Lebenshaus Schwäbische Alb - Gemeinschaft für soziale Gerechtigkeit, Frieden und Ökologie e.V.

Ihre Spende ermöglicht unser Engagement

Spendenkonto:
Bank: GLS Bank eG
IBAN:
DE36 4306 0967 8023 3348 00
BIC: GENODEM1GLS



Suche in www.lebenshaus-alb.de
 

Brisantes aus London

Das Internationale Institut für Strategische Studien in London veröffentlicht eine vernichtende Kritik über den Afghanistan-Krieg und fordert seine baldige Beendigung.

Von Eric S. Margolis, Toronto Sun, 14.09.10

Das in London ansässige International Institute for Strategic Studies / IISS (das Internationale Institut für Strategische StudienInfos dazu s http://de.wikipedia.org/wiki/International_Institute_for_Strategic_Studies . , ist der führende Think-Tank der Welt für militärische Angelegenheiten. Dazu gehören bekannte Verteidigungsexperten, pensionierte Offiziere und höhere Militärs aus der ganzen Welt - von den USA und Großbritannien bis nach China, Russland und Indien.

Auch ich war über 20 Jahre lang Mitglied des IISS. Die Berichte des IISS werden sehr ernst genommen, sind normalerweise abwägend und diplomatisch, manchmal aber auch langweilig. Vor zwei Wochen hat das IISS allerdings einen brisanten Bericht über Afghanistan veröffentlicht, der Washington und seine NATO-Verbündeten erschüttern dürfte.Eine Pressemitteilung dazu ist aufzurufen unter http://www.iiss.org/publications/strategic-survey/strategic-survey-2010/press-statement/ .

Der Bericht, der unter Leitung des ehemaligen stellvertretenden Direktors des britischen Auslandsgeheimdienstes MI-6 erarbeitet wurde, besagt, dass die Westmächte die Bedrohung durch Al-Qaida und die Taliban "übertrieben" hätten. Die US-geführte Intervention in Afghanistan habe das ursprüngliche Ziel - Al-Qaida zu zerschlagen und zu beseitigen - aus den Augen verloren und sich stark "aufgebläht". Nach einer ungewöhnlich deutlichen Aussage des IISS ist der US-Krieg in Afghanistan "ein in die Länge gezogenes Desaster".

Erst kürzlich gab CIA-Chef Leon Panetta zu, dass es in Afghanistan heute nur noch etwa 50 Al-Qaida-Mitglieder gibt. Und doch hat US-Präsident Barack Obama die Anzahl der US-Soldaten, die Al-Qaida dort bekämpfen sollen, auf 120.000 verdreifacht.

In dem IISS-Bericht wird auch eingestanden, dass die Anwesenheit der westlichen Truppen in Afghanistan den nationalem Widerstand in Wirklichkeit erst richtig angeheizt hat. Das gleiche Phänomen habe ich schon in 1980er Jahren während der sowjetischen Besetzung Afghanistans beobachten können.

Interessanterweise steht in dem Teil des Berichts, der unter Aufsicht des ehemaligen stellvertretende MI-6-Chefs Nigel Inskster erstellt wurde, dass auch in anderen Ländern - namentlich in Somalia und im Jemen - kaum eine Bedrohung durch Al-Qaida besteht. Trotzdem hat Washington gerade in diesen von Unruhen heimgesuchten Ländern den Kampf gegen Al-Qaida verstärkt.

Seine sonst übliche Zurückhaltung aufgebend, teilt das IISS mit, es habe diese Warnungen ausgesprochen, weil der sich verschärfende Krieg in Afghanistan dem Sicherheitsbedürfnis des Westens schade, da er seine führenden Politiker von der globalen Finanzkrise und der vom Iran ausgehenden Gefahr ablenke und zu viel des knappen Geldes koste, das anderswo dringender gebraucht werde.

