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Daniel Berrigan: Ein Blick zurück in Dankbarkeit

Daniel Berrigan ist Jesuit, der durch die spektakulären Aktionen gegen den Vietnamkrieg bekannt wurde. Am 17. Mai 1968 hat er zusammen mit seinem Bruder Philip Einberufungsbescheide für das Militär verbrannt. Seitdem kämpft er gegen Armut und Gewalt, schreibt Bücher, unterrichtet an Universitäten und organisiert Seminare. Er ist innerhalb der katholischen Kirche in den USA eine der wichtigsten pazifistischen Stimmen. George M. Anderson, S.J. hat sich mit Daniel Berrigan über dessen Leben unterhalten.

Von George M. Anderson 

"Wofür sind Sie am meisten dankbar, wenn Sie auf Ihr langes Leben zurückblicken?" fragte ich den 88-jährigen Daniel Berrigan, S.J. Wir saßen letzten Dezember in seinem lichtdurchfluteten Wohnzimmer in der Residenz der Jesuiten in Manhattan, wo er seit 1975 lebt. Sofort antwortete er: "Meine jesuitische Berufung." - "Irgendetwas, was Sie bedauern?", fragte ich. "Ich hätte die Dinge, die ich getan habe, eher tun können, wie Catonsville", antwortete er. Diese historische Aktion des Verbrennens von Einberufungsunterlagen fand auf dem Parkplatz eines Rekrutierungsbüros der US-Armee in Catonsville, einem Vorort von Baltimore/Maryland am 17. Mai 1968 statt. Es war eine der ersten und dramatischsten von etlichen Demonstrationen für den Frieden, an denen Berrigan über die Jahre hinweg teilnahm. An diesem Tag handelte er gemeinsam mit acht anderen, von denen einer sein Bruder Philip war, Kriegsveteran und Josephiten-Priester; im Oktober wurde diese Gruppe, bekannt als die "Neun von Catonsville", vor Gericht gestellt. Während sie auf Kaution frei auf ihren Prozess warteten sprachen die beiden Berrigans in der St. Ignatius-Kirche in der Nähe des Gefängnisses von Baltimore. In jenem Jahr war ich dem Noviziat der Jesuiten in Wernersville/Pennsylvania beigetreten, und der Novizenmeister fuhr mit mir dort runter, um diese beeindruckende Präsentation zu hören. 

Zum Verbrennen der Einberufungsakten benutzten die Neun von Catonsville Napalm, die klebrige entflammbare Substanz, die während des Vietnamkriegs das Fleisch vietnamesischer Frauen, Männer und Kinder verbrannt hatte. "Philip hatte die Idee," sagte Berrigan. "In der Abteilung über Militär der Bibliothek der Georgetown Universität fand ein Freund eine Ausgabe des Handbuchs der Kampftruppe der ‘Green Berets’ mit einer Anleitung, wie Napalm aus Seife und Kerosin hergestellt werden konnte." Vor den erstaunten Augen der Angestellten der Einberufungsbehörde nahmen mehrere aus der Gruppe die Akten aus einem mit A1 gekennzeichneten Schrank und trugen sie auf den Parkplatz hinaus, weil, so Berrigan, "wir niemanden innerhalb des Büros gefährden wollten".

Ein Dichter entwickelt sich

In Berrigans früherem Leben deutete nichts auf die dramatische Wende der späteren Jahre hin. Während er im Staat New York aufwuchs trug er sich früh mit Gedanken an eine religiöse Berufung. Er erwähnte seine Faszination an einer vierbändigen Ausgabe eines der Bücher, die sein Vater besaß, mit dem Titel "Pionier-Priester Nordamerikas", das Berichte von Jesuitenmissionaren wie dem Heiligen Isaac Jogues einschloss. Vor seinem Abschlussjahr in der High School fragte ihn Jack St. George, ein enger Freund seit Kindheitstagen, der schon den Entschluss zu einem Ordensleben gefasst hatte: "Wann entscheidest du dich?" Sie trafen ein Abkommen: jeder von ihnen würde an vier religiöse Kongregationen schreiben und um Informationen bitten. "Einige schickten hübsche Broschüren, die Tennisplätze und Swimming-Pools zeigten", so Berrigan. "Die Jesuiten schickten jedoch ein unattraktives Faltblatt, keine Fotos, keine werbende Sprache, nur eine kurze Beschreibung der Ausbildung unter dem Titel ‘Wie ein Jesuit geformt wird’." Beide bewarben sich bei den Jesuiten und gingen am gleichen Tag, am 14. August 1939, ins Noviziat. Jack schlug eine Karriere bei Radio Vatikan ein und Dan begann schließlich, an Jesuitenschulen zu unterrichten. 

