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Killing Fields der Multis

26 Jahre nach der Tragödie im indischen Bhopal

Von Vandana Shiva, 20.07.2010 - ZSpace

Der tragische Giftgasunfall in Bhopal (Indien) war die größte Industrie-Katastrophe der Menschheitsgeschichte. 25.000 Menschen starben, 500.000 wurden verletzt. Das Unrecht, das den Opfern von Bhopal in den vergangenen 25 Jahren angetan wurde, wird als der übelste Fall von ‘Rechtsprechung’ in die Geschichte eingehen.

Im Dezember 1984 kam es in einer Pestizid-Fabrik im indischen Bhopal, die dem (amerikanischen) Unternehmen Union Carbide/Dow Chemical gehörte, zu einem Gasleck. In der Anlage wurde "Carabaryl" (Handelsname: ‘Sevin’) hergestellt, ein Pestizid, das vor allem beim Baumwollanbau Verwendung fand. Im Grunde haben mich die Tragödie von Bhopal und die tragischen extremistischen Ausschreitungen, die darauf folgten, wachgerüttelt, und ich erkannte, dass die Landwirtschaft zum Schlachtfeld (war zone) geworden war.

Pestizide sind chemische Kriegsverbrecher. Sie töten. Jahr für Jahr sterben weltweit 220.000 Menschen an Pestiziden.

Ich forschte und fand heraus, dass wir die giftigen Pestizide gar nicht brauchen - Pestizide, die Menschen und andere Lebensformen, die das Netz des Lebens weiterspinnen, töten. Schädlingskontrolle durch Pestizide funktioniert nicht - denn Pestizide töten Nützlinge. Es gibt sanftere und sichere Alternativen, wie beispielsweise die Neem-Pflanze. Aus diesem Grunde startete ich zu der Zeit als das Unglück in Bhopal passierte eine Kampagne: ‘Keine Bhopals mehr, pflanzt einen Neem’. 1994 legte sich die Neem-Kampagne mit der Biopiraterie an. Ich hatte nämlich herausgefunden, dass sich der US-Multi W.R. Grace die Neem-Pflanze - als Pestizid und Fungizid (chemisches Mittel gegen Pilzbefall bei Pflanzen) - hatte patentieren lassen. In Tumkur/Karnataka ließ er eine Fabrik zur Gewinnung von Neem-Öl bauen. 11 Jahre lang kämpften wir vor Gericht gegen die Biopiraterie und gewannen schließlich: Das Patent - ein Akt der Biopiraterie - wurde für ungültig erklärt.

In der Zwischenzeit mutierte die alte Pestizid-Industrie zur Biotech- und Genengineering-Branche. Sie warb damit, dass die Genmanipulation angeblich eine Alternative zum Einsatz von Pestiziden sei. Die (genveränderte) Bt-Baumwolle wurde eingeführt und sollte Pestizide überflüssig machen. Doch die Bt-Baumwolle wurde nicht mit der Baumwollkapselraupe fertig. Stattdessen lockte sie auch noch neue Schädlinge an und führte so zum vermehrten Einsatz von Pestiziden.

Das teure, genetisch veränderten (GM-)Saatgut und die Pestizide treiben die Bauern in die Verschuldung. Verschuldete Bauern bringen sich um. Zählt man die 200.000 indischen Bauern, die sich getötet haben, zu den 25.000 Opfern von Bhopal hinzu, so erkennt man, dass hier ein massiver Genozid durch die Konzerne stattfindet: Menschen werden für Superprofite getötet. Und damit die Profite so hoch bleiben, erzählen sie die Lüge, dass es ohne Gen Manipulierte Organismen (GMOs) und ohne Pestizide keine Nahrung gäbe. Doch eine Untersuchung der Vereinten Nationen, die ‘International Assessment of Agricultural Science and Technology for Development’ (Internationale Bewertung der Agrarwissenschaft(en) und -technologie(n) für die Entwicklung), kam zu dem Schluss, dass der ökologisch-organische Landbau mehr und bessere Lebensmittel erzeugt - und kostengünstiger - als GMOs oder die chemische Landwirtschaft.

Die agrochemische Landwirtschaft - und ihr neuer Avatar, die Biotech-Industrie - verdrehen nicht nur die Wissenschaft und das Wissen und manipulieren die öffentliche Politik, sie manipulieren darüber hinaus auch die Gesetze und das Justizsystem. Warum wurde den Opfern von Bhopal kein Recht zuteil? Weil die Konzerne sich ihrer Verantwortung entziehen wollen. ‘Frei von Verantwortung’ ist die eigentliche Übersetzung von ‘Freihandel’. Was in Bhopal geschah, ist in doppeltem Sinne eine Tragödie. Das Unglück von Bhopal ereignete sich zu einem Zeitpunkt, als die Konzerne nach Deregulierung und Haftungsfreiheit strebten. Die Instrumente dafür waren "Freihandel", "Handelsliberalisierung" und "Globalisierung". Das erreichte man einerseits, indem man bilateralen Druck erzeugte und andererseits durch das GATT-Abkommen (‘General Agreement on Tariffs and Trade’ (Generelles Abkommen über Zölle und Handel), das in der ‘Uruguayer Runde’ verabschiedet wurde. So entstand die Welthandelsorganisation (WTO).

