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“Die Haitianer halten viel aus…”, sagt die Schriftstellerin Edwidge Danticat

Von Amy Goodman, 12.01.2011 - Democracy Now!

Am Jahrestag des Erdbebens auf Haiti sind wir mit Carrefour verbunden und sprechen mit der haitianisch-amerikanischen Autorin Edwidge Danticat. "Die Haitianer halten viel aus", sagt sie, "aber das heißt nicht, dass sie mehr Leid ertragen können als andere."

Amy Goodman: Am ersten Jahrestag des Erdbebens auf Haiti - tè tremble (wörtlich: ‘die Erde bebt’) sind wir mit Edwidge Danticat verbunden - einer amerikanisch-haitianischen Autorin. Frau Danticat ist uns aus Carrefour/Haiti, zugeschaltet. Ihr aktueller Artikel in The New Yorker trägt den Titel ‘A Year and a Day’ (Ein Jahr und ein Tag). Ihr neues Buch heißt: ‘Create Dangerously: The Immigrant Artist at Work’. Eines ihrer Bücher trägt den Titel: ‘Krik? Krak!’

Edwidge, ich weiß, unsere Telefonverbindung ist nicht besonders gut, aber wir wollten unbedingt mit Ihnen sprechen, nachdem Sie nach Haiti zurückgekehrt sind. Sie sagen: "Die Haitianer sind müde, aber sie sind nicht geschlagen". Welches Gefühl bewegt Sie am heutigen Tag?

Edwidge Danticat: Vielen Dank für die Einladung, und vielen Dank für diese Sendung.

Ich denke (unverständlich), sowohl die Menschen auf Haiti als auch die haitianische Diaspora sind heute in großer Trauer, denn wir gedenken, wie Sie wissen, so vieler Menschen, die unser Land verloren hat, die wir persönlich verloren haben. Da ist einerseits das Gefühl der Trauer und des Gedenkens. Auf Haiti ist heute Feiertag - Schulen und Büros haben geschlossen - und andererseits, wissen Sie, herrscht auf den Straßen reges Treiben. Die Menschen versuchen, ihren Alltag zu meistern, obwohl es viele religiöse Feiern und Gebetsrunden gibt - große und kleine. Doch du hast das Gefühl, die Leute haben gar keine andere Wahl. Wissen Sie, die müssen einfach aufstehen und ihre tägliche Arbeit verrichten, um überleben zu können.

Amy Goodman: In Ihrem Artikel für den Miami Herald schreiben Sie, gleich zu Beginn, über den griechischen Mythos von Sisyphus. Können Sie vielleicht damit beginnen?

Edwidge Danticat: Nun, der Miami Herald hat eine Dokumentation gemacht, mit der Überschrift ‘Nou Bouke’ (‘Wir sind müde’), in dem Sisyphus vorkommt. Auch die frischgebackene Ex-Premierministerin Haitis, Michèle Pierre-Louis, hat von Sisyphus gesprochen. Es geht um den griechischen Mythos, um jenen Sisyhpus, der den schweren Stein immer wieder den Berg hinauf rollt; doch jedes Mal, wenn er oben angekommen ist und es geschafft hat, rollt der Stein wieder den Berg hinunter. So geht das immer weiter. Das einzig Optimistische an der Sache ist, dass du jedes Mal, wenn du den Stein hochrollst, glaubst, es sei das letzte Mal. Sie (Michèle Pierre-Louis) sagt, diese Metapher treffe haargenau auf die haitianische Situation zu, auf das, was die Haitianer durchmachten. Das Positive daran ist, dass wir Haitianer eine Menge aushalten können. Wir haben das im vergangenen Jahr oft gehört, und es ist auch teilweise wahr, aber das heißt nicht, dass wir mehr ertragen können als andere. Ich denke, auch das sollte betont werden.

Ein Jahr ist vergangen, und noch immer leben anderthalb Million Menschen in Zelten. Es gibt Berichte über vergewaltigte Frauen. Außerdem sind wir an einem Punkt, wo viele Landbesitzer genug haben von den Camps auf ihren Privatgrundstücken - einige der Lager stehen ja auf privatem Grund und Boden. Sie schikanieren die Leute, damit sie sich irgendwo anders niederlassen. Wir sehen also, dass es immer noch eine Menge Leid gibt - obwohl es auch ein paar großartige Dinge gibt, wie die Wiedereröffnung des ‘offenen Marktes’, die gestern stattgefunden hat. Viele Menschen leiden. Heute gedenken wir der Toten, aber wir sollten auch das Leid der Lebenden nicht vergessen - sie leiden schon so lange und werden weiter leiden, heute, morgen, vielleicht bis 2012, vielleicht bis 2013. Es ist wirklich traurig. Wir dürfen das Leid der Lebenden nicht vergessen, das an diesem Ort weitergehen wird.