Das Schreiben wurde ebenfalls zum wichtigen und dauerhaften Bestandteil von Berrigans Arbeit. Seine Aktivitäten als Dichter sind weniger bekannt als die als Friedensaktivist, doch hat die Dichtung eine bedeutende Rolle in seinem Leben gespielt. In den frühen vierziger Jahren, als Berrigan Student am Jesuitenkolleg St. Andrew-on-Hudson in der Nähe von Poughkeepsie im Staat New York war, erschien sein erstes Gedicht in unserer Zeitschrift "America". "Darauf war ich sehr stolz," vertraute er mir an. 

Als ich nach dem Interview in die Redaktion von "America" zurückkehrte fand ich das Gedicht in der Ausgabe vom 13. Juni 1943; es heißt "Sturmgesang", ein Lobgesang auf die Jungfrau Maria. Etwa eine Dekade später bat ihn ein Herausgeber bei Macmillan, der von Berrigans Poesie gehört hatte, um eine Sammlung seiner Gedichte. Er teilte Berrigan mit, er würde sie der "kritischsten Leserin" bei Macmillan geben, und falls die Rückmeldung gut wäre, "werden wir sie veröffentlichen". Es stellte sich heraus dass diese Leserin Marianne Moore war, eine äußerst anerkannte Dichterin, die das Manuskript in höchsten Tönen lobte. Das führte 1953 zum Erscheinen von Berrigans erstem Gedichtband, "Time Without Number", der 1957 den Lamont-Preis für Dichtung gewann.

Ein Foto aus dieser Zeit zeigt Berrigan als jungen Priester zusammen mit Mitgliedern der katholischen Poesie-Gesellschaft. Es wurde im Lotos-Club in Manhattan aufgenommen, als Schwester Mary Madaleva, bekannte Lehrerin und Dichterin am St. Mary’s College in Indiana, dort einen Preis aus der Hand des New Yorker Kardinals Francis Spellman entgegen nahm. Seit jener Zeit sei irgendeine Form von Schreiben immer Teil seines Lebens gewesen, bemerkte Berrigan. "Eine Art täglicher Übung", meinte er, oft in Form eines Tagebuchs. In den letzten drei Jahrzehnten hat er die hebräische Bibel, das Alte Testament, studiert und darüber geschrieben; viele der Ergebnisse sind im Verlag Eerdmans erschienen. 

Während seines Aufenthalts im Bundesgefängnis von Danbury, Connecticut, wegen seiner Beteiligung an der Aktion der Neun von Catonsville schrieb er ein eher autobiographisches Buch, "Lights in the House of the Dead" (erschienen 1974). Blatt für Blatt schmuggelte er die handgeschriebenen Seiten aus dem Gefängnis. Zu diesem Zeitpunkt war Berrigan schon eine Person, die der Presse gut bekannt war; folgerichtig waren die Vollzugsbeamten "sehr besorgt in Hinsicht auf alles, was ich schreiben könnte", wie er erklärte. "Ich musste sehr kleine Buchstaben schreiben und dann auf einen Besucher warten, der die Seiten herausschmuggeln konnte." Es war ihm gestattet, Besucher zu umarmen, was es ihm ermöglichte, ihnen einige Seiten unbeobachtet in die Hand zu stecken. Sie gaben die Blätter an jesuitische Freunde weiter, die sie seinem Verleger Doubleday schickten.

Berrigan schrieb sogar als ihn FBI-Agenten suchten, nachdem er 1970 in den Untergrund gegangen war und bevor er schließlich verhaftet und anschließend in Danbury eingekerkert wurde. "Ich wusste, dass ich früher oder später gefasst werden würde, aber ich wollte so lange wie möglich die Aufmerksamkeit auf den Vietnamkrieg und Nixons Befehl militärischen Eingreifens in Kambodscha lenken", sagte Berrigan. Mehrere Monate lang versteckte Robert Coles, Harvard-Professor und persönlicher Freund, Berrigan in seinem Haus. Gemeinsam schrieben sie "The Dark Night of Resistance". Es waren jedoch zwei FBI-Agenten, die sich als Vogelkundler getarnt hatten, die Berrigan schließlich im Haus des Sozialaktivisten und Laientheologen William Stringfellow auf der Insel Block Island (Bundesstaat Rhode Island) gefangen nahmen. "Eines Tages schaute Bill aus dem Fenster und sah zwei Männer mit Ferngläsern, die so taten, als würden sie Vögel beobachten", erinnerte sich Berrigan. "Da das Wetter stürmisch war, erschien das seltsam. ‘Ich glaube, da ist etwas faul’ meinte Bill, und prompt klopfte es an der Tür." Sie brachten Berrigan auf der Fähre nach Providence zurück; die Presse, schon alarmiert, wartete am Pier. Berrigan zeigte mir ein Poster in seiner Wohnung, das von einem Foto gemacht wurde, das diesen Moment festhielt: in Handschellen, mit einem breiten Lächeln, zwischen den beiden FBI-Agenten die ihn von der Fähre führten. Auf dem Fußboden seines Wohnzimmers liegen Erinnerungen an Block Island: ein Dutzend seltsam geformter Steine vom dortigen Strand.

