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Zur Entlassung des US-Kommandeurs für Afghanistan, General McChrystal: Die Bandbreite reicht von “großer Mann” bis “Aufschneider”

Von Norman Solomon, 24.06.2010 - ZNet

Wenn ein Auto seine Räder verliert, nützt es wenig, den Fahrer auszutauschen.

Wie immer der kommandierende General in Afghanistan heißt, Amerikas Krieg dort wird weitergehen - erfolglos und grauenhaft.

Zwischen den Zeilen einiger Nachrichten kann man es lesen. Wenige Stunden vor General McChrystals Treffen mit Präsident Obama am Mittwoch, berichtete die ‘New York Times’ "der Feuersturm wurde geschürt durch wachsende Zweifel, selbst innerhalb des Militärs, ob Afghanistan gewonnen werden kann, sowie durch die bröckelnde öffentliche Unterstützung, angesichts der wachsenden Zahl amerikanischer Opfer in diesem nun neunjährigen Krieg".

Da nützt es McChrystal auch wenig, dass die Nachrichtenmedien alles Positive an ihm hervorgehoben haben: seinen spartanischen, persönlichen Lebensstil (er schläft und isst kaum), seine physische Stärke (er rennt viel) und sein Schatzkästlein an Büchern über Militärgenies und Gelehrte (er liest Geschichte!). Jeder Mensch ist ersetzbar.

Seit Monaten war McChrystals Stern auf Schleuderkurs. Bereits Tage vor der Veröffentlichung des ‘Rolling-Stone’-ArtikelsAnmerkung d. Übersetzerin: ‘The Runaway General’, ein Essay von Michael Hastings über General McChrystal im ‘Rolling Stone’. Sie finden diesen Artikel auch online http://www.rollingstone.com/politics/news/17390/119236 ., der McChrystal nun so plötzlich vom glorreichen Kriegsthron stürzt, schrieb die Wetterfahne des ‘Time Magazine’, Joe Klein - ein mit gesundem Menschenverstand begabter Mensch - bemerkenswert Negatives über McChrystals Erfolge: "Sechs Monate, nachdem Barack Obama bei einer Rede in Westpoint seine neue Afghanistan-Strategie verkündete, scheint die Politik in der Sackgasse zu sein".

Mittlerweile werden Worte wie "Sackgasse" oder "Patt/Stillstand" insgesamt häufiger verwendet - im Zusammenhang mit dem Afghanistan-Krieg. Das heißt noch lange nicht, dass der Abzug des US-Militärs in irgendeiner Weise näher gerückt wäre.

Der (verstorbene, langjährige, hochangesehene, amerikanische TV-Nachrichtenkommentator) Walter Cronkite benutzte den Begriff ‘Patt’ (stalemate) in seiner berühmten Erklärung an die CBS-ZuschauerInnen im Februar 1968, als er sagte, der Vietnamkrieg sei nicht zu gewinnen. "Zu oft wurden wir schon durch den Optimismus der Führer Amerikas enttäuscht - sowohl in Vietnam als auch in Washington - so dass wir nicht länger an die Silberstreifen glauben, die sie noch in den schwärzesten Wolken finden wollen". Und weiter: "Heute scheint es sicherer denn je, dass die blutige Erfahrung ‘Vietnam’ in einem Patt enden wird".

Und doch ging der US-Krieg in Vietnam noch fünf Jahre weiter - mit neuen unaussprechlichen Greueln, in großem Maßstab.

Wie Tausende andere US-Aktivisten warne auch ich schon seit langem vor einer Ausweitung des Krieges in Afghanistan. Die Opposition (gegen den Krieg) ist gewachsen. Allerdings unterscheidet sich die heutige Situation nicht sehr von der, die ich in meinem Artikel vom 9. Dezember 2008 beschrieben habe: "Der felsenfeste Glaube an die massiven Fähigkeiten des Pentagon, Gewalt auszuüben, schwingt in den Bekenntnissen der gesalbten Außenpolitikexperten mit. Die Echokammer wirft das Echo zurück: Der Krieg in Afghanistan ist den Preis wert, den die anderen zahlen."

In den aktuellen Geschehnissen spiegeln sich die ungeschriebenen Gesetze der Militärkommandeure wider: Einen furchtbaren Krieg auszuweiten ist fein - aber sag bloß nichts Fieses über deinen Boss.

Doch der tiefgründigste Aspekt des Rolling-Stone-Artikels hat nichts mit General McChrystal persönlich zu tun. Im Grunde sollen oder sollten wir daraus ableiten, dass Amerikas Krieg in Afghanistan ein Desaster ist, für das es keine Lösung gibt, und dass die militärischen Begründungen, die ihn schüren, unbefriedigend sind.

"Anstatt mit dem Truppenabbau im nächsten Jahr anzufangen, wie es Obama versprochen hat, hofft das Militär, seine Counterinsurgency-Kampagne (über diesen Zeitpunkt hinaus) weiterführen zu können", steht in dem Artikel des ‘The Rolling Stone’. Doch Counterinsurgency hat nur dazu geführt, dass ein unendlicher Bedarf nach jenem Produkt entstanden ist, das das Militär in erster Linie liefert, nämlich Krieg ohne Ende".

Der Artikel aus der Feder der Redaktion der ‘New York Times’ erschien wenige Stunden, bevor sich General McChrystal und der Commander-in-Chief Obama im Weißen Haus trafen. Er endet mit klaren, grimmigen, pathetischen Worten: "Was immer Obama mit General McChrystal tun wird, er muss seine Afghanistanpolitik in den Griff bekommen und zwar jetzt".

Die Redaktion der ‘New York Times’ ist nicht anders wie viele andere Medien-Redaktionen in den USA auch. Die Menschen in diesen Redaktionen glauben an den Traum von der Counterinsurgency (vom Gegenterror).

Aber all diese handgeschriebenen Bekenntnisse zum Krieg machen nicht so viel Sinn als ein einfacher rot-weiß-blauer Aufkleber auf einer Stoßstange, auf dem steht: ‘Diese Farben bewegen nicht… die Welt’ (These colors don’t run… the world)

Nun gibt es eine wilde Kontroverse darüber, ob ein außer Kontrolle geratener General verabschiedet werden soll. Doch die schreiende Notwenigkeit, auf die man sich eigentlich konzentrieren sollte, lautet: Es geht darum, diesen außer Kontrolle geratenen Krieg zu verabschieden.

Norman Solomon ist ein amerikanischer Journalist, Medienkritiker und Antikriegs-Aktivist.

Quelle: ZNet Deutschland vom 24.06.2010. Originalartikel:  From Great Man to Great Screwup: Behind the McChrystal Uproar . Übersetzt von: Andrea Noll.

Fußnoten

Veröffentlicht am

24. Juni 2010

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