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Internationale Bewegung für friedliche und gerechte Weltordnung verliert mit Hermann Scheer einen ihrer konsequentesten Wegbereiter

Ein politischer Nachruf zum Tod von Hermann Scheer

Von Mohssen Massarrat, 18. Oktober 2010

Hermann Scheer hinterlässt eine Lücke, die niemand wird füllen können. Er wird als ein Pionier für eine epochale Neugestaltung unserer Zukunft in die Menschheitsgeschichte eingehen. Er kämpfte, wie man überall in Deutschland buchstäblich mit eigenen Augen sehen kann, sehr erfolgreich für die Einführung und den Ausbau von erneuerbaren Energietechnologien, insbesondere für die Solartechnik. Er war Getriebener seiner Überzeugung, zu der er in den 1980er Jahren gelangte, dass die dezentrale Sonnenenergie die einzige Alternative ist, um weit über die Bewältigung der technischen und klimaschutzpolitischen Aspekte der Energieversorgung hinaus, auch friedliche und demokratische Strukturen in der Welt aufzubauen.

Hermann Scheer war kein notorischer Antikapitalist, sondern ein Politiker mit einem festen Standbein in der Zivilgesellschaft, der wie kein anderer es verstanden hat, substanzielle und Weichen stellende Reformen im Kapitalismus in Gang zu setzen und für die Durchsetzung von Zukunftsprojekten nicht, wie die meisten Linken, den Sturz des Kapitalismus vorauszusetzen. Er war ein revolutionärer Reformer. Der ideologisch-abstrakte Kampf für einen Systemwechsel war nicht seine Sache. Ihm war es vielmehr wichtiger, sein Solarprojekt schon jetzt und gegen mächtige Allianzen der Öl- und Stromkonzerne und deren Lobbys im Staatsapparat voranzubringen. Dadurch gelang es ihm auch, überall und über Parteien und Klassen hinweg Mitstreiter für ein hegemoniales Gegenprojekt zu gewinnen und das solare Projekt in die Mitte der Gesellschaft zu schieben. Genau das war m. E. auch das Geheimnis seines Erfolges im Parlament, in der SPD, in Deutschland und auf der weltpolitischen Bühne. Hermann Scheer war ein strategischer Kopf. Sollte man ihm einen Ministerposten anbieten, plauderte er in vertrauter Umgebung, würde er sich, da er keine Lust habe, an Symptomen zu kurieren, nicht für das Umweltministerium, sondern das Bauministerium interessieren. Dort könne man beispielsweise durch Baurecht effizienter Strukturen verändern.

Mit seinem Solarprojekt hat er einen Kampf gegen die Fundamente eines historisch gewachsenen Systems der atomar-fossilistischen Megaanlagen ausgefochten, ohne sich an den Systemrand abdrängen zu lassen. Als die Energiekonzerne auf den nicht mehr aufzuhaltenden Solarzug aufsprangen, stellte sich Hermann Scheer gegen solare Megaprojekte der Konzerne und den Import von Solarstrom aus Nord-Afrika. Er plädierte stattdessen unbeirrt für dezentrale Formen der Energieversorgung. Ihm ging es nicht allein um saubere Energie für die Zukunft, sondern auch um Wirtschaftsdemokratie, um Autonomie, um eine andere Gesellschaft.

Ohne Hermann Scheer hätte es das Erneuerbare Energiegesetz nicht gegeben, ohne ihn hätte es IRENA, die International Renewable Energy Agency, die inzwischen zu einer UN-Institution avanciert ist, auch nicht gegeben. Von Anfang an dachte er in internationalen Dimensionen. Er teilte auch die Überzeugung, dass der globale Ausbau der erneuerbaren Energien mit der globalen Reduktion fossiler Energien und der Einbindung der OPEC-Staaten einhergehen müsste. Dennoch entschied er sich dafür, zuallererst das solare Projekt nach allen Seiten auch institutionell zu festigen.

Die internationale Bewegung für eine friedliche und gerechte Weltordnung verliert mit Hermann Scheer einen ihrer konsequentesten Wegbereiter.

 

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Veröffentlicht am

18. Oktober 2010

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