Schritte zum Pazifismus 

Berrigan beschrieb seine erste Begegnung mit Dorothy Day in den vierziger Jahren, als er an Jesuitenschulen in New York unterrichtete. "Ich brachte Studenten rüber zum Catholic Worker," sagte er, besonders zu den Diskussionsrunden zur "Klärung der Gedanken" an Freitagabenden, bei denen verschiedene Redner Vorträge hielten. In den Fünfzigern, nach Berrigans Ordination, als er an der privaten Brooklyn Preparatory School unterrichtete, schickte Dorothy Day ihm einen jungen Mann, der Unterweisung im katholischen Glauben suchte; er war Pazifist. "Es war Dorothy, die mich dazu brachte, über den Krieg nachzudenken", erzählte er mir. "Sie richtete meine Gedanken auf Dinge, die ich bisher nicht berücksichtigt hatte", einschließlich der Art und Weise, in der die Vereinigten Staaten den Krieg in Europa geführt hatten. Dann las er 1945 im den Vierteljahresheften "Theological Studies" einen Artikel des jesuitischen Moraltheologen John Ford über die moralische Bewertung des Flächenbombardements - die Art von Bombardierungen, die die deutsche Stadt Dresden zu Asche gebrannt hatte. Diese Lektüre, so Berrigan, bedeutete für ihn zum ersten Mal die Untersuchung eines Themas des Zweiten Weltkriegs aus einer weiteren moralischen Perspektive. 

Viel später, während eines Sabbatjahres von seiner Lehrtätigkeit am LeMoyne College 1963 in Paris, bemerkte Berrigan die Verzweiflung französischer Jesuiten angesichts der Situation in Indochina. Die französischen Truppen hatten sich nach dem Genfer Abkommen von 1954 zurückgezogen, aber das Engagement der USA in Vietnam war stetig größer geworden. Gemeinsam mit seinem Bruder Philip gründete Dan die Catholic Peace Fellowship, die half, Demonstrationen gegen die Rolle der USA in Vietnam zu organisieren. 

Solche Aktivitäten wurden von seinen jesuitischen Vorgesetzten laut Berrigan "nicht gern gesehen", und so wurde er "aus dem Land hinauskomplimentiert". Berrigan verbrachte vier Monate in Lateinamerika, was sich als gute Veränderung erwies. Über das, was er sah, schickte er Berichte an die Zeitschriften der Jesuitenmissionen, einschließlich Einschätzungen der Armut in jedem Land. In der Zwischenzeit brachte eine Welle des Protests gegen das, was als Berrigans Exil angesehen wurde, seine Vorgesetzten dazu, ihn zurück zu rufen. 

"Meine Zukunft sah dunkel aus, und ich wusste nicht, wo das alles enden sollte", meinte Berrigan und betonte, dass er entschlossen gewesen war, weiterhin über den Frieden und Christus zu reden. Seine Entschlossenheit führte nicht nur zu gewaltfreien Aktionen wie der Aktenverbrennung von Catonsville, sondern auch zu jener in King of Prussia, Pennsylvania, wo er gemeinsam mit anderen Friedensaktivisten in der Atomwaffenfabrik von General Electric auf die Hüllen nuklearer Sprengköpfe hämmerte - eine symbolische Aktion, die an Jesajas Prophezeiung erinnerte: "Sie werden Schwerter zu Pflugscharen schmieden." Für diese Aktion verbrachte Berrigan weitere Zeit hinter Gittern. 

