Lebenshaus Schwäbische Alb - Gemeinschaft für soziale Gerechtigkeit, Frieden und Ökologie e.V.

Ihre Spende ermöglicht unser Engagement

Spendenkonto:
Bank: GLS Bank eG
IBAN:
DE36 4306 0967 8023 3348 00
BIC: GENODEM1GLS



Suche in www.lebenshaus-alb.de
 

Arundhati Roy: “Schreiben ist eine Art Kampf”

Ein Besuch bei der indischen Schriftstellerin und Friedensaktivistin Arundhati Roy in DelhI

Von Gerhard Klas 

Für die indischen Eliten ist Arundhati Roy ein "enfant terrible". Dazu hat in geringerem Umfang ihr internationaler Erfolgsroman "Der Gott der kleinen Dinge", für den sie 1997 den renommierten Booker-Preis erhielt, beigetragen. Viel mehr waren es jedoch ihre vielen politischen Essays und ihr politisches Engagement. "Angefangen habe ich mit den Essays 1998, aus Anlass der Atombombentests in Indien", erzählt Arundhati Roy im Gespräch mit "Neues Deutschland".

Sie wurde 1959 in der nordostindischen Stadt Shillong geboren, wuchs aber im südindischen Bundesstaat Kerala auf, dem Staat, in dem sich 1957 eine Weltpremiere ereignete und erstmals eine kommunistische Partei demokratische Wahlen gewann. Roy war Hippie in Goa, Drehbuchautorin, Schauspielerin und studierte Architektur, unter anderem in Florenz. Sie protestierte gegen Staudammprojekte, war in Polizeigewahrsam und im Gefängnis. Auch für westliche Regierungen ist die Autorin heute eine persona non grata. Denn spätestens seit dem Krieg gegen Afghanistan hat Arundhati Roy ihren Weltruhm genutzt, um eine vehemente Kritikerin der westlichen Wirtschafts- und Militärpolitik zu werden. 

Ein Tanz der Unabhängigkeit

Arundhati Roy lebt in einer Mittelschichtssiedlung im Süden Delhis. Ihre Dachgeschosswohnung mit Terrasse und Blick über die Megacity hat die ehemalige Architektin selbst entworfen. Herausgekommen ist dabei ein Stil, der indische und westliche Innenarchitektur miteinander vereint. Reich verzierte Sitzkissen liegen auf großflächigen Terrakottafliesen, auf der Anrichte in der geräumigen Wohnküche steht eine Espressomaschine und mitten im Arbeitszimmer ein gläserner Schreibtisch. Gemessen an den Möglichkeiten lebt Arundhati Roy in bescheidenen Verhältnissen. 

Eine halbe Million Britische Pfund hat sie Mitte der 90er Jahre als Vorschuss für ihren Roman erhalten. In Indien ist das sehr viel Geld. Einen großen Teil davon hat sie an die Bewegung gegen den Bau des umstrittenen Narmada-Staudammes im Bundesstaat Gujarat gespendet, um den Kampf der ansässigen Bevölkerung gegen Vertreibung zu unterstützen. "Ich bin beschämt, wie viel Geld mein Roman eingebracht hat", sagt die Schriftstellerin, "es ist, als wäre jedes Gefühl im ‘Gott der kleinen Dinge’ für eine Silbermünze gehandelt worden, als hätte ich mich selbst in eine silberne Figur mit einem kalten, silbernen Herzen verwandelt." 

Viel braucht sie nicht für sich selbst, lehnt den Luxus ab und spendet bis heute für politische Initiativen. "Eingeklemmt zu sein in einen engen Kokon von Erfolg, Ruhm und Wohlstand ist für mich ein furchtbarer Albtraum", so Roy. Aber sie will auch von den in Indien starken sozialen Bewegungen, für deren Anliegen sie sich immer wieder einsetzt, nicht instrumentalisiert werden. "Es ist eine Art Tanz, bei dem ich versuche, meine Unabhängigkeit zu wahren, aber dennoch ihre politischen Anliegen zu verstehen und zu unterstützen", beschreibt sie den Balanceakt. "Als Schriftstellerin will ich nicht mit den überbordenden Erwartungen anderer Leute belastet sein. Ich will so frei sein, auch manchmal jemanden zu enttäuschen." 

