. Herbert Kohlmaier von der österreichischen Laieninitiative diese rechtskatholische "Elitebildung" als "klassischen Fall einer Negativauslese" bezeichnet). Die "Abwickelung" von Gemeinden, die z.T. eine tausendjährige Geschichte aufweisen können, stellt da kein Problem dar. Alles, so glaubt man, kann wie ein Text konstruiert oder dekonstruiert bzw. zerstört werden. Doch Gemeinden und Milieus sind keine Texte, sondern leibhaftige, lebendige Gebilde mit einer Geschichte. Es geht um Menschen, nicht um Texte. Wenn erst einmal alles platt ist, gibt es nur noch die Fankreise von kreuz.net und Co., die zur zentralisierten Priesterliturgie wallfahren. Ob sich dann ausgerechnet diese Szenen in den Dörfern oder Stadtteilen um Alte, Kranke, Traurige und Schwache kümmern, darf man sehr bezweifeln. Auch die "intellektuellen" Befürwortern eines totalen Systemzusammenbruchs sollten bedenken: Die Opfer werden an erster Stelle die Kleinen sein, nicht die abgesicherten Kirchenfürsten.

Schizoide Altarriten oder eine Messe für das Leben?

Die tridentinische Messe war zuletzt eine tote Liturgie der Beziehungslosigkeit, eine denkbar traurige Einrichtung - fast ohne Bezug zu Jesus von Nazareth. Sie wird jetzt als Dogma gehandelt von jenen Neu-Katholiken, die ihre Angst mit Zwangssystemen, unmündiger Priesteranbetung und selbstverliebten Riten betäuben wollen (es dominieren kitschige Ästhetik und auch ansonsten viel schlechter Geschmack). Dagegen steht die Messe für das Leben und das Überleben auf der Erde. Der Globus wird ein Konzert der Begegnung, der Beziehung und der Danksagung - oder er hat keine Zukunft. Mehr als eine Milliarde Katholiken auf dem Planeten sollten am Guten mitwirken. Sie brauchen den Aufbruch und die Erinnerung an eine reiche Tradition der Leidenschaft für das Leben. Liebe Geschwister, nehmt durch eure Unterschrift teil an der Ermutigung.

(Peter Bürger)

Hinweise:

Lebenshaus-Beitrag zum Thema:

 

Veröffentlicht am

11. Februar 2011

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