In den sechziger Jahren lernte Berrigan in der Abtei Gethsemane in Kentucky den Trappistenmönch und Schriftsteller Thomas Merton kennen. Auf die Frage wie das erste Treffen mit Merton zustande kam, erklärte Dan, es habe Anfang der Sechziger stattgefunden. "Ich unterrichtete am LeMoyne College im Staat New York. Merton hatte im ‘Catholic Worker’ einen Artikel über die seiner Meinung nach unmittelbare Wahrscheinlichkeit eines Atomkriegs geschrieben. Der Artikel machte mich bestürzt, und ich schrieb ihm, um ihm für den Text zu danken, aber auch um ihm mitzuteilen, dass es schwer sei, seine Ansicht über das, was in Hinsicht auf die nukleare Bedrohung geschah, zu akzeptieren. Merton schrieb zurück: ‘Kommen Sie hier runter und wir können darüber reden’. Ich fuhr tatsächlich in das Trappistenkloster nach Kentucky und wurde von seinem Temperament und seiner geistlichen Weltsicht eingenommen. Die Chemie stimmte, und so begann unsere Freundschaft. Nach diesem ersten Besuch entstand die Idee, uns dort mit einigen Freunden zu treffen. Er gebrauchte das Wort Widerstand nicht, das gehörte noch nicht zum Wortschatz der Leute, die gegen den Vietnamkrieg waren. Er benutzte einen Ausdruck wie ‘die Wurzeln des Dissents’. Er lud 15 Leute verschiedener Glaubensrichtungen und Hintergründen zu einem langen Wochenende ein, das sich als sehr fruchtbar erwies. Alle Teilnehmer endeten entweder im Gefängnis oder starben."

Merton, der auch über den Frieden schrieb, überredete den Abt James Fox O.C.S.O., Berrigan einzuladen, die Jahresrede an die Gemeinschaft zu halten - Berrigan tat das von 1960 an bis zu Mertons Tod 1968. Zu dieser Zeit arbeitete Berrigan an der Cornell Universität mit einem Team, das die verschiedenen Gemeinden anleitete. "Unter den Studenten gab es eine weit verbreitete Anti-Kriegshaltung", meinte er. "Es war eine schwere Zeit, aber eine gute Zeit, und es gefiel mir."

Nachdem er 1972 eine zweijährige Gefängnisstrafe in Danbury abgesessen hatte, feierte er seine erste Messe im Catholic Worker-Haus in Manhattan. "Die Regierung gab mir bei meiner Entlassung 50 Dollar", erinnerte er sich, und er bot das Geld Dorothy Day für ihre Arbeit mit den Armen an. Sie bat einen der Mitarbeiter: "Geh auf mein Zimmer und bringe die Flasche mit Weihwasser, die neben meinem Bett steht." Dann tauchte sie die Geldscheine in das Wasser und, so Berrigan, hielt sie tropfend hoch. "Jetzt dürfen wir das gebrauchen", sagte sie. Berrigan lachte, als er diese Geschichte erzählte. 

Für einen Teil der zwei Jahre in Danbury war sein Bruder Phil ebenfalls als Gefangener dort und wurde zu einem wichtigen persönlichen Unterstützer. "Ich konnte nicht gut mit dem Gefängnis umgehen", aus gesundheitlichen Gründen, so Berrigan. Einmal war er, während einer Zahnoperation, dem Tode nahe. "Der Facharzt stach mit einer Nadel in das Zahnfleisch, traf eine Vene, und ich verlor das Bewusstsein." Ein alarmierter Angestellter veranlasste, dass Phil Berrigan sofort aus der Bücherei geholt wurde. "Obwohl ich nicht bei Bewusstsein war spürte ich, dass er bei mir war", erzählte mir Dan. Ein Krankenwagen brachte ihn ins örtliche Krankenhaus. Später fragte Dan Philip, was ihm durch den Kopf gegangen sei. "Philip, der dachte, ich würde sterben, antwortete: ‘Jetzt muss ich alleine weiter machen’." Es stellt sich heraus, dass dem nicht so war.

Während fast seines gesamten Lebens als Jesuit hat Daniel Berrigan sich immer gegen Gewalt in jeder Form gestellt, auch gegen Abtreibung. "Ich habe immer klargestellt", meinte er, "dass ich gegen alles vom Krieg über Abtreibung bis zur Euthanasie bin. Ich habe es vermieden, nur auf ein Thema festgelegt zu werden." 

Die andauernde Unterstützung seiner Gemeinschaft über dreißig Jahre lang für seine verschiedenen Aktivitäten ist etwas, das Father Berrigan besonders mit Dank erfüllt. Mit beträchtlicher Untertreibung schlug er vor, die Inschrift auf seinem Grabstein möge lauten: "Es war nie langweilig. Halleluja."

Ein weiterer Grund für ein "Halleluja" ist die Veröffentlichung der gesammelten Schriften von Daniel Berrigan, die von John Dear S.J. herausgegeben werden. 

George M. Anderson, S.J. ist einer der Herausgeber des Jesuitenmagazins America.

Originalartikel: Looking Back In Gratitude , in: America Magazine vom 06.07.2009. Übersetzung: Bernd Büscher.

Veröffentlicht am

11. April 2010

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