Aus den Ungerechtigkeiten im Falle Bhopal zogen die Konzerne die Lehre, dass sie mit Mord durchkommen könnten. Diese Botschaft vermittelten hochrangige Politiker dem (US-Chemieunternehmen) Dow Chemical, und diese Botschaft konstatierte am 11. Juni 2010 auch die indisch-amerikanische Kommission (‘Commission for Environmental Cooperation’) - ein Forum, das im Kontext von Forderungen aus ganz Indien nach Gerechtigkeit für die Opfer von Bhopal, eingerichtet worden war. Eine Zeitung kommentierte: Bhopal würde als "Hindernis auf dem Weg, als Hemmnis für den Handel" gesehen, "… unter anderem wird empfohlen, den blockierten Weg für den kommerziellen Handel (Indiens) frei zu machen und Haftungsregeln für die Atomkraft einzuführen".

Seit Bhopal ist die Verweigerung von Gerechtigkeit zur Grundlage sämtlicher toxischer Investitionen geworden - sei es Bt-Baumwolle, sei es die DuPont-Nylonfabrik oder das Haftungsgesetz für die zivile Atomenergie (‘Civil Nuclear Liability Bill’).

Die Opfer von Bhopal wurden mit lächerlichen 12.000 Rupien (rund $250) pro Person abgefunden. Das neue Atomgesetz (siehe oben) will die Haftung auf maximal $100 Millionen - im Falle einen atomaren Unfalls in einem privat betriebenen Kernkraftwerk - begrenzen. Wieder einmal können Menschen sterben, ohne dass Konzerne zahlen müssen.

In Indien wird eingehend über das Thema GMOs diskutiert. 2009 versuchte Monsanto/Mahyco Bt-Brinjal einzuführen. Nach öffentlichen Anhörungen in ganz Indien kam ein Moratorium bezüglich der Kommerzialisierung dieser genmanipulierten Pflanze zustande. Kurz nach diesem Beschluss brachte die Biotech-Regulierungsbehörde von Indien einen Gesetzesvorschlag ein. Dieser sieht nicht nur vor, die Biotech-Industrie von jeder Haftung zu entbinden, es enthält auch eine Klausel, die der Regierung das Recht einräumen würde, jene von uns, die die Sicherheit und Notwendigkeit genmanipulierter Organismen infrage stellen, verhaften zu lassen und mit Geldstrafen zu belegen.

Bhopal, Pestizide, GMOs und Atomanlagen. Zwei Lehren können wir daraus ziehen. Erstens: Um des Profites und nur des Profites willen führen Konzerne hochgefährliche Technologien - wie Pestizide und GMOs - ein. Die zweite Lektion bezieht sich auf den Handel: Konzerne wollen ihre Märkte ausweiten und hochgefährliche Technologien, die mit hohen Umweltkosten verbunden sind, ins Ausland verlagern - in Länder wie Indien.

Konzerne wollen die Produktion globalisieren, nicht jedoch Gerechtigkeit und Rechte.

Union Carbide/Dow Chemical wurden im Falle Bhopal anders behandelt als BP im Falle des Öllecks im Golf von Mexiko. Das zeigt, dass hier Apartheid geschaffen wird.

Die Entwertung des Lebens der Menschen in der so genannten ‘Dritten Welt’ und der Ökosysteme ist Teil des Globalisierungsprojekts. Die Globalisierung führt dazu, dass Umweltverschmutzung, gefährliche Substanzen bzw. Technologien outgesourct werden - in die ‘Dritte Welt’. Das ist der Kern der Globalisierung - der Ökonomie des Genozids.

Lawrence Summers, ehemaliger Chefökonom der Weltbank und heutiger ‘Chefberater in Wirtschaftsangelegenheiten’ der Obama-Administration, schrieb in einem Memo mit Datum vom 12. Dezember 1991 an einige hochrangige Mitglieder der Weltbank: "Nur zwischen Ihnen und mir gesagt: Sollte die Weltbank nicht stärker dazu ermutigen, dreckige Industrien in die weniger entwickelten Länder zu verlagern?"

In der ‘Dritten Welt’ sind die Löhne niedriger. Daher sind auch die Kosten für Umweltverseuchungen - die Krankheit und Tod erzeugen -, in den ärmsten Ländern am geringsten. Laut Mr. Summers ist die Logik "der Verlagerung der Umweltverschmutzer in die ärmsten Länder unschlagbar, (und) das sollten wir uns klarmachen".

Aus all dem - und aus dem Fall Bhopal - sollten wir die Lehre ziehen, dass wir unsere Menschlichkeit - die universelle und allgemeine Eigenschaft, Mensch zu sein -, wieder einfordern müssen und eine Weltdemokratie aufbauen, in der wir alle gleich sind und in der Konzerne nicht davonkommen, wenn sie Verbrechen gegen Menschen oder gegen den Planeten begehen.

 

Vandana Shiva ist eine indische Umweltschützerin, Bürgerrechtlerin und Feministin. Sie gewann 1993 den Alternativen Nobelpreis, weil sie "Frauen und Ökologie im Zentrum des modernen Diskurses um Entwicklungspolitik platziert" habe.

 

Quelle: ZNet Deutschland vom 24.07.2010. Originalartikel: The Killing Fields Of Multi-National Cooperations . Übersetzt von: Andrea Noll.

Veröffentlicht am

26. Juli 2010

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