Die Empfehlungen des IISS dürften Obama, dem neuen britischen Premierminister David Cameron und den Regierungschefs anderer US-Verbündeter, die Truppen in Afghanistan haben, nicht gefallen. Der IISS-Bericht widerlegt alle Argumente, mit denen sie die Fortsetzung des immer unpopulärer werdenden Krieges zu begründen versuchen. Er stützt hingegen die Behauptungen der Skeptiker, der Konflikt in Afghanistan hätte mit Öl zu tun, solle China aus dieser Region fernhalten und die Überwachung des Atomwaffen-Staates Pakistan ermöglichen.

Der IISS-Bericht schlägt sogar vor, die westlichen Besatzungstruppen sollten sich aus dem Afghanistan-Krieg zurückziehen und sich darauf beschränken, nur Kabul und das nördliche Afghanistan zu halten, das größtenteils von Tadschiken und Usbeken besiedelt ist.

Das südliche Afghanistan, das traditionell von den Taliban beherrscht wird, sollten die westlichen Truppen räumen und sich selbst überlassen. Den Taliban müsse erlaubt werden, ihre Hälfte des Landes selbst zu verwalten, bis die Errichtung eines lose verbundenen, dezentralisierten Bundesstaates möglich sei. Fast genau so war Afghanistan schon vor der sowjetischen Invasion im Jahr 1979 strukturiert.

Inzwischen wendet sich das Kriegsglück in Afghanistan gegen die immer stärker wankenden westlichen Besatzungstruppen. Der von den USA eingesetzte Staatschef Hamid Karzai bereitet sich ganz offen auf direkte Friedensgespräche mit den Taliban und deren Verbündeten vor - gegen den erklärten Willen der USA, Großbritanniens und Kanadas.

Die Kräfte, welche die afghanische Regierung stützen, werden zunehmend demoralisiert. Nur die tadschikischen und usbekischen Milizen und die afghanische kommunistische Partei, die von Indien, Russland und dem Iran unterstützt werden, wollen den Kampf gegen die den Paschtunen entstammenden Taliban fortsetzen.

Talibanführer Mullah Omar hat letzte Woche öffentlich verkündet, dass die westlichen Besatzer den Krieg bald verlieren werden. Er könnte recht behalten, denn für das US-Marionettenregime in Kabul und seine westlichen Verteidiger läuft es nicht gut. Sogar die hochgejubelte US-Offensive bei Marjah, die den Widerstand der Taliban brechen sollte, war ein beschämender Misserfolg.Siehe dazu auch http://www.luftpost-kl.de/luftpost-archiv/LP_10/LP08210_250310.pdf . Nur die Verluste unter der Zivilbevölkerung durch US-Bombenangriffe steigen weiter an.

Nicht nur die Europäer haben den Afghanistan-Krieg satt. Nach neuesten Umfragen lehnen ihn auch 60 Prozent der US-Amerikaner ab.

Der explosive IISS-Bericht folgt dem dramatischsten Teil der ebenfalls in Großbritannien durchgeführten Chilcot-Untersuchung über die Ursprünge der Irak-Invasion auf dem Fuß. Siehe http://www.spiegel.de/thema/chilcot_kommission/ . Baroness Manningham-Buller, die frühere Chefin des britischen Inlandsgeheimdienstes MI-5, bezeugte, dass die Regierung Blair den Krieg gegen den Irak durch ein Gemenge aus Lügen und gefälschten Beweisen ausgelöst habe. Was der Westen "Terrorismus" nenne, sei hauptsächlich durch die westlichen Überfälle auf Afghanistan und den Irak verursacht worden, fügte sie hinzu.

Die Wahrheit über die Kriege im Irak und in Afghanistan kommt endlich heraus.

Afghanistan könnte sich erneut als "Friedhof der Imperien" erweisen.

Eric S. Margolis war Mitherausgeber der TORONTO SUN-Zeitungskette und schreibt hauptsächlich über den Mittleren Osten und Süd-Asien. Weitere Infos zu Eric S. Margolis sind aufzurufen unter http://en.wikipedia.org/wiki/Eric_Margolis .

Quelle: Luftpost vom 28.09.2010. Originalartikel:  Bombshell from London . Übersetzung: Wolfgang Jung.

Fußnoten

Veröffentlicht am

01. Oktober 2010

Artikel ausdrucken

Weitere Artikel auf der Lebenshaus-WebSite zum Thema bzw. von