Amy Goodman: Jetzt ist auch noch die Cholera über die Menschen hereingebrochen. Es gibt schon circa 3.600 Tote. Rund 170.000 Menschen, haben sich, meines Wissens, infiziert.

Edwidge Danticat: Nun, über die Cholera wird nicht mehr gesprochen. Das lag/liegt zum Teil an den Wahlen, mit denen es ja nicht so recht weitergeht und zum Teil an dem nahenden Jahrestag. Doch die Cholera ist weiter ein sehr großes Problem. Potentiell könnte die Cholera mehr Menschen töten als das Erdbeben getötet hat - laut des (amerikanischen) Center for Disease Control (in Atlanta) und anderer Organisationen. Die Cholera ist eine Krankheit, die sich rasant ausbreitet, und das tut sie auch auf Haiti. Welche Umstände zu ihrem Ausbruch beigetragen haben - darüber wird diskutiert: Nepalesische (UNO-)Soldaten sollen etwas damit zu tun haben. Das können wir glauben oder nicht. Auf alle Fälle breitet sie sich ziemlich rasch aus, und sie könnte auch bei weiteren potentiellen Katastrophen eine Rolle spielen. Ich denke zum Beispiel an die Nahrungsmittelsicherheit - denn in der Region Artibonite (wo die Cholera zuerst ausbrach) weigern sich die Bauern, in die Reisfelder zu gehen, weil das Wasser dort mit dem Choleraerreger infiziert ist und sie Angst haben, sich anzustecken. Es gibt also einen ganzen Berg von Problemen, der vor uns liegt, während wir diesen Gedenktag begehen.

Amy Goodman: Es ist schon schockierend, wenn man sich die Zahlen ansieht - so wenig Geld ist im vergangenen Jahr in den Wiederaufbau geflossen. $9 Milliarden waren versprochen worden. Ich möchte Ihnen jetzt etwas von Bill Clinton einspielen. Ich weiß, er befindet sich gerade wieder auf Haiti. Wir waren unmittelbar nach dem Erdbeben dort; Sharif Abdel Kouddous, Nicole Salazar, Kim Ives und ich reisten nach einem halben Jahr noch einmal hin. Zu diesem Gedenktag (6 Monate nach dem Erdbeben) gab es eine Feier, auf der der ehemalige US-Präsident Bill Clinton eine Rede hielt. Er sagte, wie wichtig ihm Haiti sei:

(Einspielung):

Bill Clinton:
Abgesehen von der Zeit, in der ich meine Tochter verheiraten werde, plane ich, die nächsten sieben Wochen damit zu verbringen, dafür zu sorgen, dass die Spender, die uns Zusagen gemacht haben, uns einen simplen Zeitplan nennen: Wann sie uns das Geld schicken und welche Summen wann eintreffen werden. Wenn sie das getan haben, werden wir der haitianischen Regierung und Premierminister Bellerive, bei ihrem Haushalt, so gut wir nur können, unter die Arme greifen. Und ich werde alles tun, was in unserer Macht steht, um diese Projekte anschließend durch die Wiederaufbaukommission zu drücken, damit das Volk von Haiti das Gefühl hat und sehen kann, dass sie realisiert werden. (Ende)

Amy Goodman: Das war Ex-Präsident Clinton in Port-au-Prince. Er stand im Schatten des in Trümmern liegenden Regierungspalastes (National Palace), an dem damals noch so gut wie nichts gemacht worden war. Dieser liegt direkt vor einem Platz, dem Champ de Mars (…), einem riesigen Platz, wo Tausende Haitianer noch immer als Flüchtlinge leben. Wir waren heute schon mit dem (haitianischen Aktivisten) Patrick Elie verbunden. Von diesem Platz aus war er uns zugeschaltet. Bis heute sind weniger als 10 Prozent der von ausländischen Spendern zugesicherten $9 Milliarden eingegangen. Seit Clintons Rede sind sechs Monate vergangen; seit dem Erdbeben zwölf Monate. Patrick Elie sagte, das Land werde von ausländischen Interessen kontrolliert. Sehen Sie das auch so, Edwidge Danticat?

Edwidge Danticat: Nun, sicher gibt es viele ausländische Interessen hier. Wissen Sie, ich denke an den NGO-Sektor und an das möglicherweise unausweichliche Katastrophenkapital, das nach solchen Ereignissen zu fließen pflegt. Ich denke, wir sollten nicht nur die Geber sondern auch die Zeugen immer wieder an den Mangel (unverständlich) erinnern - daran, dass sie (die Spender) etwas versprochen haben, das sie nicht gehalten haben. Häufig entsteht nämlich der Eindruck, die Zahlungen seien zwar eingegangen, aber von der Korruption aufgefressen worden. Ich denke, das ist etwas, das wir bei anderen immer wieder ansprechen sollten. Ausländische Interessen werden, so denke ich, immer eine Rolle spielen, aber wir sollten unsere Aufmerksamkeit auf das haitianische Volk richten - wie Patrick schon gesagt hat -, auf die Männer und Frauen Haitis. Am Ende werden sie es sein, die das Land wiederaufbauen. Die Geberländer, die NGOs und selbst die Katastrophenkapitalisten sollten daran denken, dass letztendlich die Frauen und Männer Haitis das Land wiederaufbauen werden - und sie wollen es auch. Manchmal werden die Haitianer als passiv Entgegenehmende dargestellt - als seien sie nicht aktiv genug. Aber sie sind willens und fähig. Alles, was sie brauchen, ist eine Chance von denen - auf Haiti und außerhalb - die die Finanzen Haitis kontrollieren. Diese Leute müssen kapieren, dass die Männer und Frauen hier bereit, willens und in der Lage sind, ihr Land wiederaufzubauen - wenn man ihnen die Chance dazu gibt.