Im November ist Arundhati Roy fünfzig Jahre alt geworden. Auch wenn sich in ihrem dunklen Haar die ersten grauen Strähnen zeigen, wirkt die Schriftstellerin noch immer jung. Anders als viele ehemals politisch engagierte Schriftsteller in Westeuropa ist sie nicht zur Zynikerin oder gar zur Apologetin der Macht geworden. Sie ist mit einem ganz anderen Problem beschäftigt.

Eigentlich, so hat Arundhati Roy 2007 angekündigt, will sie einen neuen Roman schreiben. Es ist mehr als zehn Jahre her, dass ihr erster und bisher einziger Roman, "Der Gott der kleinen Dinge", veröffentlicht und zum Welterfolg wurde. Sie nimmt sich immer wieder vor, keine Sachtexte zu schreiben. Ihre Erfahrungen, die sie im letzten Jahrzehnt gesammelt habe, setzten Gedanken frei, die den Rahmen eines politischen Essays sprengten. "Manchmal muss man Romane schreiben, weil man gewisse Dinge nur in einer fiktiven Geschichte ausdrücken kann", meint Arundhati Roy. Über den Inhalt ihres neuen Romans wahrt sie Stillschweigen. "Meine politischen Essays entstehen aus Diskussionen mit vielen Menschen, sind gewissermaßen ein Gemeinschaftsprodukt, aber Romane sind ein großes Geheimnis." 

Die Wurzeln des Terrors 

Die politischen Ereignisse lassen ihr kaum Zeit dazu. Sich ihrer Phantasie zu widmen und an ihrem "großen Geheimnis" zu arbeiten, erscheint ihr manchmal als Luxus. Die Wirklichkeit holt sie immer wieder ein: Außergerichtliche Hinrichtungen durch die Polizei, der wachsende Einfluss und die Gewalt der Hindu-Nationalisten gegen Minderheiten in Indien sind die Themen, zu denen sie in ihren Essays Stellung bezieht. 

Der terroristische Angriff auf Mumbai war Gegenstand eines Essays, das nun auch auf deutsch im Fischer Verlag in einem Sammelband mit verschiedenen Essays von Arundhati Roy erschienen ist. In ihrem Mumbai-Essay kritisiert die Autorin einerseits die Destruktivität des Terrors, weist aber auch auf drei unbewältigte Ereignisse in der aktuellen Geschichte Indiens hin, die den Terrororganisationen junge Muslime regelrecht in die Arme treiben: Die militärische Besatzung Kaschmirs, die Zerstörung der Babri Moschee 1992 und das ungesühnte Massaker von Gujarat im Jahre 2002, das mehr als 1000 Muslime mit dem Leben bezahlen mussten. Den in Indien üblichen Vergleich des Angriffs auf Mumbai mit den Anschlägen des 11.September 2001 in New York hält sie für keinen Zufall. "Der Vergleich war bewusst gewählt", ist Arundhati Roy überzeugt, "man hoffte auf die selbe internationale Unterstützung, die damals die USA erhielten, außerdem sollte dieser Angriff von jedem Kontext isoliert werden, so als hätte er sich in einem historischen Vakuum zugetragen, als ginge es ganz einfach um den Kampf ‘Gut gegen Böse’." 

Salman Rushdie, ebenfalls Träger des Booker-Literaturpreises, kritisierte ihren Essay. Sie wecke die Illusion, "der Terrorismus würde von der Welt verschwinden, wäre einmal die Ungerechtigkeit beseitigt", polemisierte er auf einer Literatenveranstaltung zu den Anschlägen in den USA. Außerdem warf er ihr vor, die Opfer in den Luxushotels geringzuschätzen. Dabei hatte Roy nur die gegenüber vorherigen Anschlägen überproportionale Aufmerksamkeit der indischen und internationalen Medien kommentiert. Erstmals habe der Terror auch "vor den glitzernden Empfangshallen der Fünf-Sterne-Hotels nicht halt gemacht", so die Autorin, "auf einmal bedeuteten die Toten etwas - normalerweise sind sie nur Ziffern."

