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Iran: Entente cordiale

Präsident Ahmadinedjad sucht die diplomatische Offensive im Namen der Regionalmacht Iran, die für eine neue Weltordnung wirbt, bei der die Atommächte ins Glied treten

Von Lutz Herden

Zuerst hat sich Mahmud Ahmadinedjad in Beirut feiern lassen. Dann im Südlibanon Hisbollah-Führer Hassan Nasrallah zu der Aussage animiert: "Was die Libanesen wollen, will Iran. Was die Palästinenser wollen, will Iran!" Die Islamische Republik genießt diese Huldigung, lässt es aber damit nicht bewenden. Sie geht auch anderswo in die Offensive und beendet acht Monate Geschacher um eine Regierung in Bagdad. Nicht im Alleingang, sondern in konzertierter Aktion mit Syrien, der Hisbollah und höchsten Autoritäten des schiitischen Islam. Sie alle segnen ab, dass der irakische Schiiten-Führer Muqtada al-Sadr Premierminister al-Maliki eine neue Amtszeit verschafft. Auch Syriens Staatschef Baschar al-Assad will den ungeliebten al-Maliki schlucken, nachdem ihn der iranische Präsident persönlich darum gebeten hat. Teheran wirft seine Anker aber nicht nur in der Nachbarschaft.

Auch mit dem venezolanischen Präsidenten Hugo Chavez gibt es einen spektakulären politischen Schulterschluss, wenn beide eine neue Weltordnung fordern. Das mag auf den ersten Blick vermessen klingen, doch wie vermessen ist es, wenn die NATO mit ihrer derzeit debattierten Strategie nichts anderes tut, als eine vorhandene Weltordnung zu konservieren? Für jeden erkennbar gibt es Defizite im NATO-Tableau, die sich aus dem Unwillen ergeben, den neuen regionalen Hegemonien Rechnung zu tragen, wie sie nicht nur von China und Indien, sondern ebenso von Brasilien und demnächst möglicherweise auch von Staatenassoziationen ausgehen, die sich in Lateinamerika über wirtschaftliche Bedürfnisse hinaus zusammen finden. Der iranische Staatschef ist nach seinen Besuchen im Libanon, in Syrien und in New York bei der UN-Generalversammlung weiter unterwegs und um Auftritte bemüht, die im globalen Nachrichtenstrom garantiert nicht untergehen.

Ein diplomatischer Rundumschlag, um dem militärischen Enthauptungsschlag vorzubeugen, wie ihn die USA und Israel als letztes Mittel erwägen? Was Mahmud Ahmadinedjad unternimmt, lässt an den Aufbau eines politischen Schutzschilds denken. Er führt vor, dass regionalmächtiger Ordnungssinn auch ohne atomares Rückgrat auskommt. Er hat den Amerikanern voraus, nicht in Länder einzumarschieren, die er nach seinem Bilde zu formen gedenkt, er lässt keine Besatzung errichten und keine Vasallen regieren. Auch wenn niemand weiß, wie sehr ein Kabinett al-Maliki künftig in Teheran angeleint ist. Während sich die Amerikaner den irakischen Dreck von den Stiefeln kratzen und es gut sein lassen, muss der Iran nur zugreifen. Die Ernte von George Bushs Greater Middle East wird eingefahren. Aber ganz anders und von ganz anderen als gedacht. Der desolate Zustand des Irak macht empfänglich für Einflüsse von außen. Mit der Zerschlagung des Baathismus ging auch eine anti-iranische Staatsräson verloren. Mit dem Aufstieg politisierter Schiiten ist der irakische Staat zwar noch keine islamische, aber auch keine säkulare Republik mehr. Das alles zählt zum amerikanischen Nachlass. Verlockender könnte das Menü kaum serviert sein. Es ist kein Atomprogramm, dem der Iran regionalen Machtgewinn verdankt - es sind die USA.

Quelle: der FREITAG vom 21.10.2010. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

Veröffentlicht am

24. Oktober 2010

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