Amy Goodman: Jean Saint-Vil (haitianischer Autor und Aktivist) ist uns aus Ottawa/Kanada zugeschaltet. Was sagen Sie zu dem, was Ex-Präsident Bill Clinton geäußert hat: wie extrem wichtig ihm angeblich (die Spenden für Haiti) seien? Und was sagen Sie zu den Wahlen? Die Haitianische Wahlkommission (Haiti Provisional Electoral Council) hat inzwischen die vorläufigen Ergebnisse bekanntgegeben: Célestin ist (aus dem Rennen um die Präsidentschaft) ausgeschieden. Es wird eine Stichwahl zwischen dem haitianischen Musiker Michel Martelly und der ehemaligen First Lady, Mirlande Manigat. (Die Volkspartei des ehemaligen Staatspräsidenten Aristide) Lavalas durfte an der Wahl erst gar nicht teilnehmen.

Jean Saint-Vil: Ja, ich denke, in beiden Fällen heißt das Stichwort "Rechenschaft". Sollte Ex-Präsident Clinton in fünf oder zehn Jahren vor die TV-Kameras treten und sagen: "Uups, wissen Sie, ich hab’s nicht geschafft" - was wird dann geschehen? Nichts, denn Ex-Präsident Clinton ist dem haitianischen Volk keine Rechenschaft schuldig. Genau darin besteht heute die Herausforderung für das haitianische Volk. Sie haben es mit Playern zu tun, die enorm viel Macht und Entscheidungsvollmacht in Händen haben, aber niemandem Rechenschaft schuldig sind. Diese Leute treffen Schlüsselentscheidungen, die über das Leben der Haitianer entscheiden werden - ob es nun um das Geld für den Wiederaufbau oder um die Wahlen geht.

Ende des Jahres gab es einen großen Skandal. Ein brasilianischer Diplomat namens Ricardo Seitenfus gab einige Interviews, in denen er sagte, die internationale Mission auf Haiti sei nicht nur gescheitert, sondern es liefen in diesem Zusammenhang auch illegale Dinge, über die in aller Offenheit gesprochen werde. Als Beispiel nannte er ein Ereignis am Wahltag, dem 28. November 2010. An diesem Tag habe er an einem Treffen teilgenommen, zu dem auch der Chef der UN-Mission (MINUSTAH) auf Haiti, Mr. Edmond Mulet, sowie mehrere Vertreter der Geberländer gekommen seien. Er sagte nicht, welche… Sie hätten darüber diskutiert, ob man den noch amtierenden Präsidenten Haitis, René Préval, nicht einfach in ein Flugzeug setzen und aus Haiti verbannen sollte. Ich meine, das ist schon eine schwerwiegende Anschuldigung vonseiten…

Amy Goodman: … noch 5 Sekunden.

Jean Saint-Vil: … der OAS-Sonderbeauftragten für Haiti. Ich denke, was nun geschehen sollte, ist, dass die Menschen in den Mittelpunkt rücken. Die UNO sollte gezwungen werden, ihre Ressourcen zu mobilisieren, um gegen die Cholera auf Haiti vorzugehen. Ob sie deren Ausbruch nun verursacht hat oder nicht, fest steht, dass das nepalesische Camp (der UN-Mission MINUSTAH) bei Bel Air seine Abwässer nicht ordnungsgemäß entsorgt hat und…

Amy Goodman: Wir müssen an dieser Stelle leider abbrechen, aber wir werden die weitere Entwicklung auf Haiti natürlich im Auge behalten. Jean Saint-Vil, Edwidge Danticat (…) vielen, vielen Dank.

Amy Goodman ist Moderatorin des TV- und Radioprogramms Democracy Now!’ , das aus rund 500 Stationen in Nordamerika täglich/stündlich internationale Nachrichten sendet.

Quelle: ZNet Deutschland vom 18.01.2011. Originalartikel: Novelist Edwidge Danticat: "Haitians Are Very Resilient, But It Doesn’t Mean They Can Supper More Than Other People" . Übersetzt von: Andrea Noll.

Veröffentlicht am

19. Januar 2011

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