Verhasst ist Arundhati Roy den Hindu-Nationalisten der Indischen Volkspartei BJP, der größten indischen Oppositionspartei. Deren Spitzenkandidat Lal Krishna Advani forderte auf Wahlkampfveranstaltungen sogar das Verbot eines ihrer Bücher. Sie hatte sich für ein Unabhängigkeits-Referendum in Kaschmir ausgesprochen - für indische Nationalisten ein Sakrileg. In Kaschmir ist eine halbe Million indischer Soldaten und Paramilitärs stationiert, Gewalt gegen die Zivilbevölkerung ist an der Tagesordnung. Ein Grund für Arundhati Roy, das Wort und die Schreibfeder zu ergreifen. 

"Spätestens nachdem ich Kaschmir besucht hatte, musste ich meinen Gefühlen einfach Ausdruck verleihen. Ich schäme mich dafür, was dort auch in meinem Namen der Bevölkerung angetan wird", sagt die indische Staatsbürgerin. Sie war im August 2008 in Kaschmir, als dort ein Aufstand im vollen Gange war. "Alle waren auf den Straßen, auch Kinder und Frauen, und riefen im Sprechchor ‘Azadi’." Der Begriff bedeutet Würde. Er ist der Ruf nach Unabhängigkeit in Kaschmir, nach Souveränität und Selbstbestimmung. "Ich fühlte, mein Schreiben bliebe unvollständig, würde ich nicht meine Meinung dazu äußern." Als sie es tat, waren die Reaktionen heftig. "In sämtlichen Fernsehprogrammen hieß es, jetzt hätte ich die Grenze endgültig überschritten, und alle Politiker - von BJP bis Kongress-Partei - forderten, mich ins Gefängnis zu stecken und den Schlüssel zur Zelle gleich wegzuwerfen, ich sei eine Verräterin", berichtet Roy und lächelt. "Ich trage das als Ehrenauszeichnung. Es würde mich beunruhigen, wenn sie aufstehen und Beifall klatschen würden." 

Anwältin der indigenen Völker

Auch mit ihrem jüngsten Essay polarisiert sie wieder, hat Tausende von Bloggern - Gegner und Unterstützer - zum Schreiben animiert. Es wurde am 27.März dieses Jahres im britischen "Guardian" veröffentlicht und findet sich nicht in ihrer deutschsprachigen Essaysammlung "Aus der Werkstatt der Demokratie". Arundhati Roy reiste durch den sogenannten "Roten Korridor" in Zentralindien und besuchte die maoistischen Rebellen, die sich dort in den Wäldern versteckt halten. Manmohan Singh, der indische Premier, bezeichnet diese Rebellen als Terroristen und die "größte Bedrohung der inneren Sicherheit". Arundhati Roy ging bei ihrer Reise den Hintergründen des bewaffneten Konflikts nach. Ihr Ergebnis: Während der vergangenen fünf Jahre haben die Regierungen von Chhattisgarh, Jharkhand, Orissa und Westbengalen hunderte von vertraulichen Vorverträgen mit Konzernen abgeschlossen, mehrere Milliarden Dollar wert, über Stahl- und Kraftwerke, Aluminiumfabriken, Dämme und Bergwerke. "Damit diese Verträge bare Münze werden, müssen die indigenen Völker von dort verschwinden - deshalb dieser Krieg", so ihr Resümee. 

Genau aus diesen indigenen Völkern, zu denen viele Millionen Menschen in den genannten Bundesstaaten zählen, rekrutieren sich die maoistischen Rebellen. Arundhati Roy, die Gewalt persönlich ablehnt, zeigt Verständnis für ihre ausweglose Situation. Der amtierende Innenminister hat all denjenigen strafrechtliche Verfolgung angedroht, die Maoisten "intellektuell oder materiell unterstützen". Das ficht Arundhati Roy nicht an. 

Die Schriftstellerin ist nicht primär auf der Jagd nach Rezensionen, Auszeichnungen und Preisen. "Schreiben bedeutet für mich: Den Puls zu fühlen, den blanken Nerv. Es ist eine Art Kampf, und zwar ein sehr lebendiger." 

Quelle: Neues Deutschland vom 10.06.2010. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Gerhard Klas. 

Veröffentlicht am

18. August 2010

Artikel ausdrucken

Weitere Artikel auf der Lebenshaus-WebSite zum Thema bzw. von